Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39252

Hirschfeld-Jubiläum

"Noch ist es ja eine Staatsstiftung"

Viel Lob für die bisherige Arbeit, aber auch der Wunsch nach mehr Einfluss der Community und intersektionalen Perspektiven. Das sagen zehn Aktivist*innen zu zehn Jahren Bundestiftung Magnus Hirschfeld.


Zehn nicht-repräsentative Stimmen aus der Community zum zehnjährigen Jubiläum der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
  • 25. Juni 2021, 11:43h, noch kein Kommentar

Mit einem Online-Festakt feiert die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld am heutigen Freitag ab 20.30 Uhr ihr zehnjähriges Bestehen. Vor der Übertragung über ihre Homepage mh-stiftung.de haben wir zehn queere Aktivist*innen aus ganz Deutschland gebeten, die Arbeit der staatsnahen Einrichtung zu bewerten und Wünsche für die nächsten zehn Jahre auszusprechen.

Über die nicht sehr ruhmreiche Vorgeschichte der Stiftung werden wir in einem späteren Beitrag berichten. Nur soviel: Es brauchte über ein Jahrzehnt und mehrere Anläufe bis zur Gründung. Vorangetrieben wurde das Projekt zunächst von der rot-grünen Bundesregierung, die es jedoch 2004 im heftigen Parteienstreit selbst scheitern ließ. Nach sieben Jahren Funkstille wurde die Hirschfeld-Stiftung schließlich im Oktober 2011 unter der schwarz-gelben Bundesregierung unter Federführung der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) errichtet. Vor allem FDP und Grüne, das zeigen auch die Statements unten, schreiben sich die Gründung auf ihre Fahnen.

Die vergleichsweise sehr bescheiden ausgestattete Bundesstiftung hat laut Satzung u.a. zum Ziel, Bildungs- und Forschungsprojekte zu fördern und "einer gesellschaftlichen Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in Deutschland entgegenzuwirken". Ein weiteres Ziel ist es, das Leben und Werk Magnus Hirschfelds wissenschaftlich zu erforschen und darzustellen. Die Arbeit der Stiftung stützt sich auf die drei Pfeiler Forschung, Bildung und Erinnerung (s.a. queer.de-Bericht "Die Erfolge der Hirschfeld-Stiftung"). (mize)

Volker Beck
(Bild: Erik Marquardt)

Gratulation, Magnus-Hirschfeld-Stiftung zu zehn Jahren erfolgreicher Arbeit! Es ist wichtig, dass durch den Staat mit der Stiftung das Lebenswerk von Magnus Hirschfeld und die Bürgerrechtsarbeit der Schwulen in Kaiserreich und Weimarer Republik geehrt und in Erinnerung gerufen werden. Die Stiftung hat sich gerade in der Erinnerungsarbeit wie in der Debatte um die Rehabilitierung der verfolgten Homosexuellen nach dem Krieg, in der Bundesrepublik und der DDR, sowie beim Verbot der Konversionstherapien bleibende Verdienste erworben. Vielleicht kann die Stiftung ja beim Thema Trans* und Selbstbestimmungsgesetz in der nächsten Wahlperiode eine ähnliche Eisbrecherrolle übernehmen. Für die Förderung von Projekten aus der Bewegung blieben leider oftmals nicht genug Mittel. Für eine erfolgreiche Arbeit in den nächsten zehn Jahren wünsche ich mir mehr Unterstützung von zivilgesellschaftlichem Engagement im Bereich internationaler Menschenrechtsarbeit, etwas weniger Fussball und eine Beschränkung beim Apparat der Stiftung. Und vielleicht findet die Politik ja noch den Mut, der LGBT-Bewegung in den Stiftungsgremien eine Mehrheit zuzugestehen. Noch ist es ja eine Staatsstiftung, Bundesregierung und Bundestag haben eine satte Mehrheit.

Carolina Brauckmann
Aktivistin, Köln

Als Aktivistin, die der feministischen Lesbenbewegung verbunden ist, freue ich mich, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld lesbenspezifische Anliegen aufgreift und finanziell unterstützt. Mit den Projektförderungen ermöglicht die BMH denjenigen Initiativen und Vereinen, die das L in der LSBTIQ-Community repräsentieren, mehr Sichtbarkeit und Wirkungskraft. Ihr baut Brücken und fördert Kooperationen, die ein gegenseitiges Verständnis stärken: Für mich unvergessen sind die Hirschfeldtage in NRW. Sie haben unterschiedliche Gruppierungen der Community neugierig gemacht auf die Geschichte der jeweils "anderen". Das sollte fortgesetzt werden, denn trotz aller Gemeinsamkeiten unter dem Dach queerer oder LSBTIQ bezogener Politik gibt es Interessensunterschiede, die beachtet werden müssen. Für differenzierte Wahrnehmung sorgt auch das großartige "Archiv der anderen Erinnerungen". Die Offenheit und Communitynähe von Jörg Litwinschuh-Barthel ist ein großes Pfund. Ich hoffe sehr, dass diese Haltung auch die nächste Dekade prägen wird. Haltung allein reicht nicht, also wünsche ich der Stiftung für die Zukunft eine erheblich bessere finanzielle Ausstattung!

