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Bewegte CSD-Geschichte

"Jot Fründe kumme zosamme": Warum der Kölner CSD ein Riesenerfolg wurde

In Köln blickt man dieses Jahr auf zwei Vereins-Jubiläen zurück. Die Kölner Gay Liberation Front (GLF) wird 50 und der KLuST – mit seinem neuen CSD-Konzept – wird 30 Jahre alt.


Menschenmassen unterm Regenbogen: Vor der Corona-Pandemie fand der Kölner CSD traditionell am ersten Juli-Wochenende statt. In diesem Jahr soll am letzten August-Wochenende demonstriert und gefeiert werden (Bild: Jörg Brocks / KölnTourismus)
  • Von B. Broermann / E. In het Panhuis
    3. Juli 2021, 09:26h, noch kein Kommentar

Poster zum Gay Freedom Day auf dem Kölner Stollwerck-Gelände 1979

Der Erfolg hat ja bekanntlich viele Gesichter. Zum Erfolg des Kölner CSD haben über mehrere Jahrzehnte sehr viele Menschen beigetragen. Sie haben Gespräche mit Politiker*innen und Polizist*innen geführt, haben das jeweilige Motto mit Leben gefüllt und beim Zug darauf aufgepasst, dass niemand unter die Räder geriet. Zum Erfolg haben auch viele Vereine beigetragen.

Zwei dieser Vereine möchten wir heute vorstellen: zum einen die Gay Liberation Front (GLF), die sich vor 50 Jahren gründete, wichtige Emanzipationsarbeit leistete und den Grundstein für vieles legte, was erst später möglich wurde. Zum anderen geht es um den Kölner Lesben- und Schwulentag (KLuST), der 1991 – also vor 30 Jahren – gegründet wurde, den CSD neu konzipierte und ihn bzw. den ColognePride (seit 2003) bis heute veranstaltet.

Zur Geschichte vor allem des Kölner CSD hat Johannes Jakob Arens eine aufschlussreiche Arbeit geschrieben, die wir mehrfach zitieren werden: "Christopher Street Day. Der CSD im Spannungsfeld zwischen schwul-lesbischer Emanzipation und kommerzieller Spaßkultur" (2007). Zu Recht weist Arens darauf hin, dass es wichtig ist, sich auf die Wurzeln des CSD zu besinnen, weil man dadurch erkennen kann, welches politische Potenzial in einem CSD stecken kann (s. Arens, S. 3). Um den gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext zu verstehen, wirft Arens einen Blick auf die Geschichte schwul-lesbischer Emanzipation in Deutschland seit 1945 (s. Arens, S. 4-19). Wir werden uns in diesem Artikel auf Köln fokussieren und dabei auch auf mehrere Artikel auf queer.de verweisen, dessen Homepage sich mittlerweile auch gut als Archiv nutzen lässt.

Die Siebzigerjahre

Der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" führte in Köln und vielen anderen Städten zu einer Initialzündung. Er wurde im November 1971 in Köln gezeigt und schon einen Monat später gründete sich dort – angeregt durch die Diskussionen um diesen Film – die Gay Liberation Front (GLF). Die Eintragung in das Vereinsregister erfolgte ein Jahr später. Im Januar 1972 sollte der Film in der ARD laufen. Nach Protesten aus Bayern lief er am 31. Januar 1972 "nur" im WDR.

Den engagierten Personen war wohl klar, dass sie an die Öffentlichkeit treten mussten bzw. wollten. Über die Aktivitäten der GLF – die 1974 als gemeinnützig anerkannt wurde – gibt es aus den Siebzigerjahren nur wenige Infos. Auf der Schildergasse, einer Haupteinkaufsstraße in der Innenstadt, wurde 1973 eine Flugblatt-Aktion durchgeführt und 1975 ein Infotisch aufgestellt. 1974 eröffnete das erste Zentrum der Gay Liberation Front in der Dasselstraße. In Bezug auf die Anfangszeit ist viel von Flügelkämpfen die Rede – die einen wollten die Revolution, die anderen mit ihren Aktionen die bürgerliche Mitte erreichen. Einige der damals aufgeworfenen Fragen sind bis heute geblieben: Will man nur ein Stück vom Kuchen oder doch lieber eine ganz andere Bäckerei (s. Arens, S. 22)? 1979 wurde in Köln auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Stollwerck eine Veranstaltung zum Stonewall-Jubiläum organisiert. Mit dem Titel "Gay Freedom Day" bezog man sich erstmals deutlich auf die New Yorker Straßenkämpfe rund um die Bar "Stonewall Inn" von 1969.

