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Interview

Was ersetzt eigentlich den "Männerschwarm"?

Heute vor genau 40 Jahren – am 12. Juni 1981 – wurde in Hamburg der schwule Buchladen "Männerschwarm" eröffnet, der bis 2015 bestand. Edith Telge, treibende Kraft bei der Gründung, blickt im Interview zurück.


Die Gründungscrew des "Männerschwarm": Edith Telge (m.) und Henning Rademacher (r.), hier zusammen mit Thomas Bode (l.)

Edith Telge (l.) und Henning Rademacher am Tag der Eröffnung

Der schwule Buchladen "Männerschwarm" war seit seiner Eröffnung 1981 über Jahrzehnte ein Teil der Hamburger Szene und ein Teil der Bewegung. 2002 zog der Buchladen innerhalb Hamburgs um, 2015 musste er schließen. Gegründet wurde der "Männerschwarm" von Henning Rademacher und Edith Telge. Mit Edith Telge, der treibenden Kraft bei der Umsetzung, haben wir anlässlich des Jahrestags ein Interview geführt.

Wie kam es zu der Idee eines schwulen Buchladens in Hamburg?

Eine wichtige Grundlage dafür war das Festival "Homolulu" im Juli 1979. Kurz darauf arbeitete ich im "Naturspeiseladen Löwenzahn" in Bielefeld, damals ein "schwules Projekt", in dem unter Führung von Detlef Stoffel anfangs nur Schwule tätig waren. Danach brachte mich Egmont Fassbinder vom Verlag rosa Winkel auf die Idee, einen schwulen Buchladen in meiner Heimatstadt Hamburg zu eröffnen. Mit Detlef Stoffel und der Bielefelder Schwulengruppe IHB (Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld) war ich 1980 auf der schwulenpolitischen Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle zur Bundestagswahl. Dort war der schwule Buchladen "Prinz Eisenherz", den es seit 1978 in Westberlin gab, mit einem Büchertisch vertreten, der nur aus schwuler Pornografie bestand. Das war für mich die richtige Form, dieser sehr bieder-bürgerlichen Veranstaltung etwas entgegenzusetzen. Schon an diesem Tag wurde darüber gesprochen, dass ich einen Buchladen aufmachen wolle.

Was passierte in dem halben Jahr vor der Gründung?

Nach der Eintragung einer GmbH Ende 1980 habe ich von Januar bis März 1981 ein Praktikum im "Prinz Eisenherz" gemacht. Ohne die Hilfe der dortigen Crew hätte es nie einen späteren "Männerschwarm" gegeben, denn ich durfte inklusive der in jahrelanger Arbeit erstellten Bestandskartei alles kopieren, was für einen schwulen Buchladen nötig und nützlich war. Auch darüber hinaus war das eine für mich wichtige Zeit. Im ersten Berliner Tuntenhaus war ich zum Beispiel vom ersten Tag der Hausbesetzung an mit dabei und habe sechs Wochen dort gelebt. In meiner Biografie gebe ich auch "ehrenamtliches Engagement" wie das immer mit an, weil es zum Spektrum dessen, was ich alles gemacht habe, und zu meinem Leben gehört.


Einer der Namensgeber: Theatergruppe "Brühwarm" mit "Männercharme"

Wie kam es zur Eröffnung am Neuen Pferdemarkt?

