Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39248

Jetzt auf Disney+

Amerikas queere Geschichte in neuem Licht

Die gelungene Dokumentarserie "Pride" beleuchtet die Entwicklung der Rechte und der Akzeptanz von LGBTI in den USA – dabei werden erfreulich viele Perspektiven eingebunden.


Auch der trans Aktivist Dean Spade kommt in "Pride" zu Wort (Bild: Disney)

Lange hat sich Disney gegen jegliche Form der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gesperrt. Die Entscheidung, in den Produktionen des Konzern mehr Diversität zuzulassen, ist noch relativ jung.

Seither machen immer wieder Gerüchte die Runde, dass es nun zur ersten offen lesbischen oder schwulen Hauptfigur kommt – doch die Hoffnungen werden regelmäßig enttäuscht: Im Pixar-Film "Onward: Keine halben Sachen" etwa wurde nur in einer einzigen Zeile auf die Homosexualität eines Nebencharakters verwiesen, in "Findet Dory" ist ein lesbisches Paar nur für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen. Die Liste geht weiter: Auch im Vorfeld zu Marvels "Avengers: Endgame", "Star Wars: The Rise of Skywalker" oder kürzlich "Cruella" gab es Mutmaßungen über queere Protagonist*innen. Letztlich kommen diese aber höchstens als beiläufige Randerscheinung oder aber doch gar nicht erst vor.

Die Zeitreise beginnt mit den 1950er Jahren

Umso mehr verwundert es, dass sich der hauseigene Streaming-Anbieter Disney+ nun mit einer ganzen Dokumentarserie der Entwicklung der US-amerikanischen LGBTI-Bewegung widmet. In insgesamt sechs Episoden, jeweils von unterschiedlichen Regisseur*innen inszeniert, werden anhand von Archivmaterial und zahlreichen Kommentator*innen die politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber LGBTI nachgezeichnet. Besonders erfreulich ist daran, dass "Pride" ein enormes Spektrum innerhalb der queeren Community abbildet – sowohl durch das gezeigte Material als auch die Expert*innen, Aktivist*innen und Angehörigen, die es einordnen.

Die Zeitreise beginnt mit den 1950er Jahren, die als eine Zeit geschildert werden, die wider Erwarten nicht ausschließlich eine des Traumas und des Versteckens war. Von extravaganten Dinnerpartys und Liebesgeschichten, die im Geheimen aufblühten, wird berichtet. Dem werden harsche staatliche Repressionen gegenübergestellt: Der Fotograf Arthur Tress etwa berichtet davon, wie seine Schwester Madeleine vom FBI zu ihren homosexuellen Bekanntschaften befragt wurde und schließlich im Zuge des "Lavender Scare" ihren Job als Regierungsmitarbeiterin verlor. Damit ist die Agitation gegen Homosexuelle in staatlich-relevanten Positionen gemeint – ein Dekret des damaligen Präsidenten Eisenhower etwa kostete 5.000 queeren Bundesbediensteten die Stellung.


Fotograf Arthur Tres erzählt von seiner lesbischen Schwester Madeleine (Bild: Disney)

Madeleine Tress zeigte sich wehrhaft, wurde Anwältin und lebte schließlich über vierzig Jahre mit der Liebe ihres Lebens Jan zusammen. Doch der Druck forderte enorme Opfer: Die Enkelin des US-Senators Lester C. Hunts wiederum berichtet vom Suizid ihres Großvaters, nachdem ihm ein Kollege drohte, die Homosexualität seines Sohnes publik zu machen.

Ungekannte Meilensteine, ungekannte Held*innen

Auch bezüglich der 1960er Jahre rückt die Dokumentation die LGBTI-Geschichte in ein anderes Licht: Trans-Aktivistin und Historikerin Susan Stryker hebt hervor, dass der Stonewall-Aufstand zwar eine Zäsur darstellte – aber keineswegs der erste relevante Widerstand von Queers gegen Polizeigewalt war: Sie berichtet unter anderem vom "Compton's Cafeteria Riot", wo sich Dragqueens und trans Personen zur Wehr setzten, und liefert damit wertvolle Einblicke in historische Meilensteine, die zumindest hierzulande kaum bekannt sind.

