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Eine erfrischend ehrliche Autobiografie

"Schade, daß wir uns nicht schon als Knaben begegnet sind!"

Vor genau 100 Jahren – im Juli 1921 – publizierte Kurt Martens seine "Schonungslose Lebenschronik". Dieser Titel wird auch den Passagen über Homosexualität gerecht.


Kurt Martens, gezeichnet von Walther Caspari (1901)
  • Von Erwin In het Panhuis
    10. Juli 2021, 05:31h, 1 Kommentar

Der Autor Kurt Martens

Kurt Martens (1870-1945) hat zwischen 1898 und 1941 rund 30 Romane veröffentlicht. Welche Einstellung er zur Homosexualität hatte, ist schon ab 1899 dokumentiert, weil er zu den Erstunterzeichnern der Petition zur Legalisierung der männlichen Homosexualität gehörte ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Bd. 1, 1899, S. 256). Dieser Linie blieb er auch die nächsten Jahrzehnte über treu. Sein in Bezug auf Homosexualität deutlichstes Werk ist seine Autobiografie bzw. seine "Lebenschronik", die er vor genau 100 Jahren publizierte. Ein Blick auf einige seiner anderen literarischen Werke und seine persönlichen Kontakte runden das Bild von ihm ab.

Martens als Kind – in "Schonungslose Lebenschronik" (1921)

Mit seiner Chronik wollte Martens auch seine sexuellen Erfahrungen "wahrheitsgetreu und sachlich" schildern. Dem Eros und "seinen Lockungen" sei er gerne gefolgt, denn der Eros sei schließlich "da" und "ist Natur" (S. 40).

Schon mit drei Jahren verliebte er sich in den zierlichen Heinz. Er hatte eine "Sehnsucht", ihn zu "umschlingen" und ihn "abzuküssen", was er jedoch nicht durfte (S. 13-14). Im Alter von fünf Jahren sah er einen nackten Jungen beim Baden und begriff in diesem Augenblick, dass es "dies war, was ich mir immer schon ersehnt" (S. 15). Bei der Einschulung in einem Dresdner Internat sah er "jeden daraufhin an, ob ich ihn wohl lieben könnte", und wenn ja, träumte auch hier davon, ihn zu umschlingen (S. 24).

Im gemeinsamen Schlafsaal gab es unter den Jungen in seinem Alter sexuelle Spiele – so wurde der "Begattungsakt andeutungsweise nachgeahmt". Manchmal wurde Kurt Martens von anderen "überfallen" und mit "kitzeln […] vergewaltigt". Erst später stellte sich ihm die Frage, "ob sich nicht angenehmere Formen zärtlichen Verkehrs hätten finden lassen". Der Umstand, dass der Lehrer nebenan schlief, "mochte allzu ausschweifenden Begierden Zügel anlegen" (S. 41-42).

Martens verwies darauf, dass bei gleichgeschlechtlichen Freundschaften eine "zum mindesten latente, unbewusste Erotik" stets vorhanden sei und dass Knaben bei fehlendem Kontakt zum weiblichen Geschlecht stets "mit dem eigenen vorlieb" nähmen. Auch bei Martens gab es mit zwölf Jahren schon "eine erhöhte Empfänglichkeit für Sonderfreundschaften" wie zu einem Jungen namens Adolf, den er wochenlang eng umschlang. "Doch bald entglitten wir zwei uns wieder, flatterten anderen Blüten zu." Der "Augenblick, wo junge Hengste die Nasen aneinanderreiben und die Ziegenböckchen sich bespringen, trat erst ein, nachdem der Körper die vorauseilende Seele eingeholt" hatte.