Als ich im April 1981 wieder in Hamburg und am Neuen Pferdemarkt unterwegs war, habe ich gesehen, dass dort ein Ladenlokal zu vermieten war. Wir bekamen schnell einen Termin bei einer alten Dame, die eine Erbengemeinschaft vertrat. Sie fand unsere Idee eines Buchladens seriös, ehrenwert und anständig. Wir haben dabei allerdings verschwiegen, dass es um einen schwulen Buchladen ging, weil wir nicht wollten, dass daran der Mietvertrag scheitert. Der Hamburger Stadtteil St. Pauli war zu dieser Zeit eine gute Wahl. Die Hamburger Szene war in den Stadtteilen St. Pauli und St. Georg schon immer zweigeteilt. Das links-alternative Homospektrum befand sich zunächst eher in St. Pauli, nicht zufällig in der Nähe des schwulen Cafés "Tuc Tuc" und des Uni-Viertels. Nach der Schließung des "Tuc Tuc" 1995 verlagerte sich die Szene stärker nach St. Georg um das 1987 eröffnete "Café Gnosa". Zunächst firmierten wir – weil wir keinen besseren Namen hatten – mit Bezug auf das Festival von 1979 als "Homolulu Buchladen GmbH". Der spätere Name "Männerschwarm" basierte auf einem Bericht Egmont Fassbinders von einem damaligen "Fest für Männer, die für Männer schwärmen" in der Schweiz sowie dem Song "Männercharme" der Hamburger Theatergruppe "Brühwarm".

Gegründet hast du den Buchladen gemeinsam mit Henning Rademacher?

Mit Henning Rademacher war ich seit meinem Coming-out schon über Jahre befreundet. Ohne ihn hätte ich allein mich auch nie getraut, diesen Buchladen zu eröffnen. Insofern war Henning sehr wichtig für die Gründung. Nach Unstimmigkeiten verließ er recht schnell den "Männerschwarm". Ich war später sehr froh und erleichtert, dass er als Leiter des Speicherstadtmuseums beruflich seinen Platz gefunden hat.

Wie war der Tag der Eröffnung?

Henning hatte bis auf den letzten Drücker noch an den Regalen gearbeitet, wobei die meisten der von uns bestellten Bücher erst nach der Eröffnung kamen. Bei der Eröffnung am 12. Juni waren ein paar Dutzend Gäste da, vor allem aus unserem schwulenpolitischen Umfeld, wie zum Beispiel Mitglieder des Hamburger Tuntenchors, die uns zur Eröffnung ein Ständchen sangen. Einige der Chormitglieder arbeiteten anfangs ehrenamtlich im Buchladen mit. Der Schriftsteller Felix Rexhausen war bei der Eröffnung dabei und trug ein eigenes Gedicht vor, in dem er das Wort "Männerschwarm" lyrisch durchdeklinierte und die Leute aufforderte, "hübsch kaufend sich [zu] kümmern, dass ihr Schwarm niemals verarm'". Ich bin mir recht sicher, dass auch Ernie Reinhardt bei der Eröffnung dabei war. Der war schon seit 1977 in der Homosexuellen Aktion Hamburg (HAH) engagiert. Heute kennt man ihn ja fast nur noch unter seinem späteren Künstlernamen Lilo Wanders.


Die Eröffnung am 12. Juni 1981. Rechts mit dem Akkordeon ist Gunter Schmidt zu sehen, der ab 1984 als Teil des politischen Kabarett-Duos "Herrchens Frauchen" bekannt wurde

Hattet ihr anfangs jedes schwule Buch im Sortiment?

Zur Arbeit von Buchhändlern gehört es, aus der Flut neuer Bücher die zu sortieren, die man für das eigene "Sortiment" haben möchte. Am Anfang hatten wir den Anspruch, jedes lieferbare Druckwerk mit Homo-Thematik bzw. von schwulen Autoren im Laden zu haben. Das war ein Ansatz, der nur in den ersten Jahren noch finanzierbar schien. Dabei gab es auch Werke, die inhaltlich problematisch oder offen homophob waren, wie zum Beispiel Bücher aus kirchlichen Verlagen. Für solche Titel hatten wir vom "Prinz Eisenherz" eine Idee übernommen: Sie wurden in einem eigenen Fach der Kategorie "Gift und Galle" präsentiert.

Hattet ihr auch lesbische Literatur?

Vom ersten Tag an hatten wir ein schmales Regal mit Lesben-/Frauenliteratur im Angebot, wobei es zu unserem offen gelebten Widerspruch gehörte, dies unter dem Namen "Männerschwarm" zu führen. In diesem Punkt unterschieden wir uns vom "Prinz Eisenherz", der sein Sortiment erst Jahrzehnte später für Lesbentitel öffnete und – um dem nun auch lesbischen Aspekt eher gerecht zu werden – sich nur noch "Eisenherz" nannte und auf den "Prinz" als männliches Element verzichtete.

