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Interview

Wie ermüdend ist die ewige Rolle der lesbischen Galionsfigur?

Auch 28 Jahre nach ihrem Coming-out spricht Maren Kroymann in fast jedem Interview übers Queersein. Wir machen keine Ausnahme und unterhalten uns mit der 72-Jährigen über fehlende Gesichter bei #ActOut, die Besetzung von trans Rollen und Humor mit Relevanz.


Die Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin Maren Kroymann hatte sich 1993 im Magazin "stern" als lesbisch geoutet (Bild: Das Erste)

Mit der Serie "Oh Gott, Herr Pfarrer" gab Maren Kroymann an der Seite von Robert Atzorn 1988 ihren TV-Einstand – und sie gab sich ziemlich feministisch für jene Zeit. Für Sönke Wortmann stand sie in "Das Superweib" vor der Kamera, Doris Dörrie engagierte sie für ihre Serie "Klimawechsel". Für die grandiose Satire-Show "Kroymann" wird die Künstlerin, die sich bereits 1993 im Magazin "stern" als lesbisch geoutet hat, gefeiert und mit Preisen prämiert. Sofern es die Pandemie zulässt, ist sie außerdem mit ihrem Programm "In My Sixties" auf Tour.

In der neuen Komödie "Mutter kündigt", die am Donnerstag um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird und in der ZDF-Mediathek bereits online verfügbar ist, spielt Maren Kroymann eine Mama, die von den erwachsenen Kindern die Nase voll hat. Im Rahmen der Promoarbeit für den Fernsehfilm bekamen wir die lang gesuchte Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.

Frau Kroymann, gibt es überhaupt Interviews, in denen Ihre sexuelle Orientierung nicht angesprochen wird?

Dass dieses Thema noch immer angesprochen wird, ist ein Zeichen dafür, dass es noch nicht selbstverständlich ist. Auf mich kommen Medien zu, weil es ansonsten nur wenige offen lesbische Schauspielerinnen gibt, mit denen man darüber sprechen könnte. Durch das Aktionsbündnis #ActOut hat sich etwas verändert, weil sich dabei viele öffentlich geoutet haben. Nicht wenige sagen allerdings: Damit reicht es mir, ich möchte nicht weiter darauf angesprochen werden. Derweil ich nach meinem Coming-out immer tapfer in alle Talkshows gegangen bin, um die Lesben zu vertreten. Eine musste es ja machen…

Wird es bisweilen nicht ermüdend, diese ewige Rolle der lesbischen Galionsfigur zu übernehmen?

Unbedingt! Das können jetzt gerne einmal Jüngere übernehmen. Aber #ActOut fand ich großartig, natürlich habe ich dabei mitgemacht. Die Selbstverständlichkeit, sich offen zu zeigen, ist ja immer noch nicht da. Eine Woche vor dem kollektiven Coming-out im "Süddeutsche Zeitung Magazin" wurde jene "Kroymann"-Sendung ausgestrahlt, in der ausschließlich LGBT-Menschen aufgetreten sind und am Schluss gemeinsam das Coming-out-Lied mit dem Titel "Kurzsichtig" gesungen wurde. Damit wollten wir den Teppich ausrollen für die #ActOut-Sache. Bei unseren Anfragen haben wir nicht selten Absagen bekommen oder es gab Rückzieher. "Ganz tolle Aktion, aber an diesem Punkt meiner Karriere möchte ich da nicht mitmachen", war zu hören. Es gab große Verwerfungen und Schwierigkeiten. Manche haben sich das richtig zu Herzen genommen und sich regelrecht entschuldigt bei mir. Es gibt auch viele, die bei #ActOut nicht dabei waren. Wir sind also noch weit entfernt von einer Selbstverständlichkeit, die es vielleicht in bestimmten Teilen von Berlin oder Köln geben mag.

Gab es auch positive Überraschungen für Sie auf jener Titelseite vom "SZ-Magazin" mit den 185 Fotos?

Sehr gefreut habe ich mich über Udo Samel und Ulrich Matthes, weil sie zu der Riege der großen, seriösen Theaterschauspieler gehören, für die ein Coming-out lange nicht in Frage kam. Bei meinen Kollegen aus dem Unterhaltungsfach wurde das ja eher akzeptiert. Nach dem Motto: Die sind ja eh schrill.

Hoffen Sie auf eine Fortsetzung mit Fußballern oder Lehrern?

In der Fußball-Zeitschrift "11 Freunde" gibt es bereits eine Veröffentlichung von Menschen, die ihre Solidarität bekunden für alle, die im Sport ein Outing wagen. Es bewegt sich also schon ganz viel. Auch andere Menschen, die sich bislang nicht wirklich gesehen fühlen in unserer Gesellschaft, hat diese Aktion ermuntert, sich gleichfalls zu zeigen und auf sich aufmerksam zu machen. Dass #ActOut sich all diesen Leuten geöffnet hat, finde ich eine sehr gute Idee.

Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Darstellenden gespielt werden sollen?

Wenn queere Rollen nur noch mit queeren Schauspielern und Schauspielerinnen besetzt werden, ist die Gefahr groß, dass queere Darsteller und Darstellerinnen alle anderen Rollen gar nicht mehr angeboten bekommen – das wollen wir ja gerade nicht. Alle müssen alles spielen dürfen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Wobei ich verstehe, dass es bei Trans-Besetzungen eine Diskussion gibt. Denn Menschen, die eine Transition gemacht haben, werden am wenigsten selbstverständlich besetzt. Und die wenigsten wissen überhaupt von ihrer Existenz – doch es gibt sie! Als Scarlett Johannson eine Mann-zu-Frau-Transition spielen sollte, gab es große Proteste. Warum bekommt ein Hollywood-Star diese Rolle und nicht eine Person, die diese Biografie hat? Da verstehe ich den Ansatz vollkommen, weil solche Menschen so wenig vorkommen. Und auch die wollen von diesem Beruf schließlich leben.

Ihre aktuelle TV-Komödie "Mutter kündigt" klingt eher konventionell. Was hat Sie daran interessiert?

Konventionell finde ich es nicht, wenn eine Frau ihre Rolle als Mutter kündigt – ganz im Gegenteil! Nach meiner Beobachtung gilt es als Tabu, wenn eine Mutter sich von ihren Kindern lossagt. Dass dem Nachwuchs die Eltern peinlich sind, ist bekannt. Der umgekehrte Fall jedoch wird selten zum Thema gemacht. Insofern stecken durchaus ein ziemlicher Tabubruch und eine große Provokation in unserer Komödie. In Deutschland ist das Mutterbild sakrosankt und wird nicht in Frage gestellt. Das hat sicher auch mit dem nie wirklich aufgearbeiteten Frauenbild der Nazis zu tun: "Das Erziehungsziel für Mädchen hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein." In Frankreich hingegen gibt es ganz andere Frauen-Biografien. Dort existiert das Wort Rabenmutter zum Beispiel überhaupt nicht.


Szene aus "Mutter kündigt": Carla (Maren Kroymann) bereitet sich zufrieden auf ihren Varieté-Auftritt vor – zuvor hat sie endlich ihrem Herzen Luft gemacht und ihren erwachsenen Kindern gekündigt (Bild: ZDF / W&B Television / Frédéric Batier)

Ist diese gesellschaftliche Relevanz für Sie wichtig bei der Auswahl von Projekten?

Es macht mir mehr Spaß mit Relevanz! Es ist lustiger, wenn es um etwas geht. Humor ist am schönsten, wenn mit dem Lachen eine gewisse Erkenntnis einher geht, die vielleicht die Richtung eines aufgeklärten Daseins einschlägt. Das finde ich das Geglückteste, das entspricht meiner Art von Humor. Wobei ich nichts gegen gepflegte Kalauer habe. Am schönsten finde ich es, die Menschen durchs Lachen gedanklich ins Stolpern zu bringen – das führt im besten Fall zum Nachdenken.

Wie geht es weiter mit der Satire-Sendung "Kroymann" und dem Präsidenten Macron?

Wir werden dieses Jahr noch drei Sendungen "Kroymann" produzieren. Danach überlegen wir, ob wir ein anderes Format machen. Ich möchte auch einmal weg von diesem Sendeplatz kurz vor Mitternacht. Zudem gehen die Macrons ihrem Ende zu…

Wäre eine queere Serie à la "All You Need" keine Option für Sie?

Klar wäre eine coole Lesben-Serie toll, aber auf den Weg bringen könnte ich sie zur Zeit nicht. Meine Ideen fließen im Moment alle noch in "Kroymann" ein.



#1 SpockAnonym
  • 20.07.2021, 16:17h
  • "Als Scarlett Johannson eine Mann-zu-Frau-Transition spielen sollte"

    Es ging um einen trans Mann. Die Kritik bezog sich vor allem auf die gegengeschlechtliche Besetzung.
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#2 Ja genauAnonym
  • 20.07.2021, 17:15h
  • Antwort auf #1 von Spock
  • Ne, sry, aber mit großem Abstand ging es wirklich darum das sie als cis keine trans spielen kann/darf....

