https://queer.de/?39358
Georgien
Tiflis: CSD-Demo nach massiven Ausschreitungen abgesagt
Im Vorfeld des Pride griffen Nationalisten und Gläubige Journalist*innen und die Büros des CSD an. Der Premierminister warnte vor einem "Bürgerkrieg", sollte der CSD nicht abgesagt werden.

Gegen Mittag (Ortszeit) begannen Nationalisten, das Büro der Pride-Organisator*innen zu stürmen
- 5. Juli 2021, 09:26h 6 Min.
(mehrfach aktualisiert) Wenige Stunden vor der für den Montagnachmittag geplanten Demonstration des "Tbilisi Pride" durch die Innenstadt der georgischen Hauptstadt haben die Organisator*innen des CSD die Veranstaltung abgesagt. Vorher hatten hunderte nationalistische und orthodoxe Pride-Gegner*innen größtenteils von der Polizei ungestört in der Innenstadt randaliert und unter anderem Journalist*innen brutal angegriffen und die (unbesetzten) CSD-Büros gestürmt. Die Regierung hatte sich geweigert, dem CSD Sicherheit zu gewährleisten – Premierminister Irakli Gharibaschwili hatte bereits am Morgen eine Absage durch die Veranstaltenden gefordert.
|
Am Montag sei "der Zivilgesellschaft, den demokratischen Werten und dem europäischen Kurs des Landes der Krieg erklärt" worden, kommentierte der Pride in seiner bislang nur auf Georgisch verfügbaren Stellungnahme zur Absage der Demonstration. Die Untätigkeit der Regierung und des Premiers, der mit seiner "schamvollen" Stellungnahme seine Verantwortung auf die Aktivist*innen abgewälzt habe, habe die Gesundheit und das Leben der georgischen Bürger*innen ernsthaft in Gefahr gebracht und ihre Grundrechte missachtet, obwohl die Regierung das alles hätte schützen können. Doch anstatt Sicherheit zu gewährleisten, seien gewalttätige Gruppen in ihrer "Jagd auf Medienvertreter*innen, Aktivist*innen und jeden, der Gleichstellung begrüßt", noch angestachelt worden, beklagt der Pride. Die "riesige Welle des Hasses" werde von der Regierung und dem Patriarchat unterstützt, teils prorussische Hassgruppen würden als "Instrumente der politischen Macht" genutzt.
/ FormulaGePro-Putin groups storm Tbilisi Pride office
Formula NEWS | English (@FormulaGe) July 5, 2021
With no police resistance pro-Putin groups stormed and seized office of @TbilisiPride in downtown Tbilisi vandalizing it#TbilisiPride21 pic.twitter.com/0EOWaxVaoE
"Wir können nicht auf eine Straße voller Schläger gehen, die von der Regierung, dem Patriarchat und den prorussischen Kräften unterstützt werden, und das Leben der Menschen aufs Spiel setzen", so der Pride. Man wolle den Unterstützer*innen aber verdeutlichen, "dass der Kampf um Würde weitergehen wird, ein unumkehrbarer Prozess, der trotz des wütenden Widerstands [...] nicht aufhören wird!"
/ OCMediaorg | Am späten Nachmittag gab es Meldungen, ein polnischer Tourist sei in der Innenstadt mit einem Messer verletzt worden. Über das Motiv gibt es unterschiedliche und unbestätigte Aussagen: Laut dem Sender "Formula" betonte ein Augenzeuge, der Mann sei wegen eines Ohrrings für schwul gehalten und angegriffen worden. Die Polizei ging in einer Stellungnahme darauf nicht ein, sprach von psychischen Problemen des 32-jährigen Angreifers, der festgenommen wurde. Der 48-jährige Angegriffene wurde mit mehreren Messerstichen in ein Krankenhaus gebracht, sein Zustand gilt laut Berichten am Abend als nicht lebensbedohlichA tourist has been stabbed on Kosta Khetagurov Street in Tbilisi, allegedly because he was wearing an earring. An eyewitness was quoted saying that the attacker believed the victim was gay. #TbilisiPride2021
OC Media (@OCMediaorg) July 5, 2021
Live updates: https://t.co/7zEZax7riP pic.twitter.com/nM8dQxSXPZ
In einer gemeinsamen Stellungnahme verurteilten am Nachmittag mehrere Botschaften von EU-Ländern, darunter die deutsche, sowie die von Großbritannien und den USA die "gewalttätigen Angriffe" und das "Versagen" der Führungen von Religion und Politik, diese ebenfalls zu verurteilen. Gewalttäter müssten mit aller Härte bestraft werden, die Regierung müsse das Recht auf Meinungsfreiheit und Versammlung und den Schutz der Presse gewährleisten. "Die Szenen der Gewalt und die Untätigkeit der georgischen Behörden sind ein Armutszeugnis für die georgische Demokratie und eine Kapitulation vor Schlägern und aufgehetzten Horden", betonte auch der LSVD. "Die Weigerung der Regierung, die angemeldete CSD-Demo zu schützen, ist mit demokratischen Prinzipien unvereinbar." Deutschland müsse den georgischen Botschafter einbestellen und sich im Europarat für LGBTI-Rechte stark machen.
