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Die kaum erzählte Vorgeschichte

Warum Wowereits Coming-out alles andere als spontan war

"Ich bin schwul – und das ist auch gut so": Kurz vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister outete sich Klaus Wowereit heute vor 20 Jahren – queer.de war daran nicht ganz unbeteiligt.


Klaus Wowereit (SPD) war von 2001 bis 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin (Bild: BM für Verkehr und digitale Infrastruktur / flickr)

10. Juni 2001, das Maritim-Hotel an der Friedrichstraße in Berlin, 16.35 Uhr. Der frisch gekürte Spitzenkandidat der SPD für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit, sagt einen Satz, den kein schwuler Mann, auch keine Lesbe je vergessen wird: "Ich bin schwul – und das ist auch gut so."

Im Saal teilweise Verunsicherung, aber größtenteils tobender Applaus der Zuhörenden, die "Zeugen eines historischen Tabubruchs" (Welt) werden. Die Szene hält den Atem an: Würde ein offen schwuler Mann erstmals in ein Spitzenamt gewählt? Nach den Schockwellen des Bankenskandals scheint plötzlich etwas vorstellbar, das wenige Tage zuvor noch weit entfernt zu liegen schien.

Direktlink | Wowereits Coming-out auf dem Landesparteitag der Berliner SPD am 10. Juni 2001
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Wenige Tage zuvor ist das Schwulsein Wowereits nur den wenigsten bekannt. Doch es gibt Gerüchte. "Für den Fall, dass ich tatsächlich Regierender Bürgermeister werden sollte, musste ich mir (…) genau überlegen, wie ich mit meiner Homosexualität umgehen wollte", schreibt Wowereit in seiner Autobiografie "…und das ist auch gut so". "Ein krampfhaftes Verheimlichen war nicht praktikabel. Guido Westerwelle hat ebendies eine Weile lang versucht. Man verkrampft zwangsläufig und gerät in seltsame Situationen. Das öffentliche Rumoren ist belastend."

queer.de berichtete schon zwei Tage vor dem Coming-out


queer.de meldet am 8. Juni 2001 eine Sensation, die Massenmedien ignorieren sie

So beschließt er, "das Thema offensiv [zu] behandeln". Drei Tage vor dem Medien-Coming-out spricht er bei einer gemeinsamen Sitzung von SPD-Landesvorstand und -Fraktion im Abgeordnetenhaus seine Homosexualität an. "Wer es noch nicht weiß, der sollte es wissen", sagt er, zumal die Gefahr einer Instrumentalisierung im Wahlkampf bestehe. Die damalige Berlin-Redakteurin der Zeitung "Queer", Sabine Röhrbein, hört von dem Coming-out aus erster Hand und berichtet davon am Folgetag auf queer.de.

Unter der Überschrift "Berlin demnächst schwul regiert?" (der Name Klaus Wowereit ist bundesweit noch unbekannt) schreibt Röhrbein: "Wowereit hat am Donnerstag Abend seine Homosexualität thematisiert und erklärt, dies im bevorstehenden Wahlkampf nicht verschweigen zu wollen (…) Noch etwas zu seiner Person wolle er sagen, meinte Wowereit, nachdem er auf die aktuelle Finanzkrise der Stadt eingegangen war und mögliche politische Perspektiven aufgezeigt hatte. 'Ich bin schwul', gab er offen zu und betonte, dass er deshalb nicht ausschließlich Homo-Politik betreibe, sondern einfach 'nur' ein 'schwuler Politiker' sei."

"Queer" schickt die Nachricht als Pressemitteilung auch an andere Redaktionen und Nachrichtenagenturen, das damals große schwule Portal Eurogay übernimmt die Geschichte. Und die Massenmedien? Bis auf einen Nebensatz in der "Frankfurter Rundschau" am nächsten Tag findet man nichts. Später gibt es gar Gerüchte, "Bild" hätte Wowereit zum Coming-out gedrängt und ansonsten mit einem Outing gedroht. Viele Journalist*innen tun sich schwer mit der Geschichte, Homosexualität gilt für sie per se als Privatsache, wenn nicht gar anrüchig. Für die meisten Menschen kommt so Wowereits öffentliches Coming-out überraschend, es gibt noch kein Twitter oder Facebook, wo sich die queer.de-Nachricht schneller verbreitet hätte.

Wowereit selbst bleibt der Bericht nicht verborgen. "Keine 24 Stunden nach meinem Auftritt vor dem Landesvorstand gab das Schwulenmagazin 'Queer' eine Pressemeldung heraus. Die Szene war begeistert", schreibt er in seiner Autobiografie. "Mir war jedenfalls klar, dass es kein Zurück mehr gab – und ich auf dem Parteitag etwas dazu sagen würde. Ich wollte einfach unangreifbar sein. So kam es kurz vor Ende meiner Rede zu jenem Satz, der zum bekanntesten meines Lebens werden sollte".

