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Kinostart

Ist "Sommer 85" ein "La Boum" für Schwule, Monsieur Ozon?

Mit "Sommer 85" präsentiert François Ozon eine fröhliche Nostalgie-Reise, bei der sich zur zauberhaften Liebesgeschichte zwischen zwei Jungs ein überraschender Krimi gesellt. Der Maestro im Interview.


Die Hauptrollen in "Sommer 85" spielen die leinwandpräsenten Newcomer Benjamin Voisin und Félix Lefebvre (Bild: Wildbunch Germany)
  • Von Dieter Oßwald
    1. Juli 2021, 10:16h, noch kein Kommentar

Er ist der Kino-Liebling der Grande Nation. Sein Kinodebüt "Sitcom" durfte François Ozon ebenso wie seinen Krimi "Swimming Pool" in Cannes präsentieren, sein Beziehungsdrama "5x2" ging in Venedig an den Start und auf der Berlinale zeigte er die Theaterverfilmung nach Fassbinders "Tropfen auf heiße Steine", das Lustspiel "8 Frauen", das Kostümdrama "Angel" und das Baby-Drama "Ricky".

Nach dem Missbrauchsdrama "Gelobt sei Gott" folgt nun "Sommer 85", der am Freitag auf dem Filmfest München seine Deutschland-Premiere feiert und am 8. Juli regulär in die Kinos kommt. Wir sprachen mit dem französischen Maestro über die Achtzigerjahre, die Vergleiche mit "Call Me By Your Name" und sein nächstes Werk "Peter von Kant".


François Ozon (Bild: Georges Biard / wikipedia)

Monsieur Ozon, Sie wollten den Roman "Tanz auf meinem Grab" seit 35 Jahren verfilmen. Weshalb hat es derart lange gedauert?

Dinge passieren, wenn sie passieren sollen. Es ist bisweilen ganz gut, eine gewisse Reife und Distanz zu haben. Den Roman las ich 1985 mit 17 Jahren, damals träumte ich davon, Regisseur zu werden. Und dieses Buch hätte der Stoff für meinen ersten Film werden sollen. Vor allem die Position des Beobachters hatte mich dabei interessiert. Als alter Mann kann ich nun zu diesem Punkt meiner Jugend zurückkehren und mich meiner melancholischen Nostalgie hingeben. (lacht)

Wäre der Film von einem jungen Wilden völlig anders ausgefallen?

Hätte ich den Film früher gemacht, wäre er vollkommen anders ausgefallen. Es hätte vermutlich mehr Gewalt gegeben, alles wäre weniger charmant und sexy ausgefallen. Jetzt porträtiere ich die Teenager ja mit einer großen Zärtlichkeit.

Der Soundtrack reicht von Bananarama über The Cure bis zu Rod Stewarts "I am Sailing" – da lässt es sich leicht nostalgisch werden. Waren die Achtzigerjahre für Sie die gute alte Zeit?

Es war ein besonderes Vergnügen für mich, filmisch in diese Zeit zurückzukehren – von der Mode über die Ausstattung bis zur Musik. Für die Zuschauenden stellen sich schnell nostalgische Gefühle ein, zumal unsere aktuelle Zeit nicht unbedingt einfach ist. Allerdings sollte man das nicht zu verklärt sehen. Ganz so happy waren die Achtzigerjahre nicht, auch damals gab es große Probleme wie Aids oder die Arbeitslosigkeit.

Die Szene in der Disco mit dem Walkman erinnert stark an den französischen Teeniefilm-Klassiker schlechthin. Was halten Sie vom Prädikat: "La Boum" meets "Call Me By Your Name"?

"La Boum" war ein enormer Erfolg und für mich als Teenager damals ein ganz wichtiger Film. "Call Me By Your Name" gefällt mir gut, wobei ich das Buch nicht gelesen habe. Es gibt durchaus Parallelen zwischen den beiden Filmen, letztlich jedoch sind sie doch ganz unterschiedlich.


Poster zum Film: "Sommer 85" startet am 8. Juli regulär im Kino. Ab Freitag ist er zuvor beim Filmfest München zu sehen

Sie erzählen eine Lovestory und einen Krimi. Die sexuelle Orientierung spielt überhaupt gar keine Rolle mehr. Ist queer das neue normal?

Genau dieser Umstand hat mir sehr gefallen, als ich den Roman 1985 las. Diese große Selbstverständlichkeit im Umgang von Schwulsein war damals alles andere als üblich. Hier gibt es nicht die übliche Selbstzweifel, keine Probleme mit Coming-out oder Homophobie. Und auch Aids spielte zu dieser Zeit noch keine Rolle. Es war einfach eine ganz universelle Liebesgeschichte, die mich schwer beeindruckte.

Wer Ihre Filme kennt, dürfte in "Sommer 85" einige Déjà-vu-Erlebnisse bekommen. Cross-Dressing kennt man aus "Ein Sommerkleid" oder "Eine neue Freundin", die Szene in der Leichenhalle in "Unter dem Sand", eine Beziehung zu einem Professor in "In ihrem Haus", der Friedhof in "Frantz" – das kann kaum Zufall sein?

