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Interview

"Freaky" – die späte Rache-Fantasie eines schwulen Filmregisseurs

Autor und Regisseur Christopher Landon über eine persönliche Motivation für seine Horrorkomödie "Freaky", anhaltende Homophobie in Hollywood und warum queere Sichtbarkeit auch im Gruselfilm wichtig ist.


Szene aus "Freaky": Der unübersehbar schwule Joshua (Misha Osherovich, re.) und Nyla (Celeste O'Connor, m.) müssen nach dem Körpertausch ihrer besten Freundin Millie (Kathryn Newton) um ihr Leben fürchten (Bild: Universal Pictures)
  • Von Patrick Heidmann
    24. Juni 2021, 14:25h, noch kein Kommentar

Als eines von neun Kindern des legendären TV-Stars Michael Landon ("Bonanza", "Unsere kleine Farm", "Ein Engel auf Erden") wuchs Christopher Landon in Los Angeles und quasi in der Filmbranche auf. Sein Drehbuchstudium brach er nach drei Semestern ab und arbeitete lieber mit dem Regisseur Larry Clarke an dessen Film "Ein neuer Tag im Paradies". Anschließend war er als Autor an Filmen wie "Disturbia" oder der Serie "Dirty Sexy Money" beteiligt, bevor er 2010 mit "Burning Palms" auch sein Regiedebüt gab.

Bekannt ist Landon, der schon zu Beginn seiner Karriere keinen Hehl aus seiner Homosexualität machte, vor allem für Horrorfilme. Sein ausgesprochen unterhaltsamer neuer Film "Freaky", in dem die 17-jährige Schülerin Millie (Kathryn Newton) plötzlich im Körper eines Serienkillers (Vince Vaughn) steckt (und umgekehrt), ist seit dem 24. Juni in den deutschen Kinos zu sehen (s.a. Filmkritik von queer.de).

Christopher, Ihr Film "Freaky" ist eine Highschool-Horrorkomödie. Da kommen also mehrere Genres zusammen, die eine lange Geschichte haben und entsprechend allerlei Stereotype und Klischees mitbringen. Ist das ein Balance-Akt?

Ja, aber einer, den ich liebe. Mir macht es Spaß, einem Genre Respekt zu zollen, aber trotzdem auch ein wenig aufs Korn zu nehmen. Und ich teste gerne Grenzen aus in Sachen Tonfall und Konventionalität.

Was waren denn die Elemente, auf die Sie keinesfalls verzichten wollten?

Mir war auf jeden Fall wichtig, dass der Mörder ein echt gnadenloser Irrer mit Maske ist, der jeden umbringt, der ihm in den Weg kommt, und zwischen ausgestopften Tieren und zerlegten Schaufensterpuppen haust. Und natürlich brauchte es das übliche Highschool-Personal, die fiese Zicke, den arroganten Sportler, all diese Mitschüler*innen, die ätzend zu unserer Protagonistin Millie und leichte Opfer für den Killer sind. Im Grunde ist "Freaky" natürlich auch eine späte Rache-Fantasie von meinem Ko-Autor Michael Kennedy und mir. Wir waren beide schwule Jungs an der Highschool, die von solchen Leuten gemobbt wurden. Jetzt können wir es ihnen zumindest auf der Leinwand heimzahlen.

Natürlich gibt es mit Joshua auch einen schwulen besten Freund!

Klar, auch der ist ja ein übliches Versatzstück in solchen Filmen. Aber uns war wichtig, dass er in "Freaky" nicht nur kurz am Rande vorkommt, sondern fast eine Hauptrolle und positiv besetzt ist: selbstbewusst und smart, witzig und natürlich durchaus augenzwinkernd. Eine queere Person wie Misha Osherovich für diese Rolle zu finden, die Joshua authentisch und mit ganz viel Humor verkörpert, war ein großes Glück. Joshua ist eine echte Entdeckung und gewinnt der Figur eine Seite ab, die ein heterosexueller Schauspieler womöglich nicht ohne Klischees hinbekommen hätte.


Christopher Landon hat sich 1999 zu Beginn seiner Filmkarriere als schwul geoutet

Zu Ihren bekanntesten Filmen als Regisseur oder Autor gehören diverse "Paranormal Activity"-Teile, "Scouts vs. Zombies" oder "Happy Deathday". Klassisches Horrorkino also statt Queer Cinema. War es Ihnen trotzdem immer wichtig, Queerness in Ihre Geschichten zu integrieren?