Die Achtzigerjahre

Dieser Gay Freedom Day wurde auch in den Achtzigern jährlich – abwechselnd in verschiedenen Städten in NRW – wiederholt, und es wurden weiterhin öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt. Leider sind diese Aktionen nur wenig dokumentiert. Die erste Demonstration im Rahmen eines Gay Freedom Days fand 1982 am Neumarkt statt. Was in diesen Jahren in unterschiedlichen Städten in NRW an Aktionen geboten wurde, lässt sich heute nur noch schwer rekonstruieren. Mindestens zweimal fand der Gay Freedom Day in Köln statt. Vom 29. bis 30. Juni 1984 gab es unter dem Motto "Lasst die Wände wackeln" eine Demo vom Neumarkt zum Alter Markt, ein Diskussionsforum, ein Picknick am Aachener Weiher und eine Party im Bürgerzentrum Stollwerck. 1987 sollen bereits 700 Schwule und Lesben dabei gewesen sein, als es neben der Demo vom Neumarkt zum Alter Markt auch einen Infotisch in der Schildergasse und eine Party im Ostasiatischen Museum gab.


Der über Köln hinaus sehr aktive Jean Claude Letist auf dem Gay Freedom Day 1988 in Essen(Bild: Jörg Lenk)

Ende der Achtzigerjahre nahm man sich die benachbarten Niederlande zum Vorbild, wo es seit 1979 den Roza Zaterdag (Rosa Samstag) gibt, der jährlich in einer anderen niederländischen Stadt stattfindet. Dreimal ging es ins Ruhrgebiet. Zunächst war 1988 Essen das Ziel, im Jahr danach war Dortmund an der Reihe. Diese Veranstaltungen wurden auch von den Kölner*innen besucht, und das damalige Schulz (Schwulen- und Lesbenzentrum) organisierte Busfahrten.


Busfahrkarte zum Gay Freedom Day NRW 1988 in Essen

Jedoch sank das Interesse der Kölner*innen im Laufe der Jahre ab. Waren es 1988 noch drei Busse, lockte der Gay Freedom Day in Dortmund noch Kölner*innen an, die zwei Reisebusse füllten. Zuletzt ging es 1990 nach Bottrop, wobei das Interesse der Kölner*innen auf eine Busladung geschrumpft war. Aufgrund der geringen Teilnehmer*innenzahlen ist diese Veranstaltung als "wenig erfreulich" in Erinnerung geblieben. Dabei soll es auch zu Pöbeleien von Homo-Gegner*innen gekommen sein. Offenbar war für viele danach die Puste raus (s. Arens, S. 24-25, S. 47-48).

Der Charakter dieser Veranstaltungen hatte in dieser Zeit einen starken Demonstrationscharakter und der Begriff "Parade" wurde vermieden. Dennoch gab es auch immer eine Party, mit der der Tag gesellig ausklingen konnte. Die GLF – bzw. nach Umbenennung die LGLF (Lesbian and Gay Liberation Front) – löste sich 2008 auf, andere Gruppen und Organisationen hatten mittlerweile ihre Arbeit übernommen.

Überlegungen und Weichenstellung in Köln


Logo von 1991

Die Kölner*innen wollten den Gay Freedom Day für 1991 wieder nach Köln holen. Zudem wollten sie weg vom festgefahrenen Demonstrationscharakter, hin zu einer lebensfrohen Veranstaltung, die die vereinzelten unterschiedlichen Akteur*innen in der schwul-lesbischen Szene zusammenbringen sollte. Man merkte, dass das Interesse für politische Aktionen bei vielen nicht stark ausgeprägt war. Die Politik sah die schwule und lesbische Szene damals nicht als eine gesellschaftlich relevante Gruppe an, für die man sich einsetzen wollte.

Auch beabsichtigte man in der Aids-Krise, die die Schwulenbewegung vor neue Herausforderungen stellte, ein lebensbejahendes Zeichen zu setzen. So entschied man sich, eine Art Veedelsfest für die Szene zu organisieren. Zudem sollte es eine jährliche Wiederholung in Köln geben. Dafür wurde der KLuST e.V. gegründet. Keine Einigkeit gab es zunächst über die Durchführung einer Demonstration, jedoch setzte sich Michael Zgonjanin durch. Überzeugen konnte er mit dem Hinweis auf die Pride-Paraden der Siebzigerjahre in San Francisco, die er selbst besucht hatte.

Die ersten beiden CSDs in neuer Form von 1991/1992

Für den ersten CSD nach neuem Konzept 1991 entschied sich der KLuST für eine Parade, die das Motto trug: "Jot Fründe kumme zosamme" (Kölsch für "Gute Freunde kommen zusammen"). Der CSD begann am 3. Juli mit einer Eröffnungsgala und endete am 7. Juli mit einer Parade und einem Straßenfest in der Stephanstraße. Hier gab es eine Abschlusskundgebung und einen Auftritt des schwulen Chores "Triviatas" (s. Arens, S. 26, 47).

Hilfreich war die inzwischen professionell gewordene Arbeit der Aids-Hilfen. Diese brachten eine Kontinuität in die Planungen ein, die vorher von den ehrenamtlich engagierten Organisator*innen nicht hatte geboten werden können. Der Demonstrationscharakter wurde deutlich verschoben hin zu einer Parade, bei der man der Öffentlichkeit sein (neues) Selbstbewusstsein durch ein trotziges Sich-selbst-Feiern vorführte. Im Gegensatz zu anderen Städten wurde die Demonstration am Sonntag durchgeführt, weil man sich sicher war, dass die Community so viel zu bieten habe, dass es sich dafür lohne, am Sonntag in die Stadt aufzubrechen. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" titelte am 8. Juli 1991: "Schrille Parade mit Pumps, Petticoats und nackter Haut". Das Ziel, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, war erreicht worden. Es schien, als hätte die Szene in Köln auf diesen CSD-Neustart gewartet.


