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Lesetipps

Erinnern, Wüten, Lachen, Lernen: Bücher zu 40 Jahren Aids

Am 5. Juni 1981 wurde erstmals über eine neue Krankheit unter Schwulen berichtet. Diese zehn Bücher erinnern an die Krise und verdeutlichen die Relevanz von Aids für die queere Gegenwart.


Der Fotoband "Phantomparadies" dokumentiert die tiefe Freundschaft zwischen Hans Georg Berger und dem HIV-positiven Schriftsteller Hervé Guibert (Bild: Hans Georg Berger)

Am 5. Juni 2021 ist es 40 Jahre her, dass das US-amerikanischen Center for Disease Control (CDC) erstmals über eine aggressive Erkrankung homosexueller Männer berichtete, die wenig später als Aids bekannt wurde. Was danach passierte, prägte die LGBTIQ-Community wie zuvor nur Stonewall und hatte ein eigenes Kunst- und Literatur-Genre zur Folge.

Zum Jahrestag stellen wir zehn Bücher vor, die die Erinnerung wachrütteln und die Relevanz von Aids für die queere Gegenwart verdeutlichen.

1. Fortwährende Eingriffe

Keiner schreibt so scharfsinnig über Aids wie Martin Dannecker. Im März wurde der Sexualwissenschaftler und Schwulenaktivist für seine Schriftensammlung "Fortwährende Eingriffe" mit dem Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung ausgezeichnet. Dirk Ludigs pries das Buch in seiner Rezension auf queer.de als "kluge Verbindung von gesellschaftlicher Analyse mit den Methoden der Psychoanalyse". Danneckers "Vorbemerkung" zum Buch liest sich wie ein Briefing zum Jahrestag der ersten Erwähnung von Aids.

Leseprobe:

Am 5. Juni1981 wurde in den Vereinigten Staaten ein kurzer Bericht publiziert, in dem über eine ungewöhnliche Konstellation von Pilzinfektionen und einer seltenen Lungenentzündung bei fünf jungen homosexuellen Männern informiert wurde. In einem Kommentar zu diesem Bericht vermuteten die Herausgeber einen Zusammenhang zwischen dem neuen Krankheitsbild und einigen Aspekten des homosexuellen Lebensstils.

Schon vier Wochen später erschien in der New York Times ein Artikel mit der Überschrift "Rare Cancer Seen in 41 Homosexuals", in dem betont wurde, dass die Mehrheit der Erkrankten häufig sexuelle Kontakte mit verschiedenen Männern gehabt hätte. Wie bei allen neuen Krankheitsbildern tauchte auch in diesem Fall die Frage nach einer möglichen Ansteckung auf. Wohl in der Absicht, die Bevölkerung zu beruhigen, ließ die Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten verlauten, dass nicht von einer Ansteckung auszugehen sei, da dieses Krankheitsbild und sein besorgniserregender Verlauf (mehrere der Patienten waren kurze Zeit nach der Diagnosestellung verstorben) nur unter homosexuellen Männern beobachtet worden sei.

Ende des Jahres 1981 wurde das neue Krankheitsbild mit dem Akronym GRID (Gay Related Immune Deficiency) bezeichnet und damit zu einer Schwulenkrankheit gemacht. Diese Bezeichnung wurde, nachdem dieses Krankheitsbild auch bei einigen Drogengebrauchern und Frauen auftrat, Mitte 1982 durch das Akronym 'AIDS' (Aquired Immune Deficiency) ersetzt. Heute steht 'Aids' als ein gewöhnliches Wort im Duden.

