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Geschichte der "Homosexuellen-Seuche"

40 Jahre Aids

Am 5. Juni 1981 berichtete ein US-Fachmagazin erstmals über die Häufung einer seltenen Form der Lungenentzündung bei schwulen Männern – eine Chronik zum Jahrestag.


Die Rote Schleife ist seit 1991 ein international bekanntes Zeichen der Solidarität mit HIV-Positiven (Bild: Ribbon photo created by jcomp - www.freepik.com)

Vor genau 40 Jahren – am 5. Juni 1981 – berichtete ein Monatsmagazin der US-Gesundheitsbehörde CDC über die Häufung einer seltenen Form der Lungenentzündung bei schwulen Männern. Dieser Bericht im "Morbidity and Mortality Weekly Report" ist die erste Veröffentlichung zu einer Krankheit, die seit Herbst 1982 als Aids bezeichnet wird. Das Akronym steht für "aquired immune deficiency syndrome" (erworbenes Immunschwächesyndrom).

Damit hat Aids seit inzwischen vier Jahrzehnten schwules Leben und schwules Bewusstsein schmerzhaft und radikal verändert. Was viele zunächst als ein vorübergehendes medizinisches Problem abtaten, entwickelte sich rasch zu einer weltweiten Pandemie. Dass sich am Ende der Achtzigerjahre eine politische Mehrheit für den liberalen Aufklärungskurs von Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) finden konnte – entgegen dem repressiven Kurs des Staatssekretärs im Bayerischen Staatsministerium Peter Gauweiler (CSU) und entgegen der Hetze in Medien wie dem "Spiegel" – war zunächst nicht abzusehen.

Trotz aller Fortschritte, die erreicht worden sind, ist Aids bis heute eine große politische und gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit geblieben. Wir dokumentieren die Hauptereignisse der Aids-Krise in den letzten vier Jahrzehnten:

1981: Am 5. Juni berichtet der "Morbidity and Mortality Weekly Report" über die Häufung einer seltenen Form der Lungenentzündung. HIV/Aids war zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren unerkannt in kleinem Umfang verbreitet.

1982: Im Heft 22 berichtet der "Spiegel" erstmals über die Krankheit. Unter der Überschrift "Schreck von drüben" heißt es, dass erste Fälle auch in Europa aufgetaucht seien. Im Herbst wird die Krankheit unter den Namen Aids bekannt. In Deutschland wird die Krankheit erstmalig bei einem Patienten aus Frankfurt am Main diagnostiziert.

1983: Der Virologe Luc Montagnier und Robert Charles Gallo entdecken das HI-Virus. Im Heft 23 widmet der "Spiegel" der Krankheit die erste Titelgeschichte über die "Homosexuellen-Seuche". LGBTI- und Aids-Organisationen beklagen, dass das Hamburger Magazin mit sensationslüsternen Vokabeln eine Hetzkampagne gegen schwule Männer starteten (ausführlicher queer.de-Bericht). Am 23. September wird in Berlin die Deutsche Aids-Hilfe von schwulen Männern und einer Krankenschwester gegründet.



1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: Die erste Informationsbroschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Aids erscheint. Im amerikanischen Atlanta findet die erste internationale Aids-Konferenz statt. In Deutschland wird der Test aller Blutprodukte auf HIV Pflicht. Am 2. Oktober stirbt als erster Prominenter Rock Hudson an den Folgen von Aids. Viele weitere schwule Prominente sterben in der darauffolgenden Zeit – wie z.B. Robert Mapplethorpe (09. März 1989), Keith Haring (16. Februar 1990) und Freddie Mercury (24. November 1991). Mit dem Kinofilm "Buddies" (USA, 1985) und dem Fernsehfilm "Früher Frost" (USA, 1985) erscheinen die ersten Filme über Aids.

1986: Die geschätzte Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland erreicht mit rund 6.000 ihren Höhepunkt.

1987: Die Kampagne "Gib Aids keine Chance" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung startet. Die Deutsche Aids-Stiftung "Positiv leben", die Nationale Aids Stiftung und der Nationale Aids-Beirat der Bundesregierung werden ins Leben gerufen. In den USA entsteht die radikale Bewegung Act Up (AIDS Coalition to Unleash Power), um durch neue öffentlichkeitswirksame Aktionen Aufmerksamkeit zu erzeugen und politischen Druck auszuüben.

Direktlink | Die Ende der Achtzigerjahre allgegenwärtige "Gib Aids keine Chance"-Kampagne wird als ein Grund dafür angesehen, dass es in Deutschland weniger HIV-Neuinfektionen gab als in vielen anderen europäischen Ländern
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1988: Der erste Welt-Aids-Tag wird von den Vereinten Nationen ausgerufen.

1991: Die vom 2021 verstorbenen Aktivisten Patrick O'Connell entwickelte Rote Schleife wird zum ersten Mal als Zeichen für Solidarität mit HIV-Betroffenen getragen. Im September besetzt Act Up den Dom zu Fulda.