In Hamburg gab es bereits seit Jahren einen Frauenbuchladen mit dem Namen "Hälfte des Himmels", der im Prinzip ein Lesbenbuchladen war. Die Betreiberinnen waren allerdings nicht nur sehr konsequent in der Ablehnung alles Männlichen, sondern sie schlossen auch Literatur aus, die sie als politisch unpassend ansahen. Dass sie damit Teile potentieller und wirtschaftlich nicht verzichtbarer Kundschaft abschreckten bzw. ausschlossen, hat mir imponiert, obwohl das so nicht meine Position war. Als in den frühen Achtzigerjahren in den USA Lesbenbücher zu SM erschienen, waren die nicht im Frauenbuchladen, sondern bei uns erhältlich. Das finanzierte dann lesbische "Ladenhüterinnen" wie "Bruchstücke einer Mondin" von Inca Petra Künkel, die ewig bei uns herumlagen. Frauen waren bei uns immer willkommen – auch wenn manch schwuler Kunde in der Pornoecke nicht glücklich war, dass ihm eine Frau über die Schulter gucken konnte.


Werbeanzeige zur Eröffnung

Welche Ausstellungen und Lesungen gab es in der Anfangszeit?

Wir hatten in der Anfangszeit eine Foto-Ausstellung mit Werken von Robert Mapplethorpe. Ingo Taubhorn hatte eine seiner ersten Ausstellungen im "Männerschwarm", an die er sich immer noch gern erinnert. Auch Detlef Meyer, Ronald M. Schernikau, Ralf König und Felix Rexhausen waren früh bei uns. Felix war in der Zeit vor allem durch seinen Roman "Lavendelschwert" bekannt. Im Oktober 1982 wurde dieser Roman übrigens zum Namensgeber des neuen schwulen Buchladens in Köln. Wir haben gegenüber den Kölner Kollegen sehr deutlich gemacht, dass wir die anfängliche Selbstbezeichnung "Männerbuchladen Lavendelschwert" für ein Sakrileg hielten. Für einen nicht offen schwul auftretenden Buchladen hatten die Kölner ausgerechnet den Namen "Lavendelschwert" missbraucht, der ja gerade für ein offenes Bekenntnis zum Schwulsein stand. Der von den Kölnern verwendete Begriff "Männerbuchladen" verschwand dann auch bald. Es ist bedrückend, wie viele Menschen aus der Anfangszeit des Buchladens mittlerweile an den Folgen von Aids gestorben sind – auch Mapplethorpe, Meyer und Schernikau gehörten dazu.

Wann wurde für euch das Thema Aids relevant?

Zum ersten Mal habe ich bei der Eröffnung des Buchladens von Aids erfahren, auch wenn die Krankheit damals noch keinen Namen trug. Egmont Fassbinder brachte uns die Neuauflage vom "Sumpf Fieber. Medizin für schwule Männer" mit. Darin stand zwar noch nichts über diese Krankheit, aber in diesem Zusammenhang berichtete er von den ersten Gerüchten in der Szene über eine neue "Schwulenpest" in den USA. In den folgenden Monaten wurden die schwulen Buchläden von beunruhigten Kunden zunehmend gefragt, ob wir Informationen darüber hätten. So entstand schon bald die Idee, dass der "Eisenherz" über die schwulen Buchläden in Philadelphia und Paris medizinische Fachzeitschriften bezog und die Artikel zu Aids als Fotokopie an die hiesigen Läden verteilte, wo die interessierte Kundschaft Kopien zum Selbstkostenpreis abonnieren konnte. Meines Wissens war diese – im Grunde nicht ganz legale – Verteilung medizinischen Fachwissens durch die schwulen Buchläden die erste Aids-Hilfe-Aktion, die es in Deutschland überhaupt gab. Es gab anfangs ja keine Organisation, die es sonst hätte machen können.

