Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39418

Interview

"Bedarf für queere Bildungsarbeit ist nicht konjunkturabhängig!"

Der Bundesverband Queere Bildung warnt vor Finanzierungslücken bei der lokalen Antidiskriminierungsarbeit. Die Pandemie habe die prekäre Lage noch einmal verschärft.


Rotstift unterm Regenbogen: Queere Bildungsarbeit setzt sich laut Verband "für eine Gesellschaft ein, in der lesbische, bisexuelle, asexuelle, schwule, trans*, inter*, heterosexuelle und queere Lebensweisen gleichberechtigt gelebt werden können und uneingeschränkte Akzeptanz finden" (Bild: freepik.com)
  • Von Jeja Klein
    10. Juli 2021, 11:19h, noch kein Kommentar

Der Bundesverband Queere Bildung e.V. hat vor Problemen bei der Finanzierung lokaler Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit gewarnt. Die Arbeit der über 48 Mitgliedsprojekte sei in der Pandemie sehr unter Druck geraten, heißt es in einem im Juni veröffentlichten Positionspapier (PDF). Gefordert wird eine solidere Ausfinanzierung.

Eine der Haupteinnahmequellen der queeren Bildungsträger sind Spenden und Honorare bei den durchgeführten Workshops. Mit der Notwendigkeit, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten, sind mit den Veranstaltungen auch diese Einnahmen weggefallen.

Förderungen an Eigenmittel gebunden

Die fehlenden Eigenmittel stellen ein Problem in doppelter Hinsicht dar, das kommunale oder vom Land kommende Förderungen häufig daran gebunden sind, dass den bereitgestellten Mitteln entsprechende Eigenmittel gegenüber gestellt werden.

Auch so ist, wie der Verein darlegt, ein großer Druck bei den Engagierten entstanden: Gehen öffentliche Fördergelder durch die eingegangenen Bedingungen eventuell verloren? Darum fordert der Bundesverband unter anderem: "Fördermittelgeber_innen müssen auf Eigenmittel verzichten und die Arbeit queerer Bildungsprojekte vorübergehend durch 100-%-Finanzierungen sicherstellen."

Von Corona-Wirtschaftskrise mitbetroffen

Abhilfe schaffen sollen auch Sondermittel, mit denen die Projekte laufende Mietzahlungen begleichen können. Doch Sorgen bereitet den Bildungsträgern nicht nur die eigene wirtschaftliche Lage, sondern auch die der Kommunen.

Führen durch die Pandemie bedingte Mindereinnahmen zu Kürzungen in sozialen Bereichen, von denen dann auch die queere Bildung betroffen wäre? "Mögliche Haushaltseinsparungen dürfen keine Zuwendungskürzungen für queere Bildungsprojekte nach sich ziehen", fordert deshalb der Verband. "Der Bedarf für queere Bildungsarbeit ist nicht konjunkturabhängig."

Mit welchen Herausforderungen queere Bildungsarbeit in Deutschland kämpft und wie der Einschnitt durch die Coronapandemie in diesem wichtigen Bereich aussieht, darüber hat queer.de mit Rebecca Knecht gesprochen. Knecht sitzt im Vorstand von Queere Bildung e.V., der sich im Jahr 2014 zur Vernetzung von mittlerweile 70 Bildungsprojekten und über 600 Ehrenamtlichen innerhalb und außerhalb des Bundesverbandes gegründet hat (queer.de berichtete).


Rebecca Knecht, Vorstandsmitglied des Queere Bildung e.V. (Bild: privat)

Rebecca Knecht, mit welcher Situation ist queere Bildungsarbeit in der Corona-Pandemie konfrontiert?

Die Corona-Situation hat noch mal ein Brennglas auf das Problem der Finanzierung queerer Bildungsarbeit gerichtet, das es davor ja aber auch schon gab. Wir erleben häufig auf der einen Seite, dass die Ehrenamtlichen für die Arbeit brennen und gerne bereit sind, Energie, Zeit und Ressourcen zu investieren. Aber es fehlen auf der anderen Seite häufig die Strukturen und vor allem die Fördermittel. Die Belastungen, die da entstehen, haben sich nun in der Zeit der Pandemie noch einmal verstärkt und zeigen sich in der Herausforderung, Räume zu schaffen, in denen Menschen in Kontakt bleiben können und wo emotionaler Rückhalt entsteht. Hier das Ehrenamtsmanagement aufrecht zu erhalten, miteinander in Austausch zu bleiben und dadurch ja auch die Professionalität der geleisteten Arbeit aufrecht zu erhalten, das ist alles eine noch mal größere Herausforderung.

Haben Sie ein Beispiel für diesen Mehraufwand?

