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Konzertankündigung

Trotz Hetze ohne Ende: Xavier Naidoo soll in Berlin auftreten

In der Zitadelle Spandau wird ein Konzert mit dem rechten Verschwörungsguru und Soulsänger Xavier Naidoo angekündigt. Das Bezirksamt als Eigentürmer sieht keine rechtliche Handhabe gegen den Auftritt.


Xavier Naidoo steht seit Jahren wegen antisemitischer, rassistischer und homophobe Botschaften in der Kritik – in der Coronakrise hat sich der Sänger noch weiter radikalisiert (Bild: Kadir Caliskan)

Antisemitismus, Reichsbürgerideologie, Homophobie: Der Verschwörungsguru und Soulsänger Xavier Naidoo soll in den kommenden Wochen in der Berliner Zitadelle Spandau auftreten – einem Veranstaltungsort im Besitz des Spandauer Bezirksamts. Darüber berichtete am Mittwoch der "Tagesspiegel".

Naidoo hatte in der Vergangenheit für unzählige Schlagzeilen gesorgt. Teil der bereits über Jahre geführten Kontroversen um den Sänger, der 2020 seinen Platz in der Jury von "Deutschland sucht den Superstar" räumen musste, war auch ein homophober Song über sexuelle Gewalt gegen Kinder.

Doch im Zuge der Corona-Pandemie knallten bei Naidoo wohl die letzten Sicherungen durch. Egal ob Thesen über die Erde als Scheibe, Propaganda für die US-Verschwörungssekte QAnon, die Verbreitung der "Protokolle der Weisen von Zion", ein Song mit Propaganda gegen Coronaimpfungen, das Verbreiten der Behauptung, mit Zyklon B ließen sich keine Menschen vergasen, oder ein live gestreamter, tränenreicher Zusammenbruch mit Phantasien über von globalen Eliten gefolterte Kinder – Xavier Naidoo reihte in den leidvollen Pandemiemonaten gefährlichen Unsinn an unheilvollen Quatsch und sich dabei selbst in die Riege abgestürzter Promis.

Bezirksamt gibt Veranstalter die Schuld

Das Bezirksamt gibt an, selber keine rechtliche Handhabe gegen ein Konzert zu haben. Verantwortlich sei der Veranstalter, der das historische Haus für den Bezirk bespielt: "Der Konzertveranstalter Trinity Music veranstaltet die Konzerte auf der Zitadelle Spandau eigenständig und wählt Künstler für diese Konzerte eigenverantwortlich aus", wie es im "Tagesspiegel" heißt.

Trinity Music hatte kürzlich noch eine Ankündigung für den 1. August diesen Jahres auf der Homepage stehen. Die Seite, auf der zwischenzeitlich ein ungenannter Ersatztermin angekündigt worden war, ist im Netz inzwischen nicht mehr erreichbar. Zu hören und zu sehen geben sollte es das Beste aus 25 Jahren Naidoo, die "Hin und Weg Tour" des Sängers. Der zähle laut Anpreisung "zu den absolut herausragenden deutschen Interpreten". Dabei spiele der Name der Tour, so der Veranstalter, "auf die vielen Facetten und Genres von Xavier Naidoo an". Erwähnt werden auch Naidoos musikalische Projekte mit anderen Musikern: die Söhne Mannheims und XAVAS.

Rausschmiss aus Mannheim

Besagte Söhne Mannheims haben sich jedoch bereits vor über einem Jahr von ihrem ehemaligen Mitglied distanziert und klar gemacht: "Wir stehen klar und konkret gegen Hass, Gewalt und Rassismus". Mit Naidoo gehe man bereits seit einiger Zeit getrennte Wege, was in vielen Medien als "Trennung" interpretiert worden ist.

Auslöser damals: ein Musikvideo mit Botschaften über gewalttätige Flüchtlinge in Deutschland. Und auch die Stadt Mannheim selber appellierte nach einer Konzertankündigung ihres gefallenen Sohnes an einen örtlichen Veranstalter, die Buchung doch noch ein mal zu überdenken.

Von der Pädophilenjagd zum Schwulenhass

Die Kombo XAVAS wiederum, eine Zusammenarbeit mit dem Rapper Kool Savas, dürfte in der queeren Community einigen Nachhall haben. 2012 veröffentlichten die beiden den Track "Wo sind sie jetzt?". Auch dort ging es bereits um das bei Naidoo passioniert wiederkehrende Thema des rituellen Kindesmissbrauchs. Die kruden Phantasien, die sich die beiden dazu machten, ließen sie jedoch geradewegs ins Reich schwulenfeindlicher Phantasien schlittern (queer.de berichtete).