1993: Am 20. Mai stirbt Siegfried Dunde in Bonn an den Folgen von Aids. Er beschäftigte sich in Vorträgen und Publikationen mit Vorurteilen gegenüber Homosexuellen und Aids-Kranken und war stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Aids-Stiftung "Positiv Leben".

1994: Mit "Philadelphia" (USA 1994) erscheint die erste große Hollywood-Produktion über Aids.


Anwalt Joe Miller (Denzel Washington, re.) verteidigt seinen schwulen und HIV-positiven Kollegen Andrew Beckett (Tom Hanks) vor Gericht – und überwindet so seine Vorurteile (Bild: Sony Pictures Home Entertainment)

1996: Die Deutsche Aids-Stiftung "Positiv leben" und die Nationale Aids-Stiftung schließen sich zur Deutschen Aids-Stiftung zusammen. Die Kombinationstherapie löst auf dem Welt-Aids-Kongress Euphorie aus.

Neunzigerjahre: In Deutschland kommt es jährlich zu etwa 2.000 HIV-Neudiagnosen.

Ab 2000: Von 2000 bis 2007 stieg die Zahl der Neudiagnosen jährlich kontinuierlich an, stabilisierte sich im Anschluss aber bei 3.000 pro Jahr.

2008: Die Schweizerische Aids-Kommission veröffentlicht eine Richtlinie, wonach kondomloser Sex für therapierte HIV-Positive unter bestimmten Voraussetzungen für vertretbar ist. "Schutz durch Therapie" setzt sich international durch, ist aber großen Teilen der Öffentlichkeit bis heute unbekannt.

2010: In einem aufsehenerregenden Prozess wird "No Angels"-Sängerin Nadja Benaissa zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie als HIV-Positive Sex gehabt hatte. Die Deutsche Aidshilfe hatte Freispruch gefordert.

2014: UNAIDS, das Aids-Programm der Vereinten Nationen, gibt das 90-90-90-Ziel aus. Bis zum Jahr 2020 sollen 90 Prozent der Menschen mit HIV diagnostiziert sein, wovon dann 90 Prozent eine antiretrovirale Behandlung erhalten. Davon sollen wiederum 90 Prozent eine nicht-nachweisbare Viruslast aufweisen. Durch diese Maßnahmen soll bis 2030 niemand mehr an Aids erkranken.

2016: Die Europäische Kommission lässt Truvada als vorbeugendes HIV-Medikament (Präexpositions-Prophylaxe/PrEP) zu. HIV-Negative können sich dadurch vor einer möglichen zukünftigen Infektion mit HIV schützen. Seit 2019 finanzieren deutsche Krankenkassen das Medikament, das neben Kondomnutzung und "Schutz durch Therapie" als wichtige Säule im Kampf gegen HIV gefeiert wird.

2018: In Deutschland werden die einst unter HIV-Aktivist*innen umstrittenen HIV-Heimtests zugelassen.

2019: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist stabil – 2019 gab es schätzungsweise 2.600 neue Fälle. Zirka 60 Prozent der Infektionen wird auf Sex unter Männern zurückgeführt.

2021: Die Deutsche Aidshilfe startet die Kampagne "Selbstverständlich positiv", die zu einem offenen und selbstbewussten Leben mit HIV ermutigen und damit zugleich Diskriminierung entgegenwirken soll.

Nicoles Vater bereitet seine Tochter gut auf ihren Umzug nach Deutschland vor. Doch als die junge selbstbewusste Frau...

Posted by Deutsche Aidshilfe on Friday, May 28, 2021
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#1 SebiAnonym
  • 03.06.2021, 18:08h
  • Kaum zu glauben, dass das schon 40 Jahre sind...

    Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich damals in der Schule war und irgendwann hörte man von ersten Schlagzeilen darüber.

    Und ich kann mich noch gut erinnern, dass ich irgendwo gelesen hatte "In 5 Jahren gibt es eine Impfung und in 10 Jahren eine Heilung." Beides ist leider bis heute nicht der Fall.

    Und dann wurde in der Schule ganz viel von Safer Sex geredet.

    Wer hätte gedacht, dass das auch 40 Jahre später noch ein Thema ist... Traurig.

    Ich sehne den Tag herbei, wo HIV ausgerottet ist.
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#2 Carpe diemAnonym
  • 03.06.2021, 20:13h
  • Auch ich kenne das schwule Leben nur mit der Gefahr von HIV, denn da war ich gerade in der Pubertät, als das in den 1980ern ein Thema wurde.

    Einerseits bin ich froh darum, weil ich ansonsten und ohne das Wissen es vielleicht auch selbst bekommen hätte. Wäre ich damals nur ein paar Jährchen älter gewesen, hätte ich es bei meinem damaligen Sexualverhalten vielleicht auch bekommen. Zu einer Zeit als das noch einem Todesurteil gleichkam und für Millionen Menschen auch war.