Michael Kauch
Bundesvorsitzender der Liberalen Schwulen und Lesben (Bild: Sascha Menge)

Aus einer Idee der Initiative Queer Nations und einer Initiative der FDP in der damaligen Bundesregierung ist eine Erfolgsgeschichte geworden. Die Stiftung hat es geschafft, LSBTI-Themen über die Community hinaus mit hoher Reputation in die Gesellschaft zu tragen. Geradezu tagesaktuell ist das Projekt "Fußball für Vielfalt", das eine bis dahin ungekannte Thematisierung von Homophobie im Sport durch Fußballvereine und Fanclubs unterstützt hat. Bedeutsam ist aber auch die Unterstützung von Forschung zu LSBTI. Besonders wichtig war für mich als Kuratoriumsmitglied immer das "Archiv der anderen Erinnerungen". Es sorgt dafür, dass Zeitzeugen-Berichte zu Verfolgung und Diskriminierung in der Nachkriegszeit nicht verloren gehen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Stiftung mit mehr Mitteln noch stärker in die Breite gehen kann. Gerade der Bildungsauftrag sollte noch verstärkt werden – auch im Blick auf die Schulaufklärung, die bundesweit deutlich verbesserungsfähig ist.

Maike Pfuderer
Co-Sprecherin der BAG Lesbenpolitik von Bündnis 90/Die Grünen

Zehn Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – was lange währt, wird richtig gut! Als die Bundesstiftung im Jahr 2011 endlich gegründet werden konnte, hatte sie als Kind der rot-grünen Koalition schon eine lange Wegstrecke hinter sich. In der Zwischenzeit konnte mindestens auf dem Feld der Aufarbeitung der Verfolgung der nach § 175 verfolgten Männer liebenden Männer einiges erreicht werden. In diesem Zusammenhang durfte ich die Bundesstiftung als kompetente und verlässliche Ansprechpartnerin und Unterstützerin bei einem Forschungsprojekt auch hier in Baden-Württemberg erleben. Wir brauchen die Stiftung auch weiterhin als politische Impulsgeberin und durchaus auch als Think-Tank, als Denkfabrik der Community. Sei es bei der Aufarbeitung der Verfolgung von lesbisch liebenden Frauen oder auch von transgeschlechtlichen Menschen in der Nazizeit und danach oder beim endgültigen Verbot der sogenannten "Konversiontherapien". Wir haben gemeinsam noch viel vor, lasst es uns tun!

Heinz-Jürgen Voß
Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung, Hochschule Merseburg

Die Magnus-Hirschfeld-Stiftung hat sich gerüttelt! Nach der ersten Orientierungsphase, bei der nicht jeder Schritt saß, hat sie jetzt alle Buchstaben des Kürzels LSBTTIQ* auf der Agenda. Nun sind deutlich auch trans* und inter* Personen im Blick, non-binäre Personen sind der Hirschfeld-Stiftung kein Fremdwort mehr. Und in der Arbeit wird zunehmend die intersektionale Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen reflektiert, so die wichtigen Verbindungslinien zu Rassismus und den Klassenverhältnissen. Hier darf gern noch mehr passieren! So kann die Hirschfeld-Stiftung in ihrer Struktur – zum Beispiel im Kuratorium – noch deutlicher Schwarze und jüdische Queers berücksichtigen. Wie wäre es mit 50 Prozent? Auch inhaltlich sollten noch mehr die Erfahrungen von Queers, die von Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, im Fokus sein. Damit könnten dann alle auf Augenhöhe miteinander sprechen. Glückwunsch zum Jubiläum! Dank an die sehr engagierten Personen! Für eine Ruhepause ist keine Zeit!

Julia Monro
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Laut Satzung beschäftigt sich die MHS nur mit Homosexualität, umso mehr freue ich mich insbesondere über das Engagement von Jörg, dass er sich immer wieder auch zu trans Themen klar positioniert hat. Denn Hirschfeld widmete sich speziell auch der Forschung zur Geschlechtsidentität und ermöglichte es damals schon, dass trans Personen sich mit dem sogenannten "Transvestitenschein" in gegengeschlechtlicher Kleidung legal in der Gesellschaft bewegen durften, da dies zu dem Zeitpunkt noch behördlich verfolgt wurde. Dieser trans Bezug im Namen der Stiftung wird oft vergessen, und Jörg ist es unter anderem zu verdanken, dass auch trans Themen immer wieder in der Stiftung berücksichtigt wurden. Eines der ersten Projekte war z.B. eine Ausstellung, die im Schwulen Museum realisiert werden konnte, und er hat maßgeblich dazu beitragen können, dass der katastrophale Gesetzesentwurf für eine TSG-Reform 2019 gestoppt wurde. Besonders dankbar bin ich auch, dass er intensiv dafür warb beim Gesetz zum Verbot der sogenannten "Konversionstherapien" die geschlechtliche Identität in das Gesetz aufzunehmen. Ich wünsche mir sehr, dass es auch in Zukunft nicht nur um sexuelle Orientierungen geht, sondern auch die geschlechtliche Vielfalt weiterhin zu den Arbeitsfeldern gehört und ausgebaut wird.

