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Interview

Regisseurin: "Loving Her" nicht mit "All You Need" vergleichen!

Mit "Loving Her" hat Leonie Krippendorff ein lesbische Serie fürs ZDF geschaffen. Wir sprachen mit ihr über Homosexualität als TV-Trend, Normalität statt Nische, ihre Vorbilder und den rasanten Produktionsprozess.


Zwischen Anouk (Larissa Sirah Herden, l.) und Hanna (Banafshe Hourmazdi, r.) knistert es, als sie sich nach dem Konzert näherkommen (Bild: ZDF / Marcus Glahn)

Nach der schwulen ARD-Serie "All You Need" erscheint mit "Loving Her" im ZDF innerhalb kurzer Zeit das zweite queere Serienformat bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Die Miniserie ist ab 1. Juli in der ZDF Mediathek und am 3. Juli außerdem bei ZDF Neo zu sehen (siehe auch unsere Kritik "'Loving Her' macht's vor: So geht eine gute queere Serie").

Im Mittelpunkt steht die Mittzwanzigerin Hanna (Banafshe Hourmazdi), die zufällig ihrer Jugendliebe Franzi (Lena Klenke) und deren neuer Partnerin begegnet. Daraufhin beginnt sie über die vergangene Beziehung und alle seitherigen Liebschaften zu reflektieren. Das Instant-Fiction-Format erzählt so in jeder der sechs, jeweils weniger als 15 Minuten dauernden Folgen von einer anderen romantischen Begegnung, die Hanna gemacht hat.

Mit Leonie Krippendorff ("Kokon"), die zusammen mit Marlene Melchior das Drehbuch verfasste und außerdem die Regie übernahm, haben wir über queere Sichtbarkeit im Fernsehen, die Unterschiede zu "All You Need", persönliche Vorbilder und den besonderen Produktionsprozess des Instant-Fiction-Formats gesprochen.


Leonie Krippendorff (Bild: privat)

Frau Krippendorff, vor Kurzem machte die ARD mit "All You Need" als erste schwule Serie der öffentlich-rechtlichen Sender von sich reden. Jetzt folgt mit "Loving Her" eine Art lesbisches Äquivalent?

Ich sehe darin kein Äquivalent, weil die Serien stilistisch sehr unterschiedlich sind. Mir ist es sogar ein Bedürfnis, dass nicht alles, was queer ist, miteinander verglichen wird – bei heterosexuellen Liebesgeschichten passiert das ja auch nicht. Klar, dass der Vergleich kommt, aber ich finde er hinkt. Die beiden Serien haben nicht wirklich etwas miteinander zu tun.

Nichtsdestotrotz haben die öffentlich-rechtlichen Sender nun innerhalb kürzester Zeit zwei queere Serien veröffentlicht. Tut sich da gerade etwas bei den großen Sendeanstalten oder ist das ein momentaner Trend?

Für mich wäre dann etwas erreicht, wenn die Produktionen nicht mehr ausdrücklich als "queer" beschrieben werden müssten. Wenn wir einfach davon sprechen können, dass eine Figur gerade Person X liebt und es egal ist, welches Geschlecht sie hat. Erst dann kann man für mich auch nicht mehr von einem "Trend" sprechen: Wenn eine gewisse Normalität erreicht ist und es sich nicht mehr so anfühlt, als würde man einem Nischenthema gerade mehr Raum geben. Die Aufmerksamkeit, die queere Projekte gerade erfahren, sehe ich aber auf jeden Fall als wichtigen Schritt, und ich hoffe, dass es hiermit nicht aufhört.

In Sachen queerer Sichtbarkeit ist also in jedem Fall eine Entwicklung zu erkennen. Können Sie sich noch an eine queere, weibliche Figur im deutschen Fernsehen erinnern, die Sie in Ihrer Jugend geprägt hat?

Nein! (lacht) Ich kann mich da an keine lesbische Figur im deutschen Fernsehen erinnern, die mir besonders wichtig gewesen wäre. Ich erinnere mich aber an "Fucking Åmål" – und bei dem Film habe ich damals unheimliche Glücksgefühle gespürt.

Und wie ist es speziell in Ihrer Rolle als Filmemacherin? Welche Vorbilder gibt es da?