Wie war das Verhältnis zur Konkurrenz – dem "Revolt Shop"?

Der Hamburger "Revolt Shop" lag nur fünf Gehminuten entfernt und führte zunächst überwiegend Pornografie, aber die Betreiber wollten auch ihr politisches Bewusstsein im Geschäft zum Ausdruck bringen. Noch während unserer Aufbauphase eröffneten sie in einem ihrer Räume eine eigene Buchabteilung, die von Claus-Wilhelm Klinker organisiert wurde – ausgerechnet einem sympathischen jungen Aktivisten unserer Hamburger Homo-Gruppe (und engagiert im "Kommunistischen Bund"). Nach außen hin habe ich dazu immer gesagt: "Konkurrenz belebt das Geschäft", aber ich hatte permanent Angst um unsere Existenzgrundlage und deshalb das Gefühl, mit dem "Männerschwarm" alles stets noch besser machen zu müssen. Das lag auch daran, dass ich keine richtige Buchhändlerlehre gemacht hatte und ständig fürchtete, jeder kleine Fehler könne fatale Folgen haben (damit habe ich leider meine Kollegen der Anfangsjahre geradezu gequält!). Willi Klinker, der Jahre später auch kurz im "Eisenherz" arbeitete, kam übrigens, nachdem im "Männerschwarm" eine Fensterscheibe eingeschlagen worden war, und spendete uns 50 Mark (damals für ihn und uns viel Geld!) – einfach aus Solidarität. Er war eine grundanständige und ehrliche Haut – arbeitete zwar für die Konkurrenz, hat das aber selbst nicht so gesehen.


Die Konkurrenz: Der Hamburger "Revolt Shop"

Habt ihr die gesamte Hamburger Szene erreicht?

Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir ein schwuler Buchladen für alle sein wollten – mit dem Anspruch, jeden zu erreichen. Wir haben deshalb immer versucht, auch ein knochentrocken-konservatives Publikum in den Laden zu holen. Zugleich haben wir den Leuten etwas zugemutet: einen offen einsehbaren Buchladen an einem der verkehrsreichsten Plätze der Stadt – mit einem großen Ladenschild "Männerschwarm" darüber. Uns war klar, dass sich zunächst viele nicht hineintrauen würden, aber das ist halt der Preis der Sichtbarkeit. Ebenso wussten wir, dass der "Männerschwarm" nur funktionierte, wenn auch die Kasse klingelte. Wir konnten es uns also gar nicht leisten, einen Teil der Szene nicht anzusprechen.


Zeitgenössische Werbung für den "Männerschwarm" mit Hamburger Lokalkolorit: Ein Matrose mit Herz und einer Hand an der Hose

Gab es auch Menschen, die ihr nicht erreicht habt?

Natürlich war uns bewusst, dass wir nicht jeden erreichen würden. Zu Corny Littmann hatten wir zum Beispiel nur wenig Kontakt, obwohl er ebenfalls zum linksalternativen Spektrum gehörte. Thomas Grossmann, der damals unzähligen Schwulen den Weg zu Hamburger Homo-Gruppen ebnete, fühlte sich mit dem "Männerschwarm" nie verbunden. Ich hatte ihn 1976 durch eine Kontaktanzeige kennen gelernt – und über ihn die "Homosexuelle Aktion Hamburg" (HAH). Ich wurde eine ähnliche Politschwester wie er, aber es gab auch politische Trennlinien – immerhin gehörte auch er zum Kreis der Homo-Aktivisten um Hans-Georg Stümke im Kommunistischen Bund. Thomas hat sein Buch "Schwul – na und?" 1981 bei uns im Buchladen vorgestellt – allerdings weniger, weil er das wollte, sondern weil Rowohlt ihn dazu drängte. Sein Buch wurde bereits im ersten Jahr zum Renner. Nachdem ein Jahr später von Matthias Frings und Elmar Kraushaar "Männer. Liebe" bei Rowohlt erschienen war, haben wir den Kunden allerdings erklärt, warum wir dies für das bessere Coming-out-Buch hielten. [Zu Thomas Grossmann und dem "Männerschwarm" s.a. das Interview mit Thomas Grossmann hier auf queer.de.]

