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"Ich schloss die Augen und dachte an England"

Ein historischer Film-Kuss feiert Geburtstag

Heute vor genau 50 Jahren – am 1. Juli 1971 – feierte der Film "Sunday, Bloody Sunday" von John Schlesinger seine Premiere. Eine Szene zeigt einen damals sehr mutigen Kuss zwischen zwei Männern.


Daniel Hirsh und Bob Elkin küssen sich in "Sunday, Bloody Sunday (Bild: Vectia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    1. Juli 2021, 09:28h, 1 Kommentar

Die Dreiecksgeschichte von "Sunday, Bloody Sunday" ist recht schnell erzählt: In London haben der Arzt Daniel Hirsh und die geschiedene Arbeitsberaterin Alex Greville unabhängig voneinander ein Verhältnis mit dem bisexuellen Bildhauer Bob Elkin. Der Film endet damit, dass Bob England verlässt. Dass John Schlesinger für diesen sehr persönlichen Film von der Produktionsfirma United Artists viel künstlerische Freiheit bekam, hatte auch mit seinem kommerziell erfolgreichen Film "Midnight Cowboy" (1969) zu tun, den er kurz vorher mit Dustin Hoffman gedreht hatte.

Auch "Sunday, Bloody Sunday" wurde erfolgreich und der Film bzw. die an ihm beteiligten Personen erhielten viele wichtige Preise. Bei der Oscar-Verleihung im Jahr 1972 war "Sunday, Bloody Sunday" für vier Oscars nominiert. Er erhielt den Golden Globe als beste ausländische Produktion in englischer Sprache sowie fünf britische Filmpreise. Für seine schwule Rolle bekam Peter Finch außerdem den Preis der National Society of Film Critics.

Heute ist "Sunday, Bloody Sunday" in der Originalfassung legal auf Dailymotion online verfügbar (erster Teil – mit der Kussszene von 22:25 bis 23:00 Min.; zweiter Teil). Es gibt auch diverse DVD- und Blu-ray-Fassungen zu kaufen.

Die Personen hinter dem Film

Bei drei Personen lohnt es sich, auf die persönlichen Hintergründe und ihre sonstigen Filmproduktionen zu verweisen. Die wichtigste ist der offen schwule Regisseur John Schlesinger, der selber Erfahrungen mit Dreiecksbeziehungen hatte, die das Drehbuch von "Sunday, Bloody Sunday" inspirierten. Kurz zuvor war er für seinen Film "Midnight Cowboy" (1969) mit dem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet worden und hatte schon hier eine homosexuelle Nebenhandlung inszeniert. In dem schwulen Drama "Die verlorene Sprache der Kräne" (1991) ist er in einer Nebenrolle zu sehen.

Für die beiden Hauptrollen in "Sunday, Bloody Sunday" verpflichtete er u.a. den renommierten britischen Schauspieler Peter Finch (als Daniel Hirsh), der schon von einer anderen schwulen Filmrolle her bekannt war: In "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) hatte er die Hauptrolle als Oscar Wilde übernommen.


Schlesinger (links) bei den Dreharbeiten von "Sunday, Bloody Sunday" (Bild: Vectia)

Glenda Jackson war nicht weniger bekannt und ihre Rolle als Alex Greville hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Rolle als Gudrun in Ken Russells Spielfilm "Liebende Frauen" (1969, s. meinen Artikel auf queer.de), in dem sie eine Beziehung mit Rupert führt, der sich auch mit seinem Freund Gerald ein Verhältnis wünscht. Auch ihre schauspielerischen Leistungen als lesbische Solange in "Die Zofen" (1975) sowie in den Ken-Russell-Filmen "Salomes letzter Tanz" (1988) und "Der Regenbogen" (1989) sind erwähnenswert. Kleiner fun fact am Rande: In "Liebende Frauen" tut Glenda Jackson in einer kurzen spielerischen Szene so, als wäre sie Antonina Milyukova, die Frau des schwulen Komponisten Pjotr Tschaikowsky. Zwei Jahre später verkörperte sie in Russells "Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn" (1971, s. meinen Artikel auf queer.de) tatsächlich diese Ehefrau.

