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Leseprobe

"Jetzt wollte ich ein glücklicher Schwuler sein"

Im Albino Verlag erscheint pünktlich zum Jahrestag von Stonewall "Meine Leben", der große autobiografische Rundumschlag von US-Literat Edmund White, der den Aufstand persönlich miterlebt hat. Wir haben eine Leseprobe.


Edmund White ist einer der wichtigsten zeitgenössischen schwulen Autoren (Bild: David Shankbone   / wikipedia)

Oberflächlich betrachtet spielen die Geschehnisse der legendären Nacht des 28. Juni 1969, in der queere Menschen nach einer brutalen Polizeirazzia in der New Yorker Bar Stonewall Inn erstmals laut und rebellisch gegen die Diskriminierung demonstrierten, die ihnen allerorten widerfuhr, in "Meine Leben" nur am Rande eine Rolle. Aber indem der heute 81-jährige Edmund White (queer.de gratulierte im Januar mit dem Artikel "Der schwule Chronist wird 81" zum Geburtstag) unter so pikanten Kapiteltiteln wie "Meine Stricher", "Meine Blonden" und "Meine Seelenklempner" seine eigene Lebensgeschichte reflektiert, zeichnet er ein kluges und feinsinniges Porträt jener Generation schwuler Männer, die Stonewall zu einer weltweiten Bewegung machten.

Auf opulenten 528 Seiten ist das Buch gleichzeitig gnadenlose Selbstanalyse, blitzgescheite Bestandsaufnahme und ein umfassender Ritt durch die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. "The Independent" fällte über die Originalausgabe von "My Lives" das Urteil "Das ist Whites bestes Buch", Alan Hollinghurst schrieb in seiner Rezension für "The Guardian": "Es ist die Quelle von allem, was er je geschrieben hat". In der deutschen Übersetzung von Joachim Bartholomae ist das Buch im Albino Verlag erschienen – ein kluges, pralles und gegen sich selbst und andere schonungsloses Buch.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentlichen wir die folgende Leseprobe.

Leseprobe aus dem Kapitel "Meine Seelenklempner"


"Meine Leben" ist im Albino Verlag erschienen

Ein guter Teil unseres schwulen Humors beim trockenen Martini entsprang einem ähnlichen Reflex: über das zu lachen, was uns am meisten beunruhigt. Keins unserer Treffen ging zu Ende, ohne dass einer von uns einem anderen die Hand auf die Stirn legte und verkündete: "O je, mein Kleines, du bist aber gar kein gesundes Mädchen", womit wir uns über die Effeminiertheit lustig machten, vor der wir Angst hatten, und die psychische Anormalität, die wir nicht leugnen konnten. "Wir sind alle so krank", verkündeten wir genüsslich und welkten in höchst stilisierten Leidensposen dahin. Wir machten uns über unsere niedrige Selbstachtung lustig, ohne das Geringste zu unternehmen, um sie zu heben. Im New Yorker gab es niemals auch nur die leiseste Anspielung auf Homosexualität, denn unser Leben war sowohl unsichtbar wie auch unaussprechlich, und auf jeden Fall zu abstoßend, um Stoff für einen Cartoon abzugeben.

Als ich 1962 meinen Abschluss machte und nach New York zog, war ich zu arm, um mir einen Analytiker leisten zu können. Mein Vater kam nicht mehr für meinen Lebensunterhalt auf. Außerdem war ich viel zu tief in das schwule Leben im Greenwich Village eingetaucht, um allzu schnell geheilt werden zu wollen. Im College hatte ich mich immer wieder auch mit Frauen verabredet, doch nun verzichtete ich sogar auf diese therapeutische Maßnahme … bis auf weiteres. Ich wollte mein Unkraut zwischen den Weizen säen.

Doch drei Jahre später ging ich wieder zum Therapeuten, dieses Mal zu Frances Alexander, einem promovierten Psychologen, der Gesprächsgruppen leitete und Transaktionsanalyse praktizierte. Zu jener Zeit, im Jahr 1965, machten sich selbst geistreiche Menschen noch nicht über Konzepte wie "New Age" oder "California Feel-Good" lustig. Die Sechziger waren ein Vulkanausbruch von politischer Aktion und Lifestyle-Projekten, und niemand hatte das Bedürfnis, solche Konzepte in Anführungsstriche zu setzen. Die Worte wirkten noch nicht abgenutzt.

Den Bestseller "Spiele der Erwachsenen", auf dem diese heute vergessene Gruppentherapie basierte, habe ich nie gelesen; offenbar bot er für jeden Austausch unter Menschen eine Bezeichnung aus einem recht begrenzten Repertoire von Spielen und Transaktionen an. Wie ich vor allem anhand unserer Gruppensitzungen feststellte, zielte die Therapie darauf ab, diese Spielstrategien zu entlarven, um die Menschen dazu zu bringen, zu einer ernsthaften, wahrhaftig empfundenen Kommunikation zurückzukehren – oder zumindest so zu tun. Wir lernten, uns nicht als Märtyrer aufzuspielen ("Ich Armer!", rief sonst einer der Gruppenteilnehmer), uns nicht auf Autoritäten zu berufen oder anderen Schuldgefühle zu vermitteln, und unsere gesunde Wut nicht als unterwürfige Depression zu kaschieren ("Lass es raus, verdammt nochmal!"). Die Freud'sche Psychoanalyse mit ihren hohen Honoraren, ihrer gletscherhaften Langsamkeit und ihrer Besessenheit von kindlicher Sexualität, Inzest, Träumen, dem Unbewussten, Vatermord, dem Anus und der arroganten Überzeugung, den Patienten über Theorie und Methode im Unklaren zu lassen, befand sich bereits auf dem absteigenden Ast. Sie wurde von der demokratischeren Gruppentherapie verdrängt, der das Prinzip zugrunde lag, jeder Mensch sei sein eigener Therapeut.