Was hat sich durch die Eröffnung eures Buchladens verändert?

Vor Gründung der schwulen Buchläden gab es nur einen eher diskreten bzw. tabuisierenden Umgang mit Schwulen und ihrer Literatur. Hier haben wir eine Tür in den Buchhandel, aber auch in manche Verlage geöffnet. Das hat vermutlich Autoren und Verlage ermutigt und so zu mehr schwulen Büchern geführt. Am Verkauf von Thomas Grossmanns "Schwul – na und?" hatten allein die wenigen schwulen Buchläden anfangs einen Anteil von 5 Prozent. Das hört sich nach wenig an, fand der Rowohlt-Vertreter aber sensationell, und es steigerte unseren Marktwert bei Verlagen erkennbar. Bald hatten nicht nur linksalternative Buchläden, sondern auch Hugendubel und Karstadt schwule bzw. lesbisch-schwule Bücherecken – durchaus ein Zeichen gesellschaftlicher Integration.

Die u a. durch Läden wie uns beförderte Offenheit für Homo-Literatur bedrohte aber zugleich potentiell unsere Existenz. Das ist das klassische Dilemma der Sozialarbeit: Du willst dich eigentlich durch deine Arbeit dauerhaft überflüssig machen, musst dich aber gleichzeitig fragen, wovon du danach leben willst. Und dass die durch schwule Buchläden angestrebte gesellschaftliche Emanzipation gerade bei rein kommerziell ausgerichteten Kaufhäusern in den richtigen Händen wäre, ist nicht anzunehmen.

Wie lange bist du im "Männerschwarm" geblieben und was machst du heute

Einige Jahre nach der Gründung stieg u.a. Johanna [Joachim Bartholomae; d. Red.] in den Buchladen ein, und es wurde schnell klar, dass wir persönlich langfristig nicht gut würden zusammenarbeiten können. Während ich den Laden vorrangig als Transmissionsriemen, als Mittel zum Zweck sozialer und kultureller Emanzipation sah, hatte Johanna das Zeug, unser Projekt als Buchladen weiterzuentwickeln, was so nie meine Priorität war. Als bezahlte Kraft bin ich dann nach fünf Jahren im Sommer 1986 aus dem "Männerschwarm" ausgestiegen und als Gesellschafter musste ich 1990/1991 sanft hinausgedrängt werden.

Schon während meiner Arbeit im Buchladen entwickelte sich das Thema Aids zu einem neuen, auch beruflichen Schwerpunkt. 1989 bis 1990 war ich Mitglied des Westberliner Abgeordnetenhauses für die Alternative Liste und 1993 bis 2001 in der Geschäftsführung beim Landesverband der Berliner Aids-Selbsthilfegruppen. Heute biete ich Gesprächskreise für ältere LGBT an und trage die Idee von transgender in die Seniorenarbeit hinein. Ich habe mich selbst jahrzehntelang als schwul identifiziert, mich dabei zugleich immer an Patriarchat, Sexismus und Chauvinismus gerieben. Anfangs fiel es mir schwer, mich als schwule Tunte zu begreifen, aber mir wurde bald klar, dass meine "weiblichen" Anteile immer ein unverzichtbarer Teil meiner Identität sein würden, ausgedrückt auch in meinem Tuntennamen "Edith". Ich freue mich daher, wenn Menschen, die mich neu kennen lernen, mich Edith nennen und das gut finden. Inzwischen lerne ich, meine Identität als transgender zu begreifen und auch so zu benennen, wiewohl ich äußerlich eher als alternder weißer deutscher Mann erscheine – gelebter Widerspruch?

Welche Bedeutung hatte der "Männerschwarm" für dich?

