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"Chaos Walking"

Eine Regenbogenfamilie auf einem fernen Planeten

Mit der Romanverfilmung "Chaos Walking" startet heute ein spektakuläres Science-Fiction-Abenteuer im Kino. Warum Titelheld Todd zwei schwule Väter hat, verrät Autor Patrick Ness im Interview.


Schwule Väter auf dem von Menschen besiedelten Planeten New World: Cillian (Kur Sutter, l.) und Ben (Demián Bichir, m.) mit ihrem Sohn Todd (Tom Holland) in "Chaos Walking" (Bild: Studiocanal)
  • Von Patrick Heidmann
    17. Juni 2021, 04:09h, noch kein Kommentar

Patrick Ness, geboren am 17. Oktober 1971, schrieb zunächst als Journalist, bevor er 1999 nach London zog und seine Karriere als Schriftsteller begann. Sein erster Roman "The Crash of Hennington" erschien 2003, seither konzentrierte er sich hauptsächlich auf Geschichten für und über Kinder und Jugendliche. 2011 erschien sein vielleicht bekanntestes Buch "Sieben Minuten nach Mitternacht", zu dessen Verfilmung er auch selbst das Drehbuch schrieb.

Mit "Chaos Walking" (ab 17. Juni in den geöffneten Kinos) läuft nun ein weiterer Film auf der Leinwand, für den er seinen eigenen Roman adaptierte. Wir konnten mit Ness, der seit vielen Jahren die britische Staatsbürgerschaft besitzt und mit seinem Mann hauptsächlich in England lebt, ein Videotelefonat führen.


Patrick Ness (Bild: Ruben Ortega / wikipedia)

Mr. Ness, der Film "Chaos Walking" ist die Verfilmung Ihres Romans "New World – Die Flucht", den Sie nun selbst für die Leinwand adaptiert haben. Womit nahm die Geschichte, aus der dann ja eine Trilogie wurde, eigentlich ihren Anfang?

Inspiriert war das ganze damals davon, dass unsere Welt immer lauter und lärmiger wurde. Durch soziale Netzwerke natürlich, aber auch recht buchstäblich durch Handys. Ich schrieb den ersten Teil vor ungefähr 15 Jahren, und damals war es noch vergleichsweise neu, dass wirklich jeder ein Mobiltelefon hatte und man überall in der Öffentlich die Konversationen andere Menschen mithörte. Ob man nun wollte oder nicht.

Dann kamen Facebook und Co. dazu, wo sich auch jeder immerzu mitteilen wollte. Also stellte ich mir die Frage, welche Auswirkungen es wohl auf unsere Entwicklung, unsere Identität und unsere psychische Gesundheit es hätte, wenn wir wirklich gezwungen wären, alle unsere Gedanken mit anderen zu teilen und gar keine Privatsphäre mehr zu haben. Daher spielt die Geschichte von "Chaos Walking" in einer Welt, in der die Männer alle Gedanken ihrer Mitmenschen hören können.

An Relevanz haben diese Fragen heute nichts eingebüßt, oder?

Im Gegenteil, der Lärm in unserer Welt ist ja eher noch lauter geworden. Und die Frage bleibt, was man mitbringen muss, um all den Einflüssen und Manipulationen, die damit einhergehen, standzuhalten und man selbst zu bleiben. Man kriegt den Geist ja nicht mehr zurück in die Flasche, das Internet und soziale Medien werden nie wieder verschwinden. Deswegen ist es wichtig, Wege zu finden, sich da gesund hindurch zu manövrieren.

Todd, der von Tom Holland gespielte Protagonist des Films, ist die klassische Figur eines Auserwählten. Und in Ihrem jüngsten Roman "Burn" geht es um Drachen. Fürchten Sie nicht manchmal, mit derart etablierten Themen und Erzählmustern allzu ausgetretene Pfade zu beschreiten?

Nein, denn klassische Genre-Elemente sind mit gutem Grund Klassiker. Die Sache mit dem Auserwählten zum Beispiel ist ein wunderbarer Weg, dem Gefühl das Anderssein, das jeder Teenager kennt, eine narrative Bedeutung zu geben. Entscheidend ist dann eben nur, wie man mit solchen Standards umgeht, ob man sie untergraben, auf den Kopf stellen oder sonst irgendwie variieren kann.

Ich sage immer: Ein Buch ist nicht wie ein Song, sondern wie die Performance eines Songs. Man kann sich also problemlos etwas Bewährtes und Erprobtes vorknöpfen, solange man es neu, frisch und überzeugend vorträgt. Dann kann man auch eine Geschichte über Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Rassismus in den USA der Fünfzigerjahre mit Drachen erzählen.


