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- 29. November 2005 6 Min.
Nun ist der Homo-Bann bei Priesteramtskandidaten offiziell. An der Beurteilung scheiden sich die Geister.
Von Norbert Blech
(queer.de) Im ersten großen Erlass unter Papst Benedikt hat der Vatikan am Dienstag den Zugang Homosexueller zum Priesteramt eingeschränkt. Erste Ankündigungen in den letzten Monaten und eine Vorabveröffentlichung in der letzten Woche hatten für Kritik von Bürgerrechtsgruppen und Politikern gesorgt.
Vatikan gegen "Unehrlichkeit"
Dem Erlass zufolge dürfen Homosexuelle nur dann zum Priesteramt zugelassen werden, wenn sie ihre Neigung seit mindestens drei Jahren eindeutig 'überwunden' haben. Ausgeschlossen werden sexuell aktive Schwule, Männer mit "tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen" oder Bewerber, die "eine so genannte homosexuelle Kultur unterstützen" - was viel Spielraum lässt. Mit der dreijährigen Karenzzeit soll geklärt werden, ob es sich bei der Homosexualität eines Bewerbers um eine tief verwurzelte Neigung handelt oder um "homosexuelle Tendenzen, die bloß Ausdruck eines vorübergehenden Problems" seien. Verfasser der Instruktion ist die Kongregation für das Katholische Bildungswesen.
Das Dokument erlegt den Rektoren von Priesterseminaren auf, "sich zu vergewissern, dass der Kandidat keine Schwierigkeiten im sexuellen Bereich hat, die mit dem Priestertum unvereinbar sind". Sollte ein Kandidat seine Homosexualität verbergen, sei dies "in schwerwiegendem Maße unehrlich". Geben sie die Homosexualität zu, droht freilich der Rausschmiss.
Vielstimmige Lobeshymnen
Kirchenvertreter lobten am Dienstag das Dokument - wenngleich mit sich teilweise widersprechenden Argumenten. Für die Deutsche Bischofskonferenz wies deren Vorsitzender Kardinal Karl Lehmann Kritik zurück. Der Erlass fordere ausdrücklich dazu auf, homosexuellen Menschen "mit Achtung und Takt zu begegnen" und sie nicht "ungerecht zurückzusetzen".
"Homosexuelle Priester sind eine äußerst delikate Angelegenheit, die mit der gebotenen Vorsicht angegangen werden muss. Aber sie sind unvereinbar mit dem Priestertum", erklärte hingegen der italienische Kardinal Ersilio Tonini ohne Hinweis auf die Ausübung der Sexualität.
Der Hildesheimer Weihbischof Hans-Georg Koitz hält das Vatikan-Dokument zu Homosexualität und Priesterweihe für ausgewogen. "Im Fall eines ernsten Zweifels an der Eignung dürfen Kandidaten nicht zur Weihe zugelassen werden. Das gilt generell", sagte Koitz am Dienstag im Hildesheim. Im Bistum Hildesheim sei es schon vorgekommen, dass Priesteramts-Kandidaten wegen homosexueller Neigungen gehen mussten, sagte der Leiter des Hildesheimer Priesterseminares, Regens Walter Kalesse in einem Interview mit der Bistumsverwaltung. "Meist haben sie das Priesterseminar ohnehin von sich aus verlassen." Die Regelungen gelten Kalesse zu Folge genauso für heterosexuelle Priesteramts- Kandidaten. "Wenn ein Mann, der Priester werden möchte, ständig mit jungen Mädchen flirtet, dann stelle ich auch die Frage nach der Eignung." Alle Priesteramts-Kandidaten sollten gleich behandelt werden. Aber: Er hält es für "wichtig", in Zukunft homosexuelle Männer gar nicht mehr als Priesteramtskandidaten zuzulassen.
Wahrscheinlich ging es der beauftragten Kongregation letztlich darum, eindeutige praxis-orientierte Spielregeln und Richtlinien für die Priesterseminare aufzustellen - "wohl vor allem wegen der stetig steigenden Zahl Homosexueller in der Welt", sagte Pater Eberhard von Gemmingen, der Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan. "Für Heterosexuelle und Homosexuelle gelten im übrigen die gleichen Regeln, nämlich das Zölibat einzuhalten. Aber für Homosexuelle ist dies schwieriger, weil sie in der Kirche in einer Männergesellschaft leben."
Der Präfekt der Bildungskongregation, Kardinal Zenon Grocholewski, sagte, in der Sexualität gebe es in der heutigen Welt eine "gewisse Desorientierung". "Viele vertreten die Position, dass die homosexuelle Veranlagung für den Menschen etwas Normales sei, sozusagen wie ein drittes Geschlecht. Dies widerspricht aber vollkommen der menschlichen Anthropologie, das widerspricht nach Auffassung der Kirche, dem Naturgesetz. Gott selbst hat dies in die menschliche Natur eingepflanzt: Es gibt zwei Geschlechter", so Grocholewski.
