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Interview

Wie ist es, die TV-Karriere mit dem Satz "Spül deinen Hintern" zu beginnen?

Ab Sonntag läuft "It's a Sin" endlich auch Deutschland. Wir sprachen mit Nathaniel Curtis, der in der grandiosen Miniserie über eine Gruppe junger Schwuler in London den attraktiven Studenten Ash spielt.


Nathaniel Curtis als "Ash" in "It's a Sin" (Bild: Channel 4)

Ab 20. Juni ist "It's a Sin", die fantastische neue Serie von Russell T. Davies ("Queer as Folk", "Years & Years"), bei Starzplay auch in Deutschland zum Streamen verfügbar (Serienkritik von queer.de). Alle queeren Rollen werden dieses Mal auch von queeren Schauspielenden gespielt.

Einer davon ist der 30-jährige Brite Nathaniel Curtis, der als Ash sein Seriendebüt gibt. Bislang sammelte der großgewachsene Sohn einer Inderin und eines Engländers Schauspielerfahrungen vor allem auf diversen Theaterbühnen. Wir sprachen mit ihm im Videointerview.

Nathaniel, die Serie "It's a Sin" erzählt von der Aidskrise im Großbritannien der Achtzigerjahre, die Geschichte endet 1991. Damals warst du gerade auf die Welt gekommen. Welche Rolle spielte das Thema Aids in deiner Jugend?

Keine allzu große, muss ich gestehen. Natürlich habe ich irgendwann mitbekommen, dass es HIV und Aids gibt. Aber ich kann nicht behaupten, dass das in der Schule oder auch zuhause besonders thematisiert worden wäre. Im Übrigen würde ich übrigens betonen wollen, dass "It's a Sin" nicht wirklich eine Serie über Aids ist.

Sondern?

Viel wichtiger sind die Figuren selbst und ihre Freundschaft, von denen lediglich im Kontext der damaligen Zeit und des grassierenden Virus erzählt wird. Mehr noch als um Aids geht es also letztlich darum, was diese Krankheit für das Leben dieser wunderbaren jungen Menschen bedeutete, in denen ich mich selbst und viele meiner Freunde wiedererkannte.


Jill (Lydia West) und Ash (Nathaniel Curtis) fordern mehr Hilfen zur Bekämpfung der neuen Immunschwächekrankheit Aids (Bild: Channel 4)

Würdest du sagen, dass die Grunderfahrung, jung und queer zu sein und in der Großstadt ein neues Leben zu beginnen, heute noch eine ähnliche ist wie die, die – Aids mal ausgenommen – in der Serie gezeigt wird?

Alles in allem vermutlich schon. Zumindest im Kern sind doch gewisse Dinge einfach menschliche Urerfahrungen, die jeder auf ähnliche Weise macht, oder? Jung sein, die Zukunft vor sich haben, verliebt sein… Und in diesem konkreten Fall war ich einfach begeistert, wie wunderbar geschrieben diese Figuren waren. Da konnte man gar nicht anders, als sich mit ihnen zu identifizieren oder sich in ihnen reflektiert zu sehen. Ich selbst habe jedenfalls in meinem Leben auch meine eigene Jill, meinen eigenen Roscoe oder meinen eigenen Ritchie.

Und bist du selbst dein eigener Ash? Oder hielten sich die Ähnlichkeiten zwischen dir und deiner Rolle in Grenzen?

Es gibt schon auch ein paar Gemeinsamkeiten zwischen uns, aber die Unterschiede sind nicht zu übersehen. Ash zieht sich besser an als ich und ist einfach cooler. Und viel ruhiger. Ich plappere immer zu und bin eher ein nervöser Typ, während er lieber schweigt und nicht gleich jedem seine Gefühle offenbart. Dafür ist eine wichtige kulturelle Parallele natürlich, dass er indischer Abstammung ist und ich auch zur Hälfte indisch bin. Insgesamt würde ich sagen, dass Ash jemand ist, der ich gerne mal wäre, wenn ich groß bin!


Poster zur Serie: "It's a Sin" ist ab 20. Juni 2021 bei Starzplay zum Streamen verfügbar

Nach ein paar kleinen Theaterjobs spielst du in "It's a Sin" deine erste richtige Fernsehrolle. Weil der Serien-Schöpfer Russell T. Davies immer klar gesagt hat, dass er hier alle queeren Rollen mit queeren Schauspielenden besetzt, hattest du also gleich mit deinem Debüt auch dein professionelles Coming-out…

Stimmt. Aber das hat mich nicht weiter aus der Fassung gebracht. Ich verstehe schon, warum junge Schauspieler zögern, über ihr Schwulsein zu sprechen. Und ich würde auch sagen, dass meine eigene Queerness nicht zu den interessantesten Dingen gehört, die ich als Schauspieler zu bieten habe. Aber ich schäme mich auch nicht dafür, wer ich bin. Ich habe zu lange damit gerungen, wer ich bin und mich selbst zu lieben, als dass ich mir jetzt eine solche wunderbare Chance als Schauspieler aus irgendwelchen Ängsten verwehren hätte können.

Wo du gerade den langen Weg deiner Selbstfindung ansprichst: Wurdest du als Jugendlicher fündig, was queere Vorbilder in Literatur, Film und Fernsehen angeht?