Der Kuss

In einer Szene in "Sunday, Bloody Sunday" geben sich Daniel Hirsh und Bob Elkin zur Begrüßung einen intensiven Zungenkuss. Später gab (der heterosexuelle) Peter Finch offen zu, dass ihm dieser Kuss nicht leicht gefallen sei. Als Finch von einem Journalisten gefragt wurde, wie er sich dabei gefühlt habe, antwortete er: "Ich schloss die Augen und dachte an England" (Wikipedia). Dies ist eine Anspielung auf die angeblich viktorianische Redensart "Mach die Augen zu und denk an England", mit der Mütter damals ihre Töchter vor der Hochzeitsnacht sexuell "aufgeklärt" haben sollen. Shirley Bassey, eine Freundin von Peter Finch, gab der britischen Presse zu Protokoll, ihr sei bei der Kinovorführung nach dieser Szene sogar übel geworden (s. Axel Schock und Manuela Kay: "Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon", 2003. S. 125-126).

Bei der heutigen Rezeption des Films steht die Inszenierung dieses Kusses erkennbar im Vordergrund, wie in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 1:17:35 bzw. 1:19:45-1:20:25 Min.), die neben der Filmszene auch ein Interview mit John Schlesinger beinhaltet. Auch von Murray Head, der den bisexuellen Bob Elkin verkörperte, ist ein Interview zu diesem Kuss bekannt: "Sunday, Bloody Sunday – Murray Head on the Famous Kiss" (2012, s. ab 1:48 Min.). Verweisen möchte ich auch auf die Filmbesprechung von Steve Hayes in "Classic Movie Review: Peter Finch & Glenda Jackson 'Sunday, Bloody Sunday' from Steve Hayes" (2011).

Die Internet Movie Database (IMDB) hat bei 24 Filmen aus der Zeit bis 1971 das Schlagwort "Gay Kiss" vergeben. Das mag sich zunächst nach recht vielen Filmen anhören, aber dabei ging es nur selten um Mainstream-Filme wie "Die Harten und die Zarten" (s. meinen Artikel auf queer.de) oder "Something for everyone" (s. meinen Artikel auf queer.de).

Die meisten dieser Filme sind unbedeutender, die Filmszenen weniger deutlich oder es handelt sich um Animationsfilme wie "Pérák a SS" (1946, hier Filmszene online, 10:18-10:40 Min. mit dem Stereotyp des "schwulen Nazis"), die ganz anders rezipiert werden und deshalb nur bedingt oder gar nicht mit "Sunday, Bloody Sunday" vergleichbar sind. Erinnern möchte ich auch daran, dass 1987 ein schwuler Kuss in der ARD-Serie "Lindenstraße" noch für Aufsehen sorgte und ein zweiter Kuss 1990 sogar zu Morddrohungen gegenüber den Darstellern führte (queer.de berichtete). Aktuell sind es übrigens mehr als 2.360 Filme, in denen laut IMDB ein "Gay Kiss" zu sehen ist.

Wie aktuell sind Drehbuch-Küsse unter Hetero-Schauspieler*innen?


Ein Meilenstein des Queer Cinema: "Sunday, Bloody Sunday" ist auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich

Über heterosexuelle Schauspieler in schwulen Rollen wird heute vollkommen anders diskutiert, aber die besondere Sensibilität und die Aufmerksamkeit, die Kuss- und Sexszenen von Heteros bekommen, ist geblieben. Schwule Küsse und Bettszenen zwischen hetero Schauspieler*innen sind inzwischen üblicher geworden und werden eher professionell gesehen werden – in markantem Kontrast zu den Äußerungen von Peter Finch zu seinem Kuss in "Sunday, Bloody Sunday". Selbstverständlich sind sie jedoch bis heute nicht. Das zeigt die Tatsache, dass die Schauspieler darüber nach wie vor in Interviews befragt werden und sich dazu äußern.