"Ich schneid' euch jetzt mal die Arme und die Beine ab – Und dann fick' ich euch in den Arsch so wie ihr's mit den Kleinen macht", heißt es dort gleich in den ersten zwei Zweilen, um in der selben Strophe zu schließen: "Warum liebst du keine Möse – Weil jeder Mensch doch aus einer ist?" Den in einer "Loge" organisierten, mit "Macht" "jonglierenden" "Bruderschaften", die diese Taten laut Songtext angeblich in Kellern begingen, um den "Satan" zu zelebrieren, setzten Naidoo und Kool Savas damals "starke Männer", "Kämpfer" und "Führer" entgegen, die sie bekämpfen sollten, es aber nicht täten. Hinzu kamen Phantasien und Ankündigungen des Mordes gegen die angeblichen Täter.

Juristisch war Naidoo lange nicht beizukommen

Die Linksjugend Solid und der LSVD erstatteten nach Erscheinen des Songs Anzeige. Die damalige Bundessprecherin der den Linken nahestehenden Jugendorganisation, Josi Michalke, erklärte die Anzeige mit der Gewaltverherrlichung, Menschenverachtung und Homophobie des Songs. Die Staatsanwaltschaft Mannheim sah jedoch von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens ab, da kein Anfangsverdacht auf eine strafbare Handlung gegeben gewesen sei.

Xavier Naidoo wiederum gab sich missverstanden – wie bei so vielen Themen, für die er über die Jahre Kritik einsteckte (queer.de berichtete). Erst Ende 2019 urteilte das Oberlandesgericht Nürnberg etwa, dass Xavier Naidoo nicht "Antisemit" genannt und dies als "strukturell nachweisbar" behauptet werden dürfe, womit es eine vorherige Entscheidung des Landgerichts bestätigte (queer.de berichtete). Geklagt hatte der Sänger gegen eine Referentin der Amadeu Antonio Stiftung. Vor Gericht hatte Naidoo noch beteuert: "Ich selber stehe für Frieden und Liebe. Ich bin kein Antisemit."

Eine globale Gesundheitskrise später, im Februar 2021, wies der Verschwörungstheorien-Experte Jan Rathje auf Twitter darauf hin, dass Naidoo in seinem Telegram-Kanal gerade eine aus der Feder des NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg stammende Zusammenfassung der "Protokolle der Weisen von Zion" als PDF-Datei geteilt hatte. Versehen war der Post mit folgendem Kommentar: "Ihr sucht die Wahrheit? Hier bekommt ihr sie. Ungefiltert und unzensiert. Vincit Omnia Veritas! [zu Deutsch: Die Wahrheit besiegt alles]"

Twitter / jan_rathje
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Um "Wahrheit" ging es auch bei einer Gruppe, die sich "Die Konferenz" nennt und über die der "Tagesspiegel" näher berichtete. Zu der öffentlich übertragenen Videokonferenz der Initiative gehörten neben Naidoo auch der wegen Volksverhetzung verurteilte Rechtsextremist Nikolai Nerling, der ehemalige Sänger der Neonazi-Hooliganband Kategorie C sowie ein Mann, der am versuchten Bundestagssturm im August 2020 beteiligt war. Naidoos Urteil über die Konferenz: Es handle sich bei den Teilnehmer*innen um Menschen, die "mutig nach vorn gehen". Ihr gemeinsames Ziel: das "Freisetzen der Wahrheit". Der "Tagesspiegel" paraphrasiert in seinem Artikel vom Mittwoch zudem eine ganze Reihe weiterer einschlägiger antisemitischer Äußerungen aus den letzten Wochen.

Ob Konzerte oder ESC: Hin und Weg

Schon in der Vergangenheit hatte es um geplante Auftritte des Soulsängers Kontroversen und Absagen gegeben. Im August vergangenen Jahres wurde Xavier Naidoo etwa aus dem bayrischen Hof wieder ausgeladen (queer.de berichtete). Oberbürgermeisterin Eva Döhla (SPD) sagte damals, dass andere Meinungen zwar grundsätzlich zu akzeptieren seien: "Doch wir distanzieren uns kategorisch von jedem, der Ressentiments befeuert, antisemitisches oder homophobes Gedankengut verbreitet oder Verschwörungstheoretikern nahesteht und sich von Extremisten vereinnahmen lässt. Denn Hass ist keine Meinung."