Obwohl für jeden vernünftig Denkenden von Anfang an klar war, dass die Vorstellung einer nur homosexuelle Männer befallenden Krankheit ein Trugbild sein musste, das auf mehr oder weniger bewussten antihomosexuellen Straffantasien beruhte, hat sich die Gleichsetzung von Aids mit Homosexualität in vielen Köpfen der westlichen Welt für lange Zeit eingenistet. Verstärkt wurde diese Verlötung durch die bald eingeführten epidemiologischen Register, die zeigten, dass sich Aids sowohl in den USA als auch in Europa vor allem unter homosexuellen Männern ausbreitete. (…)

Dass Aids zu einem Wort der Umgangssprache geworden ist, sagt mehr über die Bedeutungsverschiebung im Umgang mit dieser Krankheit aus, als es auf den ersten Blick erscheint.

Martin Dannecker: Fortwährende Eingriffe, 232 Seiten, Männerschwarm Verlag 2019, Klappenbroschur: 20,00 € (ISBN 978-3-86300-271-8), E-Book: 11,99 €

2. Phantomparadies

Der französische Schriftsteller und Fotograf Hervé Guibert wird uns dieses Jahr noch mehrfach beschäftigen. Anlässlich seines 30. Todestages am 27. Dezember werden im Herbst nicht nur sein Roman "Der Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" und das Krankenhaustagebuch "Zytomegalievirus" neu aufgelegt, es wird auch ein Band mit zwei autofiktionalen Erzählungen über Guiberts Amour Fou mit einem jungen Mann namens Vincent ("Verrückt nach Vincent"/"Reise nach Marokko") erscheinen.

Das Fotobuch "Phantomparadies" ist eine gute Einstimmung auf all das. Unter dem Motto "Eine fotografische Liebe" dokumentiert es einen Porträt-Dialog, den Guibert und sein Fotografenkollege Hans-Georg Berger über zehn Jahre pflegten. Eigentlich sollte das Projekt mit Guiberts positiver HIV-Diagnose 1988 enden, dauerte aber letztlich doch bis zu seinem Tod. Als Guibert 1991 an den Folgen eines Selbstmordversuchs starb, war er bereits an Aids erkrankt. "Phantomparadies" setzt ihm ein Denkmal – und verneigt sich damit indirekt vor all den großen Künstlern, die der Welt durch Aids zu früh entrissen wurden. Axel Schock besprach den Band auf queer.de unter dem Titel "Intime Bilder einer tiefen Freundschaft".

Hans Georg Berger/Hervé Guibert: Phantomparadies, 208 Seiten, Salzgeber 2019, Hardcover/Halbleinen: 58,00 € (ISBN 978-3-86300-509-2)

3. Der Engel der Geschichte

Der Roman "Der Engel der Geschichte" ist ein leidenschaftliches und sehr heutiges Plädoyer gegen das Vergessen der Aids-Epidemie. In einer kunstvollen Montage aus Stimmen unterschiedlicher Generationen spannt Autor Rabih Alameddine einen Bogen vom Jenseits ins Diesseits und sorgt damit für ein buchstäblich aufrüttelndes Leseerlebnis. Eine Schlüsselszene des Romans schildert einen Wutausbruch, in dem sich der unterdrückte Frust des Erzählers über die Verluste durch Aids nach Jahren des Stillhaltens Bahn bricht – siehe Leseprobe. Fabian Schäfer besprach das Buch auf queer.de unter dem Titel "Wo Satan, Aids-Krise und SM aufeinandertreffen".

Leseprobe:

Der andere der beiden merkte, dass sie im Begriff standen, ihr Publikum zu verlieren, und meldete sich nun wieder zu Wort: Kannst du dir das vorstellen, sie hat in anderthalb Jahren ihren Ehemann und ihre Tochter verloren, wie schrecklich ist das denn?