/ globalfreemediaUPDATE: At least 40 media workers now reported to have been injured amidst widespread violence by far-right & anti-LGTBQ groups during anti-@TbilisiPride protests today, with eight hospitalised & one undergoing surgery. All those receiving treatment are in stable condition pic.twitter.com/6rkgOEc4As
IPI – The Global Network for Press Freedom (@globalfreemedia) July 5, 2021
|
Am Abend gab die Polizei bekannt, im Laufe des Tages acht (!) Personen festgenommen zu haben. Insgesamt habe man 55 Gewaltvorfälle dokumentiert, von denen sich 53 gegen Medienvertreter*innen richteten. Unter anderem zum Angriff auf das Pride-Büro habe man Ermittlungen gestartet.
/ onewmphotoTheres an obvious sense of victory here after the attacks on civil society and the media, Im afraid to say. And yes, the EU flag is down outside parliament and a giant cross has been erected. #TbilisiPride pic.twitter.com/iRnZI1tTSF
Onnik J. Krikorian (@onewmphoto) July 5, 2021
|
Stundenlange Jagdszenen – Premier forderte CSD-Absage
Bereits am frühen Morgen hatten sich die Pride-Gegner*innen vor dem Parlament versammelt und Stände von Oppositionsgruppen angegriffen, die dort zur letzten Parlamentswahl aufgebaut worden waren. Die gewaltbereite Meute warf den Gruppen vor, auf der Seite des CSDs zu sein. Auch eine Europaflagge am Parlament wurde entfernt.
Die Polizei schritt dabei Medienberichten zufolge nicht ein. Später eskortierten einige Beamte Journalist*innen aus dem Bereich, nachdem die Menge auch TV-Crews und Reporter*innen angriffen und teilweise ihre Ausrüstung zerstörten. Ein Mann fuhr mit einem Scooter gezielt auf mehrere Berichterstattende zu. Laut diversen Medienberichten wurden bis zum Mittag an mehreren Orten der Innenstadt bis zu zwanzig Journalist*innen verletzt; die Artikel begleitende Bilder zeigten Gesichtsverletzungen bei mehreren von ihnen.
/ dato_parulavaChilling photos! Georgian journalist Rati Tsverava, harassed and beaten by homophobic mob, being dragged around by priests in #Tbilisi streets. Dozen more journalists violently attacked as police stands by. Gov wont deploy enough police #TbilisiPride #Georgia pic.twitter.com/jpiJzLwTRv
Dato Parulava (@dato_parulava) July 5, 2021
|
/ OCMediaorgFootage from near parliament shows a man driving a scooter repeatedly into a group of journalists. Another man proceeds to attack the camera operator with a club. Police did not arrest either attacker.
OC Media (@OCMediaorg) July 5, 2021
Updates: https://t.co/hKXiA8Yh5rpic.twitter.com/nUlf1EfJYU
Später begann die Meute, die Büros der oppositionellen Gruppe "Shame Movement" anzugreifen – und die Büros der CSD-Veranstaltenden. Dabei seien Scheiben, Geräte und Regenbogenflaggen zerstört worden, so der Pride. Das Büro sei zu dem Zeitpunkt unbesetzt gewesen. Die anwesende Polizei schritt offenbar auch hier nicht ein. "Wir sind Zeuge eines massiven Staatsversagens", kommentierte Giorgi Tabagari vom CSD.
/ TamazSozashvili | Das CSD-Büro nach dem AngriffThis is how @TbilisiPride office looks like inside after the radicals storm it. @usingeo @EUinGeorgia @UNDPGeorgia @LGBTIintergroup @SandAndresen @ColasDiego @MaaikevanKoldam pic.twitter.com/oYZIDDx9Ep
Tamaz Sozashvili (@TamazSozashvili) July 5, 2021
|
Am Nachmittag (Ortszeit) hatte sich die aufgebrachte Menge dann vor den Büros der Vereinten Nationen versammelt. Letzte Entwicklungen lassen sich unter anderem über den Twitter-Kanal des Pride oder die Facebook-Livestreams der Sender Formula und Pirveli verfolgen. Die Chefs mehrerer großer Sender hatten in einer gemeinsamen Pressekonferenz ein Ende der Gewalt gegen Medienvertreter*innen gefordert.