Für mich war das ein schwules Projekt als Teil schwuler Bewegungen, ein Ort der Ideen, des Austausches und der Initiativen. Als wir den "Männerschwarm" 1981 eröffneten, gab es noch keine "einschlägigen" Informations- und Begegnungsstätten oder Infoläden. Er hat damit auch eine Funktion gehabt, wie sie erst später das Magnus-Hirschfeld-Centrum und "Hein und Fiete" (Hamburg) oder auch das "Mann-o-Meter" (Berlin) erfüllten.

Hat sich die Idee eines schwulen Buchladens überlebt?

In seiner ursprünglichen Form, wie wir den "Männerschwarm" betrieben haben, hat sich die Idee in Hamburg wohl überlebt. Aber ich halte die Idee von schwulen bzw. queeren Buchläden nicht generell für überholt, was man auch daran erkennen kann, dass "Eisenherz" (Berlin) und "Löwenherz" (Wien) weiterhin gut funktionieren. Wer überleben will, muss allerdings mit der Zeit gehen, was u.a. die Öffnung zu queeren und transgender Themen einschließt. Die Szene hat sich verändert, und am Ende waren es nicht mehr genug Menschen, die teilweise Jahrzehnte im "Männerschwarm" etwas gesucht und auch gefunden haben.

Was ging mit der Schließung des "Männerschwarm" 2015 verloren?

Ich finde, man sollte kein Projekt künstlich am Leben erhalten, das dauerhaft nicht aus eigener Kraft bestehen kann. Bücher sind überall zu kaufen, aber das, was mit dem "Männerschwarm" verloren ging, war eine Keimzelle von Bewegungen, ein Schmelztiegel und Fundus aller möglichen Ideen und Projekte. Wer etwas Vergleichbares in der heutigen Zeit vermisst, sollte sich überlegen, wie ein zeitgemäßes Projekt aussehen könnte, das das ersetzen würde, was früher der "Männerschwarm" für viele Menschen verkörperte.

Zum anderen "Männerschwarm"-Gründer Henning Rademacher

Auch Henning Rademacher, den zweiten "Männerschwarm"-Gründer, haben wir kontaktiert. Auch er berichtet von einer aufreibenden Anfangszeit und davon, dass er fast das Gefühl gehabt habe, in diesem Buchladen zu leben. Nach größer werdenden Spannungen mit Edith Telge trat er schon Ende 1982 den Rückzug aus dem Buchladen an und stieg Ende März 1983 auch als Gesellschafter aus. Nach eigener Aussage ist er im Nachhinein froh darüber, von Telge aus dem Buchladen herausgedrängt worden zu sein, weil er nur deshalb ein Projekt realisieren konnte, das ihm noch mehr am Herzen lag: sein privates Speicherstadtmuseum, das er im April 1995 eröffnen konnte. Mit seinem Museum kann er mittlerweile auf eine 26-jährige Geschichte zurückblicken (hier Interview zum 25-jährigen Jubiläum). Während dieser Zeit blieb Henning mit dem Buchladen verbunden und stieg von 2003 bis zum "bitteren Ende" als Gesellschafter wieder ein. Dabei ging es um 5.000 Euro, die er, als er zum Beispiel 2011 umzog, "gut selbst hätte gebrauchen" können. 2003 sei das zwar nur noch "ein kleiner Anteil an dem aufgeblähten Grundkapital [gewesen], aber immerhin frisches Geld für den Laden". Der "Männerschwarm" sei, so sagt er, schon seit langem nicht mehr seine Baustelle. Auf das, was der "Männerschwarm" – auch durch ihn – erreicht habe, sei er trotzdem stolz.

Zum Weiterlesen

Wer sich für die schwule Geschichte Hamburgs interessiert, sei auf drei hervorragende Bücher hingewiesen, die – in unterschiedlicher Besetzung – von den Hamburger Autoren Ulf Bollmann, Gottfried Lorenz und Bernhard Rosenkranz stammen: "Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt" (2005; über den "Männerschwarm": S. 254 f.), "Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969" (2009) und "Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945" (2013). Als der "Männerschwarm" 2015 schloss, publizierte Ulrich Würdemann einen sehr bewegenden Nachruf und zeigte sich damit als einer von vielen, die den Buchladen vermissen.