Darüber hinaus wird die Inspiration betont, die die antirassistische "Civil Rights"-Bewegung für den Kampf für LGBTI-Rechte bedeutete. Ohnehin gelingt es "Pride" einen neuen Blick auf die Bedeutung von Schwarzen Aktivist*innen, deren Engagement erst allmählich die angemessene Anerkennung erlangt, zu werfen.


Felicia "Flames" Elizondo kämpft für die Rechte von Schwarzen Queers (Bild: Disney)

Das gilt auch für die 1970er Jahre, die von einem neuen Selbstbewusstsein geprägt sind, das sich durch filmische Erkundungen queerer Identitäten, wie "The Watermelon Woman" – deren Macherin Cheryl Dunye in dieser Folge auch die Regie übernahm – und nun regelmäßig abgehaltenen Pride-Paraden manifestierte. Es geht um den Mut, den Harvey Milk als erster schwuler Politiker des USA in vielen weckte, und wie er neue Euphorie im Kampf gegen konservative Gallionsfiguren wie Anita Bryant und Phyllis Schlafly entfachte.

Die Kämpfe für Akzeptanz und Gleichberechtigung gehen weiter

Eine vorläufige Festigung, die vor den bekannten Verheerungen der Aids-Krise der beiden folgenden Jahrzehnte, dringend notwendig war: Obwohl in den USA im Jahr 1985 bereits 120.000 Menschen an durch Aids ausgelösten Komplikationen gestorben waren, hatte sich der damals amtierende Präsident Reagan noch kein einziges Mal zur Problematik geäußert. Hier akzentuiert die Dokumentation die Vehemenz, mit der Aktivist*innen wie Ann Northrop agieren mussten, um endlich Gehör und Hilfe für die Betroffenen zu erlangen. Dabei verpasst es "Pride" nicht, dem Trauma ein persönliches Gesicht zu verleihen: Immer wieder werden Kommentare von Aufnahmen Nelson Sullivans unterlegt, der das Leben und Sterben der queeren New Yorker Community in Hunderten von Videos dokumentierte.


Befragt wurde auch die Historikerin Jules Gill-Peterson (Bild: Disney)

In der letzten der jeweils rund 45-minütigen Episoden blickt "Pride" schließlich auf die 2000er Jahre, weist auf die regelrechte Explosion an queerer Sichtbarkeit durch Formate wie "RuPaul's Drag Race", "Will & Grace", "Six Feet Under" und "The L Word" hin – hebt aber gleichzeitig hervor, dass diese hauptsächlich weiße Schwule und Lesben repräsentierten. Sie zieht ein Resümee, das vor den bereits errungenen Erfolgen der US-amerikanischen LGBTI-Bewegung einerseits optimistisch stimmt – andererseits aber mit Nachdruck andauernde Missstände, hier spielen vor allem die hohen Mordraten an Schwarzen trans Personen eine Rolle, anprangert und leidenschaftlich daran erinnert, dass die Kämpfe für Akzeptanz und Gleichberechtigung noch lange nicht ausgefochten sind.

Damit ist es am Ende ausgerechnet Disney gelungen, wertvolle und frische Einblicke zu einer gelungenen Doku-Serie zu verweben, die sie auch für Zuschauer*innen hierzulande interessant machen.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Infos zur Serie

Pride. Dokumentarserie über den Kampf um die LGBTI-Bürgerrechte in Amerika. USA 2021. Regie: Tom Kalin, Andrew Ahn, Cheryl Dunye, Anthony Caronna und Alex Smith, Yance Ford, und Ro Haber. Laufzeit: sechs Episoden à rund 45 Minuten. Ab 25. Juni 2021 exklusiv auf Disney+.