Straßenfest auf der Stephanstraße 1991 (Bild: Jörg Lenk)

Im darauffolgenden Jahr war das CSD-Motto "Mir fiere uns + Kölle" (1992). Die beiden kölschen Mottos und die Domspitzen als Werbemotiv machen deutlich, dass lokale Bezüge als wichtig angesehen wurden. Der Kölner Karneval war dabei eine Inspirationsquelle. Der Kölner Homosexuellenaktivist Reinhard Klenke spricht für die Zeit ab 1991 sogar von einem "Ideenklau" beim Karneval. Der Kölner CSD sollte sich ganz bewusst wie Karneval im Sommer anfühlen, wozu auch die Präsenz schwuler Karnevalsvereine beim CSD und Ausrufe wie "Kölle aloha" statt "Kölle alaaf" beitrugen. Die beiden CSDs von 1991 und 1992 firmierten als Kölner Lesben- und Schwulentag. Später hießen sie Christopher Street Day (1993-2001), Europride (2002) und ColognePride (seit 2003) (s. Arens, S. 25, 28, 33, 34, 47-48).

Die Größe des CSD

Von den Zahlen her betrachtet ist der Kölner CSD sehr erfolgreich: Es wurde eine fast stetig größer werdende Veranstaltung mit einem ebenfalls größer werdenden Rahmenprogramm. Das spiegelt sich vor allem in der Anzahl der Teilnehmenden wider: 2.500 (1991), 4.000 (1992) bis zu 25.000 (1997). Ein Höhepunkt war der Europride (2002) mit 70.000 Teilnehmenden (und 1.000.000 Besuchenden). Seitdem scheinen sich die Besucher*innenzahlen zwischen 600.000 und 1.200.000 einzupendeln, was u.a. vom Wetter abhängig ist. Geblieben ist für Köln der Zeitpunkt, das erste Wochenende im Juli. Neben dem Ziel, immer größer zu werden, lässt sich allerdings auch ein anderer Trend erkennen: Kleinere Feste sind zum Teil beliebter, weil sie persönlicher sind und die Kölner*innen hier unter sich bleiben können. Das lässt sich an der Party in der Schaafenstraße erkennen, die eher einem Veedelsfest gleicht (s. Arens, S. 27, 46).

Motto-Findung

Auch die Mottos haben sich verändert und können als Ausdruck der politischen Haltung und des jeweiligen Zeitgeistes angesehen werden. Den bewusst nicht politischen Mottos der Jahre 1991, 1992 (s.o.) und auch 1993 ("Wir in Köln – wir halten zusammen!") folgte das dezent politische Motto "Flagge zeigen" (1994-1997). 1998 wurden die politischen Forderungen mit "Freie Fahrt für die Homo-Ehe" erstmals konkretisiert. Das Thema der rechtlichen Absicherung wurde mit "We are family" (1999) und "Im Namen des Volkes, traut euch" (2001) bedient. Inwieweit ein Thema von Gruppen mit Leben gefüllt wird, ist dabei auch eine Frage der Perspektive. Für Volker Beck (Bundestagsabgeordneter der Grünen 1994 bis 2017), damals auf Wahlkampftour, war der CSD 2005 zu wenig politisch und er kritisierte, dass man von dem eigentlichen Motto "Lebenslang liebenswürdig" in der Umsetzung nicht wirklich etwas gemerkt habe (s. Arens, S. 28, 51).

Wie heftig der Widerstand gegen ein Motto sein kann, erfuhr der KLuST bei dem für 2020 geplanten und später zurückgezogenen Motto "Einigkeit! Recht! Freiheit!". An dem Motto wurde der Bezug auf die Nationalhymne kritisiert, weil damit auf nationale Symbolik gesetzt werde statt auf grenzübergreifende Solidarität. Von anderen wurde das Motto verteidigt, weil es sich – genauso wie das Grundgesetz – an alle Menschen in Deutschland richte und weil es für die Forderung sensibilisieren solle, das Diskriminierungsverbot in Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal sexuelle Identität zu erweitern.

Bei der im Januar 2020 durchgeführten Diskussionsveranstaltung zum Motto kam es zu Bedrohungen und Beleidigungen. Sie war für uns ein negatives Beispiel für destruktives Verhalten in Bezug auf den Kölner CSD. In letzter Zeit ist häufig die Rede davon, dass politische Auseinandersetzungen immer aggressiver geführt werden, so dass man nur hoffen kann, dass die nächsten Kontroversen ruhiger und sachlicher verlaufen. Über die Auseinandersetzungen zu diesem Motto hat queer.de sechsmal berichtet, u.a. über die Veranstaltung des KLuST im Januar 2020.

