Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39341

Interview

"Es geht um die gemeinsame Erinnerung von uns als Community an die eigene Geschichte"

Die neue Dokumentarserie "Pride" auf Disney+ gibt sehr unterhaltsam wichtige Nachhilfe in Queer History. Wir sprachen mit den Produzentinnen Christine Vachon und Alex Stapleton.


Die lesbische Produzentin Christine Vachon stand für die Dokumentarserie auch selbst vor der Kamera (Bild: Disney)
  • Von Patrick Heidmann
    3. Juli 2021, 05:54h, noch kein Kommentar

In sechs ebenso umfang- wie facettenreichen Episoden widmet sich die Doku-Reihe "Pride" (seit 25. Juni 2021 bei Disney+) der queeren Geschichte in den USA (Serienkritik "Amerikas queere Geschichte in neuem Licht" von Arabella Wintermayr). Verantwortet wird die Serie unter anderem von den Produzentinnen Christine Vachon ("Halston", "Velvet Goldmine") und Alex Stapleton, mit denen wir in einem Videotelefonat sprachen.

Miss Vachon, es gibt bereits viele tolle Dokumentationen und natürlich auch Bücher über LGBTI-Geschichte. Was kann nun "Pride" dem noch hinzufügen?

Vachon: Das habe ich mich natürlich auch gefragt, als man mir und meiner Firma das Projekt zutrug. Und vor allem war ich mir nicht sicher, was wir mit Killer Films konkret dazu beisteuern können. Schließlich ist unsere Expertise der Spielfilm, nicht Dokumentarfilme mit Archivmaterial und Menschen, die in die Kamera sprechen, so gerne ich so etwas selbst gucke. Doch dann kam mir der Gedanke, jede Episode von anderen Regisseur*innen inszenieren zu lassen. Vielleicht teilweise auch von welchen, die noch nie dokumentarisch gearbeitet hatten. Das Aufeinanderprallen dieser unterschiedlichen, auch nicht immer linear zusammenhängenden Perspektiven macht die Serie nun zu einer sehr persönlichen und aufregenden Sache – und hebt sie von ähnlich gelagerten Werken ab.

Wonach haben Sie denn ausgesucht, wer was inszeniert?

Vachon: Ein paar Filmemacher*innen hatte ich von Anfang an im Blick, etwa Tom Kalin, Cheryl Dunye und Yance Ford. Alle drei haben das Queer Cinema an entscheidenden Stellen mitgeprägt und brachten viel Erfahrung mit, deswegen war es mir wichtig, ihre Handschriften und Sichtweisen mit in unserer Serie zu haben. Als Gegengewicht suchten wir dann jüngere Regisseur*innen, natürlich auch queer, die womöglich noch gar nicht geboren waren in den Jahrzehnten, von denen sie nun erzählten.


Alex Stapleton

Jede Folge widmet sich einer Dekade, mit den Fünfzigerjahren fängt "Pride" an. Warum ausgerechnet da?

Stapleton: Irgendwo mussten wir anfangen – und die Fünfziger boten sich an, weil nicht zuletzt durch die Hetze McCarthys das Thema Homosexualität plötzlich aus dem Schatten herauszutreten begann. Aber es geht in der Serie auch nicht um Vollständigkeit. Dadurch, dass jede Episode aus einer anderen, sehr persönlichen Perspektive erzählt wird und sich auf bestimmte Schlüsselfiguren konzentriert, war unser Ansatz nie, wirklich jedes kleinste Detail queerer Geschichte zu berücksichtigen. Auf diese Weise funktioniert "Pride" hoffentlich sowohl für ein LGBTI-Publikum, das sicherlich einiges an Vorwissen mitbringt, genauso wie für alle anderen, die so einen sehr direkten Zugang zu den Themen vermittelt bekommen.

Sie hatten also von Anfang an beide Seiten als Zielpublikum im Blick?

