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Literarischer Befreiungsschlag

Muslimin, lesbisch, gläubig

In Frankreich als Ereignis gefeiert, in Deutschland nun mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet: "Die jüngste Tochter" von Fatima Daas handelt von einer Französin algerischer Herkunft, überzeugte Muslimin und selbstbewusst lesbisch.


Fatima Daas wurde 1995 in Frankreich als jüngstes Kind algerischer Eltern geboren (Bild: DeuxPlusQuatre / wikipedia)

"Ich heiße Fatima Daas. Ich bin Französin. Ich bin algerischer Herkunft." Und dann: "Ich heiße Fatima. Ich bin ein Mädchen. Ich stehe auf Jungen." Kapitel, die immer denselben Einstieg haben: "Mein Name ist Fatima" oder "Mein Name ist Fatima Daas". Ungewöhnlich ist aber nicht nur die Form.

"Die jüngste Tochter" von Fatima Daas handelt von der komplexen Identitätssuche einer Französin algerischer Herkunft, die Muslimin, lesbisch und gläubig ist. Mit dem 192 Seiten langen Buch hat die 25-Jährige ihr Debütwerk geschrieben. In Frankreich wurde es im Herbst 2020 als das Ereignis der Literatursaison gefeiert. In Deutschland erhielt Daas zusammen mit der Übersetzerin Sina de Malafosse nun den Internationalen Literaturpreis 2021 zugesprochen.

Jury lobt "verletzliche Offenheit der Erzählerin"

Die Auszeichnung würdigt einen "herausragenden fremdsprachigen Titel der internationalen Gegenwartsliteraturen und seine deutsche Erstübersetzung". Jedes Wort zeuge von der Unerschrockenheit und verletzlichen Offenheit der Erzählerin, erklärte die Jury. Ihre Worte seien so präzise und kraftvoll gesetzt, weil sie wisse, dass es ihrer Worte bedürfe, um eine Welt zu entwerfen, in der sie leben will, so heißt es in der Begründung weiter.

Dotiert ist der seit 2009 jährlich vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin und der Stiftung Elementarteilchen vergebene Preis mit 35.000 Euro. Seit 2016 erhalten die Autor*innen jeweils 20.000 Euro, 15.000 Euro gehen an die Übersetzer*innen.

"Die jüngste Tochter" ist eine Autofiktion

"Die jüngste Tochter" ist eine Autofiktion. Ein Genre, das Bekenntnis und Erfindung mischt. Autor, Erzähler und Protagonist sind deckungsgleich – und tragen denselben Namen. Fatima Daas ist das Pseudonym der Autorin. Was bei diesem Genre nun wahr ist und was nicht, bleibt ungewiss.

Im Fall von Fatima Daas scheint vieles deckungsgleich. Denn in ihren Interviews, darunter auch mit der Deutschen Presse-Agentur in Paris, gibt sie Dinge preis, die den Charakter und das Geschehene in ihrer Geschichte erkennen lassen.

Mit zwölf Jahren fängt sie an, sich wie ein Junge anzuziehen


Die deutsche Übersetzung "Die jüngste Tochter" ist Anfang Mai 2021 im Claassen Verlag erschienen

Daas wurde in einem Pariser Vorort, in einer praktizierenden muslimischen Familie und in bescheidenen Verhältnissen geboren, sie ist die Jüngste von drei Schwestern. Alle außer ihr wurden in Algerien geboren, alle außer ihr sprechen ohne Schwierigkeiten Arabisch. Sie ist Asthmatikern. Mit zwölf Jahren fängt sie an, sich wie ein Junge anzuziehen. Sie hat einen Hang zur Polyamorie, das heißt, sie hat mehrere Partnerinnen, mit denen sie individuelle Liebesbeziehungen führt. Sie wäre gerne Imam geworden und liebt den Koran.

Homosexualität, Islam, Religiosität: Eine Frau voller Widersprüche, zu denen die Autorin steht. Sie habe sich entschieden, nicht zu wählen und zu ihren unterschiedlichen Identitäten zu stehen, sagte sie im dpa-Interview. Die Gesellschaft und unser persönliches Umfeld würden uns zu Entscheidungen drängen – die Reaktionen auf ihr Buch hätten dies bestätigt. "Interessant war, dass weiße Intellektuelle nicht verstehen konnten, warum ich mich zum Islam bekenne." Morddrohungen und Hassbriefe von Muslimen habe sie nicht bekommen.

Ein Roman über Zerrissenheit und Gewissensbisse

Fatima Daas hat sich entschieden, keine ihrer Identitäten aufzugeben und sie in ihren Widersprüchen zu akzeptieren – auch wenn sie sich dadurch schuldig und nie so richtig wohl fühlt. Ihre Zerrissenheit, ihre Gewissensbisse bringt sie in harten Worten zum Ausdruck. So schreibt sie auch: "Ich heiße Fatima Daas. Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Sünderin." Oder: "Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer symbolischen Figur des Islams. Einen Namen, den man ehren muss. Einen Namen, den ich entehrt habe." Fatima ist der arabische Vorname der jüngsten Tochter des Propheten Mohammeds.