Poster zum Film: "Chaos Walking" startet am 17. Juni 2021 im Kino

Bleiben wir aber noch kurz bei "Chaos Walking", denn Todd hat in dieser Geschichte zwei Väter. Das war im Buch auch schon so, nicht wahr?

Absolut, aber ich habe auch dort daraus keine große Sache gemacht. Die Geschichte spielt in einer Welt ohne Frauen, und da macht es nur Sinn, dass sich unter den Männern Paare bilden. Nur dass Ben und Cillian, die dann irgendwann Todd adoptiert haben, auch schon zusammen waren bevor die Frauen starben. Als der Roman 2008 erschien, wurde ich immer wieder gefragt, ob die beiden wirklich ein Liebespaar seien. Und natürlich sind sie es. Ich habe daraus im Buch nur keine große Sache gemacht. Für Todd ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sich seine Väter lieben, er kennt nichts anderes. Also ist es für ihn als Erzähler der Geschichte nicht weiter der Rede wert. Mir gefällt das, denn ich bin fest davon überzeugt, dass ein Weg, die Welt zu verändern, immer schon der war, so zu tun als habe sie sich schon verändert.

Empfinden Sie als schwuler Schriftsteller es eigentlich als Ihre Verantwortung, gerade in Ihren Büchern für jugendliche Leser queere Themen und Figuren zu zeigen?

Ich mag das Wort Verantwortung nicht, denn er erinnert mich immer an eine Predigt – und selbst wenn ich in der Sache zustimme, habe ich mir noch nie gerne Predigten angehört. Aber ja, weil ich mich selbst als Jugendlicher kaum je in Romanen wiedergefunden habe, ist es mir heutzutage eine große Freude, mich eben in meinen eigenen Geschichten repräsentiert zu sehen.

Ich schreibe gerne schwule Figuren, weil sie mir vertraut sind und ich sie interessant finde. Gerade auch in Büchern wie "Mehr als das", wo der junge Protagonist zwar Jungs liebt, aber die eigentlich verhandelten Themen ganz andere sind. Ein Roman, in dem alle Figuren heterosexuell sind, käme mir nie in den Sinn, denn in der Realität sind auch nirgends alle heterosexuell.

Sind Sie damit je auf Widerstände gestoßen, bei Verlagen, Eltern-Vereinigungen oder anderswo?

Nur ein einziges Mal eigentlich, bei meinem Roman "Release", der erstaunlicherweise zwar auf Russisch, aber bis heute nicht in Deutschland erschienen ist. Darin habe ich sehr bewusst einige ziemlich explizite Sexszenen zwischen Jungs geschrieben. Inspiriert dazu war ich von dem berühmten amerikanischen Roman "Forever" von Judy Blume. Das war Mitte der Siebzigerjahre das wohl erste viel beachtete Buch, das sehr deutlich und ganz ohne Scham den Sex zwischen zwei Teenagern beschrieb, einem Jungen und einem Mädchen. Ich wünschte mir eine schwule Antwort darauf, denn bis heute ist die Zahl der Selbstmorde und Selbstmordversuche unter LGBTI-Jugendlichen entsetzlich hoch. Mir war es wichtig, ohne Scham von schwulem Sex als etwas Wunderbarem schreiben, mit Witz und Zärtlichkeit, frei von der Angst, das eigene Begehren könnte falsch oder gar tödlich sein.

Und das gefiel nicht jedem?

Nein, allerdings werde ich jetzt hier keine Namen nennen und nicht ins Detail gehen, wem ich mit dem Roman vor den Kopf gestoßen habe. Aber ich kann berichten, wie meine Reaktion war. Denn ich habe als Antwort direkt zu besagtem Roman von Judy Blume gegriffen und deren Sexszenen neben meine gestellt. Sie unterschieden sich kein bisschen, was die Explizitheit angeht. Der einzige Unterschied war der, dass es in meinem Fall um zwei Jungs ging. Und wenn sich daran jemand stört, ist das nicht mein Problem, sondern das dieser Person.

Was Ehre und Ruhm angeht werden die Autor*innen von Jugendromanen meistens nicht ganz so ernst genommen wie ihre Kolleg*innen. Wir sehr frustriert Sie das?

Meistens sage ich mir auch da: nicht mein Problem, sondern das der anderen. Vor allem weil am Ende unsere Verkaufszahlen die deutlich besseren sind.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Chaos Walking"
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Infos zum Film

Chaos Walking. Science-Fiction-Film. USA 2021. Regie: Doug Liman. Drehbuch: Patrick Ness, Christopher Ford. Darsteller*innen: Tom Holland, Daisy Ridley, Mads Mikkelsen, Nick Jonas, David Oyelowo, Demián Bichir, Cynthia Erivo. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Studiocanal