Party oder Politik

Der KLuST steht im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, die sich politisch, gesellschaftlich, medial und sozial auswirken und Auswirkungen auf queere Sozialisation und Coming-outs haben (können). Für viele Schwule und Lesben ist der CSD ein Treffpunkt, um unter Gleichgesinnten gemeinsame Zeit zu verbringen und unterhalten zu werden. Gleichzeitig gibt es die Forderung, dass der CSD politisch sein müsse. Zu den politischen Auswirkungen des CSD gibt es unterschiedliche Auffassungen: Die einen möchten möglichst viel Politik auf dem CSD selbst, die anderen sind der Meinung, dass ein CSD allein durch die Sichtbarmachung von LGBTI einen positiven Einfluss auf die Politik habe. Es ist die Aufgabe des KLuST, zwischen diesen Positionen jedes Jahr aufs Neue eine Balance zu finden.

Die Vorstellungen von einem gelungenen CSD sind unterschiedlich. Ein Beispiel dafür ist die Parade von 2005: Von einigen wurde diese als "angenehm repolitisiert" empfunden, während sie für den früheren Bundestagsabgeordneten Volker Beck zu wenig politisch war. Reinhard Klenke betont in einem Interview, dass sich Party und Repolitisierung nicht ausschlössen (s. Arens, S. 45, 47-48, 50-51). Wir können uns an einen CSD erinnern, bei dem der Gedenkmarsch für die schwul-lesbischen Opfer des Nationalsozialismus und für die Opfer von Aids am Alter Markt vorbeiging, wo laut und wild getanzt wurde. Diese Kombination war für die Teilnehmer*innen an der Gedenkveranstaltung eine Zumutung. Die Zeit zum Tanzen und die Zeit zum Trauern müssen zeitlich besser abgestimmt werden.


Eine Gruppe des SVD (heute LSVD) mit Volker Beck (rechts) in Köln 1991 (Bild: Jörg Lenk)

Die Kommerzialisierung

In Köln und anderen Städten wird regelmäßig darüber gestritten, wie kommerziell der CSD sein darf. Für Arens ist die Kommerzialisierung des CSD "nicht zwangsläufig als Entwicklung zu betrachten, die den politischen Grundgedanken der Veranstaltung pervertiert". Es bleibt allerdings wichtig, genau darauf zu achten, ob sich die offene Einstellung gegenüber Homosexualität und die Vorstellung von Diversity auch in der Geschäftspolitik der sponsernden Unternehmen widerspiegelt. Bei Ikea und Ford, die in den letzten Jahren den Kölner CSD gesponsert haben, bestehen für uns keinerlei Bedenken. Als "Firmen mit ausschließlich marktwirtschaftlich orientierter Motivation", die beim Kölner CSD dabei sind, werden von Arens Coca-Cola, German Wings und die Deutsche Bank genannt (s. Arens, S. 3, 43, 50-51).

Diskutiert wurde über die Teilnehmer der Fluglinie KLM (2011), der Getränkemarke "Absolut Wodka" (2015) und des Industriekonzerns Thyssenkrupp (2017). Es ist für das Image des CSD schädlich, bei den Sponsor*innen allzu beliebig zu ein. Dabei geht es uns nicht nur um die großen Namen. Schädlich für den CSD können auch kleine Stände sein: Konkrete Beispiele sind der Stand einer Wahrsagerin, die aus einer Glaskugel die Zukunft "voraussagt", und der eines Tätowierers, bei dem man sich Osama bin Laden auf den Arm tätowieren lassen konnte. Das Motto "Coming-out in deinem Style" (2018) passte sehr gut zum Hauptsponsor in diesem Jahr – dem Kosmetikunternehmen Wella. Es passte so gut, dass der Verdacht entstand, als könne der Sponsor das jährliche Motto mitbestimmen bzw. kaufen.


Wella als Hauptsponsor des Cologne Pride 2018 (Bild: Wella)

Die mediale Präsentation

Auf dem CSD präsentiert sich die Szene bunt, schrill, laut und manchmal auch halbnackt. Wann werden hier eigentlich Grenzen überschritten? Der KLuST gab für den ColognePride 2009 eine zweiseitige CSD-Charta heraus, die auch eine "Anstands-Erklärung" enthielt, die bei queer.de unter dem Titel "Benimmregeln beim Kölner CSD" näher erläutert wurde. Aus offenbar gegebenem Anlass erklärte der KLuST, dass "alle Verhaltensweisen, die auch im alltäglichen Leben strafbar sind", auch auf dem CSD verboten seien – etwa "sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit".

Elfi Scho-Antwerpes, die als Bürgermeisterin von Köln (2004-2020) den CSD immer tatkräftig unterstützte, kritisierte nicht das Auftreten, betonte aber, dass eine "Selbstkontrolle" in Bezug auf Nacktheit im Hinblick auf Integration "sicherlich hilfreich" sei. Es sind Worte, die wohl auch deshalb von Arens zitiert werden, weil sie viele annehmen können. Vermutlich zeigen sich an diesem Beispiel gut die Mentalitätsunterschiede zu Berlin: Der dortige CSD-Verein machte sich über die "Sittenpolizei" in Köln lustig.


