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Kommentar

Der Friedrich-Merz-CSD

Fetischfans sind nun also doch willkommen beim CSD Bremen – solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt, versteht sich. Mit seiner späten Erklärung hat sich der Verein weiter verrannt. Die klammheimliche Entschuldigung verkommt zur Farce.


Der CSD Bremen stellt die Fetischcommunity unter Generalverdacht. Das Foto zeigt drei Teilnehmer des Hamburg Pride 2014 (Bild: Andreas Gerhold / flickr)

Klar doch, Sex und Fetisch, Ficken und Latex, Blasen und Gummi, das kann man ja schon mal miteinander verwechseln. Ist ja fast dasselbe. Ein bedauerliches Missverständnis. Mit einer an den Schamhaaren herbeigezogenen Begründung versucht der CSD Bremen seinen dreisten Versuch, die gesamte Fetischcommunity vom Pride auszuschließen, zu kaschieren (queer.de berichtete mit vielen Updates).

Ich weiß nicht, was an dem ursprünglich auf der CSD-Homepage veröffentlichten Grundsatz "Keine Fetischdarstellung" wirklich missverständlich gewesen sein soll. Zur Erinnerung: "Das Darstellen von Fetischen in der Öffentlichkeit finden wir nicht hilfreich", hieß es dort wörtlich. Erst danach ging es um Fetische, die von Zuschauenden "sexuell gelesen" werden könnten. Bei diesen stelle sich "zusätzlich das Problem, dass das Publikum nicht einwilligen kann". Zusätzlich!

Populistisches Ablenkungsmanöver

Nach der heftigen, aber sehr berechtigten Kritik aus der Community hat der CSD-Verein (spät) reagiert – und alles nur noch schlimmer gemacht. Obwohl es in der Ursprungsversion des CSD-Grundsatzes "Keine Fetischdarstellung" nicht um öffentlich zelebrierten oder auch nur angedeuteten Geschlechtsverkehr ging, sondern ausschließlich um CSD-Teilnehmer*innen in Leder, Gummi oder Latex, mit Peitsche oder mit Hundemaske, wurde der Absatz am Sonntag in "Keine Darstellung von sexuellen Handlungen" umbenannt.

Das ist ein Ablenkungsmanöver aus dem Handbuch des Populismus. Statt den Fehler einzugestehen, erhoffen sich die Pride-Veranstalter*innen durch den Themenwechsel die zuvor versagte Zustimmung. Ein leicht durchschaubarer Versuch, den anhaltenden Shitstorm doch noch irgendwie zu drehen. Warum aber ist dann der auf die Fetischcommunity gemünzte Satz "Wir wollen nicht bewerten, wessen Probleme größer oder kleiner sind" geblieben, der im neuen Kontext gar keinen Sinn mehr macht? Warum werden "Fetischhandlungen" in der kurz vorab veröffentlichten Pressemitteilung weiterhin explizit erwähnt?

Auch Heteros vögeln mal auf Schützenfesten

Apropos Sex auf dem CSD. In meinem langen Berufshomoleben war ich auf mindestens 150 Pride-Demonstrationen dabei. Nur ein einziges Mal habe ich auf einem Truck zwei junge Männer rummachen sehen. Die trugen Shorts und Tanktops. Ein Massenphänomen vermag ich da nicht zu erkennen, eher eine gezielte Diffamierungskampagne von rechts, auf die wir uns nicht einlassen sollten. Klar, "Erregung öffentlichen Ärgernisses" ist eine Straftat, aber bei Love Parades oder Schützenfesten sollen Heteros gerüchteweise auch schon mal gevögelt haben…

Wegen nur angedeutetem Sex landet allerdings niemand vor Gericht. Das "Einführen von Dildos tief in den Hals", das der CSD Bremen in seiner Pressemitteilung schon als "Darstellung von sexuellen Handlungen" beklagt, mag für manche abstoßend wirken. Für diejenigen, die es tun, kann es vielleicht höchst befreiend sein. Aus meiner Beobachung sind es seltene, oft gezielt auf Provokation setzende Einzelfälle. Hier sollten die Organisator*innen gerade einer Veranstaltung, die für die Rechte und Selbstbestimmung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten kämpft, gelassen bleiben und sich nicht als Sittenpolizei aufspielen.

Fragen wurden vom CSD-Verein nicht beantwortet

Wir wissen bis heute nicht, wie genau der CSD-Grundsatz "Keine Fetischdarstellung" entstanden ist, ob es darüber Diskussionen gab und ob der gesamte Vorstand und Verein dahinterstand. Entsprechende Fragen von queer.de wurden nicht beantwortet.

Bei allem Verständnis und Respekt vor ehrenamtlichem Engagement kann man, denke ich, von CSD-Organisator*innen schon erwarten, dass sie Grundkenntnisse in Queer History besitzen und nicht ausgerechnet einen Marsch, der an die Stonewall-Aufstände erinnert, dazu missbrauchen, einen wichtigen Teil der Community auszugrenzen. Mit ihrer späten Reaktion auf die Kritik, ihrem Vernebelungsversuch und ihrer Nicht-Kommunikation haben sich die Bremer*innen jedoch leider immer weiter verrannt. Auch die auf der Homepage am Sonntag noch nachgeschobene "Entschuldigung" wird die Gemüter kaum beruhigen können. Im Gegenteil.