Für unser Netzwerk betrachtet ist da vielleicht das beste Beispiel, dass wir üblicherweise einmal im Jahr eine große Bundesvernetzung haben. Da treffen Projekte aus Baden-Württemberg auf die aus Berlin, die aus Niedersachsen auf die aus Bayern. Man hat hier die Gelegenheit, von den anderen zu hören und zu lernen. Das Gefühl, das dabei entsteht, dass wir hier alle miteinander arbeiten, das trägt uns auch durch den Rest des Jahres. Das war im Jahr 2020 und auch in diesem Jahr bisher jedoch nicht möglich.

Es gibt viele Projekte, die unglaublich viel Energie aufgebracht haben, trotzdem in Kontakt zu bleiben. Wir haben also darüber gesprochen: Wie können digitale Workshopangebote aussehen? Wie schaffen wir trotzdem vertrauensvolle Gesprächsräume für die ja auch oft intimen und manchmal schwierigen Themen, um die es in Antidiskriminierungs-Workshops geht?

Wir haben in dieser Zeit immer wieder erlebt, wie an allen Ecken und Enden die adäquate Ausstattung dafür fehlt, sei es nur die Frage: Wie gewährleisten wir, dass jedes lokale Team Zugang zu Endgeräten und dem Internet hat, um Teamtreffen und Workshops in anderen, neuen Formaten überhaupt durchführen zu können?

Wie stellt sich die finanzielle Lage der Bildungsarbeit in den Kommunen dar? Womit haben die Initiativen zu kämpfen?

Unseres Wissens steht keines unserer Projekte gegenwärtig unmittelbar vor dem kompletten Aus, aber die Situation ist, dass Menschen zum Beispiel in Kurzarbeit gehen mussten, während es häufig ungewiss war, ob Förderungen verlängert werden. Da mussten viele persönliche Ressourcen hineinfließen, um das sicher zu stellen. Und nach all dem bleibt die eigentliche Arbeit ja auch noch übrig – also auch neben der Übersetzung der etablierten Methoden in digitale Formate.

Der Queere Bildung e.V. fordert die Finanzierung von Koordinierungsstellen dort, wo Projekte noch nicht gefördert sind. Wie können denn Koordinierungsstellen bei fehlenden Geldern helfen?

Häufig bestehen in der queeren Bildungsarbeit Projekte aus Teams von Ehrenamtlichen, die von jemandem koordiniert werden. So eine Projektkoordination findet häufig schon im Rahmen von 450-Euro-Stellen statt. Es gibt aber auch einige Teams, die gar keine Hauptamtlichkeit haben, wo es maximal vielleicht eine Trägerstruktur gibt, die zum Beispiel an Mittel angedockt ist für Fahrten zu Schulungen und Fortbildungen, aber die eigentliche Arbeit im Projekt findet ehrenamtlich statt. Das ist insbesondere jetzt in der Corona-Pandemie ein Problem, wenn es darum geht, neue Formate zu entwickeln und diese rein ehrenamtlich arbeitenden Teams zusammen zu halten. Hier würde die Schaffung neuer Koordinierungsstellen also Abhilfe leisten.

Von wem kommt denn gegenwärtig das Geld für queere Bildungsarbeit?

Wo es eine Finanzierung gibt, kommt sie häufig von der Kommune. Wir kennen aber auch den Fall, dass ein Projekt für eine Stadt und das jeweilige Umland zuständig ist. Projekte, die aus Landesmitteln gefördert werden, gibt es etwa in Brandenburg, Schleswig-Holstein oder Berlin. In der Regel fördert das Land aber nicht die Arbeit vor Ort, sondern beispielsweise Aus- und Fortbildungen für die Teams, die die Arbeit ausführen.

Sie fordern, dass Förderungen häufiger strukturell und langfristig sein sollen, weniger an konkrete Projekte gebunden. Gibt es das häufig im Bereich der queeren Bildung, diese Gebundenheit der Finanzmittel an einzelne Projekte?

Projektgebundene Förderungen sind der Normalfall in der Finanzierung queerer Bildungsarbeit. Das kann bedeuten, dass das Personalstellen beinhaltet. Diese Stellen sind dann aber Jahr für Jahr auf eine weitergehende Förderung angewiesen – oder jeweils immer nur für einen bestimmten Projektzeitraum. Von der Kommune bis auf die Bundesebene zieht sich das durch. Unser einziger hauptamtlicher Mitarbeiter zum Beispiel, der uns auf der Bundesebene koordiniert, ist in einem Projekt beschäftigt. Es ist natürlich gut, dass es das überhaupt geben kann, etwa über das Programm "Demokratie leben!", aber die Logik dahinter ist: Es wird ein Projekt abgearbeitet, und dann kann man ein Häkchen dahinter setzen. Aber so funktioniert Bildungsarbeit ja in der Regel nicht. Das sind einfach Bedarfe, die auf Dauer da sind.