Aufstellung zur Parade von 1991 mit viel nackter Haut (Bild: Jörg Lenk)

Weiter beklagt Arens eine "Reduktion der medialen Rezeption der Paraden auf Drag Queens, Lederkerle und 'Dykes on Bikes'". Eine solche Kritik an der medialen Fokussierung können wir nicht nachvollziehen, weil die genannten Personengruppen ja genau diese Öffentlichkeit suchen und ja auch ein Teil der Szene sind. Zum anderen lässt sich diese Reduktion auch nicht so absolut konstatieren – je nachdem, welche Medien man betrachtet.

Sicherlich werden zum Teil unreflektiert klischeehafte Bilder über die oben genannten Gruppen reproduziert, aber es sind auch viele Differenzierungen wahrnehmbar. So hat der WDR zwischen 1998 und 2000 in mehrstündigen Live-Sendungen von der Parade berichtet. Seit 2001 sind es Zusammenschnitte von einer halben Stunde, die abends nach 22 Uhr ausgestrahlt werden. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet seit 1991 von den Veranstaltungen, wobei die Berichte manchmal – wie 2001 – auch ganzseitig ausfallen. Zumindest in diesen beiden Medien ist die jährliche Berichterstattung nicht nur fair und wohlwollend, sondern auch immer mit der Absicht verbunden, die politischen Inhalte nicht untergehen zu lassen (s. Arens, S. 30, 37, 49-50).


Bericht über die Parade im "Kölner Stadt-Anzeiger" (8. Juli 1991)

Die katholische Kirche

In Köln hat die katholische Kirche einen weitreichenden Einfluss auf das städtische Leben. Es ist bedeutend, wie sich die katholische Kirche in Köln zur Homosexualität positioniert. Gegen ihren ausdrücklichen Wunsch musste im Jahr 2000 die Freigabe des neben dem Dom befindlichen Roncalli-Platzes für den ColognePride erzwungen werden, der dann 2000 und 2002 dort stattfinden konnte.

Einen weiteren spannenden Konflikt gab es zwei Jahre später mit dem Kölner Erzbischof bzw. einem Landesministerium. Der KLuST hatte für seine Motto-Kampagne "Schluss mit den Mogelpackungen" (2004) 20.000 Faltschachteln so bedrucken lassen, dass sie wie Zigarettenschachteln aussahen. Eines von sechs Motiven zeigte den Kölner Erzbischof Joachim Meisner und darunter den Text "Schwarzer Heuchler", der die homofeindlichen Äußerungen Meisners kritisieren sollte. Beim Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW, das einen Druckkostenzuschuss geleistet hatte, stieß dieses Motiv auf scharfe Kritik. Der KLuST machte den Vorgang öffentlich, weil er befürchtete, dass die Förderung schwul-lesbischer Projekte in Zukunft von Wohlverhalten und politisch geräuschloser Arbeit abhängen könnte, und soll in den Folgejahren auf einen Zuschuss vom Land verzichtet haben (s. Arens, S. 29 und queer.de: "CSD-Krach um Meisner").

Die Politik

Die Verbindungen des KLuST zur Kölner Politik lassen sich gut am Beispiel der Kölner Oberbürgermeister*innen Norbert Burger (SPD, OB 1980-1999), Harry Blum (CDU, OB 1999-2000), Fritz Schramma (CDU, OB 2000-2009), Jürgen Roters (SPD, OB 2009-2015) und Henriette Reker (parteilos, OB seit 2015) aufzeigen. Norbert Burger hatte zu Beginn seiner Amtszeit nie Zeit und schickte fast immer nur die Bürgermeisterin Renate Canisius (SPD) als Vertretung vor. 1991 empfing Burger eine Delegation des KLuST im Rathaus. Reinhard Klenke war Teil dieser Delegation und zitiert Burger mit den Worten: "Ich hätte natürlich auch die Zeugen Jehovas empfangen, wenn die um einen Gesprächstermin gebeten hätten." Burgers anschließende Frage "Wie viele sind Sie denn überhaupt?" hat zumindest Reinhard Klenke als eine Herabsetzung empfunden. Der CSD von 1995 war der erste, den Norbert Burger selbst eröffnete.

