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DAH zieht Bilanz

"Viel ist erreicht, aber noch lange nicht alles für alle"

Versorgungslücken nach 40 Jahren Aids seien "politisch verursacht", kritisiert die Deutsche Aidshilfe. Für das "Menschenrecht auf Gesundheit und gegen Stigmatisierung" müsse sich die ganze Gesellschaft einsetzen.


Kann man nicht oft genug darauf hinweisen: "HIV ist unter Therapie nicht übertragbar" (Bild: GoeAH / facebook)
  • 5. Juni 2021, 07:58h, noch kein Kommentar

Zum 40. Jahrestag der ersten wissenschaftlichen Erwähnung des Krankheitsbildes Aids hat die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) eine gemischte Bilanz gezogen. 2021 sei zwar "HIV-Heilung immer noch Utopie", heißt es in einer Pressemitteilung vom Freitag, "ein gutes Leben mit HIV" allerdings möglich.

Die DAH erinnerte an die sehr wirksamen Therapien, die seit Mitte der Neunzigerjahre die HIV-Vermehrung im Körper stoppen und Aids verhindern. "Menschen mit HIV können bei früher Diagnose und Behandlung leben wie alle anderen – Sexualität und Familienplanung inklusive, denn unter Therapie ist HIV sexuell nicht mehr übertragbar."

"Die Wissenschaft und die HIV-Community haben viel erreicht, die Gesellschaft hat im Umgang mit HIV viel gelernt", erklärte DAH-Vorstand Sven Warminsky. "Global und auch in Deutschland haben viele Menschen aber keinen Zugang zu Prävention und Behandlung. Deshalb müssen wir das Recht auf Gesundheit, Selbstbestimmung und ein Leben ohne Diskriminierung für alle verwirklichen."

Der Umgang mit Aids hat Fortschritte ermöglicht

Angesichts der Bedrohung durch Krankheit und Ausgrenzung bildete sich in den Achtzigerjahren schnell eine starke Selbsthilfebewegung von Menschen mit HIV und aus den besonders betroffenen oder bedrohten, gesellschaftlich ausgegrenzten Gruppen – schwule Männer, Drogengebrauchende, Menschen in der Sexarbeit -, die für die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen eintrat. Sie machte es möglich, offener über (Homo-)Sexualität und Drogengebrauch zu sprechen, um Schutzmaßnahmen zu thematisieren und glaubwürdige Prävention in den Szenen zu leisten.

Politisch setzte sich damals die bis heute erfolgreiche gesellschaftliche Lernstrategie durch – dank der beeindruckenden Haltung der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU), die die Aidshilfe und Selbsthilfe als maßgebliche Akteurinnen mit einbezog. "Emanzipation und Solidarität, Partizipation und Unterstützung der betroffenen Gruppen haben sich als Schlüssel bei allen Maßnahmen gegen HIV und Aids erwiesen – in Deutschland und weltweit", sagte DAH-Vorstand Warminsky.

Mehr Engagement gegen HIV und Aids erforderlich

Bei HIV und Aids ist die globale Ungerechtigkeit schon lange offensichtlich, welche die Corona-Pandemie erneut gezeigt hat: 2019 bekam ein Drittel der 38 Millionen Menschen mit HIV, darunter viele Kinder, keine lebensrettenden HIV-Medikamente, weil Geld oder der politische Wille fehlen. "Auch in Deutschland müssen wir mehr tun", forderte die Aidshilfe. "So haben etwa Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus oder Versicherung meist keinen Zugang zur medizinischen Versorgung – vermeidbare Aidserkrankungen und weitere HIV-Infektionen sind die Folge." Auch gebe es Drogenkonsumräume nur in acht von 16 Bundesländern und in Gefängnissen seien bundesweit "immer noch keine sterilen Spritzen zum Schutz vor HIV und Hepatitis zugänglich".

"Viel ist erreicht, aber noch lange nicht alles für alle", sagte Sven Warminsky. "Wir dürfen niemanden zurücklassen! Versorgungslücken sind heute nicht mehr der Hilflosigkeit gegenüber einer Epidemie geschuldet, sondern politisch verursacht." Die Verantwortlichen in Bund und Ländern könnten sie schließen, so der DAH-Vorstand. "Wir wissen, was zu tun ist, und haben die Mittel dazu! Für das Menschenrecht auf Gesundheit und gegen Stigmatisierung und Diskriminierung muss sich die ganze Gesellschaft einsetzen. Auch nach 40 Jahren HIV/Aids lautet die Devise: Menschenrechte sind nicht verhandelbar!" (cw/pm)