Im Jahr 2017 stellte sich die Stadt Rosenheim noch hinter den Sänger und ein geplantes Konzert der Söhne Mannheims (queer.de berichtete). Die örtliche Grüne Jugend hatte die Ankündigung des Auftritts kritisiert und es gewagt, einen Ausschluss zu fordern. Die Stadt schoss darauf hin mit voller Wucht zurück und schrieb unter anderem: "Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verbrieft und schützt die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst. Diese Grundrechte zählen mit zu den höchsten Rechtsgütern unserer Verfassung. Sie haben ihre Begründung in der menschenverachtenden Unterdrückung und Barbarei der Nationalsozialisten. Es war das erklärte Ziel der Verfassungsväter, nie wieder Gesinnungsschnüffelei auf deutschem Boden zuzulassen."

Den Vorwurf der Gesinnungsschnüffelei wiederholte der Pressesprecher der Stadt kurz darauf und erweiterte die Vorwürfe gegen die grüne Jugendgruppe. Diese würde mit der Forderung einer Konzertabsage "eine Art der Unterdrückung von Meinungsfreiheit" begehen.

2015 zog der NDR seinen Vorschlag Naidoos für den deutschen Kandidaten des Eurovision Song Contest nach Kritik wieder zurück (queer.de berichtete). "Xavier Naidoo ist ein herausragender Sänger, der nach meiner Überzeugung weder Rassist noch homophob ist. Es war klar, dass er polarisiert, aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht", hatte Thomas Schreiber, damaliger ARD-Unterhaltungskoordinator und Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung im NDR, damals zum Rückzug erklärt.



#1 Taemin
  • 16.06.2021, 14:45h
  • Dass die Stadt Rosenheim (und nicht nur sie) die Meinungs- und Kunstfreiheit als Persilschein für Hetze gegen eine naziverfolgte Minderheit missbraucht und sich dabei auch noch ausdrücklich darauf beruft, das sei die Lehre aus dem Nationalsozialismus, offenbart ein so abartig perverses Denken und eine so vollkommene Ignoranz gegenüber der deutschen Geschichte, dass man nur kotzen kann von hier bis Auschwitz. Dass das so bleibt, dafür sorgen CDU/CSU und SPD bzw. Bundestag und Bundesrat, denn so lange LSBTI als einziger Teil der Bevölkerung nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes stehen, gibt es natürlich kein Gegengewicht, mit dem die Freiheit menschenverachtender "Meinungen" und "Künste" abgewogen werden müssten.
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#2 LotiAnonym
  • 16.06.2021, 16:07h
  • Da werden sich ja mit Sicherheit all die Coronaleugner, Esoteriker und Verschwöringstheoretiker auf einen Haufen treffen. Dem Verfassungsschutz kann es nur recht sein.
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#3 Sven-LeonAnonym
  • 16.06.2021, 16:59h
  • Antwort auf #2 von Loti
  • Wäre mir neu, dass sich der Verfassungsschutz neuerdings mit Esoteriker*innen und Verschwörungstheoretiker*innen befassen muss. Die sind in aller Regel harmlos und erschöpfen ihre ganzen Energien in ihrer Wahnwelt. Problematischer sind da schon harte und ideologisch gefestigte Rechte - nicht Leute, die heute an die NWO, morgen an die 'Impflüge' und übermorgen an Weißgottwas glauben.

    Zum Thema: Wenn keine rechtliche Handhabe besteht, dann besteht keine rechtliche Handhabe. Muss einem nicht gefallen, ist dann aber so.
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#4 zwiebelnettAnonym
#5 LotiAnonym
  • 16.06.2021, 18:13h
  • Antwort auf #3 von Sven-Leon
  • Der Verfassungsschutz beobachtet neuerdings die Coronaleugner. Da unter ihnen jede Menge auch Verschwörungstheoretiker vorhanden sind.
    Deshalb gehe ich jede Wette ein, daß das Konzert von Xavier Naidoo ausspioniert wird.
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#6 Markus2Anonym
#7 LotiAnonym
#8 NevermindAnonym
  • 16.06.2021, 21:31h
  • Ich fand ihn noch nie gut. Aber ich würde es besser finden, wenn er auftreten dürfte. Wem es nicht gefällt - einfach nicht hingehen. Und wenn er von der Bühne hetzen sollte - im Nachhinein eine Anzeige stellen. Aber in einer freien Gesellschaft sollte es auch hirnverbrannten Idioten möglich sein, ihren Schrott zum Vortrage zu bringen (zumindest solange es keine rechtliche Handhabe gibt).
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