Es ist nicht immer so, dass mir selbst die Verpflichtung auferlege, soundso viele schwule Figuren in einem Drehbuch unterzubringen. Das ist nicht immer meine erste Agenda. Aber die Queerness findet einfach ihren Weg in meine Geschichten, weil mein Schwulsein ganz untrennbar mit mir verbunden ist. Diese Seite von mir lege ich nicht ab, nur weil ich einen Horrorfilm schreibe. Das kommt immer durch, sei es nur, dass in "Scouts vs. Zombies" ein Pfadfinder riesiger Dolly-Parton-Fan ist oder es einen Zombie-Singalong zu Britney Spears gibt. Es würde mir nie in den Sinn kommen, mich diesbezüglich zu verstecken und zu verstellen und in Hollywood einen auf Hetero zu machen. Und im Übrigen habe ich auch einige dezidiert queere Filme geschrieben. Die wurden nur leider bislang nicht verfilmt.

Wurde denn Ihre sexuelle Identität in Hollywood je zum Hindernis für Sie?

In 90 Prozent aller Fälle ist mein Schwulsein nicht nur kein Problem, sondern auch kein Thema. Aber natürlich gibt es hin und wieder mal Momente, in denen einem Homophobie begegnet. Ich weiß noch, wie sich mal jemand beschwert, dass eine Schauspielerin, die ich besetzen wolle, nicht sexy genug sei – und das daran läge, dass ich als schwuler Mann so etwas nicht einschätzen könne. Davon fühle ich mich sehr vor den Kopf gestoßen, was ich der Person auch recht lautstark mitgeteilt habe. Aber solche Situationen sind natürlich harmlos verglichen damit, was queere Schauspieler*innen zum Teil erleben. Von Transphobie ganz zu schweigen!

Ist immerhin ein Trend zur Besserung in Sicht?

Definitiv. Trotzdem haben wir noch einen langen Weg vor uns in Sachen Inklusion und Repräsentation. So wie unsere Branche nach wie vor funktioniert gilt ganz klar: Man kann nicht offen schwul sein und eine Karriere wie Dwayne Johnson, Tom Cruise oder Chris Hemsworth hinlegen. Was dazu führt, dass bis heute Schauspieler der Karriere zuliebe Doppelleben führen. Das find ich nach wie vor katastrophal – und da muss sich etwas tun.

Als Sohn eines weltberühmten Fernsehschauspielers waren Sie sicherlich schon als Kind oft am Set, oder? Ist dort Ihre Liebe zum Filmemachen erwacht?

So oft habe ich ihn gar nicht begleitet. Ich hatte schließlich genug anderes zu tun, nicht zuletzt Schule! Aber wenn ich mal mit war, habe ich es geliebt. Und es hat mich definitiv geprägt, ihn dort in seinem Element zu sehen. Zu sehen, wie glücklich er bei der Arbeit war, wie sehr ihn die Schauspielerei erfüllte und wie respektvoll und freundschaftlich er mit allen im Team umging – das hat mich geprägt. Was das Filmemachen angeht, hatten aber vor allem die Filme Einfluss, die ich gemeinsam mit ihm geguckt habe. Und bei unseren Vater-Sohn-Filmabenden gab es eben vor allem Horrorfilme zu sehen: "Halloween", "Rosemary's Baby", "Poltergeist", "Aliens", solche Sachen.

Eine letzte Frage noch, die in den Medien sonst vor allem Frauen gestellt wird. Aber auch Sie und Ihr Ehemann haben Kinder. Hat das Vaterwerden Einfluss auf Ihre Arbeit als Filmemacher?

Oh ja, auf jeden Fall und in verschiedener Hinsicht. Ich würde sagen, dass ich in meiner Arbeit emotionaler geworden bin, seit ich Kinder habe. Auch mein Geschmack hat sich geändert, weswegen die Geschichten, die ich heute erzähle, sicherlich andere sind als noch vor zehn Jahren. Außerdem bin ich inzwischen wählerischer und überlege genauer, welche Projekte es wert sind, Zeit in sie zu investieren, schließlich bedeutet jeder Job weniger Zeit mit der Familie. Es muss schon ein Film sein, auf den ich richtig stolz sein kann, um freiwillig eine Trennung von meinen Kindern in Kauf zu nehmen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Freaky"
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Infos zum Film

Freaky. Horrorkomödie. USA 2020. Regie: Christopher Landon. Darsteller*innen: Vince Vaughn, Kathryn Newton, Katie Finneran, Celeste O'Connor, Misha Osherovich, Uriah Shelton. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Universal Pictures. Kinostart: 24. Juni 2021