Kannst du dir das vorstellen – Alarmglocken rissen mich aus meinem zwanzigjährigen Schlaf. Es dauerte nur eine Sekunde, glaub mir, Doc. Zeus schleuderte zackige Blitze und Molotov schmiss Cocktails in Rip van Winkles Kopf. Ich schrie sie an, Ihr Mann ist gestorben? Das findest du schrecklich? Sie tut dir leid? Sie hat ein erfülltes Leben gehabt! Mir sind sechs Freunde in einem halben Jahr weggestorben, ein halbes Dutzend enger Freunde einschließlich meines Partners. Wir waren noch Babys, wo war sie, als wir starben, wo wart ihr, ihr Arschlöcher? Adrenalin wurde durch meine Venen gepumpt, anarchisch, atavistisch, köstlich, ein Schweißfilm auf den Handflächen, kribbelnde Arme, Wut in der Stimme. Schon beim Schreien wurde mir klar, wie dumm die Frage war, ich meine, wo sollen sie gewesen sein? Sie waren noch auf der Grundschule, vermutlich acht oder zehn. So, wie Jahwe Hiob fragte, Wo warst du, als ich die Erde erschaffen habe? Ich war noch nicht geboren, du Dummkopf, niemand war geboren. Und diese Jungs, dünnhäutig und verängstigt, schauten, als wären sie acht oder zehn. Gegelter Stoppelschnitt griff nach seinem Glas Eiswasser, vielleicht aus Angst, ich würde es über ihm ausleeren. Tom Soundso klammerte sich an die Tischplatte, bis die Fingerknöchel weiß wurden. Ich wollte, dass es mir leidtat, aber es gelang mir nicht. Meine Amygdala war durchgebrannt, der Verstand ließ mich im Stich, mir blieb nur die Wut, die lange verlorene Wut. Habt ihr eure eigene Geschichte vergessen? Ich schrie und schrie. Ihr mit eurer rechtschaffenen Apathie, warum lasst ihr zu, dass die Welt uns vergisst, unsere Existenz auslöscht, die große Unterschlagung der queeren Geschichte? Die Musik plärrte noch, aber alle anderen Geräusche waren verstummt. Ich konnte spüren, dass jedes einzelne Auge auf mich gerichtet war, all die ängstlichen und finsteren Blicke. […]

Aids war ein Fluss ohne Bett, der geräuschlos und unerbittlich durch mein Leben geflossen ist, alles überflutet und jeden ertränkt hat, den ich kannte, der meine Seele durchnässt hat, aber Nasswerden, Sich-Vollsaugen heißt nicht Sterben, und ich schwamm; wenn es ging, ließ ich mich treiben, und ich glaubte, ich hätte gesiegt, um Jahre später herauszufinden, dass der Fluss in seiner Beharrlichkeit und Rastlosigkeit in winzigen Rinnsalen fortlebte, die in jeden noch so entfernten Winkel meiner Existenz eindrangen. Aber du weißt ja, Doc, Ratten können Überschwemmungen überleben – Überschwemmungen und sinkende Schiffe…

Rabih Alameddine: Engel der Geschichte, 304 Seiten, Albino Verlag. 2018, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 24,00 € (ISBN 978-3-86300 257-2), E-Book: 17,99 €

4. Creatures

"Die Aufsätze zu Homosexualität und Literatur", die der Germanist und Historiker Dirk Linck in seiner Schriftensammlung "Creatures" zusammengestellt hat, verorten die Aids-Krise als zentralen Wendepunkt in der queeren (Sub-)Kultur. Neben dem aufschlussreichen Beitrag "Mourning and Militancy" über das Phänomen der sogenannten "Aids-Kunst" verdeutlicht Linck am Beispiel des 1986 an den Folgen von Aids verstorbenen Schriftstellers Hubert Fichte die Untergangsstimmung in der Gay-Szene während der Krise, um gleichzeitig Ausblicke auf ihr Auferstehung zu geben.