Céline Sciamma ist ein echtes Vorbild. Sie ist eine wahnsinnig gute Filmemacherin, die bereits viele lesbische Liebesgeschichten erzählt hat, ohne dabei ausdrücklich als "queere" Regisseurin zu gelten.

"Loving Her" erzählt von der lesbischen Mittzwanzigerin Hanna. Als Zuschauer*innen verfolgen wir ihren Reflexionsprozess über vergangene Liebschaften, nachdem sie ihrer Ex-Freundin zufällig auf der Straße begegnet. Was hat Sie an dieser Geschichte gereizt?

Es handelt sich um eine Adaption der niederländischen Serie "Anne+" und ich wurde von der Produktionsfirma "MadeFor" angesprochen, ob ich Interesse daran habe. Da war ich gerade auf einer kleinen Insel, um zu schreiben, und hatte im Lockdown das Gefühl, dass sich die Welt wahrscheinlich nie weiterdrehen wird. Als dann die Anfrage kam und mir gesagt wurde, dass das sehr schnell gedreht werden soll, hat mich das direkt gereizt. Mir hat das Original bereits sehr gut gefallen – gerade deswegen, weil das Queersein der Hauptfigur nur darüber erzählt wird, dass sie lesbisch liebt. An sich ist das in der Serie gar kein Thema, es handelt sich schlicht um Liebesgeschichten, mit denen sich jeder identifizieren kann, egal welche sexuelle Orientierung der Zuschauer oder die Zuschauerin selbst hat. Diese Natürlichkeit hat mich total gereizt, ich war also direkt Feuer und Flamme.


Bei einer Firmenfeier kommen sich Hanna (Banafshe Hourmazdi, l.) und ihre Chefin Josephine Brenner (Karin Hanczewski, r.) näher(Bild: ZDF / Marcus Glahn)

Die Serie ist ein Instant-Fiction-Format – welche Abstriche mussten Sie bei der Produktion in Kauf nehmen?

Es war ein beschleunigter Produktionsprozess mit geringerem Budget. Man hat wenig Zeit und wenig Geld, um sehr schnell etwas hoffentlich Schönes auf die Beine zu stellen. Einerseits ist es toll zu wissen, dass man an etwas arbeitet, das in nur wenigen Monaten tatsächlich gedreht werden wird. Das hat also schon mal eine besondere Energie, die ich nur noch aus der Uni kenne. Von meinen Kinoprojekten kenne ich das hingegen so, dass alles sehr lange dauert und man viel Herzblut investiert, ohne zu wissen, wann und ob es überhaupt gedreht wird.

Andererseits bedeutet dieser Produktionsprozess natürlich auch einen besonderen Zeitdruck. Für die hohe Qualität, die wir alle erreichen wollten, musste alle Beteiligten an ihre Grenzen gehen – und dafür bin ich sehr dankbar. Am Ende freue ich mich natürlich sehr, dass wir diese schöne Serie realisieren konnten.

Zum Instant-Fiction-Format gehört ja auch eine gewisse Kürze. Die sechs Folgen – die jeweils weniger als 15 Minuten dauern – erzählen jeweils von einer anderen Liebschaft. Wie schafft man es denn, in dieser Knappheit die Komplexität der Beziehungen nicht leiden zu lassen?

Das war tatsächlich meine größte Angst. Ich glaube, an diesem Format ist so toll, dass man diese erzählten Stationen verschiedener Beziehungen selbst sehr gut kennt. Man ist mit den Gefühlen vertraut, die in unseren exemplarischen Situationen erlebt werden. Man reflektiert als Zuschauer*in also darüber und kann sich dadurch in die Figuren hineinversetzen. Ich hoffe, dass – obwohl man in diesem Format eben nicht in die Tiefe gehen kann – "Loving Her" so nicht an emotionaler Tiefe verliert.

In der Serie begegnen wir ganz unterschiedlichen Ex-Freundinnen. Es gibt beispielsweise das oberflächliche Berliner Partygirl und die wesentlich ältere Vorgesetzte mit Familie. Gibt es eine Episode, auf die Sie besonders stolz sind oder Ihnen besonders viel bedeutet?

