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Verein gegen Videoportal

TikTok: Keine sichere Umgebung für junge Queers?

Der Liebe wen du willst e.V. hat seine Kooperation mit TikTok aufgekündigt, weil die Plattform für junge LGBTI nicht sicher sei. TikTok kann das nicht nachvollziehen. Kritik gibt es auch am Verein.


Die Videoplattform TikTok wird vom chinesischen Unternehmen ByteDance betrieben (Bild: konkarampelas / pixabay)
  • Von Jeja Klein
    29. Juni 2021, 13:51h, noch kein Kommentar

Stehenlassen queerfeindlicher Inhalte, Sperrung von LGBTI-Accounts – der Berliner Verein "Liebe wen du willst" hat der Videoplattform TikTok schwere Vorwürfe gemacht. Man habe nach über einem Jahr eine Kooperation mit dem Netzwerk beendet, nachdem sich trotz mehrmaliger Hinweise nichts an der Situation gebessert habe, gab die Initiative gegen Mobbing und Homo- und Transfeindlichkeit in diesem Monat bekannt. TikTok bedauerte den Schritt und verwies gegenüber queer.de auf die menschlichen und technischen Herausforderungen bei der Moderation.

Schon zu Beginn der Kooperation im Pride-Monat 2020, bei der "Liebe wen du willst" auch einen Spendenbutton auf seiner TikTok-Präsenz erhalten hatte, habe man den Betreiber auf herrschende Moderationsmissstände aufmerksam gemacht. Doch selbst das hartnäckige Melden queerfeindlicher Inhalte habe nicht viel gebracht, so die Vorwürfe: TikToks Sytem habe sich häufig mit der Nachricht zurückgemeldet, dass die Inhalte nicht gegen die Community-Richtlinien verstoßen würden. Damit wollte sich der Verein schließlich nicht mehr abfinden und kündigte die Kooperation mit dem Dienst auf, der auch allgemein aus Daten- und Jugendschutzgründen sowie chinesischer Eigentümer in Kritik steht.

Brennende Regenbogenflagge stehen gelassen

TikTok reagierte mit einem Gesprächsangebot an die Gruppe. Die ging darauf ein und legte ihre Sicht der Dinge nochmals dar. Der Betreiber versprach Besserung – doch getan habe sich wenig, wie der Verein sagt: "Erst kürzlich wurde eine Beschwerde gegen ein Video mit brennender Regenbogenfahne abgelehnt, erst auf unseren ausdrücklichen Nachdruck wurde das Video dann entfernt."

Im Juni diesen Jahres folgte die erneute Aufkündigung der Kooperation. TikTok reagierte mit dem Angebot eines Gesprächs, diesmal mit dem Deutschlandchef der Plattform, Tobias Henning. Doch Steve Hildebrandt von "Liebe wen du willst" kam nicht allein, brachte den Influencer Leon Content mit – und den umstrittenen Anti-Mobbing-Aktivisten Carsten Stahl.

Das Gespräch hatte jedenfalls nicht das gewünschte Ergebnis: TikTok kam nicht mit der erhofften Verbesserung des Moderationskonzepts auf den Verein zu, sondern teilte zum 11. Juni schlicht sein Bedauern über die Kooperationskündigung mit. Das macht Steve Hildebrandt sauer: "Weil die Würde des Menschen unantastbar ist, ist eine endgültige Entscheidung gefallen. Kinder und Jugendliche müssen geschützt werden, ohne Wenn und Aber."

"Wir bedauern die Entscheidung von 'Liebe wen du willst'"

Nochmals mit den Vorwürfen konfrontiert, bedauert Andrea Rungg, Senior Director Communications bei TikTok, auch gegenüber queer.de die Entscheidung des in Berlin ansässigen, gemeinnützigen Vereins. Man habe sich bei TikTok dazu verpflichtet, die Community auf und neben der Plattform zu unterstützen und zu fördern. Man arbeite durch die Richtlinien, automatische Inhaltserkennung und die Förderung von Creator*innen aus der Community daran, eine positive und sichere Erfahrung auf TikTok zu gewährleisten.

Das sei jedoch nicht immer leicht, wie Rungg ausführt: "Technologie ist wichtig, um Muster und Verhaltenssignale zu erkennen. Wir glauben aber auch, dass Technologie heute noch nicht so fortgeschritten ist, dass wir uns komplett auf sie verlassen können. Kontext kann ein Mensch viel besser beurteilen. Zum Beispiel bei Satire oder Ironie."

Der Moderationsprozess laufe sicher nicht fehlerfrei, eine Quelle für solche falschen Einschätzungen seien auch die Menschen, die stellvertretend für TikTok Moderationsentscheidungen treffen müssten, so die Unternehmenssprecherin. In den allermeisten Fällen funktionierten die implementierten Prozesse aber zuverlässig und schnell. Im März habe man zur Verbesserung der Prozesse außerdem einen europaweiten Sicherheitsbeirat gegründet, dem Expert*innen und Aktivist*innen aus den Bereichen Antidiskriminierung, Anti-Mobbing und Deradikalisierung angehören.

Auch auf den Transparenzbericht zur eigenen Moderationspraxis verweist Andrea Rungg im Gespräch. So seien in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 weltweit 89.132.938 Videos entfernt worden. Das entspreche weniger als ein Prozent aller auf der Plattform hochgeladenen Videos. 92,4 Prozent dieser Videos seien ohne vorherige Nutzer*innenmeldung entfernt worden, 83,3 Prozent gar, ehe sie von überhaupt jemandem gesehen worden seien. 93,5 Prozent der Videos wurden außerdem innerhalb eines Zeitraumes von 24 Stunden entfernt.

Umstrittener Anti-Mobbing-Aktivist an Bord

Irritation beim Schlagabtausch zwischen "Liebe wen du willst" und TikTok gab es über die Kooperation mit dem Anti-Mobbing-Aktivisten Carsten Stahl. Der ist bereits seit Jahren umstritten, muss sich regelmäßig von Expert*innen und Politiker*innen Kritik an seinen unkonventionellen Methoden anhören. Die stört ihn jedoch, augenscheinlich, wenig. Stahl macht weiter, schreit in Workshops mit Jugendlichen herum oder zettelt kleinere Volksaufstände mit Demonstrationen gegen Schulen an, an denen Mobbingvorfälle in der Presse bekannt geworden sind. Andere Stimmen wiederum wollen in Stahls Auftreten einen Weg erkennen, Jugendliche zu erreichen, die mit einer durchpädagogisierten Sprache nicht mehr zu erreichen seien.

Der Jugendhilfeausschuss des Berliner Bezirks Neukölln, wo Stahl aufgewachsen ist, entschied 2019, nicht mit Stahl zusammen zu arbeiten. Die SPD-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksverordnetenversammlung, Mirjam Blumenthal, hatte damals etwa kritisiert, Stahl wende "verbale und psychische Erniedrigungen an". Seine Methoden gingen so weit, dass er schon mal "Schüler*innen Waffen an den Hals hält".

Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung (LAG) zeigte Verständnis für die Kündigung der TikTok-Kooperation, übte aber auch Kritik an "Liebe wen du willst". "Schwierig!", kommentierte ein Account der LAG die Verbreitung eines "Bild"-Artikels über den Konflikt auf Instagram. So strotze die Website von Carsten Stahl vor "Kommentaren, die diskriminierend sind gegenüber Menschen und dem demokratischen System". Die LAG weiter: "Zu Bildzeitung muss man nichts mehr zu sagen außer Polemik und Populistisch. Bitte überlegt euch solche Kooperationen auch."