Leseprobe:

Auszug aus Lincks Aufsatz "Über die Nobilitierung der Vermischung bei Hubert Fichte"

Noch in seinen letzten Texten, vor zwanzig Jahren im Hamburger Hafenkrankenhaus geschrieben, aber nicht mehr druckfertig gemacht, hat der erkrankte Autor mit Wut und Entsetzen auf Aids und die Instrumentalisierung der Krankheit für moralische Reinheitsdiskurse reagiert. Mit verzweifelten Zeilen kommentiert er die Nachricht, der Spartacus Guide, ein Reiseführer für Schwule, sei eingestellt worden. Für Fichte war dieses Ende ein Symbol für das Ende einer Epoche und das Scheitern seines Werkes:

Der Spartacus Guide erschien nicht mehr. Diese Welt war zu Ende. […]

Die Sauna Bath wurden zugemauert.
Aus dem Bain de Penthièvre, dem Proust-Bad, dem Cocteau-Bad,
dem Jouhandeau-Bad, aus dem ältesten Tempel der Liebe mit Achiles
als Badewärter, machten sie Eigentumswohnungen.
Das Bain Voltaire wurde eingerissen.
Das Cinéma Luxor am Boulevard Magenta war eine Ruine. Paris
hatte seinen Nabel verloren.
Wie New York Men's Country
Zu.
Aus.
Kein Spartacus Guide mehr.
Eingerissen und von Mykosen überwuchert.

Es hätte Hubert Fichte vielleicht gefreut zu erfahren, dass der Spartacus Guide unterdessen wieder erscheint, ‹diese Welt› zwar entsetzliche Verluste hinnehmen musste, aber nicht zu Ende gegangen ist. Noch bestreitet sie weiterhin (zusammen mit anderen Subkulturen) den steilen Anspruch der Reinheit auf allgemeine Geltung.

Dirk Linck: Creatures, 236 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2016, Paperback: 22,00 € (ISBN 978-3-86300-221-3), E-Book: 12,99 €

5. Der junge König


"Jeder hat mal Nasenbluten": Szene aus dem Ralf-König-Sonderband "Der junge König"


Ralf König gilt nicht umsonst als zeichnender Chronist der Schwulenszene, und da (schwuler) Sex in seinem Werk stets eine zentrale Rolle spielt, war auch Aids darin von Anfang an ein Thema. In den Achtzigern kritzelte König "Safer Sex Comics" für die Aidshilfe, Ende der Neunziger zeigte er in "Super Paradise" hinreißend beiläufig, dass eine HIV-positiv-Diagnose kein Weltuntergang sein muss. Inzwischen sorgen PrEP und Schutz durch Therapie auch im Universum der Knollennasen für Entspannung.

Umso beeindruckender ist es rückblickend, mit welcher Leichtigkeit, König es im Angesicht der Krise schaffte, einerseits Safer-Sex-Botschaften zu transportieren und andererseits Safer-Sex-Hysterie zu persiflieren – wie zum Beispiel in dem oben gezeigten gaga-poetischen Exzerpt aus seiner Früh-Werk-Schau "Der junge König".

Ralf König: Der junge König – Sonderausgabe, 644 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2020, Drei Bände im Pappschuber: 50,00 € (ISBN 978-3-86300-305-0)

6. Wurzeln – Bande- Flügel

Würde es die Ehe für alle ohne Aids vielleicht gar nicht geben? Dieser Frage widmet sich Journalist und Buchautor Martin Reichert in seinem Beitrag für den Sammelband "Wurzeln – Bande – Flügel" (bei queer.de besprochen unter dem Titel "Was kann queere Familie? Eine Frage, neun Antworten"). Reicherts Text macht deutlich, wie die Verstoßung von HIV-Positiven und Aidskranken aus ihren Herkunftsfamilien zur Organisation in Wahlfamilien führte und zeigt auf, wie sich die Ehe bei Schwulen im Angesicht des Sex-Virus HIV als monogame "Rettungsfantasie" zu etablieren begann.

