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"Die Schwuchtel soll die Faxgeräte holen!"

Stuart Bruce Cameron, Gründer von Europas größter LGBTIQ+ Jobmesse, zu erfahrener Diskriminierung während seiner Ausbildung, dem befreienden Gefühl, ganz zu sich selbst stehen zu können, und der Bedeutung eines wertschätzenden Arbeitsumfelds.


Stuart Cameron (Bild: Hazelwood Photos)
  • 4. Juni 2021, 09:39h, noch kein Kommentar

Liebe queer.de-Leser:innen,

ich bin Stuart, Gründer und CEO des Social Business UHLALA Group, und Gründer der queeren Job- und Karrieremesse STICKS & STONES. Einige von euch kennen die Messe oder mich vielleicht. Anstatt euch wie jedes Jahr nur über einen Werbebeitrag auf die STICKS & STONES (19. Juni 2021) hinzuweisen, möchte ich heute die Gelegenheit nutzen und ganz persönlich erzählen, wie die Messe entstanden ist und warum ich der festen Überzeugung bin, dass ihr euch nicht verstecken, sondern euren Job wechseln solltet, wenn ihr am Arbeitsplatz nicht wertgeschätzt werdet – egal ob ihr LGBTIQ+ seid oder nicht.

Du bist hier nicht willkommen!

Als ich meine Ausbildung in der Münchener Filiale einer großen Handelskette begann, war ich nicht geoutet. Privat hatte ich einen Freund und mich meiner Familie und Freunden gegenüber geöffnet. Aus Angst vor möglicherweise schlechten Reaktionen und Diskriminierung entschied ich mich aber zunächst, meine sexuelle Orientierung auf der Arbeit nicht zu thematisieren.

Eines Tages flog das Geheimnis auf. Es wurde bekannt, dass ich einen Freund hatte. Die Nachricht machte in der Filiale schnell die Runde, es wurde getuschelt. Kurz darauf wurde mein Auto auf dem Firmengelände zerkratzt. Kolleg:innen behaupteten dem Chef gegenüber, ich würde Ware klauen. Die Situation schaukelte sich weiter hoch und es kam zum Gespräch mit dem Filialleiter. Ich berichtete ihm von den Vorkommnissen und dem beschädigten Auto. Der war überrascht. Er selbst habe kein Problem mit meinem Schwulsein. Nach dem Gespräch änderte sich jedoch nichts zum Guten. Im Gegenteil: die gesamte Filiale war nun auf dem Laufenden – ich bin schwul.

Der traurige Höhepunkt ereignete sich einige Wochen nach dem Gespräch. Ein Kollege richtete mir von einem Mitarbeiter im Lager aus, "die Schwuchtel solle die Faxgeräte holen". Für mich war das der Moment, in dem ich endgültig den Entschluss gefasst habe, das Unternehmen zu verlassen. Und genau das machte ich. Ich kehrte dem Unternehmen nach Abschluss der Ausbildung den Rücken – ohne Verabschiedung oder ein abschließendes Gespräch. Auch das Unternehmen und die Mitarbeitenden dort meldeten sich nicht. Die Schwuchtel war weg.

Das Ziel kann nicht Toleranz sein, sondern muss Wertschätzung heißen

Die Erlebnisse während meiner Ausbildung haben für mich zu einer wesentlichen Erkenntnis geführt: Ich möchte nur noch für Arbeitgeber und Unternehmen arbeiten, bei denen ich so sein kann, wie ich bin. Ich möchte für mein Anderssein nicht angegriffen werden, sondern offen zu mir stehen können und mir der Unterstützung meines Arbeitgebers sicher sein können.

Es folgten für mich weitere Arbeitgeber und ein Studium, bis ich einen Arbeitgeber gefunden hatte, bei dem ich endlich out sein konnte. Der Gründer und Chef des Unternehmens war selbst schwul und unterstützte mich. Für mich war das der Wendepunkt und eine befreiende Erfahrung. Das Verstecken hatte ein Ende. Ich konnte von meinem Partner erzählen, musste nichts mehr verheimlichen, was ich am Wochenende und in meiner Freizeit unternahm. Ich fühlte mich bei der Arbeit endlich wohl, respektiert und vor allem: wertgeschätzt.

"Work where you are celebrated, not tolerated"

In meinen Aufgabenbereich dort fiel die Organisation eines Karrieretags, die mich begeisterte. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen im Ausbildungsbetrieb und des Karrieretages entstand bei mir die Idee, eine Job- und Karrieremesse für die LGBTIQ+ Community auf die Beine zu stellen. Ich wollte mehr solcher Unternehmen finden, die queere Menschen willkommen heißen, wertschätzen, unterstützen und ihnen ein Arbeitsumfeld bieten, in dem sie sein können, wie sie sind. So legte ich den Grundstein für die Sticks & Stones.

Wie findet man einen LGBTIQ+ freundlichen Arbeitgeber?

"Die Schwuchtel soll die Faxgeräte holen"? Das alles klingt wie aus einer anderen Zeit – nicht nur wegen der Faxgeräte. Und trotzdem hat sich viel zu wenig seither geändert. Wusstet ihr z.B., dass auch heute fast 60% der LGBTIQ+ am Arbeitsplatz nicht geoutet sind? Sie haben eine 50% geringere Wahrscheinlichkeit, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden und etwa 30% erleben Diskriminierung in ihrem beruflichen Umfeld. Einfach unfassbar.

Es gibt Wege, einen offenen und LGBTIQ+ freundlichen Arbeitgeber zu finden. Dafür habe ich die STICKS & STONES und andere LGBTIQ+ Projekte gegründet. Daran arbeiten mein Team und ich jeden Tag. Ich kann euch nur raten: Macht euch auf die Suche! Steht zu euch selbst und gebt euch nur mit echter Wertschätzung im Beruf und im Studium zufrieden. Das Gefühl, unverstellt man selbst zu sein ist unbeschreiblich – und das haben wir alle verdient.

Ich würde gerne eure Meinungen und Geschichten hören. Seid ihr out oder müsst ihr euch auf der Arbeit oder im Studium noch verstecken? Wenn ihr Lust habt, schreibt mich gerne direkt auf Instagram, LinkedIn oder Facebook an. Ihr könnt diesen Artikel auch gerne mit euren Freunden und euren Kolleg:innen teilen.

Euer Stuart