Patsy l'Amour laLove
Polittunte und Geschlechterforscherin (Bild: Lorenz Becker)

Zehn Jahre Hirschfeld-Stiftung heißt auch ein Jahrzehnt Auftrag zum institutionalisierten Erinnern – an die homosexuellen Emanzipationsbewegungen, an das, was sie hinterlassen haben, und daran, welche ihrer Kämpfe längst nicht ausgefochten sind.

Alexander Vogt
Bundesvorsitzender des Lesben und Schwulen in der Union

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat sich in nur zehn Jahren zu einem wichtigen Eckpfeiler in der queeren Kultur unserer Republik entwickelt. Sie ist nicht mehr wegzudenken. Ihre Leistungen beispielsweise bei der Bewahrung von Erinnerungen, politischen Erfolgen wie dem Verbot sogenannter Konversionstherapien, aber auch auf dem Feld der Weiterbildung und Aufklärung sind in Deutschland bisher einzigartig. Besonders wichtig ist in meinen Augen auch, das Erbe ihres Namensgebers zu bewahren und in der heutigen Zeit fortzuführen. Das ist Jörg Litwinschuh-Barthel mit seinem engagierten Team definitiv gelungen. Ich wünsche mir, dass diese Erfolgsgeschichte weitergeht. Vor allem wünsche ich mir, dass die Akzeptanz und Bekanntheit der BMH in der Gesellschaft noch weiter zunimmt.

Jenny Luca Renner
Bundessprecher*in DIE LINKE.queer, ZDF-Fernsehrät*in (Foto: Ben Gross)

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat sich zu einer unverzichtbaren Institution in und für die LSBTIQ*-Community entwickelt. Mit fachlich herausragender Expertise werden Studien durchgeführt, die die Grundlage für die Umsetzung wichtiger politischer Forderungen darstellen. Hervorzuheben ist hierbei das Verbot sogenannter "Konversionstherapien", welches mit Hilfe einer Expert*innenkommission durchgesetzt werden konnte. Auch das Leben von Zeitzeug*innen wird für die nachkommenden Generationen festgehalten, was ein zentraler Baustein für die Bewahrung und Erinnerung unserer Geschichte darstellt. Nicht zuletzt initiiert die BMH Dialoge zwischen Community und Politik und stellt somit ein notwendiges Bindeglied dar, welches es unbedingt zu erhalten und weiterzuentwickeln gilt. Ich danke Jörg Litwinschuh-Barthel und seinen Expert*innen, aber auch dem Kuratorium und Fachbeirat, für die großartige Arbeit und wünsche weiterhin nur das Beste.

Marion Lüttig
Vorstandsfrau des LesbenRing e.V. (Bild: Stephanie Kuhnen)

Herzlichen Glückwunsch zu zehn Jahren Arbeit für die LGBTIQ-Community! Lesben* sollten von Anfang an gleichberechtigt mit im Fokus sein. Das ist gelungen! Bravo! Gezielt hat die Stiftung immer wieder lesbische* Projekte gefördert, begleitet und unterstützt. Etwa das "Archiv der anderen Erinnerungen", die Forschung zur Situation lesbischer Frauen in der Arbeitswelt oder zum Sorgerechtsentzug lesbischer Mütter in Rheinland-Pfalz, die LesbenFrühlingsTreffen, "LESGenden" – die Verschlagwortung des Lesbenarchivs Frankfurt am Main oder die Veröffentlichung des Films "Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück". Auch auf bundespolitischer Ebene war und ist die Bundesstiftung wichtige Partnerin für die Sichtbarkeit vieler lesbischer* Expertinnen und unserer Themen. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld war und ist uns eine exellente Partnerin und hat lesbische* Interessen mit großem Erfolg vertreten und wir sind gespannt, wie wir in Zukunft noch mehr intersektionale Perspektiven sichtbar machen können. Wir sind sicher, dass uns dies gemeinsam gelingen wird!

Offenlegung: Dieser Beitrag ist Teil einer zwölfteiligen Serie zum Stiftungsjubiläum. Konzeption und redaktionelle Umsetzung werden von der BMH gefördert. Die Beiträge werden unabhängig und eigenverantwortlich von queer.de erstellt.