Leseprobe:

Auszug aus Martin Reicherts Textbeitrag "Vier Beerdigungen und eine Hochzeit"

Schwules Leben wurde durch Aids in die Krankenhäuser und, so makaber es klingen mag, sogar auf die Friedhöfe getragen. Doch zugleich sorgte Aids auch dafür, dass schwules Leben komplett hinterfragt bzw. in Frage gestellt wurde. War nicht die so offensiv propagierte Promiskuität, das sexuell so unbeschwerte Leben der Schwulen, die genossenen Freiheiten im Rahmen der sexuellen Revolution "schuld" an der Ausbreitung dieser neuen Epidemie, nachdem die alte "Lustseuche" Syphilis nun gut behandelbar war? Das sahen in den achtziger Jahren nicht nur übelmeinende, außenstehende Journalist*innen wie Hans Halter vom Spiegel (1983) oder reaktionär-autoritäre Politiker*innen vom Schlag eines Peter Gauweiler (1986) so. Auch Sexualwissenschaftler*innen wie Erwin Haeberle oder Günter Amendt vertraten die Ansicht, dass die Homosexuellen sich fürderhin besser abstinent verhalten oder bewährte Pfade der Monogamie beschreiten sollten.

Und auch einer der bekanntesten Aktivisten seiner Zeit, Rosa von Praunheim, ließ sich von besagtem Hans Halter dazu überreden, im Spiegel öffentlich der Promiskuität abzuschwören. Dies war eine Debatte, die sicher nicht ohne Wirkung blieb – und auch, Stichwort Hochzeit, die Debatte um die Einführung bzw. Forderung nach der Einführung der sogenannten "Homo-Ehe" beeinflusste. Diese war freilich von Anfang an entlang der traditionellen Community-Frontstellung zwischen Radikalen und Reformer*innen umstritten, bekam aber durch die Aids-Krise noch einmal einen anderen Einschlag. […]

Heute nun ist diese Krise vorbei – und man kann durchaus die Frage stellen: Musste man sich als queerer Mensch Wahlfamilien nicht einfach aus dem Grund aussuchen, weil man eben keine andere Wahl hatte? Verstoßen von der Kernfamilie und nicht in der Lage, eine eigene zu gründen? Kann also "Familie aussuchen" heute in Zeiten stärkerer Liberalisierung und gewonnener Freiheiten längst etwas anderes meinen, also sich einen gleichgeschlechtlichen Partner oder eine Partnerin zu wählen, um mit diesem oder dieser eine eigene Familie zu gründen bzw. die eigenen Herkunftsfamilien zu erweitern?

Kim Alexandra Trau, Stephan Baglikow (Hrsg): Wurzeln – Bande – Flügel, 188 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2020, Paperback: 22,00 € (ISBN 978-3-86300-313-5), E-Book: 15,99 €

7. Der Schwule und der Spießer

Ulrike Heider würdigt in dem Erinnerungsband "Der Schwule und der Spießer" das zu kurze Leben des 1992 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung verstorbenen Künstlers Albert Lörken. Alles, was es über dieses Buch zu sagen gibt, sagte Erwin in het Panhuis in seiner fulminanten queer.de-Besprechung "Die 'fag hag' bei RotZschwul". Aber warum wir uns nicht leisten können, die Folgen der Aids-Ära in Deutschland zu vergessen, formuliert Heider im Buch am besten selbst.

Leseprobe:

Aids-Galas, der Welt-Aids-Tag, die rote Schleife als Zeichen der Solidarität und die vielen Prominenten, die sich zu der Krankheit bekannten, müssen meine Erinnerung an das, was vorher war, überdeckt haben. Tatsächlich aber sollte es hierzulande etwa sechs Jahre dauern, bis sich dank der Aktivitäten von Aids-Selbsthilfegruppen, Positiventreffs, der DAH (Deutsche AIDS-Hilfe) und des Einflusses von Politikern wie Rita Süßmuth ein humaner Umgang mit der Krankheit durchsetzen konnte. In dieser Zeit rollte eine antischwule Welle übers Land, die zu vergessen wir uns angesichts bestimmter neuerer Entwicklungen nicht leisten können.