/ HelenkhoshThis is what @TvPirveli camera-man looks like after being attacked by government-sanctioned anti- #TbilisiPride21 mobs today! pic.twitter.com/1kpZ6V27wD
Helen Khoshtaria (@Helenkhosh) July 5, 2021
|
Zu mehreren direkten Gegenprotesten zu dem CSD am Montag hatten nationalistische und prorusissche Gruppen aufgerufen – und die Führung der orthodoxen Kirche, die bereits seit Tagen Stimmung gegen den CSD als vermeintliche "LGBT-Propaganda" und "Sünde" machte und etwa westliche Botschaften aufrief, den Pride nicht zu unterstützen. Diverse Botschaften von EU-Ländern und USA sowie EU-Abgeordnete hatten die Politik in den letzten Tagen aufgefordert, für die Sicherheit des CSD zu sorgen.
/ usingeoGeorgias Constitution and laws guarantee the right to equality and dignity, regardless of sexual orientation or gender identity. We support the freedom of all Georgians, including the LGBTQI+ community, to exercise these rights peacefully. pic.twitter.com/byGbXh1uCR
U.S. Embassy Tbilisi (@usingeo) July 5, 2021
|
Premierminister Irakli Gharibaschwili hatte am Montagmorgen eine Absage oder Verlegung des CSD gefordert, der eine "Bedrohung zu einem Bürgerkrieg" darstelle: "Diese Demonstration abzuhalten, ist für die Mehrheit der Bevölkerung inakzeptabel." Der CSD sei von "revanchistischen" und "radikalen" Gruppen rund um den früheren Präsidenten Micheil Saakaschwili unterwandert, behauptete er dabei sogar. Der Politiker betonte zugleich das Recht auf friedliche Demonstration und verwies auf das Antidiskriminierungsgesetz (das auch die Merkmale sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität schützt). Er appellierte an die CSD-Veranstaltenden, in Gesprächen mit Polizei und Innenministerium zu einer Lösung zu kommen, die keine Gefahr für sie darstelle. Möglich wäre eine alternative Route. Wenig später rief das Ministerium den CSD zu einer Absage auf.
/ CivilGe"You are obliged to use violence for the sake of homeland, the country, the sacred," a priest addressed far-right homophobic crowds earlier today.
Civil.ge (@CivilGe) July 5, 2021
Orthodox Church Patriarchate said it distances itself from statements calling for violence. #TbilisiPride #LGBTQ pic.twitter.com/KqaQpbGIpL
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Konstante Gewalt gegen LGBTI
Die CSD-Organisator*innen hatten bereits seit Tagen umfassenden Schutz eingefordert, wie ihn der Staat für Veranstaltungen rund um die "Pride Week" offenbar auch gewährleistete. So wurde eine Auftakts-Filmvorführung am letzten Donnerstag durch Polizisten geschützt, die über 20 Gegendemonstranten festnahmen.
/ OCMediaorg | CSD-Eröffnung am letzten DonnerstagProtesters clashed with police in Tbilisi outside the opening of Tbilisi Pride Week. Meanwhile, @TbilisiPride held a screening of the documentary March for Dignity to a small audience of diplomats, activists, and others, inside the Khidi club.
OC Media (@OCMediaorg) July 2, 2021
More: https://t.co/Dtp8jdfzjf pic.twitter.com/XUiFMJHO5k
Vor zwei Jahren hatten die Aktivist*innen den ersten CSD in Tiflis ebenfalls aus Sicherheitsbedenken abgesagt und eine unangekündigte kleine Demonstration vor dem Innenministerium abgehalten, in der sie Schutz für ihre Veranstaltungen einfoderten (queer.de berichtete). Später im Jahr kam es zu Ausschreitungen in Tiflis und anderen Städten gegen die Premiere des Films "Als wir tanzten" (queer.de berichtete). Auch hier arbeiteten rechtsextreme Gruppen und die orthodoxe Kirche Hand in Hand.
Als Schicksalstag gilt vor allem der 17. Mai 2013. Damals hatte in Tiflis eine von Nationalisten und Kirche aufgestachelte Menge einen Bus mit LGBTI-Aktivist*innen angegriffen, die eine Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie abgehalten hatten (queer.de berichtete). Rund 20 Personen wurden dabei verletzt. In den Jahren danach kam es immer wieder zu Gewaltvorfällen bei kleineren Protesten der queeren Szene, während Homo-Gegner größere jährliche Demonstrationen – und einen homofeindlichen "Weltkongress der Familie" – abhielten (mehr Details in diesem Bericht). (nb)
Links zum Thema:
» Engl. Webseite des CSD mit Paypal-Spendenmöglichkeit
