    Andererseits hätte ich auch gerne das freie, sexuell-befreite Leben vor HIV kennengelernt, wo junge Männer, die in der Blüte ihres Hormonhaushalts standen, noch ständig, bedenkenlos und ohne Angst Sex haben konnten. Ich habe mal die Doku "Gay Sex in the 70s" gesehen, wo es genau darum ging. Man ging zu bekannten Treffpunkten, flirtete ein wenig und schon verschwand man ins nächste Gebüsch oder wohin auch immer, um mal schnell Sex zu genießen. Mit immer neuen Männern.

    Heute bin ich froh, in einer Beziehung zu sein. Aber damals in meinen 20ern hätte mir das sicher Spaß gemacht, wenn HIV nicht gewesen wäre. Denn Sex ist nichts schlimmes, auch wenn das der Menschheit Jahrhunderte eingetrichtert wurde und teilweise immer noch wird. Sex ist etwas schönes und das Leben ist so kurz, dass man alles genießen sollte, was sich einem bietet. Aber man sollte sich eben keiner Gefahr aussetzen...
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#3 EuropäerAnonym
  • 04.06.2021, 09:01h
  • Schade das der 1969 mit gerade einmal 16 Jahren an den Folgen von AIDS verstorben Aftriamerikaner Robert Rayford und damit vermutliche Patient zero im Text, mit keinem Wort erwähnt wurde. Seine Ärztin, welche noch über Proben verfügte, konnte in den 1980er Jahren, mittels Tests, eine HIV Infektion nachweisen. Auch der in den 1980er Jahren traurig bekannt gewordene und fälschlich für den Patienten zero gehaltene Gaëtan Dugas findet keine Erwähnung. Schade.
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#4 Ralph
  • 04.06.2021, 10:50h
  • Zwei Anmerkungen möchte ich beitragen.

    Der ursprüngliche Name der Krankheit lautete GRID (Gay Related Immune Deficiency = mit dem Schwulsein verbundener Immundefekt), auf Deutsch fälschlich als "Schwulenkrebs" übersetzt. Zwar bin ich kein Medizinhistoriker, aber ich wage die Behauptung, dass nie zuvor eine Krankheit nach einem Persönlichkeitsmerkmal einer Haupterkranktengruppe benannt worden war.

    Zum zweiten: Ein deutsches Nachrichtenmagazin prophezeite damals zum Ende des 20. Jh.s die Ausrottung der Schwulen durch die Krankheit. Die Formulierung lautete etwa, den Schwulen drohe zur Jahrhundertwende ein Ende mit Schrecken. Das war ein Tiefpunkt des Journalismus, der nach 1945 in Deutschland bis dahin nicht erreicht worden war und der mich persönlich an Hitlers Drohung mit der Ausrottung der "jüdischen Rasse" in Europa erinnerte. Überhaupt ergingen sich Deutschlands Schmierenjournalisten in drastischen, teils schlicht erfundenen Beschreibungen der Symptomatik, denen die sadistische Geilheit geradezu abzulesen war. Ich erinnere mich an die Beschreibung geschwollener Lymphknoten, die wie eine Kette um den Hals liegen - obwohl die Lymphknoten dort gar nicht so angeordnet sind, dass der Eindruck einer Kette entstehen könnte. Zuweilen musste ich beim Lesen an Höllenbilder von Hieronymus Bosch denken. Das alles war widerlichste Kloakenjournaille, innerhalb derer Sachinformationen oft kaum noch zu erkennen waren. Dazu trat offene Hetze, z.B. durch erfundene Geschichten, in denen brave Familien durch Schwule zufällig angesteckt wurden. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, damals brachen zumindest teilweise Mechanismen wieder durch, die in Europa seit der Großen Pest im 14. Jh. geschlafen hatten.
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#6 EuropäerAnonym
  • 04.06.2021, 19:13h
  • Antwort auf #5 von FactHiv
  • Die selbe Quelle "Deutsche Aids-Hilfe" schrieb bereits über Robert Das Dorf und das Whitewashing der HIV Epidemie.

    Selbstverständlich gibt es einen Patienten zero. Nur war es eben nicht Gaëtan Dugas, sondern wohl Robert Rayford. Zumindest ist dieser Fall bestätigt. Darunter ist der Zeitpunkt zu verstehen, an dem die Krankheit an Bedeutung, bzw., Relevanz gewann. Das es eventuell noch früher Fälle gab, ist nicht strittig.

    Die Patienten - egal ob zero, oder 5089754 - geben der Krankheit und Epidemie ein Gesicht. In meinen Augen ist es wichtig ihre Namen nicht zu vergessen und ihre Fotos, so weit vorhanden, in Berichten zu veröffentlichen. Jeder hat seine Geschichte. Damit erreichen wir mehr Menschen, als mit Statistiken.
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