Zu den schwulen Männern, die später nicht nur den Buchladen, sondern ab 1992 auch den Verlag "Männerschwarm" prägten, gehört Joachim Bartholomae. Der Verlag "Männerschwarm", den Joachim Bartholomae bis heute repräsentiert, wurde 2018 von Salzgeber Medien übernommen. Von Bartholomae stammt der lesenswerte Aufsatz "Klappentexte – Verlage, Buchläden und Zeitschriften als Infrastruktur der Schwulenbewegung" (in dem Sammelband "Zwischen Autonomie und Integration. Schwule Politik und Schwulenbewegung in den 1980er und 1990er Jahren", 2013, S. 69-92). Sein in diesen Kontext gehörender Zusatztext "Chronik des schwulen Buchhandels und der Verlage 1975-1998" ist online verfügbar ("Männerschwarm": S. 8-10). Bei Joachim Bartholomae bedanken wir uns hiermit recht herzlich für die Vermittlung von Kontakten und die Bereitstellung von Informationen und Fotos.

Zur Schaufensterwerbung



Joachim Bartholomae teilte uns auch folgende Anekdote über die Schaufenstergestaltung des "Männerschwarm" mit:

"Ralf König hatte in den ersten Jahren ein Comic gezeichnet, in dem ein Mann im Laden ein Buch kauft und von innen 'Männerschwarm' auf der Fensterscheibe zu lesen ist. Zu dieser Zeit hing jedoch nur ein gemaltes Ladenschild mit der Aufschrift 'Männerschwarm' außen über dem Schaufenster. Ralfs Idee wurde aufgegriffen und die Fensterscheibe dann tatsächlich so beschriftet. Ralf hatte jedoch den Denkfehler, dass der Name von innen zu lesen war. Er sollte jedoch für Passanten lesbar sein und musste deshalb drinnen spiegelverkehrt zu lesen sein. Für eine Werbeanzeige haben wir das Fenster von innen fotografiert und mussten das Foto für die Werbung entsprechend spiegeln."

Für Joachim Bartholomae ist das Foto in gewisser Weise bis heute Ausdruck dessen, dass die Kunst manchmal der Realität vorausgeht.

Was bleibt

Es ist richtig, dass bildende Kunst – in ähnlicher Weise wie Literatur – die Realität nicht nur wiedergeben und "spiegeln", sondern sie auch inspirieren und verändern kann. Kunst und Bücher haben die Kraft zu gesellschaftlicher Veränderung. Das trifft nicht nur auf die Comics von Ralf König, sondern auch auf den Buchladen "Männerschwarm" zu. Über mehrere Jahrzehnte hat dieser Buchladen die Realität, die Szene und das Leben vieler Leser*innen weit über die Grenzen Hamburgs hinaus positiv verändert. Mit dem aus ihm hervorgegangenen Verlag erreicht er dies sogar bis heute.

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#1 ElfolfProfil
  • 12.06.2021, 09:51hHamburg
  • Noch was zum Thema Fenster: " Johannes dekoriert jetzt schon seit fünf Stunden das Schaufenster, nur weil draußen halb nakte Bauarbeiter sind! " Einer meiner Lieblingsmomente dort. Ich habe dort ab Ende der achtziger gerne Comics von Ralf König, Walter Moers und Jean-Marc Reiser gekauft. Und meine ersten homoerotischen Magazine. Der Laden war eine absolute Bereicherung für Hamburg.
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#2 CharlotteAnonym
  • 12.06.2021, 13:18h
  • Vielen Dank für den schönen Beitrag! :-)