Nicht wirklich, da die Figuren so unterschiedlich sind. Beim Schauen denke ich mir immer wieder "Das ist sie, meine Lieblingsepisode!" und dann kommt die nächste. (lacht) Mir bedeutet es einfach viel, wenn wir über die einzelnen Beziehungen eine Welt schaffen konnten, die in sich stimmig ist und funktioniert.


Bei ihrer ersten Begegnung liegt Hanna (Banafshe Hourmazdi, l.) Sarah (Soma Pysall, M.) wortwörtlich zu Füßen (Bild: ZDF / Marcus Glahn)

Aktuell wird viel darüber diskutiert, ob jede*r Schauspieler*in auch wirklich jede Rolle spielen sollen könnte, oder ob es wichtig ist, dass beispielsweise lesbische Figuren auch tatsächlich von queeren Darsteller*innen gespielt werden. Wie wichtig war es Ihnen beim Casting, dass das LGBTI-Spektrum vertreten ist?

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht. Als wir angefangen haben zu casten, war das noch vor 'Act Out'. Grundsätzlich gibt es ganz viele Schauspieler*innen, die entweder noch nicht geoutet sind oder sich selbst noch gar nicht sicher sind, wie es in ihnen aussieht – ich wollte da also ganz offenbleiben. Andererseits war es mir auch wichtig, dass wir auch queere Darsteller*innen haben – dazu etwas zu sagen, wer das nun ist, ist den jeweiligen Darsteller*innen aber natürlich selbst überlassen. Es war auf jeden Fall keine Casting-Voraussetzung.

Das wäre auch schwierig gewesen, weil es ohnehin eine Herausforderung ist, die richtige Person für eine Rolle zu finden, und dazu zählt mehr als nur die Queerness. In jedem Fall war der Cast sehr offen und hatte in keiner Weise Berührungsängste mit dem Thema Homosexualität.

Sie haben in einem Statement betont, dass das Besondere an der Serie sei, dass in ihr eigentlich alles ganz normal ist. Haben Sie deswegen bewusst auf Reflexionsprozesse über die eigene sexuelle Orientierung oder ein Eintauchen in die queere Community verzichtet?

Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Unser Wunsch war, dass die Serie nicht wieder – und diese Erfahrung habe ich am Anfang meiner Karriere gemacht, weil ich bislang hauptsächlich queere Stoffe erzählt habe – in eine Nische gesteckt wird. Wir wollten Hanna einfach als Studentin erzählen, die Frauen liebt und deswegen nicht prominent in der Szene unterwegs sein muss. Das trifft ja wirklich auf viele frauenliebende Frauen zu. Viele haben einen gemischten Freundeskreis, und so ist es auch in der Serie: Es gibt Mitbewohnerin Holly, die wegen einer Frau Liebeskummer hat, aber eben auch Mitbewohner Tobi und seine Ex-Freundin. Es war uns wichtig, dass alle zusammenleben, ohne in einer Szene zu sein oder sich abgrenzen zu müssen.

Infos zur Serie

Loving Her. Instant-Dramaserie.Deutschland 2021. Regie: Leonie Krippendorf. Darstellerinnen: Banafshe Hourmazdi, Lena Klenke, Emma Drogunova, Larissa Sirah Herden, Karin Hanczewski, Soma Pysall. Laufzeit: 6 Folgen à ca. 10 Minuten. Ab 1. Juli 2021, 10 Uhr, für ein Jahr in der ZDF-Mediathek abrufbar. Alle Folgen sind am 3. Juli 2021 ab 21.40 Uhr in ZDFneo zu sehen
Galerie:
Loving Her
23 Bilder


#1 HerzkäferlAnonym
  • 01.07.2021, 15:11h
  • Super gelungen. Freue mich schon auf die Serie, dank Frau Wintermayr, die die Zeilen mal wieder zu leben erweckt hat.
    DANKESCHÖN
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#2 DramaQueen24Profil
  • 01.07.2021, 18:15hBerlin
  • Hab mir in der Mediathek drei Folgen angesehen. Gut geschrieben, gut gemacht, und vor allem glaubwürdige Charaktere, ganz anders, als in der ARD Serie.
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