Durch seinen Nachfolger Harry Blum wurde zum CSD 1999 zum ersten Mal die Regenbogen-Fahne vor dem Rathaus gehisst, was als "wichtiger Durchbruch" bezeichnet wurde (Express, 28. Juni 2010). Sein Nachfolger Fritz Schramma fand in seinem Amt als Oberbürgermeister nicht immer die richtigen Worte. So forderte er im Juli 2001 die Teilnehmenden zur Zurückhaltung auf: "Die Lesben und Schwulen sollten aber auch Rücksicht auf den Teil der Bevölkerung nehmen, der mit den schrillen und teilweise anstößigen Szenen nicht allzu viel anfangen kann." Die Beflaggung des Kölner Rathauses wurde in den späteren Jahren ein Politikum und die Verweigerung als "Ausdruck der Verweigerung einer Emanzipation" verstanden (s. Arens, S. 40, 41, 47-48). Das ist vermutlich der Grund, warum auch Jürgen Roters sie hissen ließ ("City News", 29. Juni 2015). Auch Henriette Reker unterstützt den CSD und hat sich zu ihrer unglücklichen, aber auch aus dem Kontext gerissenen Aussage, Köln versinke "zwischen Karneval, CSD und Weihnachtsmärkten", hinreichend erklärt (s. queer.de: "Köln: Schwarz-grüne OB-Kandidatin verärgert CSD").

Eine besondere Beachtung verdient die Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes (SPD, BM 2004-2020), die den CSD immer sehr engagiert unterstützte. In der Art, wie sie an den CSD-Paraden teilnimmt, hat sie es tatsächlich geschafft, die Distanz zwischen Politik und Homo-Bewegung aufzuheben. Mit ihrer CSD-Teilnahme als Bürgermeisterin unterlief sie "bewusst die Dichotomie [Gegensatz] zwischen der Stadt auf der einen und den schwul-lesbischen Szenen auf der anderen Seite" (s. Arens, S. 30, 36).

Prostitution und Pornografie

Im Jahre 2007 wurde in Köln um die Teilnahme von zwei Wagen gestritten. Dabei ging es mal wieder um die spannende Frage, wem eigentlich der CSD gehört und wer hier eigentlich willkommen ist. Im ersten Fall ging es um die Teilnahme des Kölner Bordells "Pascha", in dem auch Männer und Trans arbeiten. Vereinfachend lässt sich die Diskussion so zusammenfassen: Für (schwule) Männer war Prostitution nichts Schlimmes, während (lesbische) Frauen Prostitution mit sexueller Ausbeutung und Machtverhältnissen gleichsetzten. Die Debatte wurde beendet, weil die Verantwortlichen des "Pascha" ihre Teilnahme am ColognePride zurückzogen (s. queer.de: "Bordell Pascha nicht beim CSD Köln").

Im zweiten Fall wurde darüber diskutiert, ob das Bareback-Pornolabel "XXX-Project" mit einem Wagen am CSD teilnehmen dürfe. Kritiker*innen betonten, dass Werbung für Pornos, in denen die Darsteller keine Kondome verwenden, den Satzungszielen des KLuST zuwiderlaufe, die u.a. eine "solidarische Unterstützung von Menschen mit HIV und Aids" umfassen. Das Pornolabel betonte dagegen, dass jeder Darsteller einen HIV-Test vorlegen müsse, der nicht älter als zwei Wochen sein dürfe (s. queer.de: "CSD Köln: Streit um Bareback-Pornos"). Der erzielte Kompromiss kann als gelungen angesehen werden: Der Wagen nahm teil und rund um den Wagen wurden viele Kondome verteilt.

Stolz oder eher Selbstbewusstsein

Der Kölner CSD hieß 2002 "Europride" und heißt seit 2003 "ColognePride". Auch schon vorher wurde aus den USA der Begriff "Pride" in Deutschland übernommen und meistens mit "Stolz" übersetzt. Für Arens ist "Stolz" ein "Element des lebensbejahenden Charakters" des CSD (Arens, S. 32). Aber ist "Stolz" tatsächlich der passende Begriff? Wir halten ihn für genauso unangebracht wie "Homophobie", ein Wort, das ja überhaupt nichts mit Angst, sondern mit Feindlichkeit zu tun hat. Genauso wenig wie man auf rote Haare stolz sein kann, kann man auf eine sexuelle Orientierung wie Homo- oder Heterosexualität stolz sein. Stolz zu sein bedeutet, Freude über die eigene Leistung zu empfinden. Stolz darauf zu sein, positiv und lebensbejahend mit seiner Homosexualität umzugehen, lässt sich wesentlich unmissverständlicher mit dem Wort "Selbstbewusstsein" zum Ausdruck bringen.


Eine selbstbewusste Dragqueen auf dem CSD 1991 (Bild: Jörg Lenk)

"Pro Köln" will mitmarschieren

Als sich die rechtsextreme und rechtspopulistische Wähler*innengruppe "Pro Köln" für die Teilnahme an der Parade 2013 anmeldete, gab es breiten Widerstand, der den KLuST in Bedrängnis brachte. Die meisten argumentierten, dass "Pro Köln" mit ihren Positionen im Widerspruch zum CSD stehe. Nur wenige argumentierten, dass die Mitglieder von "Pro Köln" im Rat der Stadt demokratisch legitimiert seien und man eine Wähler*innengruppe nicht ausschließen dürfe, nur weil einem deren politische Haltung nicht passe.