Für Martens war der erste Kuss mit einem anderen Jungen etwas, neben dem all seine späteren Liebesaffären "verblassten". Dieser Kuss besiegelte nicht nur die Freundschaft – er war für Martens ein "Posaunenstoß der Liebe, Auftakt zur großen Passion". Weitergehende "unerlaubte" Wünsche flackerten auf, wurden jedoch unterdrückt. Als ihm der andere Junge von einem früheren "Sündenfall" berichtete, der eine religiöse Ermahnung und den Rohrstock nach sich gezogen hatte, wäre Martens allerdings gerne der zweite "Sünder" gewesen. Im Gegensatz zum weiterhin keuschen Martens zeigten sich die anderen Jungen im gemeinsamen Schlafsaal weniger zurückhaltend. Einige begnügten sich mit "Spähen" (= Spannen) – einem Ersatz für "handgreiflichere Freuden". Während Martens' Schulzeit gab es keine Mädchen, die sein "Herz hätten entzünden können" (S. 56-62).

Martens als Erwachsener – in "Schonungslose Lebenschronik" (1921)


Martens' "Schonungslose Lebenschronik" erschien 1921 im Rikola Verlag

In Luzern lernte Martens 1898 – zu diesem Zeitpunkt wohl 28 Jahre alt – einen Schweden kennen. Dieser schmiegte sich an ihn, sprach von Liebe und bot ihm an, mit auf sein Zimmer zu kommen. Für Martens war dies "viel zu interessant, als daß ich brüsk abgelehnt hätte". Weil der Schwede "immer wieder auf seine unlauteren Absichten" zurückkam, wurde Martens deutlich: "Ihren liebenswürdigen Gefühlen bringe ich alle Anteilnahme entgegen, aber Gegengefühle wecken Sie wahrhaftig nicht. […] Wie schade, daß wir uns nicht schon als Knaben […] begegnet sind! Da hätte sich eher darüber reden lassen."

Martens kam es nun darauf an, sich mit diesem "hochgebildeten Manne" über das "von der Öffentlichkeit noch immer scheu gemiedene Problem gründlich auszusprechen, von seinen Erfahrungen zu hören und mich über die Rolle, die der homosexuelle Verkehr in Schweden spielte, zu unterrichten". Der Schwede – der die Berliner Klubs "seiner Gefühlsgenossen" kannte – entrüstete sich gemeinsam mit Martens über die "unheilvolle, erpresserische Wirkung" des § 175 RStGB. Beide waren sich einig, dass die Homosexualität "je nach der gesellschaftlichen Schicht, in der er sich auswirkte, edle und segensreiche oder gemeine und verderbliche Formen annehmen könne". Dabei ging Martens auch auf die "plumpe, rohe und süßliche Manier" ein, wie sie sich im Kontext der Eulenburg-Affäre gezeigt habe, und berichtete von einem ihm bekannten Liebespaar, einem 20-jährigen Medizinstudenten und seinem 16-jährigen Freund. Der Medizinstudent wurde später Arzt an der Universitätsklinik in Halle, geriet mit dem § 175 in Konflikt und erschoss sich (S. 224-226).

Der Ich-Erzähler als Kind – im "Roman aus der Décadence" (1898)

Neben Martens' "Lebenschronik" bietet sich vor allem ein Hinweis auf seinen "Roman aus der Décadence" (1898) an, mit dem er 23 Jahre zuvor bekannt wurde und der Parallelen zu seiner Biografie erkennen lässt (Die Seitenangaben beziehen sich auf die online verfügbare Ausgabe von 1898).

Auf rund zehn Seiten beschreibt der Protagonist Just (im Roman ohne Nachnamen) sein Liebesleben ab dem 4. Lebensjahr. Bei einem Jungen kann Just vom "trösten und liebkosen" gar nicht genug bekommen. Bei einem anderen wünscht er sich heimlich, ihn "fest umschlingen zu dürfen". Im Bad wünscht er sich, ihn neben sich zu haben. In der Schule liebt er einen schlanken, verzärtelten Rumänen, "ohne je ein Wort mit ihm gesprochen zu haben".

