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Heimkino

Wie "gender-gaga" ist eigentlich "normal"?

Der experimentelle Dokumentarfilm "Normal" von Adele Tulli beobachtet geduldig Stationen der binären Herstellung von Geschlecht – und fängt dadurch die ganze Gewalt der Prozesse ein.


Inszeniertes Heteroglück: Regisseurin Adele Tulli beobachtete für ihren Film auch ein Fotoshooting nach einer Hochzeit (Bild: missingFILMs)
  • Von Jeja Klein
    26. Juni 2021, 10:33h, noch kein Kommentar

Ein Unterwasserbild. Am Ende eines Schwimmbeckens bewegen sich Schwangere im Gleichklang. Sie tragen schwarze Badeanzüge mit pinkem Streifen. Schnitt. Zwei der Frauen halten sich an den Händen, tanzen miteinander, rot lackierte Fingernägel blitzen auf. Die für die Beteiligten wahrscheinlich fröhliche Szene klingt durch das Wasser dumpf und bedrohlich.

"Normal", der Filmtitel, erscheint. Ein kleines Mädchen bekommt Ohrlöcher gestochen. Geistesabwesend starrt es mit leeren Augen in die Kamera. Ein Mann, der die Prozedur vornimmt, sagt, dass das Mädchen hübsch sei. Man bekommt Angst vor dem Moment, an dem die Ohrläppchen gestanzt werden, doch das Mädchen hält tapfer durch. Lob von der Mama. In die Verunsicherung des Kindergesichts mischt sich großer Stolz.

Es sind Szenen wie diese, die "Normal" von Adele Tulli kommentarlos und mit der Bild- und Tontechnik einer Kinoproduktion einfängt. Sie zeigen Jungs beim Videospielen. Der Sound von Held*innen, die sich durch Gegner schnetzeln, lässt erahnen, was vor den Augen der Spieler mit ihren großen Kopfhörern vor sich geht. Jungs in voller Soldaten-Montur werden in das Paintballspiel eingeführt. Die Kamera fängt sie in einem ruhigen Moment mit ihren martialischen Masken und Vermummungen ein. Das Geratter der Plastikgeschosse ist im Hintergrund zu hören.

Die widersprüchlichen Momente der geschlechtlichen Vereindeutigung


Die Doku "Normal" ist mit deutschen Untertiteln auf DVD und als Video-on-Demand erhältlich

"Normal" zeigt die Stationen und Agenturen der binären Geschlechtersozialisierung. Vorwiegend Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene werden in ihren geschlechterexklusiven Räumen beobachtet. Durch die alle Szenen miteinander verbindende, grundlegende Ruhe des Films fängt Tulli die ganze Gewalt der Prozesse ein, mit der hier Geschlecht hergestellt, eingeübt – und auch gegen andere durchgesetzt wird.

In einem "Pick-Up-Artist"-Seminar wird Männern beigebracht, dominant und beherrschend gegenüber Frauen aufzutreten, die getäuscht und manipuliert werden müssen, um zu bekommen, was man eigentlich will: nicht das aufgesetzte Gespräch über Schminke, Sport oder Kleider, sondern die Frau selber. "Das heißt aber auch, dass dich die schroffe Antwort einer Frau nicht erschüttern darf", erklärt der Trainer dazu, "du musst in der Lage sein, dich zu wehren". Im Hintergrund dieser paranoiden Angriffsplanung strahlt die Sonne. Augen werden zugekniffen, wenn das Licht ins Gesicht fällt. Die Männer unterhalten sich ruhig. Menschen hinter den zukünftigen Aufreißkünstlern gehen ruhig dem Rudersport nach. Wasser plätschert, der Gesang von Vögeln ist zu vernehmen.

Über solche Mittel der Irritation von Bild, Ton und Geschwindigkeit schafft es Tulli, die widersprüchlichen Momente der geschlechtlichen Vereindeutigung herauszustellen, ohne den Eindruck zu erwecken, selbst zu stark in ihr Motiv einzugreifen. Tatsächlich sind die Szenen nicht gestellt, denn Tullis Film ist eine experimentelle Dokumentation über Momente, die allen bekannt sein dürften. Der fortschreitende Verlauf des Films vollzieht entsprechend auch die Biografien der so geschlechtlich sozialisierten Menschen nach.

Frauen tanzen sexy, Männer sehen sie an

Aus geschlechterexklusiven Räumen werden geteilte Räume mit expliziten Rollenzuordnungen: Frauen tanzen sexy, Männer sehen sie an, Mädchen gucken sich eine Scheibe ab. Kreischende Teenagerinnen bejubeln ihren Star. Der verteilt nacheinander Umarmung, Küsschen und Autogramm, eingerahmt und abgesichert durch Absperrungen und Security-Mitarbeiter. Ein Fotoshooting nach einer Hochzeit. Der Fotograf gibt genaue Anweisungen, denen das glückliche Hetenpaar gerne Folge leistet: Küss sie! Diana, lächle! Diego, dreh sie etwas in meine Richtung! Der Ehemann steht bis zu den Schienbeinen im Wasser, seine Partnerin im elfenbeinweißen Kleid liegt auf seinen Armen – ansonsten würde der leichte und edle Stoff ruiniert.


Szene aus "Normal": Frauen werden zum Spaß scheinbar zersägt, männliche Magiere dafür gefeiert (Bild: missingFILMs)

"Normal" erschien 2019 und wurde in kleineren Programmkinos gezeigt. Die italienische Filmemacherin und Wissenschaftlerin Tulli schloss 2018 mit einem Ph.D. ihr Studium an der Roehampton University in London ab, wo sie zu subversiver Filmästhetik im queeren und feministischen Kontext forschte. Sie interessiert sich für experimentell-dokumentarische Formen ebenso wie für Gender Studies und Visuelle Anthropologie.

Ebenfalls auf der nun erschienenen DVD enthalten sind ihre Filme "365 Without 377" über die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Kontakte in Indien und "Rebel Menopause" über die feministische Aktivistin Thérèse Clerc. Alle Filme liefen auf zahlreichen Festivals und wurden mehrfach ausgezeichnet. "Normal" kann außerdem als Video-on-Demand bezogen werden.

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Infos zum Film

Normal. Dokumentarfilm. Italien, Schweden 2019. Regie: Adele Tulli. Laufzeit: 67 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung. Untertitel: Deutsch, Englisch (optional). FSK 12. Label: missingFILMs. Extras: Rebel Menopause (UK 2014), 365 Without 377 (IT 2011)