Diese Szenen finden sich alle im Roman, davon ist nichts von mir erfunden. Als ich vor zwei Jahren "Tanz auf meinem Grab" nochmals las, war ich tatsächlich schockiert. Offensichtlich war dieser Roman unbewusst derart wichtig für mich, dass mich Elemente daraus viel später für Szenen in ganz unterschiedlichen Filmen inspirierten. Ich wurde vom Autor Aidan Chambers bei meinen Filmen beeinflusst, ohne es überhaupt zu merken.

Welche Szenen aus dem Roman finden sich in Ihrem neuen Film "Peter von Kant", jener Adaption von Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant"?

Vielleicht gibt es Parallelen, wenn es um das Prinzip der Liebe geht. So unterschiedlich ein Paar sein mag, ist es in der Liebe doch vereint. Da treffen sich die Werke von Aidan Chambers und Rainer Werner Fassbinder.

Sie sind Fan von Fassbinder, haben sein Bühnenstück "Tropfen auf heiße Steine" verfilmt und auf der Berlinale präsentiert. Was macht die Faszination aus?

"Tropfen auf heiße Steine" ist zwanzig Jahre her, damals hatte ich den Eindruck, die Deutschen mögen Fassbinder nicht besonders. Mittlerweile hat sich das wohl geändert, man erkennt auch in Deutschland die Fähigkeiten und das Genie von Fassbinder. Entsprechend neugierig bin ich auf die Reaktionen, die es auf "Peter von Kant" geben wird.

Sie haben den Film auf klassischem Super 16 gedreht statt digital, was gab dafür den Ausschlag?

Auf Super 16 habe ich meine ersten Kurzfilme gedreht – damals war das Material übrigens weitaus günstiger als heute! Ich mag diese grobe Körnigkeit, die so spezifisch für diese Art von Filmmaterial ist. Die Farben wirken einfach viel schöner. Es gibt ein gewisse Unschärfe, die gerade bei Grossaufnahmen der Haut sehr sinnliche Ergebnisse erzeugt, wie man es digital nie erreichen kann.


Szene aus "Sommer 85" (Bild: Wildbunch Germany)

In Deutschland haben sich unlängst 185 Schauspieler auf dem Titel des SZ-Magazins als Mitglied der LGBTI-Community geoutete, #ActOut hat für viel Furore gesorgt. Wäre das für Frankreich eine gute Idee oder gar nicht notwendig?

In Frankreich möchten die Menschen ungern katalogisiert werden. Niemand möchte auf eine einzige Sache reduziert werden. Deswegen wird auch über Sexualität gar nicht so groß gesprochen. Coming-out ist längst kein so großes Thema wie etwa in den USA. Es sollte kein Problem sein, aber es wird wenig darüber geredet.

Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Schauspielenden verkörpert werden sollten?

Das finde ich total dumm. Das würde dann ja auch bedeuten, dass ich als Mann keine Filme über Frauen drehen darf. Künstler müssen offen sein für unterschiedliche Erfahrungen und sich in verschieden Rollen hineinfinden können. Ob jemand schwul ist oder heterosexuell, macht dabei überhaupt keinen Unterschied. Entscheidend ist vor allem die Sensibilität.

Nach fast zwei Dutzend Filmen: Ist der Job auf dem Regiestuhl für Sie einfacher geworden oder schwieriger, weil Sie Ihre Unschuld verloren haben?

Die Unschuld hatte ich nie, das ist mein Problem. Wenngleich ich vielleicht unschuldig ausgesehen habe. (lacht) Die Ideen sind mir nie ausgegangen. Es wird jedoch immer schwieriger, eine Finanzierung zu finden und seine Freiheit zu behalten. Zum Glück bin ich in Frankreich erfolgreich genug, um einen schwierigen Film wie "Gelobt sei Gott" drehen zu können. Auch "Sommer 85" konnte ich ohne Vorgaben einer Star-Besetzung realisieren. Mein Vorteil ist, dass ich genau weiß, wie viel ein Film kosten darf. Das lernt man, wenn man viele Kurzfilme dreht.

Bieten Streaming-Anbieter wie Netflix und Co. kein finanzielles Paradies für kreative Köpfe?

Für mich ist es politisch wichtig, die Kinos und die große Leinwand zu verteidigen. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich ein Projekt finde, dass sich perfekt für Netflix und Co. eignet.

Am Ende des Films sagt Alexis: "Das einzig Wichtige ist, dass wir alle irgendwie aus unserer Geschichte kommen!" – was hat es damit auf sich?

Das ist die letzte Zeile im Roman. Das klingt sehr geheimnisvoll und offen für Interpretationen. Für mich steht der Satz dafür, dass wir durch Eltern und Gesellschaft geprägt werden, etwas Bestimmtes darzustellen. Aber die Schönheit des Lebens besteht in der Flucht. Niemand soll sich vorschreiben lassen, wie er zu sein hat. Für mich ist das ein persönliches Motto. Meine Eltern hatten mit Kino überhaupt nichts am Hut, für sie war es ein Schock, als ich meinen Berufswunsch äußerte. Aber ich bin meiner Fremdbestimmung erfolgreich entkommen!

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Infos zum Film

Sommer 85. Drama. Frankreich 2020. Regie: François Ozon. Darsteller*innen: Félix Lefebvre , Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni-Tedeschi. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Wildbunch Germany. Kinostart: 8. Juli 2021
Galerie:
Sommer 85
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