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Interview

Wie gehst du mit den Todesdrohungen um, Faraz Arif Ansari?

Im Ausland werden die queeren Filme von Indiens Regietalent Faraz Arif Ansari mit Preisen überhäuft – in der Heimat wird they dafür attackiert. Ein Gespräch über Hass, das jüngste Werk "Sheer Qorma" (das jetzt in Deutschland zu sehen ist), neue Projekte und den deutschen Ex.


Faraz Arif Ansari (Bild: privat)
  • Von Dieter Oßwald
    21. Juli 2021, 07:51h, noch kein Kommentar

Im Debütfilm "Sisak" erzählt Faraz Arif Ansari vom flirrenden Flirten zweier Männer in einem Zug. Der Kurzfilm ist in Schwarz-Weiß und ganz ohne Dialoge – und avancierte zu einem Liebling der internationalen Festivals, wo es mehr als 50 Preise dafür gab. Nur in der indischen Heimat ging das Werk leer aus. Auf Youtube ist der Film leicht zu finden. Von Ansari höchstpersönlich gratis eingestellt, damit möglichst viele Menschen ihn sehen können.

Mit "Sheer Qorma" erzählt das nichtbinäre Regietalent, Jahrgang 1986, von einer Mutter, die mit der sexuellen Identität ihrer Tochter absolut nicht zurechtkommt. Erst ein Zufall führt zu ganz neuen Erkenntnissen. Zwei Publikumspreise hat das bewegende Drama bereits gewonnen, weitere werden mit Sicherheit folgen. Aktuell läuft der Film online beim Indischen Filmfestival Stuttgart (queer.de berichtete). Wir haben den Anlass genutzt, um uns einmal ausführlicher mit Faraz Arif Ansari zu unterhalten.

Faraz, was hat es mit @futterwackening auf sich, deinem Namen auf Twitter? Der klingt ein bisschen deutsch…

Ich hatte zwar eine Zeitlang einen deutschen Freund, aber dieser Name hat damit nichts zu tun. Das ist vielmehr eine kleine Anspielung auf den Tanz aus "Alice im Wunderland" – ich bin ein absoluter Fan dieses Films.

Im Interview mit der "Times of India" sagtest du unlängst: "Die Repräsentation der Unterrepräsentierten ist etwas, das mir als Filmemacher*in sehr am Herzen liegt. Seien es meine trans, nichtbinären, queeren und muslimischen Geschwister – in meinen Filmen wird immer Platz für sie sein. Ich bin genauso eine muslimische wie eine queere Person, und das ist nicht verhandelbar. Ich denke, das muss verstanden und respektiert werden." Weshalb ist dieser Perspektivwechsel so wichtig?

Das Mainstream-Kino ist sehr männlich dominiert, ob in den USA oder ganz besonders hier in Indien. Das möchte ich mit meinen Filmen verändern, um Minderheiten eine Stimme zu verschaffen. Ich wuchs in den Neunzigerjahren auf, damals gab es für mich im Kino überhaupt keine Rollenvorbilder. Das finde ich für eine junge Generation sehr wichtig, deshalb möchte ich in meinen Filmen die Geschichten von Minderheiten erzählen. Kino ist eine wichtige Kraft, die zu Normalität und Akzeptanz beitragen kann.


Szene aus "Sheer Qorma" (Bild: Indisches Filmfestival Stuttgart)

Das klingt leichter gesagt als getan: Für deinen aktuellen Film "Sheer Qorma" hagelt es in den sozialen Medien Hass-Tiraden bis hin zu Todesdrohungen…

Die Todesdrohungen haben begonnen, als "Sheer Qorma" zum ersten Mal auf einem Festival einen Preis gewann – und sie haben seitdem nicht mehr aufgehört. Mein Instagram, Twitter und Facebook sind randvoll mit Todesdrohungen. Sie stammen zum einen von homophoben Menschen, zum anderen kommen sie von rechten Anhängern, die es stört, dass ich zu einer Minderheit gehöre. Gestern drohte mir jemand auf Instagram, er würde mich töten, wenn er mich treffe – und das mit vollem Namen. Solche Reaktionen stimmen traurig, schließlich handelt mein Film von Liebe. Wie kann ein Werk über Liebe und Akzeptanz derart großen Hass hervorrufen?

Wie lässt es sich mit derartigen Erfahrungen überhaupt umgehen?