Ein selbstverständlicher Umgang wäre die Akzeptanz, dass es zur Professionalität von Schauspieler*innen gehört, Rollen unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung darstellen zu können. Ich verstehe nicht, warum Serien wie "All You Need" teilweise dafür kritisiert werden, dass vier heterosexuelle Männer die schwulen Hauptrollen übernommen haben. Wenn heterosexuellen Schauspielern ihre Fähigkeit abgesprochen wird, homosexuelle Rollen glaubhaft zu verkörpern, müsste man im Umkehrschluss auch homosexuellen Schauspielern ihre Fähigkeit absprechen, heterosexuelle Rollen zu verkörpern.

John Schlesinger in der Erinnerung seines Neffen

Einer der spannendsten Texte über "Sunday, Bloody Sunday" stammt von Ian Buruma, dem Neffen John Schlesingers ("Sunday, Bloody Sunday: Something Better". In: "Criterion", 2012). Während der Dreharbeiten zu diesem Film war Ian Buruma bei seinem Onkel in London und konnte ihn aus nächster Nähe beim Arbeiten erleben. Schlesinger war für ihn nicht nur ein Onkel, sondern auch ein glamouröser Regisseur, der ihm diverse Filmstars vorstellte.

Nach Buruma spiegelt der Film viel von Schlesingers Privatleben wider und er kann sich sogar noch recht gut an den Theaterschauspieler und Freund seines Onkels erinnern, der zum Vorbild für die Filmrolle des Bob Elkin wurde. Für Buruma ist das Gefühl von Normalität der radikalste Aspekt dieses Films. Schwule Charaktere in Filmen seien bis zu dieser Zeit fast immer nur als Abweichler oder Kriminelle dargestellt worden, die es dem heterosexuellen Publikum ermöglicht hätten, sich überlegen zu fühlen oder amüsiert zu werden. Buruma erinnerte sich auch noch an eine Äußerung seines Onkels über die Kussszene: Er habe nicht gewollt, dass die Szene schüchtern oder schäbig wirkte, und die Kamera habe dabei weder aufdringlich sein noch wegblenden sollen.

Diese selbstverständliche Darstellung von Homosexualität war – so Buruma – auch für Schlesinger eine Wende. In dessen früheren Filmen wie "Midnight Cowboy" habe es zwar auch schon schwule Charaktere, aber nie zärtlichen Sex gegeben. Schlesinger sei zwar nie ein Aktivist gewesen, aber Stonewall habe ihn verändert und dieser Film sei eine Art Coming-out gewesen. Einige Details im Film seien typisch für das London der oberen Mittelschicht in den frühen Siebzigerjahren. Die Einstellung zur Homosexualität habe sich seit dieser Zeit stark verändert, aber die Emotionen, die Schlesinger hier so meisterhaft inszeniert habe, seien zeitlos.

Was bleibt?

Es bleibt die Erinnerung an einen wichtigen Meilenstein des Queer Cinema."Sunday, Bloody Sunday" ist ein Film, der hinsichtlich seiner offenen und realistischen Darstellung homosexueller Liebe damals bahnbrechend und mutig war.

John Schlesinger gehört heute zu den großen britischen Regisseuren, die einen eigenen Stil verwirklicht haben. Er selbst zählte sich zwar nicht zu den großen Erneuerern des Kinos wie Luis Buñuel und war auch nicht so politisch engagiert wie Jean-Luc Godard. Die Regisseure, denen er nacheiferte, waren Humanisten wie François Truffaut. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er an der Seite seines Lebensgefährten, des Fotografen Michael Childers, in den USA, wo er 2003 starb.

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#1 StaffelbergblickAnonym
  • 01.07.2021, 14:23h
  • Ich kann mich noch sehr gut an die Vorführung in der "Lupe" in Berlin erinnern Es war "übersichtlich" besucht. Dieser Film hatte mich damals sehr beeindruckt ... und macht es immer noch. Und in der Tat ... dieser Kuss, formatfüllend auf einer damals üblich großen Leinwand.
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