Zuerst halten sich die "verbotenen Begierden zurück". Es ist "die echte, die drängende, begehrende Liebe", die ihn zu unterschiedlichen "Gefährten trieb, aber das starre Naturgesetz der Fortpflanzung konnte diese zwecklosen Reizungen nur verdammen". Obwohl ihm einige Mädchen wie "ausdrucklose Puppen" vorkommen, hätte er gerne auch etwas mit Mädchen gehabt, "nach denen mein natürlicher Instinkt doch endlich verlangte". Bei den Jungen ist es anders, mit ihnen will er eine "Vereinigung mit dem Geliebten", er will sie umschlingen und küssen.

Mit zehn Jahren kommt er in ein Pensionat, wo "verbotene Vergnügungen" gang und gäbe sind. Hier lernt er den träumerischen und sanften Fredi kennen. Eine ähnliche Leidenschaft hat er niemals zuvor empfunden. Es ist seine "erste starke Liebe" – vergleichbar mit der späteren Liebe von Heranwachsenden. Justs Scheu ist jedoch mächtiger als seine Lust. Im Bett des Schlafsaals ist sein "unruhiges Fleisch" wie ein "Raubtier", das zu "streicheln" und zu "spielen" verlangt. Wenn er mit Fredi eng umschlungen gemeinsam ein Buch liest, vermengen sich die "Reizungen des Buches mit denen unsrer Liebe". Sein Kuss mit Fredi wird erwidert und es kommt zu Liebkosungen. Seine Beziehung zu Fredi kommt ihm wie glückselige Flitterwochen vor (S. 160-170).

Der Ich-Erzähler als Erwachsener – im "Roman aus der Décadence" (1898)


Kurt Martens, gezeichnet von Max Alexis von der Ropp (vor 1916)

Ähnlich wie in seiner Autobiografie beschreibt Martens auch in diesem Roman eine Freundschaft des Ich-Erzählers Just zu einem Schwulen. Just lernt Erich von Lüttwitz in Italien kennen. Erich – der sagt, dass er für "Frauenzimmer" nie "etwas übrig haben" werde – schiebt mit großer Vertraulichkeit seine Hand unter den Arm von Just. Erich wird deutlich: "Aber mich ekelt [es] vor dieser Vergötterung des Biceps und der Clitoris" (S. 56-72).

In Berlin kennt Erich "pikante Clubs" (S. 201-203). In einem Brief will Erich seinem Freund Just eigentlich sein ganzes Elend mitteilen. "Aber ich habe nicht gelernt, von dem zu reden, was mich bewegt und quält." Dabei vergleicht sich Erich mit "verdorrten Wurzeln", was als Hinweis auf eine nicht fortpflanzungsfähige Sexualität interpretierbar ist (S. 211-212). Erich überlegt sogar, ob er mit Esther, die "den Mann in mir nicht reizte", eine "Vernunft-Ehe" eingehen will, denn Mann und Frau könnten ja schließlich befreundet sein, auch wenn sie "geschlechtlich sich verschmähen" (S. 217). Erich beschreibt auch seine Liebe zu einem Mann: "Ich bin verliebt in einen Poeten, den ich kennen lernen möchte. Zwar weiß ich nicht, wie er heißt, noch wie er aussieht. Aber ich liebe ihn mit einer wahren körperlichen Sehnsucht" (S. 224).

Die Art, in der der Ich-Erzähler Just Erichs Haus beschreibt, lässt sich als Hinweis auf Homosexualität verstehen: "Betäubende Düfte von Blumen und Parfums […] erweckten mir Vorstellungen von Damen-Boudoirs und Sterbe-Zimmern" (S. 217-219). Just beschreibt außerdem einen Handschlag mit Erich, dessen Hand sich "feucht und schlaff" anfühlt, was bei Just zu einem Gefühl zwischen "Grauen" und "Widerwillen" führt. Nach dem Handschlag wischt sich Just seine Hand mit einem Taschentuch ab, als "wäre sie besudelt" (S. 243).