Vachon: Es gibt bei jedem Projekt, sei es fiktional oder dokumentarisch, ein Kernpublikum, mit dem man rechnet. Und dann hofft man natürlich, dass sich die Reichweite darüber hinaus vergrößert, je weiter desto besser. Dass wir mit "Pride" ein queeres Publikum erreichen, das mit unserer Arbeit dann auch zufrieden ist, war entscheidend, und den Reaktionen in den sozialen Netzwerken nach zu urteilen ist uns das auch gelungen. Aber ich denke in jedem Fall, dass "Pride" hinlängliches Potential hat, auch Menschen anzusprechen, die mit unserer Community eigentlich kaum Berührungspunkte haben. Wenn man eine Geschichte auf unterhaltsame, provokative und emotionale Weise erzählt, kann sie eigentlich immer eine gewisse Universalität erreichen, ganz gleich in welchem Format oder Medium.

Tatsächlich funktioniert "Pride" ja aber auch innerhalb der Community als eine Art Nachhilfestunde in Sachen queerer Geschichte...

Stapleton: Unbedingt. Wir blicken hier immerhin zurück auf 70 Jahre – und es gibt ein großes Gefälle zwischen den unterschiedlichen Generationen, wer sich an was erinnert oder schon bzw. noch weiß. Der generationsübergreifende Aspekt und die gemeinsame Erinnerung von uns als Community an die eigene Geschichte stehen bei "Pride" sehr im Vordergrund. Auch deswegen war es zum Beispiel so spannend zu sehen, wie sich mit Anthony Caronna und Alex Smith zwei Regisseure der Achtzigerjahre angenommen haben, die in dem Jahrzehnt überhaupt selbst erst geboren wurden. Sogar Tom Kalin, der damals in New York mittendrin war, fand es enorm faszinierend, welche Schwerpunkte sie setzten, ohne bloß das zu wiederholen, was man etwa aus anderen Aids-Dokumentationen schon hinlänglich kennt.


Fotograf Arthur Tres erzählt in "Pride" von seiner lesbischen Schwester Madeleine, die im Zuge des "Lavender Scare" ihren Job als Regierungsmitarbeiterin verlor (Bild: Disney)

Haben Sie selbst eigentlich durch die Serie auch noch etwas Neues gelernt?

Vachon: Durchaus. Zumindest dazugelernt. Zum Beispiel kannte ich natürlich den Begriff des "Lavender Scare", jener Panik- und Diskriminierungswelle in den Fünfzigerjahren, die etwa dazu führte, dass viele queere oder vermeintlich queere Menschen aus dem Staatsdienst entlassen wurden. Doch was konkret Menschen wie Madeleine Tress, von der wir in "Pride" erzählen, damals erlebt war, war mir vielleicht so im Detail nicht bewusst. Gleiches gilt für die Rolle, die Bayard Rustin als schwuler Mann für die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern spielte. So fand ich in jeder Folge etwas, das ich besonders spannend fand. In den Siebzigern etwa war es die Tatsache, dass wir Barbara Hammer feiern, die als Regisseurin eine Vorreiterin des Queer Cinema war und viel zu unbekannt ist.

Welche Aspekte sprachen Sie besonders an, Miss Stapleton?

Stapleton: Ich war sehr berührt vor allem durch die Geschichten, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe. Ich bin als Tochter zweier lesbischer Frauen in den Achtzigerjahren in einer sehr queeren Nachbarschaft in Houston aufgewachsen. Die meisten Freunde meiner Eltern waren schwule Männer – und die wenigsten von ihnen waren noch am Leben, als ich mit der Highschool fertig war. Dass Cheryl Dunye für die Siebziger-Folge auch mit der Komikerin Robin Tyler sprach, war für mich etwas sehr Besonderes, denn meine Mutter hörte ihre Platten früher rauf und runter. Auch Christine Jorgensen, die in den Fünfzigerjahren die erste landesweit bekannte trans Frau war, hat für mich eine persönliche Bedeutung, denn wir sahen eine ihrer Bühnenshows, als ich klein war. Als ich meiner Mutter erzählte, dass die erste Folge von "Pride" auch von ihr handelt, fand sie sogar eine persönliche Nachricht wieder, die Christine damals für mich geschrieben hatte.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Infos zur Serie

Pride. Dokumentarserie über den Kampf um die LGBTI-Bürgerrechte in Amerika. USA 2021. Regie: Tom Kalin, Andrew Ahn, Cheryl Dunye, Anthony Caronna und Alex Smith, Yance Ford, und Ro Haber. Laufzeit: sechs Episoden à rund 45 Minuten. Seit 25. Juni 2021 exklusiv auf Disney+.