Problematisch war dabei, dass es – nach einem vom KLuST in Auftrag gegebenen Rechtsgutachten – juristisch keine Handhabe gab, "Pro Köln" von der Parade auszuschließen. Der KLuST löste dieses Dilemma mit einem taktischen Manöver: Der ColognePride wurde abgesagt und für denselben Tag und dieselbe Uhrzeit eine "CSD-Parade für Vielfalt" angemeldet, deren Prinzipien von "Pro Köln" nicht mehr geteilt werden konnten, weshalb diese von einer erneuten Anmeldung absah (von vielen Artikeln bei queer.de s. u. a. die vom 23. Mai 2013 und vom 15. Juni 2013).

Lesben werden sichtbarer


Zwei Lesben auf dem CSD 1991 (Bild: Jörg Lenk)

In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren Lesben deutlich unterrepräsentiert. Lange Zeit waren es vor allem schwule Männer, die das Bild von LGBTI in der Öffentlichkeit prägten. In einem Interview mit Brigitte Maser auf Youtube (2009) wurde betont, dass sie neben zehn Männern die einzige Frau war, die den KLuST 1991 mitgründete und deshalb als "die Gründungsmutter des KLuST" bezeichnet wird. Es sei auch auf ein Interview verwiesen, das sie als lesbische Zeitzeugin 2019 der Zeitschrift "Schwulissimo" gab und in dem sie schildert, wie die Community "1991 […] in der Kölner Altstadt unseren ersten CSD mit neuem Konzept" feierte. Heute steht Brigitte Maser nicht mehr alleine da.

Im Jahr 2005 wurde das Programm um den WomanPride erweitert, eine Reihe von Veranstaltungen speziell für Lesben, die ihre Sichtbarkeit erhöhen und die Dominanz der schwulen Veranstaltungen verringern soll. Der WomanPride entwickelte sich in den Folgejahren von einem Wochenende zum 14-tägigen Programm, inklusive Schiffsfahrt und Stadtführungen. Seit 2015 sind die Lesben mit dem Dyke March Cologne (DMC) im CSD-Programm vertreten, um eine eigene Sichtbarkeit zu erzeugen und den eigenen Interessen und politischen Forderungen von queeren Frauen gerecht zu werden.

Bei einigen Themen – wie zum Beispiel bei der Beurteilung von Prostitution – bleibt es signifikant, dass Schwule und Lesben in Diskussionen unterschiedliche Sichtweisen einbringen. Auch in der Form, wie sich Schwule und Lesben auf den CSDs präsentieren, werden Unterschiede deutlich. In der Fremdwahrnehmung bzw. der Rezeption gibt es große Unterschiede, ob sich ein Mann als Frau oder eine Frau als Mann kleidet. Während Männer in Frauenkleidung eine größtmögliche Aufmerksamkeit erhalten, ist dies bei Drag Kings, die ebenfalls mit Geschlechterrollen spielen, nicht der Fall.

Nach Arens zeichnet sich die Drag-King-Szene "eher durch einen subtileren experimentellen Umgang mit Geschlechterrollen aus", was er wohl auch als Grund dafür ansieht, dass Drag Kings von Teilnehmenden und Besuchenden seiner Meinung nach "ignoriert" werden. Auch in der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung zeigen sich Unterschiede. Arens schreibt: "Barbusige lesbische Teilnehmerinnen, wie sie in den ersten Jahren in der Parade häufiger als Ausdruck von lesbischem Selbstbewusstsein und sexueller Selbstbestimmung zu sehen waren, sind in den letzten Jahren eher zur Ausnahme geworden" (s. Arens, S. 38-39). Vermutlich liegt dies an Erfahrungen mit den Besuchenden am Straßenrand, weil mit barbusigen Lesben nicht nur lesbische, sondern auch heterosexuelle Männerphantasien angesprochen werden.

25 Jahre CSD in heutiger Form

Im Jahre 2016 wurde der Kölner CSD in seiner heutigen Form 25 Jahre alt. Aus diesem Anlass erinnerte der "Kölner Stadt-Anzeiger" (17. Juni 2016) an den ersten Kölner CSD, "wie wir ihn heute kennen", vom 7. Juli 1991. In diesem Zusammenhang berichtete die Zeitung auch über die Ausstellung, die der KLuST beim Kölner Frauengeschichtsverein und beim Centrum Schwule Geschichte (CSG) in Auftrag gegeben hatte. Die Ausstellung wurde – passend zum Auftakt des CSD – am 18. Juni 2016 im "Spanischen Bau" des Kölner Rathauses eröffnet. Diese Ausstellung wurde von einigen u.a. deshalb kritisiert, weil sie die Verdienste der Aktivist*innen bis 1991 nicht ausreichend würdige. Das CSG hat uns die Texte dieser Ausstellungstafeln freundlicherweise zur Verfügung gestellt, und wir können diese Kritik nur bedingt nachvollziehen. Außerdem war, gemessen am Auftraggeber KLuST, die Aufarbeitung der Geschichte des CSD vor 1991 nicht der Anspruch dieser Ausstellung.