Es sind Widersprüche, die dem Buch Spannung und Kraft verleihen. Ebenso wie ihr Stil. Basierend auf "Mein Name ist Fatima Daas" zeichnet jedes Kapitel eine Episode aus dem Leben der Erzählerin nach, ständig vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit. Das liest sich wie Slam- oder Rap-Texte: kurze Sätze, Kontraste, Wiederholungen. Sie habe eine Musikalität gesucht, erklärt Daas.

Warum sie die Autofiktion der Autobiografie vorzieht? "Ich erzähle nicht meine Kindheit, meine Jugend. Ich teile meine Beobachtungen, meine Wut und meine Freuden mit, aber so, dass ich den Leser bewege." Und Fatima Daas fügt hinzu: "Anfänglich wollte ich mich dadurch schützen. Eine Trennung herstellen. Aber letztendlich habe ich mich Fatima Daas dadurch eher angenähert."

Infos zum Buch

Fatima Daas: Die jüngste Tochter. Roman. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. 192 Seiten, Claassen Verlag. Berlin 2021. Hardcover: 20 € (ISBN 978-3-546-10024-3). E-Book: 15,99 €


#1 LegatProfil
  • 30.06.2021, 20:37hFrankfurt am Main
  • "überzeugte Muslimin und selbstbewusst lesbisch"

    Ich kann mich über diesen religiös motivierten Doppeldenk nicht wirklich freuen. Wahre Emanzipation bedeutet das Abwerfen von allen traditionellen Herrschaftsstrukturen, dazu zählt auch der Islam. Der Wunsch, an fortschrittsfeindlichen Traditionen unbedingt festhalten zu wollen und gleichzeitig frei und selbstbestimmt zu leben geht nicht zusammen. Wer das versucht, macht sich meiner Absicht nach ganz massiv was vor.
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#2 RuntAnonym
  • 30.06.2021, 23:20h
  • Antwort auf #1 von Legat
  • "Der Wunsch, an fortschrittsfeindlichen Traditionen unbedingt festhalten zu wollen und gleichzeitig frei und selbstbestimmt zu leben geht nicht zusammen."

    Das behauptet die Autorin so auch nicht. Im Gegenteil: Es geht ihr ja um das Aushalten von und den offenen Umgang mit unauflösbaren Widersprüchen, mit Paradoxien, wie sie durch die Bindung an Familie, Tradition und Herkunft oft entstehen. Wer aus einem migrantischen Umfeld kommt, kann das oft besser nachvollziehen.
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#3 dankeAnonym
#4 trans naysayerAnonym
  • 01.07.2021, 01:54h
  • Antwort auf #1 von Legat
  • "Ich kann mich über diesen religiös motivierten Doppeldenk nicht wirklich freuen."

    Ich habe eine gute Saudi-Arabische Freundin. Sie ist mehr als eine Freundin. Wir sind Liebhaberinnen. Wir haben seit Jahren eine sexuelle Beziehung. Wir lieben uns. Sie ist mit einem hetero Mann verheiratet. Der weiss von unserer Beziehung. Den liebt sie auch. Und er sie. Und er mag mich sehr. Sie ist tiefgläubige Muslimin.
    Sie gehört zu den emanzipiertesten, selbstbestimmtesten, unabhängigsten und integersten Frauen, die ich kenne. - Und atemberaubend schön ist sie dazu.

    Auch ich bin tief in meiner traditionellen spirituellen Kultur verankert. In meinem Fall handelt es sich nicht um eine der monotheistischen und auch keine der sogenannten grossen "Weltreligionen". Es ist überhaupt keine "Religion".
    Seltsamerweise sind meine muslimische Freundin und ich uns in spirituellen Fragen immer einig. Auch in emanzipatorischen Fragen. Wir sind in der Lage, sie über RIESIGE kulturelle Gräben hinweg auf Augenhöhe zusammenzubringen. Alles andere auch. Eine Bereicherung, die wir zusammen sogar ausstrahlen.

    "Wahre Emanzipation bedeutet das Abwerfen von allen traditionellen Herrschaftsstrukturen, dazu zählt auch der Islam."

    Dass der Islam nicht zwangsläufig eine "Herrschaftsstruktur" sein muss und der Emanzipation im Wege steht, beweist Ilhan Omar als Teil von The Squad (Alexandria Ocasio-Cortez, Ayanna Pressley, Rashida Tlaib und Ilhan Omar) in den USA jeden Tag.

    "Im September 2017 bildete das Time Magazine Omar auf der Titelseite ab und listete sie unter Firsts: Women who are changing the world..."

    de.wikipedia.org/wiki/Ilhan_Omar

    "Der Wunsch, an fortschrittsfeindlichen Traditionen unbedingt festhalten zu wollen und gleichzeitig frei und selbstbestimmt zu leben geht nicht zusammen. Wer das versucht, macht sich meiner Absicht nach ganz massiv was vor."

    Ich habe nicht den Eindruck, dass meine Saudi-Arabische Freundin, Ilhan Omar oder ich "fortschrittsfeindlich" sind und nicht "selbstbestimmt leben". Noch weniger, dass wir alle uns "etwas vormachen". Habe ich Dir diesen Eindruck vermittelt-?