    Das schmale Regal mit Lesben-/Frauenliteratur ist übrigens in den späteren Jahren stark gewachsen und erhielt sogar den Eigennahmen FRAUENSCHWARM.
    Und neben dem Verlag blieb auch die Comicabteilung des Buchladens, der FUSSELSCHWARM, erhaten. Der ist auch heute noch auf Events und als Versand aktiv:
    www.fusselschwarm.net/
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#3 Alter StammkundeAnonym
  • 12.06.2021, 16:05h
  • Auch mich verbinden mit dem Laden viele, viele Erinnerungen. Der "Männerschwarm" war für mein Coming-out sehr wichtig - damals hätte ich mich nicht getraut, schwule Bücher im Laden um die Ecke zu kaufen -, und ich habe bis zur Schließung die meisten meiner Bücher dort geholt. Der Laden fehlt mir bis heute, sowohl als regelmäßige Informationsquelle über queere Neuerscheinungen - mit Möglichkeit des Blätterns - als auch wegen der kompetenten, engagierten Beratung. Das Internet kann vieles, aber nicht alles ersetzen. Leute, bitte sorgt für das Überleben der noch vorhandenen queeren Buchläden wie dem "Eisenherz" in Berlin, indem ihr neue Bücher dort kauft und nicht bei Amazon!
    Und vielen Dank für die Würdigung des "Männerschwarm" an dieser Stelle!
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#4 LedErich
  • 12.06.2021, 16:54h
  • Wir leben in München und bestellen nach dem Ende von Max&Milian alle unsere Bücher bei Erlkönig in Stuttgart - egal ob schwule Literatur oder was anderes. Auch in Berlin gibt's noch Prinz Eisenherz. Unglaubliche Vielfalt. Nutzen, nutzen, nutzen, nicht nur loben!
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#5 Thomas GrossmannAnonym
  • 12.06.2021, 16:57h
  • Schönes Interview mit einer wohl altersmilden Edith Telge! Schade nur, dass sie immer noch alte Mythen erzählt. Rowohlt hat mich niemals dazu gedrängt, 'Schwul na und' im 'Männerschwarm' vorzustellen. Ich habe es genauso gern gemacht wie vorher für den 'Revolt-Shop'. Diese hatten mich nur früher eingeladen, so kam es, dass sie in Hamburg meine allererste Lesung veranstaltet haben. Wäre schön, wenn meine langjährige Verbundenheit mit dem großartigen Bücherladen, dem wir hier in Hamburg über viele Jahre eine Menge zu verdanken haben, nicht länger in Zweifel gestellt würde. Lieben Dank!
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#6 Taemin
  • 12.06.2021, 17:19h
  • Antwort auf #4 von LedErich
  • So halt ich's auch. Nach der Schließung von Max&Milian bin ich auch zum Erlkönig ausgewichen und nutze gern die Gelegenheit, für den die Werbetrommel zu rühren. Auch meine mitunter ein wenig ausgefallenen Wünsche nach längst vergriffenen Büchern werden dort prompt erfüllt.
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#7 LotiAnonym
#8 Meleg29Profil
#9 LedErich
  • 13.06.2021, 12:43h
  • Antwort auf #5 von Thomas Grossmann
  • Toll, dass Du Duch hier persönlich meldest und das klarstellst. Und an dueser nich einmal ganz großen Dank an Dich für dueses Buch dass meine Schwester in Bielefeld irgendwo in einer Buchgandlung entdeckt hat und mur als Ciming-Out-Hilfe nach Passau schickte. War irre wichtig für mich!
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#10 damalsAnonym
  • 14.06.2021, 22:07h
  • Habe mir fast ne kleine Träne verdrückt bei dem Text und dem Foto. Auch ich habe mehrere Jahre im Männerschwarm in der Kaffeecke "gewohnt", wo Hürri und Johanna freundlich darüber hinweg gesehen haben, dass ich zunächst wegen Geldmangel kaum was kaufte. Dabei habe ich nebenbei die halbe Hamburger Szene kennengelernt. Außerdem trafen sich im Laden zahllose Orga und Polit Gruppen, zb bei den Aktionen gegen Clause 28.
    Auch als Tratsch- und Info Börse wird der Laden schmerzlich vermisst.
    *seufz*
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