Martens: "Kaspar Hauser" (1903)

Neben dem "Roman aus der Décadence" gehörte auch Martens' Roman "Kaspar Hauser" (1903) zum Bestand einer Bibliothek der frühen Schwulenbewegung (Marita Keilson-Lauritz: "Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 288 zur Bibliothek des WhK). Das war für mich Grund genug, den Roman in der Ausgabe von 1908 zu lesen, der vor allem von der historischen Figur Kaspar Hauser (1812-1833) und dessen väterlichem Freund Philip Stanhope (1781-1855) handelt.

Zunächst ist von Gerüchten die Rede, weil Stanhope Hauser mit "Zärtlichkeiten" überschüttet und ihn auf eine bestimmte Weise umarmt. Stanhope gilt schließlich als "Gegner des zarteren Geschlechtes" und als weichlich, womit er schon "Widerwillen" erregt hat. Kaspar Hauser müsse man, heißt es, vor ihm "behüten" (S. 9-10). Dagegen vergleicht Kaspar Hauser sein freundschaftliches Verhältnis zu Stanhope mit den Freundschaften von Alexander und Alkibiades (S. 60) – also historischen Freundschaften unter Männern, die homosexuell rezipiert wurden. Weil Kaspar Hausers Tagebücher die Geheimnisse über seine Herkunft offenbaren könnten, wird er genötigt, sie herauszugeben. Als er sich beharrlich weigert, wird sein Zimmer von der Polizei durchsucht. Ein Polizist wundert sich, wie sauber dort alles ist, und frotzelt: "Die jungfräuliche Kammer weiß von nichts. Nicht jedes Mädchen hält so rein." Es folgen Witze darüber, dass man in Kaspar Hausers Poesie-Album bestimmt auch ein Bild von Stanhope finden würde.

Für Stanhope ist es unangenehm, dass ihre Freundschaft auf diese Weise "besudelt wird" (S. 85). Später verbrennt Kaspar Hauser die von ihm gut versteckten Tagebücher und betont gegenüber Stanhope, dass das, was in Flammen aufgeht, "von der ersten bis zur letzten Seite" nur "ein einziger, langer Seufzer von Liebe und Unterwerfung" sei (S. 90-91). Als am Ende des Romans Kaspar Hauser stirbt, spricht ihn Stanhope mit "Mein Junge, mein geliebter!" an (S. 130).

Ich habe in unterschiedlichen Quellen – u.a. in der umfangreichen Biografie von Johannes Mayer "Philip Henry Lord Stanhope. Der Gegenspieler Kaspar Hausers" (1988) – keine Hinweise auf ein homoerotisches Verhältnis der beiden Männer gefunden und gehe deshalb davon aus, dass dieses ausschließlich Martens' Phantasie entsprungen ist.

Martens' "Pia. Der Roman ihrer zwei Welten" (1913)

Nach Magnus Hirschfeld sind Martens' Werke "Roman aus der Décadence" und "Pia" "Sittenschilderungen", die "Spuren der Gleichgeschlechtlichkeit" zeigen ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 1018-1019). Ich habe daraufhin auch "Pia" in der Ausgabe von 1913 gelesen. Die Protagonistin Pia Worryn lebt in einer konservativen, katholischen, dörflichen Welt. Ihrer Welt wird die ihres Vetters Joachim Yelas gegenübergestellt. Er ist ein großstädtischer Freidenker und bewegt sich in Literatur- und Künstlerkreisen. Nach einer Romanfigur soll er eine "frivole" Gesinnung haben und sein Lebenswandel sei "vulgär" (S. 30) – ohne dass dies konkreter ausgeführt wird. Pia und Joachim sind im Laufe des Romans zuerst verliebt, dann verlobt und später auch verheiratet.

