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Kommentar
Der Friedrich-Merz-CSD
Fetischfans sind nun also doch willkommen beim CSD Bremen – solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt, versteht sich. Mit seiner späten Erklärung hat sich der Verein weiter verrannt. Die klammheimliche Entschuldigung verkommt zur Farce.

Der CSD Bremen stellt die Fetischcommunity unter Generalverdacht. Das Foto zeigt drei Teilnehmer des Hamburg Pride 2014 (Bild: Andreas Gerhold / flickr)
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20. Juli 2021, 08:48h 4 Min.
Klar doch, Sex und Fetisch, Ficken und Latex, Blasen und Gummi, das kann man ja schon mal miteinander verwechseln. Ist ja fast dasselbe. Ein bedauerliches Missverständnis. Mit einer an den Schamhaaren herbeigezogenen Begründung versucht der CSD Bremen seinen dreisten Versuch, die gesamte Fetischcommunity vom Pride auszuschließen, zu kaschieren (queer.de berichtete mit vielen Updates).
Ich weiß nicht, was an dem ursprünglich auf der CSD-Homepage veröffentlichten Grundsatz "Keine Fetischdarstellung" wirklich missverständlich gewesen sein soll. Zur Erinnerung: "Das Darstellen von Fetischen in der Öffentlichkeit finden wir nicht hilfreich", hieß es dort wörtlich. Erst danach ging es um Fetische, die von Zuschauenden "sexuell gelesen" werden könnten. Bei diesen stelle sich "zusätzlich das Problem, dass das Publikum nicht einwilligen kann". Zusätzlich!
Populistisches Ablenkungsmanöver
Nach der heftigen, aber sehr berechtigten Kritik aus der Community hat der CSD-Verein (spät) reagiert – und alles nur noch schlimmer gemacht. Obwohl es in der Ursprungsversion des CSD-Grundsatzes "Keine Fetischdarstellung" nicht um öffentlich zelebrierten oder auch nur angedeuteten Geschlechtsverkehr ging, sondern ausschließlich um CSD-Teilnehmer*innen in Leder, Gummi oder Latex, mit Peitsche oder mit Hundemaske, wurde der Absatz am Sonntag in "Keine Darstellung von sexuellen Handlungen" umbenannt.
Das ist ein Ablenkungsmanöver aus dem Handbuch des Populismus. Statt den Fehler einzugestehen, erhoffen sich die Pride-Veranstalter*innen durch den Themenwechsel die zuvor versagte Zustimmung. Ein leicht durchschaubarer Versuch, den anhaltenden Shitstorm doch noch irgendwie zu drehen. Warum aber ist dann der auf die Fetischcommunity gemünzte Satz "Wir wollen nicht bewerten, wessen Probleme größer oder kleiner sind" geblieben, der im neuen Kontext gar keinen Sinn mehr macht? Warum werden "Fetischhandlungen" in der kurz vorab veröffentlichten Pressemitteilung weiterhin explizit erwähnt?
Auch Heteros vögeln mal auf Schützenfesten
Apropos Sex auf dem CSD. In meinem langen Berufshomoleben war ich auf mindestens 150 Pride-Demonstrationen dabei. Nur ein einziges Mal habe ich auf einem Truck zwei junge Männer rummachen sehen. Die trugen Shorts und Tanktops. Ein Massenphänomen vermag ich da nicht zu erkennen, eher eine gezielte Diffamierungskampagne von rechts, auf die wir uns nicht einlassen sollten. Klar, "Erregung öffentlichen Ärgernisses" ist eine Straftat, aber bei Love Parades oder Schützenfesten sollen Heteros gerüchteweise auch schon mal gevögelt haben…
Wegen nur angedeutetem Sex landet allerdings niemand vor Gericht. Das "Einführen von Dildos tief in den Hals", das der CSD Bremen in seiner Pressemitteilung schon als "Darstellung von sexuellen Handlungen" beklagt, mag für manche abstoßend wirken. Für diejenigen, die es tun, kann es vielleicht höchst befreiend sein. Aus meiner Beobachung sind es seltene, oft gezielt auf Provokation setzende Einzelfälle. Hier sollten die Organisator*innen gerade einer Veranstaltung, die für die Rechte und Selbstbestimmung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten kämpft, gelassen bleiben und sich nicht als Sittenpolizei aufspielen.
Fragen wurden vom CSD-Verein nicht beantwortet
Wir wissen bis heute nicht, wie genau der CSD-Grundsatz "Keine Fetischdarstellung" entstanden ist, ob es darüber Diskussionen gab und ob der gesamte Vorstand und Verein dahinterstand. Entsprechende Fragen von queer.de wurden nicht beantwortet.
Bei allem Verständnis und Respekt vor ehrenamtlichem Engagement kann man, denke ich, von CSD-Organisator*innen schon erwarten, dass sie Grundkenntnisse in Queer History besitzen und nicht ausgerechnet einen Marsch, der an die Stonewall-Aufstände erinnert, dazu missbrauchen, einen wichtigen Teil der Community auszugrenzen. Mit ihrer späten Reaktion auf die Kritik, ihrem Vernebelungsversuch und ihrer Nicht-Kommunikation haben sich die Bremer*innen jedoch leider immer weiter verrannt. Auch die auf der Homepage am Sonntag noch nachgeschobene "Entschuldigung" wird die Gemüter kaum beruhigen können. Im Gegenteil.
"Wir entschuldigen uns dafür, dass wir zwei Sachen in einen Topf geworfen haben, die zwar Überschneidungen haben, aber nicht das Gleiche bedeuten", schreibt der CSD-Verein. Nach der angeblichen Verwechslung bedauert er also nun die Vermischung von Fetisch und Sex, obwohl er ja weiterhin einen direkten Zusammenhang zwischen Fetisch und Sex herstellt. In seiner Argumentation stellt der CSD Bremen alle Fetischfans – als einzige Gruppe aus der queeren Community! – unter Generalverdacht: Sie sind natürlich willkommen auf der Parade – solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt. Heißt: solange sie sich nicht an die Latexwäsche gehen.
Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Hatte sich nicht Friedrich Merz im letzten Jahr ähnlich über Homosexuelle im Allgemeinen geäußert und so seine tiefen Vorurteile offenbart? Auch der CDU-Saubermann aus dem Sauerland hat bis heute nicht zugegeben, dass er richtig Scheiße gebaut hat, hat sich bis heute nicht wirklich entschuldigt, er warf Nebelkerzen und sprach von Missverständnissen (queer.de berichtete). Hoffen wir mal, dass der CSD Bremen nicht wie Merz auch noch eine Kampagne gegen sich beklagt...
Links zum Thema:
» "Unsere Vision und unsere Grundsätze" auf der Homepage des CSD Bremen
Mehr zum Thema:
» Entsetzen über Fetischverbot beim CSD Bremen (17.07.2021)















Ich frage mich heute .. was passieren würde, wenn wie um 1997/1998 Lesben mit einer "begehbaren Möse" auf einem Truck unterwegs wären .....