    Zitat aus dem Artikeltext:
    "Die Gesellschaft und unser persönliches Umfeld würden uns zu Entscheidungen drängen. Die Reaktionen auf ihr Buch hätten dies bestätigt. "Interessant war, dass weiße Intellektuelle nicht verstehen konnten, warum ich mich zum Islam bekenne.""

    Es gibt Menschen, die lesen ein paar Bücher, treten aus der Kirche aus und halten das für eine Befreiung und ein grosses Ding. Boom! In Wirklichkeit ist es nur Bücher Lesen und ein Behördengang. Mit einem Formular zum Kirchenaustritt wirft man nicht seine tiefe christlich-abendländische Prägung, noch weniger seine Rückständigkeit oder Bigotterie ab. Um frei, emanzipiert und selbstbestimmt zu sein, braucht es mehr. VIEL MEHR.

    Hier nur drei von VIELEM, was es braucht, um "selbstbestimmt und frei" zu sein: Wahre Empathiefähigkeit, persönliche Hochachtung und unbedingter Respekt...

    Wer bin ich, die ich aus einer Kultur komme, in der ALLES spirituell ist, die Spiritualität anderer in Frage zu stellen - und ihnen dazu noch ihre "wahre Emanzipation" abzusprechen-?
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#5 WanndererAnonym
#6 LegatProfil
  • 01.07.2021, 08:38hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #5 von Wannderer
  • "Es ist auch immer sehr einfach, über Religionen zu reden, denen man nicht angehört."

    Warum sollte das ,"einfach" sein? Ich muss auch nicht erst Mitglied der AfD werden, um diese zu kritisieren!

    "Zudem gibt es emanzipatorische Strömungen in jeder Religion."

    Die drei großen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) propagieren ein durch und durch patriarchales Weltbild. Sich dagegen zu emanzipieren und gleichzeitig "gläubig" zu bleiben bedeutet, wesentliche Teile der Kernbotschaft dieser Religionen willentlich zu ignorieren. Kann man machen, ist aber Doppeldenk und für mich sehr unglaubwürdig.
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#7 GussiEhemaliges Profil
  • 01.07.2021, 09:11h
  • Antwort auf #6 von Legat
  • Dem kann ich nur zustimmen. Entweder ich bin emanzipiert und demnach frei von jeglicher Religionszugehörigkeit oder ich lebe mit dieser Doppelmoral. Für mich geht Schwulsein nicht einher mit dem Glauben an ein Gott, den es sowieso nicht gibt.
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#8 LegatProfil
  • 01.07.2021, 10:33hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #7 von Gussi
  • "Entweder ich bin emanzipiert und demnach frei von jeglicher Religionszugehörigkeit oder ich lebe mit dieser Doppelmoral."

    In Hinsicht auf die drei großen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam gebe ich dir recht. Homohass, Frauenverachtung und patriarchale Unterdrückung gehören bei diesen zum Markenkern.

    Allerdings kann man sich natürlich eine eigene, liebevolle Religion zusammenbasteln, wenn man denn möchte. Das wäre ja nichts anderes, als die Urväter der abrahamitischen Religionen getan haben, nur eben im Gegensatz zu denen aus einem progressiven Moralverständnis heraus. Da spricht dann nichts grundsätzlich dagegen, finde ich, auch wenn ich grundsätzlich der Meinung bin, dass es mindestens tendenziell problematisch ist, sein Weltbild an Fantasiekonstrukten auszurichten.

    Richtig schwierig wird es aber dann, wenn man auf der einen Seite sagt, man sei selbstbewusst lesbisch und glaube gleichzeitig an "den Islam". Wenn schon, dann glaubt man in diesem Fall an eine außerordentlich obskure persönliche Version von Islam, die in keiner Weise Mainstream ist. Hier von Islam zu sprechen ist intellektuell unredlich und da beginnt das ganze Problem. "Der Islam" im Sinne von Mainstream ist nämlich keinesfalls so weit, wie ihn Frau Daas und auch ich ihn gerne hätten. Daher wäre es viel ehrlicher zu sagen "Ich bin lesbisch, gläubig und habe mir eine an den Islam angelehnte Religion zusammengebastelt, die mich nicht verachtet, obwohl dies so im Koran für Menschen wie mich gefordert wird.". Wenn man diesen absoluten Widerspruch dann so aushalten möchte, bittesehr.

    "Für mich geht Schwulsein nicht einher mit dem Glauben an ein Gott, den es sowieso nicht gibt."

    Für mich zumindest nicht mit dem allseits bis auf wenige Ausnahmen behaupteten homohassenden Rachegott.
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#9 LegatProfil
#10 LegatProfil
  • 01.07.2021, 10:36hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #2 von Runt
  • Das habe ich schon verstanden nur stimme ich nicht überein, dass dies ein unlösbarer Konflikt sei. Die Lösung ist, sich von dem zu emanzipieren, dass eine*n unterdrückt und zwar mit aller Konsequenz.
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