Nicht wirklich, wenn ich ehrlich bin. Und dass nicht nur, weil ich in einer ziemlich religiösen Familie groß wurde. Es gab einfach nicht viel. Oder zumindest kam mir nicht viel unter, obwohl ich jede Menge Zeit in der Bücherei verbrachte. In der Schule war eh nicht viel zu holen; bis ich 12 Jahre alt war, galt ja sogar noch die Section 28, die die sogenannte Förderung von Homosexualität unter Strafe stellte. Aber auch im Fernsehen wurde ich nicht wirklich fündig. Wenn es da mal queere Figuren gab, dann waren die ja meistens Witzfiguren. Oder schienen keine andere Charaktereigenschaft zu haben, als schwul zu sein. Zu Vorbildern wurden dann eher Menschen, denen ich begegnete, als ich ein bisschen älter wurde. Der erste offen homosexuelle Mensch, dem ich begegnete, war ein tolles lesbisches Mädchen an meiner Schule. Sie und viele nach ihr waren es, die mich wirklich inspiriert und stark haben werden lassen.


Ash (Nathaniel Curtis) und Ritchie (Olly Alexander) in der "Pink Palace"-WG (Bild: Channel 4)

Kurz noch zum Thema Sex in "It's a Sin", denn die Serie ist zum Glück nicht sonderlich verklemmt und zeigt Sexualität als etwas Positives. Für die freizügigen Szenen stand Euch am Set so genannte Intimitätskoordinatoren zur Seite, nicht wahr?

Richtig. Und ich fand das super, auch wenn ich natürlich dazu sagen muss, dass ich keinen Vergleich habe und nicht weiß, wie es ohne gewesen wäre. Lustigerweise war einer der Intimitätskoordinatoren sogar ein alter Freund von mir von der Uni. Jedenfalls fand ich es super, dass wir schon ein paar Tage vor Beginn der Dreharbeiten mit den Proben begannen und uns alle zusammengesetzt haben, um über die Sexszenen zu sprechen. Diesen sehr offenen Umgang damit fand ich hilfreich, denn niemandem ist gedient, wenn man mit Scham an solche Szenen herangeht oder beim Drehen peinlich berührt ist. Natürlich war ich am Anfang dann trotzdem etwas nervös. Aber die Szenen waren so gut durchgeplant und sorgfältig choreografiert, dass sich das schnell legte und sich die Sache eher wie eine Tanz-Performance anfühlte. Auf die Sexszenen zu verzichten wäre ja ohnehin keine Option gewesen. Nicht nur, weil es nun einmal auch um eine Krankheit geht, die sich beim Sex überträgt. Sondern auch weil es toll war, dass hier Sex mal so echt und wahrhaftig gezeigt wird, inklusive Gelächter und Missgeschicke.

Gleich Deine erste Szene ist denkwürdig, in der du mit dem von Olly Alexander gespielten Ritchie im Bett landest. Für den ist es das erste Mal – und nach ein paar Minuten musst du ihn erst einmal bitten, sich vielleicht doch mal den Hintern richtig zu waschen. Einen solchen Moment gibt es auf dem Bildschirm nicht alle Tage zu sehen!

Wenn schon, denn schon, habe ich mir gedacht, als ich im Drehbuch las, dass das dieser Satz der erste ist, denn ich je im Fernsehen sagen würde. Und es ist ein bisschen schräg, dass der mir jetzt in der Öffentlichkeit immer mal wieder hinterhergerufen wird! Aber tatsächlich ist die Szene ja nicht nur lustig, sondern auch wirklich wichtig. Denn wann wird schon mal so direkt Sexualhygiene thematisiert.

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#1 PiakAnonym
  • 19.06.2021, 13:22h
  • "Alle queeren Rollen werden dieses Mal auch von queeren Schauspielenden gespielt."
    Mich interessiert nicht, wer was spielt. Aber wenn das so ins Zentrum des Castings gestellt wird, ist es schon fast ein Grund die Serie nicht zu sehen, obwohl sie interessant klingt. Schon aus Solidarität mit den Schauspielern im Verwandten- und Freundeskreis, deren Sexualität niemanden etwas angeht und schon gar nicht die Leute von Regie und Casting.
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#2 DieAlteLeierAnonym
  • 19.06.2021, 13:51h
  • Antwort auf #1 von Piak
  • ...die ich echt nicht mehr hören kann:

    "deren Sexualität niemanden etwas angeht"

    Es ist und bleibt erstaunlich, dass Heterosexualität immer und überall jede_n etwas anzugehen hat, während queere Sexualität immer noch verschämt versteckt werden soll, weil sie "ja niemanden etwas angehe".

    Für meinen Geschmack ist es übrigens auch gut und richtig, wenn queere Rollen von queeren Schauspieler_innen gespielt werden. In vielen Fällen ist das einfach deutlich authentischer.
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#3 LegatProfil
#4 ursus
  • 19.06.2021, 16:24h
  • Antwort auf #1 von Piak
  • "Schauspielern im Verwandten- und Freundeskreis, deren Sexualität niemanden etwas angeht"

    Ausgerechnet im Schauspielgewerbe, wo das Herumzeigen gegengeschlechtlicher Partner_innen auf roten Teppichen und in Boulevardmagazinen für viele ein wesentlicher Teil des Jobs und der Einkommenssicherung ist, während queeren Schauspielenden dringend zur Geheimhaltung ihres Privatlebens geraten, teils sogar unverblümt mit Nichtbesetzung gedroht wird, wirkt dieser Satz doch einigermaßen weltfremd.
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#5 Miguel53deProfil
  • 19.06.2021, 18:10hOttawa
  • Antwort auf #1 von Piak
  • Was für ein merkwürdiger Kommentar. Manchmal habe ich echt Probleme, den Gedanken mancher Schreiber zu folgen.

    Ich habe die Serie gesehen und kann nur sagen: fantastisch.

    Wer die Zeit von AIDS erlebt hat, so wie ich, kann nur beeindruckt sein. Ohne Wenn und Aber.
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