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Fotografie

Sündenfreie Männlichkeit

Mit dem Fotoband "Nudes" konterkariert der Berliner Fotograf Richard Kranzin die kommerzialisierte Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Seine Methode: Reduktion. Sein Geheimnis: Sinnlichkeit. Sein Motiv: schöne nackte Männer.


Der neue Bildband "Nudes" zeigt schöne und junge Männer, die einfach nur sie selbst sind (Bild: Richard Kranzin / Salzgeber Buchverlage)

Er fotografiert analog, er verzichtet auf Gimmicks, er will "der Verletzlichkeit von Maskulinität auf den Grund" gehen. Man könnte meinen, Richard Kranzin sei Nostalgiker. Und vielleicht ist er das auch ein bisschen. Aber nicht im unmodernen Sinne des Wortes. Kranzin erteilt den grellen Bilderwelten und Selbstinszenierungen der Social-Media-Ära keine Absage, weil er kein Verständnis für sie hätte. Vielmehr ist der 1990 geborene Künstler als Filmemacher, Fotograf und ehemaliges Model seit Jahren mit ihnen konfrontiert. Nicht zuletzt betreibt er selbst einen Instagram-Channel mit über 13.000 Abonnent*innen.

Wenn Kranzin in seinem neuen Fotobuch "Nudes" auf Purismus, Reduktion und den Zauber des Uninszenierten setzt, ist das ein zweifacher Spiegel des Zeitgeists. Es ist Ausdruck einer sehr heutigen Sehnsucht nach Authentizität, die das Erfolgsrezept jedes Youtubers und jedes Influencers ist, es ist aber noch viel mehr der Ausdruck des Wunsches, diese Authentizität vor eben jener Selbstausbeutung zu bewahren, die Youtuber und Influencer betreiben. Das hat dann weniger mit Nostalgie als mit Gesellschaftskritik zu tun.

Fotografiert "in den eigenen vier Wänden"


Der Fotoband "Nudes" ist Anfang Juli 2021 bei Salzgeber erschienen

Kranzin treibt in "Nudes" ein Konzept auf die Spitze, das schon seinem 2018 erschienenen Fotobuch "Boys in Nature" zugrunde lag. Damals fotografierte er junge Männer unter freiem Himmel und ließ die Schönheit von Naturdetails mit der Schönheit der nackten Körper der Protagonisten harmonieren. Beim neuen Buch bleibt die Natur außen vor, und die titelgebenden "Nudes" haben die Bühne ganz für sich allein.

Rund 30 junge Männer hat Kranzin für das Projekt fotografiert – "in den eigenen vier Wänden", wie es im Vorwort heißt, was aber nur eine Chiffre für Intimität ist, denn die Wohnungen spielen keine Rolle. Höchstens ist mal ein Teppichausschnitt, ein Fensterrahmen, ein Bettlaken oder ein Parkettfußboden zu sehen, aber im Großen und Ganzen lenkt hier nichts vom Wesentlichen ab: den Modellen. Die weniger Modelle sind als Persönlichkeiten. Weil sie nicht inszeniert, sondern, wie Kranzin es ausdrückt, "erzählt" werden. Mit ausdrucksstarken Blicken und ungekünstelten Posen; durch Licht und Schatten; in schlichten, leicht gekörnten Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Die Männer sind schön, weil sie bei sich selbst sind

"Ich träume von einer wahrhaftigen, sinnlichen und sündenfreien Männlichkeit" sagt Richard Kranzin. Was für eine Aussage in Zeiten, in denen Männlichkeit in öffentlichen Debatten vor allem in Negativkontexten von "fragil" und "toxisch" diskutiert wird. Aber auch sie hat Konzept, denn mit Männlichkeit verfährt Kranzin genauso wie mit Authentizität. Wo er letztere vor der Selbstausbeutung bewahrt, bewahrt er erstere vor den Sünden des toxischen. Vielleicht liegt es daran, dass es so leicht fällt beim Betrachten der "Nudes" auf sündige Gedanken zu kommen.

Dieser Bildband atmet die Erotik eines ziellos-endlosen Sonntagnachmittags in der Wohnung eines neuen Lovers, wo nach dem Sex immer auch vor dem Sex ist und der Druck, sich beweisen zu müssen, einer entspannten Vertrautheit Platz gemacht hat. Die in "Nudes" gezeigten nackten Männer sind schön, weil sie bei sich selbst sind. Dass es Kranzin gelingt, sie genau dort zu lassen, ist sein großes Verdienst.

Infos zum Buch

Richard Kranzin: Nudes. Bildband. 176 Seiten. Format: 240 x 320 mm. 100 Abbildungen in Duoton. Salzgeber Buchverlage. Berlin 2021. 59 €. ISBN 978-3-95985-622-5
Galerie:
Richard Kranzin: Nudes
7 Bilder


#1 WanndererAnonym
  • 07.07.2021, 08:30h
  • Ein wirkliches Zeichen gegen kommerzielle Selbstdarstellung wäre es doch gewesen, wenn er Models jenseits klassischer Schönheitsideale genommen hätte, oder?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 HagenAnonym
#3 Eric LassardAnonym
  • 07.07.2021, 09:48h
  • Es wäre ein Zeichen gewesen Männer mit 65 Jahren und älter zu zeigen, keine durchtrainierten jungen Kerle
  • Antworten » | Direktlink »