Die Bildungskongregation verbreite mit der vorliegenden Instruktion also lediglich die Lehre der Kirche, betonte er. Homosexuelle Tendenzen und deren Ausübung würden klar unterschieden. Die Ausübung sei wider dem Naturgesetz und damit "schwere Sünde". Aber: "Die bloße Veranlagung ist keine Sünde, aber eine mehr oder weniger starke Tendenz in Richtung einer aus moralischer Sicht in sich schlechten Handlung. Diese Personen befinden sich in einer Art Probezeit. Sie brauchen Verständnis und dürfen in keiner Weise diskriminiert werden."
Die Reaktion des Bischofs von St. Pölten, Klaus Küng, wirft die meisten Fragen auf: "Homosexuell geneigte Menschen können aber sehr begabt, sehr fähig und sehr wertvoll sein." Bei Priestern mit schwuler Neigung sei aber sicher, "dass sie nicht für die Leitung von Seminaren, und im Allgemeinen, für die Ausbildung von Seminaristen in Frage kommen." Wie auch für Nicht-Verheiratete sei es für Schwule nicht statthaft, Sex zu haben. Daher "würde es u.a. für Priesteramtskandidaten mit homosexuellen Tendenzen schwierig sein, das christliche Bild der Ehegemeinschaft zwischen Mann und Frau glaubhaft zu vertreten." Das Vatikan-Dokument habe im übrigen nichts mit den Missbrauchsfällen zu tun: "Immer wieder wird die Meinung vertreten, die Instruktion habe mit dem gehäuften Vorkommen der Pädophilie zu tun: In Wirklichkeit kommt Pädophilie sowohl bei hetero- als auch bei homosexuell geneigten Personen vor."
Küng sagt aber auch: "Zölibat ist der Verzicht auf Ehe und setzt prinzipiell eine heterosexuell orientierte Persönlichkeit voraus. Es wäre eine Unterminierung des Zölibates, wenn in einem Seminar oder in einem Kloster eine so genannte homosexuelle Subkultur besteht. Homosexuelle Personen ziehen sich an, heterosexuelle Personen fühlen sich jedoch von einer homophilen Atmosphäre eher abgestoßen, was für die Entwicklung solcher Seminare und Klöster entsprechende Folgen haben kann, wie es anscheinend die Erfahrung in den USA in einigen Fällen gezeigt hat."
Breite Kritik
In Europa warnte der ehemalige Leiter des Dominikaner-Ordens, Timothy Radcliffe, davor, dass die Kirche durch ihre strikte Haltung begabte Seelsorger abschrecken und verlieren werde. "Wir können davon ausgehen, dass Gott weiterhin Homosexuelle und Heterosexuelle für das Priesteramt beruft, denn die Kirche braucht die Begabungen beider", schrieb er in einem Artikel für ein britisches Katholikenblatt.
In Deutschland hatten Vertreter der Grünen und der FDP das in der vergangenen Woche bekannt gewordene Dokument heftig kritisiert und den Vatikan vor einer generellen Verdammung der Homosexuellen gewarnt.
"Der Erlass ist anachronistisch und diskriminierend" erklärte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth am Dienstag. Homosexuelle Männer dürften erst nach dreijähriger Keuschheit zu Priestern geweiht werden. Dagegen gelte das Keuschheitsgelübde für heterosexuelle Männer erst mit der Priesterweihe. Das Dokument schreibe eine "überkommene Sexualmoral" fest. Ähnlich äußerte sich der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck. "Der homosexuelle Mensch selbst wird abgelehnt", kritisierte er. Auch das katholische Lehramt erkenne an, dass Homosexualität wie Heterosexualität nicht frei gewählte Veranlagungen seien. Die Instruktion falle hinter diese Erkenntnis zurück und schüre ein "Klima der Angst".
Die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) und der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sehen in der Anweisung "ein weiteres fatales Zeichen" im Kampf des Vatikan gegen die Akzeptanz von Homosexuellen. Es betreffe die Priesteranwärter, ziele aber auf alle Homosexuellen. Die Weisung werde dazu führen, dass schwule Kandidaten, "selbst wenn sie wie gefordert zölibatär leben, ihre Identität verleugnen und versuchen werden, sich eine heterosexuelle Persönlichkeit zuzulegen", heißt es in der gemeinsamen Erklärung weiter. "Mit Ignorieren heutiger Erkenntnisse der Humanwissenschaften und mit Verboten setzt der Vatikan auf die Dominanz einer einseitig auf Fortpflanzung gerichteten Sexualmoral. " Der Weisung fehle es an Weisheit, erklärten die Organisationen.
Dienstag, 29. November 2005
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