Journalist*innen wurden auf die Rede verwiesen

Zuvor hat er noch Zweifel gehabt. Und die Äußerung ist alle andere als spontan, sondern von Kommunikationsberatern durchgeplant. Journalist*innen, die vor der Rede Fragen zu Wowereits Sexualität stellen wollen, werden auf die Rede verwiesen. Kameraleute werden gebeten, bis zum Ende zu bleiben. So schafft es der legendäre, gut geplante und alles andere als spontane Satz in die "tagesschau", Wowereit noch am selben Abend zu "Anne Will". Und das ist erst der Anfang eines Sturms, den Wowereit elegant meistert. Er redet über sein Schwulsein, ohne ins Private zu rutschen. "Keine Werbekampagne hätte es vermocht, mich so schnell bekannt zu machen", schreibt Wowereit später.


Klaus Wowereit beim Berliner CSD 2006 (Bild: Till Krech / wikipedia)

Dabei sind die Attacken heftig. Kardinal Meisner gibt öffentlich bekannt, ihn nicht segnen zu wollen. Sein CDU-Gegenkandidat Frank Steffel hatte schon vorher vom "deformierten Charakter" Wowereits gesprochen. Doch die Attacken stärken ihn. Später wird er selbstbewusst auch queere Politik machen, was ihn von anderen schwulen Politikern, deren Coming-out später weniger selbstbewusst verläuft, unterscheidet.

So verlief das Coming-out Wowereits glücklich und vorbildlich. Es hätte auch anders kommen können. Es gibt ein "taz"-Interview aus dem Jahr 2000, in dem Wowereit zu der herumeiernden Frage "Wäre es für die SPD vorstellbar, einen schwulen Spitzenkandidaten aufzustellen?" ziemlich herumeiert. Es war die damalige Schwusos-Vorsitzende Kirstin Fussan, die Wowereits Coming-out hinter verschlossenen Türen an ihre Freundin Sabine Röhrbein weitergegeben hat, die daraufhin den queer.de-Bericht schrieb.

Was wäre passiert, hätte sie das nicht gemacht? Sie hat sich später bei Wowereit entschuldigt. Der hat sie gedrückt und ihr verziehen.

Diesen Bericht haben wir erstmals zum zehnten Jahrestag des Coming-outs veröffentlicht und nun noch einmal "nach vorne" geholt.



#1 StaffelbergblickAnonym
  • 10.06.2021, 09:35h
  • Oh jetzt tagelange "Fortsetzungsreihe" zu Wowis politischem Coming.out ;-) ??
    Das war damals schon sehr schnell klar, dass dies eine sehr pragmatischer Schachzug war, Diskussionen im Keime zu ersticken. Denn bei Wahlkämpfen wurde und wird zunehmend mit Argumenten argumentiert, die zum eigentlichen Inhalt nichts beitragen.
    Und ein Satz wird dabei häufig vergessen, den Wowi auch sagte ... "Berlin muß sparen, dass es quietsch". Primärer Hintergrund war die langjährige Subventionierung von Berlin, große Unternehmen sind in den Speckgürtel um Berlin nach Brandenburg gezogen. Die Verwaltung dank alter SPD-Versorgungsverbindungen aufgebläht. Und dann noch der zusätzliche 35 Milliarden-Verlust "dank" der CDU-Mauerfraktion Diepgen, Landowski und co. Berlin war mit über 65 Mrd verschuldet ohne entsprechende eigenständige Einnahmen und von den reichen Bundesländern über den Ausgleich weiter subventioniert. Und von Sarrazin stammt der "hübsche" Satz "Berlin hat kein Einnahmeproblem, sondern ein Ausgabenproblem".
    Und Wowereit war jedes Jahr beim TeddyAward präsent ... Von den aktuellen Politikern habe ich in den letzten Jahren niemand gesehen.
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#2 StimmtAnonym
#3 ProvinzgeflüchteterAnonym
  • 11.06.2021, 10:27h
  • Das hat er wirklich gut und souverän gemacht!

    Leider habe ich das damals auf sehr negative Art mitbekommen: Ich war Abiturient und betrat das Schulgebäude, als einige meiner Mitschüler zusammenstanden. Einer sagte Wowis Satz Ich bin schwul und das ist gut so. in sehr belustigendem und herablassenden Tonfall und alle haben mitgelacht.

    In meiner Kindheit und Jugend hab ich nie was Positives über Schwule gehört.

    Bin zum Glück dann bald darauf zum Studium weggezogen und kann mir auch jetzt schwer vorstellen, da in der Provinz zu leben.
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#4 LotiAnonym
  • 12.06.2021, 12:06h
  • Antwort auf #3 von Provinzgeflüchteter
  • Ach sowas passiert auch mitten in Berlin. An meinem damaligen Arbeitsplatz Deutsche Post AG standen zwei Kollegen beieinander und unterhielten sich. Als ich an ihnen vorbeiging hörte ich noch den einen zu unserem neuen Bürgermeister sagen Pobereit anstelle von Wowereit. Ich ging auf beide zu und verlangte, das sie dies tunlichst zu unterlassen hätten, da auch ich mich als Schwuler angegriffen fühle. Ich drohte damit mich an die Gleichstellungsbeauftragte zu wenden.
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