Ich war besonders gut darin, die Spielchen anderer Gruppenmitglieder zu entlarven, zumeist Hausfrauen aus New Jersey, die unter dem Empty-Nest-Syndrom litten. Frances betonte immer wieder, was für ein nützliches Gruppenmitglied ich sei, und niemand machte sich die Mühe, mich nach meinen eigenen Problemen zu fragen.

Doch dann ereigneten sich im Juni 1969 im Greenwich Village die Stonewall-Unruhen, die den Beginn der Schwulenbewegung verkündeten. Die Bullen machten eine Razzia in einer Kneipe in der Nähe des Sheridan Square, im Herzen des Village, doch zum ersten Mal setzten sich die schwulen Gäste gegen die Verhaftung zur Wehr. Es war ein heißer Abend; Judy Garland war gerade gestorben und alle waren aufgewühlt. Rückblickend kann man sagen, dass alle Zutaten für eine Revolution des Bewusstseins vorhanden waren. Feminismus, die sexuelle Revolution und die Proteste gegen den Vietnamkrieg waren in vollem Gang. Es war nur eine Frage der Zeit, dass jemand die Karten neu mischte und rief: "Gay is good", was zu "Black is beautiful" passte wie die Faust aufs Auge. Lesbischer Feminismus steuerte die ersten und stärksten Impulse zum neuen homosexuellen Engagement bei, vielleicht weil jede Frau auf den Zug des Feminismus aufspringen konnte, vielleicht weil weibliche Sexualität stärker als männliche für politische Ziele ansprechbar war, den freien Willen und gegenseitige Zuneigung.

Bald darauf ging die Freud'sche Psychologie in Flammen auf; von ihrer Macht blieb nur der Geruch von kalter Asche eines verloschenen Feuers. Die meisten Probleme, mit denen sich der Freudianismus befasst hatte, wurden nicht mehr als Notwendigkeit der individuellen Anpassung an gesellschaftliche Konventionen verstanden, sondern als Notwendigkeit, die Konventionen den Individuen anzupassen. Die Bewegungen von Frauen, Schwarzen und Schwulen machten aus persönlichen Problemen öffentliche Kampagnen. Jeder berief sich auf seine Rechte. In den Fünfzigern hatten sich die Menschen dafür geschämt, den Ansprüchen nicht zu genügen; in den Sechzigern verkündeten sie stolz, dass sie Opfer waren. Die Psychoanalyse entsprach einer Kultur der Scham; die neue Identitätspolitik schuf eine Kultur der Beschwerde. Rilke hatte gesagt: "Du musst dein Leben ändern!", doch nun sagten die Leute: "Alle anderen müssen sich ändern."

Obwohl einige Journalisten schon vom Versagen des Kommunismus sprachen, hatte Marx Freud besiegt – Geschichte war an die Stelle von Natur getreten, Ökonomie und nicht Biologie schien nun die bestimmende Kraft zu sein, und Neurosen verwiesen eher auf gespaltene Klassenloyalität als auf eine unvollständige psychosexuelle Entwicklung.

Mitte der Siebziger, während einer weiteren unglücklichen Liebesaffäre, suchte ich Hilfe bei Charles Silverstein, einem schwulen Psychotherapeuten. Er war einer der Psychologen, die den sogenannten Nomenklatur-Streit in der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung anführten. Eine Gruppe schwuler Therapeuten hatte den Verband davon überzeugt, Homosexualität als Spielart innerhalb des normalen Verhaltensspektrums aufzufassen, und nicht als Ich-Störung. Indem ich zu ihm ging, verstieß ich gegen alle Regeln des Spiels – jetzt wollte ich ein glücklicher Schwuler sein, und kein rehabilitierter Homosexueller.

Infos zum Buch

Edmund White: Meine Leben. Deutsche Übersetzung von Joachim Bartholomae. 528 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Albino Verlag. Berlin 2021. Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 28 € (ISBN 978-3-86300-301-2).


#1 AtreusProfil
  • 27.06.2021, 21:03hSÜW
  • Diese Autobiografie werde ich mir sicherlich gönnen und mit Interesse lesen, hat mir White doch unzählige genussvolle Stunden voller Freude beschert. Neben Colm Toibin und Alain Claude Sulzer einer der (schwulen) Schriftsteller, von dem ich jedes Buch im Regal stehen habe und auf dessen Neuerscheinungen ich entgegenfiebere.
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#2 Taemin
  • 28.06.2021, 10:59h
  • Ich frag mich bloß - was will er uns noch mitteilen, das er uns in seinen bisherigen Autobiographien noch nicht erzählt hat? Hat dieser Exhibitionist (wie er sich selbst in einem seiner Bücher nennt) immer noch Geheimnisse zu enthüllen? Ich bin gespannt.
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