Obwohl seit 1984 bekannt war, dass sich das HIVirus nur durch Blutkontakt verbreitet, konnte der Mythos von der Ansteckung durch Berührung, Mückenstiche oder unsaubere Gläser noch lange danach sein Unwesen treiben. Ich erinnere mich an einen Mediziner, der die Frankfurter Szenekneipe Größenwahn mied, weil der Wirt, Hans Peter Hoogen, als schwuler Aktivist bekannt war. »Immer, wenn ich an den Albert denke, fällt mir diese Krankheit ein«, sagte ein gemeinsamer heterosexueller Freund, der den Kontakt mit ihm abgebrochen hatte. Eine Freundin erzählte von einem Aids-Kranken, dem sie vorwarf, sie und andere durch die Begrüßung mit Handschlag zu gefährden.

"Wir wollen kein Aids", hieß es, als ich in einer Wohngemeinschaft fragte, ob man einen mir befreundeten schwulen Amerikaner unterbringen könne. Die Medien schürten die Kontaminationsängste, so lange sie konnten. 1984 spekulierte der Spiegel über eine Ansteckungsgefahr durch die Tsetse-Fliege, und noch drei Jahre später, als sich der Schutz durch Kondome gerade durchzusetzen begann, drohte einer seiner Redakteure mit der möglichen Entwicklung von Retroviren, die angeblich schon durch die Luft flögen, aber bislang nur Pferde töteten. Der entsprechende Artikel – überschrieben mit "Das Virus muß nur noch fliegen lernen" – beginnt mit einem Zitat aus der Offenbarung des Johannes: "Und ich sah ein fahles Pferd; / und der darauf saß, / des Name hieß Tod. / Und die Hölle folgte ihm nach."

Dann kommt die lehrreiche Geschichte des "Aids-Patienten Nummer Null", eines attraktiven frankokanadischen Luftstewards, der bei jedem Fest der "fröhlich swingenden gay community" dabei war.

Schon Mitte der 1970er Jahre, "vermutlich in Paris", infizierte er sich, so dass "dem mobilen Junggesellen fast ein Jahrzehnt" blieb, "um den Todeskeim weiterzugeben". Der pseudowissenschaftliche Teil des Artikels zitiert angebliche Experten, die die Folgen von Aids mit dem Horrorszenario eines globalen Atomkriegs vergleichen. Die Krankheit werde "mehr Opfer fordern als alle Kriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte dieses Jahrhunderts", behaupten sie sogar. Auch der Holocaust wird als Vergleich bemüht und die Frage aufgeworfen, ob die "Länder Zentralafrikas im Jahr 2000 ein riesiges Totenhaus" sein werden. Rita Süßmuth und die Deutsche AIDS-Hilfe erscheinen als kindliche Optimisten, die Kondom-Werbung wird als einfältig abgetan. Gleichzeitig polemisierte der bayerische Staatssekretär Peter Gauweiler gegen die "Konzentration der 'Aufklärung' auf die Verwendung von Kondomen"…

Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer, 256 Seiten, Bibliothek rosa Winkel. 2019, Hardcover: 18,00 € (ISBN 978-3-86300-076-9)

8. Unzensiert

Der britische Porno-Dandy Aiden Shaw wurde in den Neunzigern zum Superstar der schwulen Adult-Branche und sorgte später als Dichter, Schriftsteller und Fashion-Daddy für Aufsehen.

In seiner Autobiografie "Unzensiert" berichtet Shaw nicht nur darüber, wie er den schwulen Sex-Zirkus erlebte, sondern auch, welche Auswirkungen seine HIV-Infektion auf seine Karriere und sein ungeplantes Porno-Comeback Anfang der 2000er hatte. Shaws unverblümte Plaudereien sind Reality-Prosa, ungeschönter Blick hinter die Kulissen und lebendiges Zeitdokument über den Umgang mit HIV-Infektionen und ihren schwulen Trägern im Prä-PrEP-Zeitalter. Auf queer.de vorgestellt wurde das Buch 2012 unter der Überschrift "Aiden Shaw packt aus".