Es gibt nur einzelne Sätze, die man als Anspielungen auf Homosexualität interpretieren kann. Dazu gehört der Hinweis, dass Joachim bei der Gardekavallerie "eine Zeitlang in den Sumpf hinein[geriet]. Zum Glück nur für eine kurze Zeit", aber zwei bis drei Jahre reichten, um "zeitlebens einen tiefen Ekel" nicht mehr loszuwerden (S. 139). Pia erfährt andeutungsweise von einer dritten Person, dass sie von ihrem Mann keine Kinder bekommen werde. Zuerst glaubt sie an "irgendeinen Naturfehler", kurze Zeit später an eine Klatschgeschichte (S. 327). Am deutlichsten ist diese kurze Erwähnung: "Heinz Theodor, ein zarter Ephebe von knapp zwanzig Jahren, anmutig und schmiegsam wie ein junges Mädchen, mit großen, verschleierten Augen und fein modellierten […] Lippen. Er steht […] ganz in Doktor Binsteins Bann, seine Beziehungen zu [ihm waren] aufs häßlichste verdächtigt worden" (S. 302).

Martens' "Der Emigrant" (1919)

Kurt Martens veröffentlichte im Steegemann-Verlag die Erzählung "Der Emigrant" (1919, 1921), für deren Cover ein Bild von Aubrey Beardsley verwendet wurde, der vor allem als Illustrator von Oscar Wildes "Salome" bekannt ist. Die Geschichte beschreibt einige Wochen, die ein verwundeter französischer Emigrant bis zu seiner Genesung bei einem Grafen verbringt, dessen Haus ein Ort friedlicher Zeitlosigkeit und erotischer Freiheiten ist. Das Buch wurde vom Verleger Paul Steegemann selbst mit einer anspielungsreichen Rezension beworben: "Auch ein wenig von der Schwüle der Perversitäten in verschlossenen Gemächern, der erotischen Geheimnisse, der seltsamen Lüste untergehender Zeiten. Martens schreibt für wenige" (in der Zeitschrift "Die Gegenwart").

Mehr als 70 Jahre später wurde das Buch im "lexikon homosexuelle belletristik" (1994) besprochen, wobei eine Szene hervorgehoben wird, in der die Spiegel im Schloss mit dem Narzissmus des Emigranten korrespondieren. Zum Steegemann-Verlag und diesem Buch siehe auch meinen Artikel hier auf queer.de. Wer diese Erzählung nachlesen möchte, hat es heute leicht: "Der Emigrant" steht an dritter Stelle in Kurt Martens' Buch "Drei Novellen von Adeliger (sic!) Lust" (1909), das von Gutenberg.de online angeboten wird.

Martens' Kontakte zu schwulen Männern

Zu Beginn des Artikels wurde bereits erwähnt, dass Martens 1897 die Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees zur Abschaffung des § 175 mit unterschrieb. Wie intensiv der Kontakt der beiden Männer über die nächsten Jahrzehnte war, bleibt unbekannt. 30 Jahre später schrieb Martens gemeinsam mit Magnus Hirschfeld und Fritz Dehnow den dreiteiligen Artikel "Der neue Paragraph 175" (in: "Vererbung und Geschlechtsleben", 2. Jg., 1928/1929, Heft 4, S. 221-229, hier S. 221-222). Hier erwähnt Martens noch einmal indirekt die "gewaltige, eindrucksvolle Propaganda" bzw. die Petition, die er selbst mit unterschrieben hatte und die der Gesetzgeber leider vollkommen ignoriert habe. Für ihn ist es ein Trost, dass solche Gesetze "nur auf eine sehr beschränkte Lebensdauer rechnen können". (In seinen sehr unterschiedlichen Fassungen bestand der § 175 allerdings von 1871 bis 1994.)