Der DGB beim Kölner CSD 1991 (Bild: Jörg Lenk)

Höhen, Tiefen und die Insolvenz

In der Geschichte des KLuST und seiner Vertragspartner*innen gab es häufiger Höhen, Tiefen und Irritationen. Dazu gehört, dass ausgerechnet nach dem erfolgreichen Europride 2002 mit seinen mehr als 400.000 Besucher*innen und einem Tourismuseffekt von 53,2 Millionen Euro die CSD-Veranstaltungs-GmbH Insolvenz anmeldete.

Etwas näher möchten wir darauf eingehen, dass – ebenso überraschend – der KLuST am 14. Februar 2017 bekanntgab, Insolvenz angemeldet zu haben. Es ist sehr befremdlich, was in diesem Zusammenhang bekannt wurde. Das Schwulenmagazin "Männer" wies darauf hin, wie sich die Parade verselbstständigt habe. Der KLuST teilte mit, dass es "kein Vertragsverhältnis zwischen dem Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. und dem Veranstalter der CSD-Demonstration" gebe, und fuhr fort: "Die Durchführung der CSD-Demonstration obliegt ausschließlich dem Veranstalter. Der Kölner Lesben- und Schwulentag e. V. hat hier kein Mitbestimmungsrecht" ("Männer", 14. Februar 2017).

Um die Durchführung des Straßenfestes notfallmäßig in einem neuen Rahmen zu übernehmen, bildete sich ein Bündnis von Verbänden und Vereinen aus der Community. Unter der Überschrift "Chaos und Klüngel statt Neustart" berichtete queer.de später darüber, dass der Insolvenzantrag des KLuST e.V. zurückgezogen wurde. Zudem sah sich der amtierende KLuST-Vorstand weiterhin als aktueller Ausrichter des Pride. Wie hoch die Schulden insgesamt waren, konnte auch die Kassenprüfung nicht abschließend ermitteln. Zwischenzeitlich waren 25.300 Euro Schulden offen. Bei Prüfungsterminen fehlten Vorstände, manche Verträge lagen nicht vor, "Aufwandsentschädigungen" blieben "ungeklärt" und ein Kassendiebstahl wurde nie aufgeklärt. Auch die Vorwürfe von "Insolvenzverschleppung" und "vorgetäuschter Insolvenz" stehen im Raum (s. queer.de am 4. April 2017).

Ein Antrag auf Auflösung des Vereins wurde später wieder von der Tagesordnung genommen, allerdings nicht, weil über den Fortbestand des Vereins Einigkeit herrschte, sondern weil festgestellt wurde, dass ein Beschluss zur Auflösung wohl anfechtbar oder unzulässig wäre (s. queer.de am 23. Mai 2017). Danach gab es eine personelle Umstrukturierung. Von den Verantwortlichen des alten Vorstandes hat niemand mehr eine Funktion im neuen Vorstand. Trotz des Neustarts wird es wohl lange dauern, bis das verlorene Vertrauen in den KLuST wiederhergestellt sein wird.

Konstruktiver Umgang mit Konflikten

Mit diesem Artikel wurden viele Konfliktfelder beleuchtet. Sie können den Anschein erwecken, als würde sich die Kölner Szene seit Jahrzehnten nur streiten und als wäre der CSD aufgrund der unterschiedlichen Lager und Einstellungen nicht mehr zu retten.

Dabei ist das Gegenteil der Fall. Von einer oben genannten Ausnahme abgesehen sind es Beispiele, die belegen, wie sich Auseinandersetzungen konstruktiv lösen lassen und auch dafür, dass den Menschen in Köln etwas an ihrem CSD liegt. Sie zeigen, welch große Herausforderung es darstellt, die unterschiedlichen politischen Richtungen und Interessen miteinander zu verbinden und letztendlich der gesamten Community das Gefühl zu geben, sich mit dem CSD identifizieren zu können. Die größte Gefahr würde von einem CSD ausgehen, der nur noch aus jährlichen festgefahrenen Ritualen besteht. Insofern ist und bleibt der ColognePride in Bewegung.

Zusammenfassung

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele mutige Menschen aus der Szene eingesetzt, beginnend mit den ersten Büchertischen der GLF in der Schildergasse über die ersten Demonstrationen bis zum heutigen CSD. Im Laufe der Zeit gewannen Schwule und Lesben mehr Selbstvertrauen. Um die Öffentlichkeit zu erreichen, wurden verschiedene Konzepte ausprobiert: der "Roza Zaterdag" aus den Niederlanden, das Pride-Konzept aus den USA und der Rückgriff auf die bestehenden lokalen Traditionen der Stadtteilfeste und des Karnevals, was letztendlich den Durchbruch in der gesellschaftlichen Rezeption brachte.

Auch wenn die "schrille Parade" nicht allen gefällt, hat sie zur heutigen Akzeptanz queerer Lebensweisen viel beigetragen. Bis heute ist der CSD eine Veranstaltung, bei der Schwule und Lesben zusammenkommen, unter sich und gemeinsam mit anderen feiern, in der Öffentlichkeit sichtbarer werden und darüber hinaus Forderungen in die Mehrheitsgesellschaft transportieren können.