Leseprobe:

"Stopp", sagte ich.
"Was ist los?", fragte Chris.
"Der Gummi geht ab."
"Pause!", rief der Regisseur. "Kondome!"
Sofort war ein Laufbursche bei uns.
"Kann ich noch 'ne Cola haben?", fragte ich den Laufburschen. Dann, zu Chris: "Willst du auch was?"
"Nein, ich hab alles, was ich brauche", sagte er mit frechem Grinsen.

Es war nicht wirklich meine Absicht gewesen, wieder einen Porno zu drehen, aber als Al anrief, hatte ich zugesagt. Es brauchte nicht viel, um mich zu überreden. Vielleicht hatte meine Vergangenheit ja etwas Verführerisches, das mir bislang nicht bewusst gewesen war. Dass die Anfrage von Al kam, trug noch dazu bei – ich hatte schon immer ein Faible für ihn gehabt, aber das Beste an ihm war, dass er keine Probleme mit meinem HIV-Status hatte. Ich fragte mich, wie sehr die Industrie sich in den drei Jahren, in denen ich keinen Film mehr gedreht hatte, verändert hatte. Meine Zusage für das Projekt bedeutete wahrscheinlich nur eines: Ich jedenfalls hatte mich nicht verändert.

Aiden Shaw: Unzensiert, 272 Seiten, Bruno Books. 2012, Paperback: 9,99 € (ISBN 978-3-86787-236-2), E-Book: 9,99

9. City Boy

Im Juni erscheint endlich Edmund Whites gefeierter autobiografischer Rundumschlag "My Lives" in deutscher Übersetzung (queer.de berichtete). Zur Einstimmung empfehlen wir Whites New-York-Memoiren "City Boy", in denen der US-Autor den Themen seines 1997 erschienenen Romans "Abschiedssymphonie" den Schleier der Fiktion wegzieht. Der Effekt: der libertäre Swing der schwulen Seventies kommt umso plastischer rüber und die Ratlosigkeit im Angesicht der Aids-Krise umso nachvollziehbarer. Da White nichts beschönigt, zeigt er beiläufig, dass man Fehler eingestehen muss, um aus ihnen zu lernen.

Leseprobe:

Susan verfolgte den Gang der Ereignisse genau und erkannte bald, dass die Dämonisierung der Schwulen wegen Aids an die Vorwürfe erinnerte, die man im neunzehnten Jahrhundert Patienten mit Tuberkulose und Syphilis machte oder heute den Krebspatienten. Sie überlegte, ihre Untersuchung aus dem Jahr 1978, Krankheit als Metapher, um einen Anhang über Aids zu ergänzen. Charles Silverstein und ich glaubten, dass unser einflussreiches Buch Die Freuden der Schwulen überarbeitet werden und Warnungen vor Aids enthalten sollte, aber angesichts des niedrigen Wissensstandes wusste niemand, welche Ratschläge sinnvoll waren. Die überarbeitete Fassung erschien erst sieben Jahre später. Mein 1980 erschienenes Buch Staaten der Sehnsucht: Reisen durch das schwule Amerika las sich schon zwei Jahre nach Erscheinen wie eine historische Dokumentation. Die fröhliche Promiskuität und die Bürgerrechtsbewegungen, die ich beschrieben hatte, waren durch das plötzliche, unerklärliche Auftreten eines Virus plötzlich falsch oder unwichtig.