"Wir entschuldigen uns dafür, dass wir zwei Sachen in einen Topf geworfen haben, die zwar Überschneidungen haben, aber nicht das Gleiche bedeuten", schreibt der CSD-Verein. Nach der angeblichen Verwechslung bedauert er also nun die Vermischung von Fetisch und Sex, obwohl er ja weiterhin einen direkten Zusammenhang zwischen Fetisch und Sex herstellt. In seiner Argumentation stellt der CSD Bremen alle Fetischfans – als einzige Gruppe aus der queeren Community! – unter Generalverdacht: Sie sind natürlich willkommen auf der Parade – solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt. Heißt: solange sie sich nicht an die Latexwäsche gehen.

Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Hatte sich nicht Friedrich Merz im letzten Jahr ähnlich über Homosexuelle im Allgemeinen geäußert und so seine tiefen Vorurteile offenbart? Auch der CDU-Saubermann aus dem Sauerland hat bis heute nicht zugegeben, dass er richtig Scheiße gebaut hat, hat sich bis heute nicht wirklich entschuldigt, er warf Nebelkerzen und sprach von Missverständnissen (queer.de berichtete). Hoffen wir mal, dass der CSD Bremen nicht wie Merz auch noch eine Kampagne gegen sich beklagt...

Wöchentliche Umfrage

» Wen würdest Du am liebsten vom CSD ausschließen?
    Ergebnis der Umfrage vom 19.07.2021 bis 26.07.2021


#1 StaffelbergblickAnonym
  • 20.07.2021, 11:09h
  • "In meinem langen Berufshomoleben war ich auf mindestens 150 Pride-Demonstrationen dabei. Nur ein einziges Mal habe ich auf einem Truck zwei junge Männer rummachen sehen." och ... das ist aber wenig. Mir fallen ad hoc einige CSD ein, allerdings noch aus den "guten alten Zeiten", als in Berlin Truck 5 von einem Pornolabel kam ... in Höhe der Humboldt-Uni waren fast alle "Models" so deutlich nackt und eregierten hoch erhoben an prallen Hintereingängen .... das konnte niemand übersehen. Keine hundert Meter weiter am Zaun der Humboldt-Uni zwei jüngere Männer ... nur mit einer Regenbogenfahren "das Schlimmste" verhindernd bei der gustorischen Untersuchung eines fleischfarbenen "Lutscheises" .. und drumherum Menschen mit Kindern. Oder auf einem Truck ein jüngerer Mann, der scheinbar an der Krankheit "Sektunverträglichkeit" litt mit freiem Hinterteil, welches grenzwertig proktologisch untersucht wurde. Und dank Sonne und "Schampus" gab es reichlich "Anschauungsunterricht" zum Ende der Demos im Tiergartengebüsch.
    Ich frage mich heute .. was passieren würde, wenn wie um 1997/1998 Lesben mit einer "begehbaren Möse" auf einem Truck unterwegs wären .....
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#2 Taemin
  • 20.07.2021, 11:12h
  • Sehr treffender Kommentar. Für mich bleibt es dabei, dass alle Teilnehmenden und Gäste es selbst in der Hand haben, ohne vorbeugende zensierende Hilfestellung des Vereins zu brauchen: Was ich nicht sehen will, guck ich mir nicht an. Deshalb geh ich z.B. nicht auf Fronleichnahmsprozessionen, ohne dass irgendwer deren Verbot fordern müsste, um mich vor ihnen zu "schützen".
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#3 Ja genauAnonym
  • 20.07.2021, 11:20h
  • Antwort auf #2 von Taemin
  • Eben! Davon abgesehen geht die "Mehrheitsgesellschaft" auch nicht aufgrund eines, wie auch immer gearteten, politischen Bewusstseins auf den CSD sondern weil sie bunte Kostüme, lustige Kostüme, schräge Kostüme etc. sehen möchte....
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#4 SakanaAnonym
  • 20.07.2021, 11:20h
  • Ich bleib bei meiner Meinung, dass ein CSD ohne Fetischgruppen kein richtiger CSD ist und die Gruppen alles Recht der Welt haben, da mit von der Partie zu sein. So'n "rein gewaschener normaler" CSD ist einfach uninteressant, nicht subversiv und ein pastellgewordener Albtraum aus der 1950er-Jahre Mottenkiste.... "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" ist für seine 50 Jahre immer noch erstaunlich aktuell in seiner Grundaussage.
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#5 TweetyAnonym
  • 20.07.2021, 12:00h
  • "Hoffen wir mal, dass der CSD Bremen nicht wie Merz auch noch eine Kampagne gegen sich beklagt..."