    Ursprünglich ging es bei der Grunddiskussion auch nicht darum was wer spielen kann, sondern dass man für einen Großteil der Rollen immer auf weiße, hetero cis Darsteller zurück gegriffen hat und andere somit kaum Chancen auf irgendeine Rolle hatte.... während die POC community aber dafür "gekämpft" hat das Hautfarbe bei der Darstellerauswahl nach möglichkeit keine Rolle spielt und Rollen sich allgemein weiter öffnen hat die LGBTIQ Community sich dafür stark gemacht das homo/trans Rollen doch weitestgehend von homo/trans gespielt werden sollen....

    Dass das halt abgrundtief dämlich ist steht auf nem anderen Blatt..... Aber stell dir mal vor jemand würde ankommen und sagen "Transfrau kann keine cis frau spielen da sie die ersten 20 jahre von der gesellschaftlich nicht als frau sozialisiert wurde und ihr somit die erfahrung fehlt "...
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#3 Uhur_aAnonym
  • 20.07.2021, 20:05h
  • Antwort auf #1 von Spock
  • "Es ging um einen trans Mann."

    So habe ich das bisher auch immer gelesen und verstanden. Das hatte die gute Maren dann wohl nicht ganz richtig auf dem Schirm.

    "Die Kritik bezog sich vor allem auf die gegengeschlechtliche Besetzung."

    Ein berechtigter Einwand. Weshalb sollte eine Frau einen Mann spielen? Immerhin haben Trans Männer genügend damit zu kämpfen, nicht für "echte Männer" gehalten zu werden, sondern angeblich "in Wirklichkeit eine Frau zu sein". Wenn eine Frau Johansson diese Rolle gespielt hätte, wäre m.E. dieses Vorurteil bestärkt worden.
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#4 PhoebeEulenbaerAnonym
  • 20.07.2021, 22:17h
  • Antwort auf #3 von Uhur_a
  • Natürlich wird dadurch das Vorteil bestärkt. Gerade wenn man die Rolle mit einer Schauspielerin besetzt, die sehr feminin ist und ansonsten immer die attraktiven, sexy Frauen spielen darf.

    Erinnert mich an den genau entgegengesetzten Fall, als eine transgeschlechtliche Schauspielerin für eine Rolle einer transgeschlechtlichen Frau nicht genommen wurde, weil sie zu feminin (also nicht trans genug) war. Die Rolle wurde dann mit einem cisgeschlechtlichen Mann besetzt.
    Also es geht sehr oft nur darum Vorteile abzubilden, dass muss man leider so sagen.

    Ich kann mich leider nicht mehr erinnern wie der Film heißt oder die Schauspielerin. :-/
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#5 trans naysayerAnonym
  • 20.07.2021, 23:18h
  • Antwort auf #4 von PhoebeEulenbaer
  • "Ich kann mich leider nicht mehr erinnern wie der Film heißt oder die Schauspielerin. :-/"

    Der Film hiess "Anything". Die Schauspielerin, die abgelehnt wurde, weil sie "nicht als trans erkennbar ist", war Jen Richards. Stattdessen wurde der schwule cis Schauspieler Matt Boomer genommen.

    archive.attn.com/stories/17681/tweet-thread-breaks-down-why-
    its-not-ok-cast-man-trans-woman


    Matt Boomer's Darstellung eines Mannes in Drag mit hoher Piepsestimme war peinlich, bemitleidenswert und der Film war ein Flop, da die Diskussion in den USA bereits so weit war, dass der Film schon während der Produktion hoffnungslos hinter seiner Zeit zurück war.

    In der Zwischenzeit haben wir mit der Dramaserie "Pose" und der Doku "Disclosure" vollendete Tatsachen geschaffen.

    Lass Dich hier nicht ärgern, honey. Die haben das noch nicht mitbekommen. Die werden in 10 Jahren noch dasselbe schreiben, sobald man ihnen nur die Stichwörter zuwirft. Die Zeit schreitet über sie hinweg. :-)
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#6 PhoebeEulenbaerAnonym
  • 21.07.2021, 12:41h
  • Antwort auf #5 von trans naysayer
  • Danke das du meinem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen hast. :-*

    Und ärgern? Nein, eher resignieren, weil Menschen Ignoranz zelebrieren, nur um ihre Privilegien zu schützen.
    Inzwischen sind wir doch schon soweit, dass cisgeschlechtliche Männer allen ernstes Respekt, Anerkennung und Dankbarkeit dafür erwarten, dass sie persönlich noch nie einer transgeschlechtlichen Frau Gewalt angetan haben. Wow, welch ein Paradebeispiel an Toleranz. Wir dürfen dankbar sein, dass wir gerade so leben dürfen. Für mehr reicht es dann aber nicht, das würde dann zu weit gehen.
    Das soll der Maßstab sein, an dem wir uns orientieren?
    Da mache ich nicht mit. No way!
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