Ich war der erste Präsident der GMHC, aber ich trat bald zugunsten von Paul Popham zurück, eines attraktiven Machos und Geschäftsmanns, der viel kompetenter war als ich. Fast von Anfang an hatte Larry Kramer heftige Auseinandersetzungen mit den anderen Mitgliedern, und 1987 gründete er eine wesentlich militantere Gruppe mit dem Namen ACT UP. Sicherlich haben wir alle viele Fehler gemacht. Anstatt sofort die Hilfe der Bundesregierung in Anspruch zu nehmen, organisierten wir Benefiz-Discos. Wir dachten in kleinen Dimensionen, und wir dachten nicht über die Grenzen unseres Gettos hinaus. Wir verstanden nicht, dass wir es mit den Anfängen einer Seuche zu tun hatten, mit der schon bald vierzig Millionen Menschen auf aller Welt infiziert sein würden. Man muss fairerweise hinzufügen, dass auch niemand anderes diese Apokalypse vorhergesehen hat. Ronald Reagan war erst Jahre später bereit, diese Krankheit auch nur beim Namen zu nennen. Weil wir moralische Amerikaner waren, glaubten wir, Promiskuität sei der Feind und Treue die Lösung. Wir konnten nicht verstehen, dass es sicherer war, mit zehn Männern in der Sauna Safe Sex zu haben, als unsicheren Sex mit einem einzigen Liebhaber.

Edmund White: City Boy, 336 Seiten, Albino Verlag. 2015, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 22,99 € (ISBN 978-3-86787-849-4), E-Book: 18,99 €

10. Korrekte Anmache

Detlev Meyer (1948-1999) war in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht nur einer der ersten offen schwulen Schriftsteller Deutschlands, er war auch einer der wenigen, die die existenzielle Bedrohung durch Aids und die dadurch verursachten Verluste von Anfang an in ihren Werken verarbeiteten – bis er 1999 selbst an den Folgen der Krankheit starb.

Das kurze Gedicht "Reste" fängt mit fatalistischer Heiterkeit die klaustrophobische Stimmung in der Schwulenszene während der Aids-Krise ein. "Reste" erschien in dem posthum erschienenen Band "Korrekte Anmache – Liebesgedichte", der bei aller Melancholie auch heute noch den "unglaublichen Spaß" der Wiederentdeckung verströmt, den Christian Scheuss ihm bei Erscheinen 2005 in seiner queer.de-Rezension attestierte.

Reste

Unsre Reihe lichten sich,
dunkel sind nun unsre Tage.
Selbst die Träume richten sich
Nach dem Stand der Plage.
Jeder Traum ein Höllenschlund,
der die letzte Hoffnung reißt.
Jeder Traum ein Endebefund:
Wieder ist ein Haus verwaist.
Meines kann's ja wohl nicht sein,
ich erwarte Gäste!
Die noch leben lud ich ein,
meines Glückes Reste

Detlev Meyer: Korrekte Anmache – Liebesgedichte, 73 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2004, Hardcover mit Schutzumschlag: 15,00 € (ISBN 978-3-935596-61-9)

Alle hier vorgestellten Titel und viele weitere queere Bücher, Filme und Kalender sind unter anderem erhältlich im Shop von Salzgeber.



#1 AtreusProfil
  • 05.06.2021, 10:43hSÜW
  • Zwei sehr lesenswerte Ergänzungen, die ich sehr empfehlen möchte:

    Colm Toibin's "Das Feuerschiff von Blackwater" und der erst letztes Jahr erschienene Ausnahmeroman "Die Optimisten" von Rebecca Makkai.

    Ersterer erzählt die Geschichte eines AIDSkranken Jungen, der im Winter seines Lebens in die Heimat zurückkehrt, um erstmals die notwenigen Gespräche mit der Familie zu führen und Abschied zu nehmen. Letzteres spannt auf über 600 Seiten einen Bogen von den 80ern bis zum Bataclan in 2015 und erzählt die Geschichte einer Clique von Freunden und Künstlern, von Verlust, vom Überleben und von Hoffnung und Liebe. Mein queeres Literaturhighlight aus 2020!
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#2 WanndererAnonym
  • 05.06.2021, 16:30h
  • Eine historische Aufarbeitung gibt es auch bei Sebastian Haus-Rybicki, Eine Seuche regieren. Aids-Prävention in der Bundesrepublik 1981-1995, Bielefeld 2021.
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