    Noch nicht aktiv. Aber auf Twitter verlinken sie jedenfalls sehr dankbar zu einem Kommentar eines queeren Magazins, der in Richtung "übertriebener Shitstorm" geht.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die sich wirklich total ungerecht kritisiert fühlen.
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#6 KaiJAnonym
  • 20.07.2021, 12:05h
  • Antwort auf #1 von Staffelbergblick
  • Für mich soll's gar nicht darum gehen, was jemand in seinem langen Berufshomoleben an Sexuellem alles nicht gesehen hat, weil's darum u.a. in meiner Kritik gar nicht geht. Viel interessanter ist eine säuberliche Gegenüberstellung von Sexuellem und Fetisch. Wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun haben sollte, stellt sich dann schon mal die Frage, was Fetisch etc. mit sexueller Befreiung dann überhaupt zu tun hat.
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#7 HmpfAnonym
  • 20.07.2021, 12:31h
  • Soso, dann ist das wohl inzwischen ein FMD und gar kein echter CSD mehr. Da fahr´ ich dann selbstverständlich nicht extra hin. Ohne mich, sorry Bremen. Man möchte sich glatt selbst eine Axt in den Schädel hauen, ob des ganzen peinlichen Kaspertheaters.
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#8 Girlygirl
  • 20.07.2021, 12:36h
  • Antwort auf #6 von KaiJ
  • Mir stellt sich eher die Frage, inwieweit Fetisch rein thematisch zum CSD gehört (mal abgesehen von irgendwelchen geschichtlichen Verbindungen). Sexuelle Befreiung oder so bezieht sich ja nicht nur auf LGBT, sondern auch auf heterosexuelle Menschen, auch die Fetisch Community besteht ja aus vielen Heterosexuellen. Und nein, ich habe nichts gegen Cis Heterosexuelle Menschen auf dem CSD, wenn sich irgendwelche heterosexuellen Domina Kunden berufen fühlen beim CSD mit LGBT mitzumachen, habe ich da nichts gegen. Doch dann müssen wir meines Erachtens abklären, wofür ein CSD steht. Geht es nur um die LGBTQ Community oder um alle Menschen, die eine von der Norm abweichende Sexualität haben? So nach dem Motto, "alles was die katholische Kirche ablehnt" Parade? Das ist nicht wertend gemeint, sondern eine einfache Frage.
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#9 SakanaAnonym
  • 20.07.2021, 12:51h
  • Antwort auf #8 von Girlygirl
  • Hier ist ein sehr guter Kommentar von BISS (Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e.V.) zu dem Themenkomplex vom September 2015 (!):

    "Der Dachverband der CSDs in Deutschland (CSD Deutschland e.V.) möchte aus der Schmuddelecke heraus, in die er und die gesamte schwule Community von besorgten Eltern und konservativ-bürgerlichen Gruppen gerückt wurden. CSD Deutschland schlägt daher vor den Begriff sexuelle Vielfalt durch menschliche Vielfalt zu ersetzen.
    Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS e.V.) lehnt diesen Vorschlag angesichts der Geschichte der Generation Stonewall und der LSBT-Bürgerrechtsbewegung ab. Wir plädieren dafür, uns offensiv mit unseren Gegnern auseinanderzusetzen und unseren LGBT Pride zu bewahren, der Motor unserer Kämpfe für Emanzipation und Selbstbestimmung, Akzeptanz und Bürgerrechte war und bleibt."

    und

    "Sexualität(en) sind politisch.

    Wenn der Dachverband der CSDs in Deutschland zu sexueller Vielfalt schweigt, um die Konfrontation mit besorgten Eltern und anderen zu vermeiden, wo bleibt dann das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmtheit der Aufstände vom 28. Juni 1969 in der Christopher Street in New York? Wie politisch wollen CSDs noch sein, wenn sie die politische Auseinandersetzung und Konfrontation vermeiden? Wie steht der CSD Deutschland e.V. dann zu Fetischgruppen, die selbstverständlicher Bestandteil der CSD-Kultur sind? Sollen diese künftig auch nicht mehr dabei sein, weil sie die Gemüter einiger Menschen erhitzen könnten?"

    Quelle:
    schwuleundalter.de/2015/09/09/menschliche-vielfalt/

    Wenn sich also schon schwule Weiße alte Cis-Männer vor sechs Jahren dafür einsetzten, dass alle* ihren Platz auf dem CSD bekommen inklusive Fetischgruppen, dann wird die Position des CSD-Bremen-Orga-Teams zu der Teilnahme von Fetischgruppen am CSD dieses Jahr ja komplett absurd. Die Argumentationen gleichen übrigens frappierend zwischen der Position des CSD Deutschland e.V. und des CSD Bremens e.V, nur halt gute sechs Jahre später.
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#10 LegatProfil
  • 20.07.2021, 12:54hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #8 von Girlygirl
  • Damit hat der CSD Bremen - vielleicht aus Ignoranz, vielleicht vorsätzlich - zumindest erreicht, dass nun - selbstverständlich ergebnisoffen - in der Comminity darüber diskutiert wird, ob es nicht vielleicht doch OK sein könnte, Gruppen von Menschen pauschal vom CSD auszuschließen. Noch dazu bei Fetischleuten eine Gruppe, ohne die es unsere heutigen CSDs in dieser Form gar nicht geben würde.

    Könnte kotzen.
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