Solche Erfahrungen sind schon sehr kräftezehrend. Es bleibt ja auch nicht nur auf das Virtuelle beschränkt. Nach einem der Preise für meinen Erstlingsfilm "Sisak" stand mein Foto auf der Titelseite einer Zeitung. Als ich auf dem Flughafen von Neu-Delhi auf meinen Flug wartete, kam eine wildfremde Person auf mich zu, schüttete mir ihren heißen Kaffee ins Gesicht und sagte: "Leute wie du verdienen den Tod!". Vorfälle wie diese führen dazu, dass ich mich in meinem eigenen Land leider nicht mehr sicher fühlen kann. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht aufzugeben. Die positiven Reaktionen überwiegen bei weitem jene Botschaften von Hass.

Haben diese hasserfüllten Menschen deinen Film überhaupt gesehen?

Nein, die Hater haben den Film mit Sicherheit nicht gesehen. Auf dem Filmportal IMDB.com gab es eine Flut von negativen Bewertungen, als noch niemand "Sheer Qorma" kennen konnte. Durch diese Aktion lag die Bewertung am Ende bei miserablen 2,8 Punkten. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn mein Film schlechte Kritiken bekommen – aber anschauen sollte man ihn zuvor eben schon.

Wie sehen auf der anderen Seite die positiven Reaktionen aus?

Auf Instagram schrieb mir eine bisexuelle pakistanische Frau eine lange Nachricht. Sie sei 39 Jahre alt und habe nach dem Film ihrer Mutter von ihrer sexuellen Identität erzählt. Darauf meinte die Mutter, sie wolle unbedingt mit mir reden, um sich zu bedanken! (lacht). Eine Woche später haben sich beiden den Film zusammen angeschaut. Akzeptiert sei das Coming-out noch nicht, aber es ist der Beginn einer Unterhaltung. Der Film habe das Leben der Mutter zum Guten verändert. Und genau darum geht es doch im Kino. Bei aller Unterhaltung geht es letztlich um Solidarität und Unterstützung.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Sheer Qorma"
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Dein Debüt "Sisak", ein flirrender Stummfilm mit zwei Männern über das Flirten in Schwarz-Weiß, bekam weltweit 56 Preise – jedoch keinen in seiner Heimat. Wie schwierig ist es, unter solchen Verhältnissen einen Film zu finanzieren?

Es sind mittlerweile bereits 59 Preise! (lacht) Die Finanzierung von Filmen ist noch immer ein Problem in Indien. Ich bekomme große Unterstützung von Freunden und der Familie. Die glauben an das, was ich mache, und deswegen geben sie mir Geld. Wir haben mit diesem Projekt gar nicht erst bei großen Produktionen angefragt. Meine Filme entstehen mit wenig Geld und viel Liebe. Die Preisgelder von "Sisak" haben wir gleich in "Sheer Qorma" gesteckt – und so geht es beim nächsten Film weiter.

Wären Netflix und Co. nicht die ideale Anlaufstellen für Regisseur*innen wie dich?

In Indien produziert Netflix nur Sachen, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben. Da geht es nur um immer noch mehr Abonnent*innen. In den USA oder Europa würde ich von Netflix und Amazon sicher Unterstützung bekommen, aber ich lebe nun einmal in Indien, und bei uns gibt es solche Möglichkeiten leider nicht. Immerhin habe ich durch die ganzen Festivals mittlerweile viele Kontakte bekommen, die ich für meine neuen Projekten einsetzen kann.

Du planst bereits einen abendfüllenden Langfilm, worum geht es dort?

Es gibt sogar zwei Projekte, die abendfüllend sind. Zum einen eine Road-Trip-Romanze mit zwei Männern, von denen einer bisexuell ist. Zum anderen ein queerer Kinderfilm mit einem neunjährigen Kind, das sich als queer versteht – was so ziemlich meine eigene, autobiografische Geschichte erzählt.

Was ist aus deinem deutschen Freund geworden?

Ich lernte ihn kennen, als ich meinen Film beim Festival von Regensburg präsentierte – ausgerechnet am letzten Tag sind wir uns begegnet. Nicht lange danach kam ich auf Besuch, und wir verbrachten zwei wunderschöne Monate zusammen. Leider funktionieren Fernbeziehungen für uns beide nicht. Er konnte nicht nach Indien kommen und ich nicht nach Deutschland – aber es war eine sehr schöne Zeit.