Artikel "Der neue Paragraph 175" (Auszug)

Kurt Martens lernte 1899 (den nicht schwulen, aber zumindest männerbegehrenden) Thomas Mann kennen und wurde einer seiner wenigen Duz-Freunde. Mann widmete Martens 1903 den "Tonio Kröger", Martens widmete Mann 1904 die Novellensammlung "Katastrophen". In ihren jeweiligen Selbstzeugnissen gingen beide auf den jeweils anderen ein. Nach einem Tagebucheintrag von Thomas Mann tauschten sie sich u.a. über Curt Morecks homoerotischen Roman "Die Pole des Eros" aus, der eine auffallende Nähe zu Manns Novelle "Der Tod in Venedig" hat (Tagebucheintrag, 19. März 1919). Ein Jahr später zeigte sich Thomas Mann von Martens' Buch "Schonungslose Lebenschronik" sehr beeindruckt (Tagebucheintrag, 1. Juli 1920). Die ausgetauschten Briefe sind heute alle publiziert.

Auch mit dem Schriftsteller und Schwulenaktivisten Peter Hamecher (1879-1938) war Kurt Martens befreundet. Der einzige Beleg dafür ist ein Brief von Martens an Hamecher vom 24. Juni 1930, der sich heute in Privatbesitz befindet. Zu Hamecher, der seit 1901 offen schwul auftrat, siehe das online verfügbare Kapitel über ihn in meinem Buch "Anders als die Andern" (2006, S. 135-138) und das u.a. von mir herausgegebene Buch über Peter Hamecher "Zwischen den Geschlechtern" (2011).


Brief von Martens an Peter Hamecher von 1930

Was bleibt

Mit seinem "Roman aus der Décadence" (1898) wurde Martens bekannt. Mit seiner Autobiografie "Schonungslose Lebenschronik" (1921) lassen sich die im Roman enthaltenen autobiografischen Bezüge erahnen bzw. belegen. Auf diese Weise wird klar, dass die Romanfigur Erich von Lüttwitz im realen Leben dem schwulen Schweden entspricht, den Martens persönlich kennen lernte und der zu Martens' Reflexion über Homosexualität vermutlich viel beigetragen hat. Der Roman-Protagonist Just wird damit zumindest teilweise zum Alter Ego von Kurt Martens. Martens betonte zwar 25 Jahre nach der Erstauflage (Vorwort zur Neuauflage 1922), dass dieser Roman trotz der Ich-Form keine Autobiografie darstelle und dass der Ich-Erzähler Just ein "Geschöpf der Phantasie" und nicht identisch mit dem Verfasser sei. Er gab jedoch auch zu, dass sich "beider Ideen und Erlebnisse […] teilweise deckten".

Martens' Bild von Homosexualität ist nicht ausschließlich positiv – auch das machen seine Veröffentlichungen deutlich. Das von ihm vermittelte Bild trägt dabei auch klischeehafte Züge, die typisch für die Zeit um 1900 sind und damals in negativem Sinne mit "Dekadenz" verbunden wurden. In seinen Texten spürt man nicht nur seine Offenheit, sondern auch sein "Grauen" und seinen "Widerwillen". Es wundert mich nicht, dass sich Thomas Mann sich davon angesprochen fühlte, denn auch Manns Verhältnis zu seinem eigenen homoerotischen Begehren war ähnlich ambivalent und widersprüchlich, wenn er z.B. in seinem "Tod in Venedig" die Homoerotik mit Tod und Dekadenz in Verbindung bringt.

Martens nicht ausschließlich positive Sicht auf Homosexualität ist für mich aber kein Nachteil, sondern in erster Linie ehrlich. Er hat der Schwulenbewegung nie nach dem Mund geredet. Seine Texte spiegeln nicht nur die Bereitschaft wider, Homosexualität zu legalisieren, sondern sich auch unbefangen mit ihr auseinander zu setzen.

Die Stadt, mit der sich Martens am meisten verbunden fühlte, war Dresden. Nach den Luftangriffen auf Dresden 1945 hat sich Kurt Martens das Leben genommen. Heute befinden sich auf der Orgel der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche zwei Posaunenengel, die ihm und Victor Klemperer gewidmet sind.


Die zwei Engel in der Dresdner Frauenkirche, die Kurt Martens und Victor Klemperer gewidmet sind