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Queere Liebe an einem unwahrscheinlichen Ort

Ausgerechnet im Bordell, wo Frauenkörper als Ware gelten, werden Sascha und Maria aufeinander aufmerksam. Henrika Kulls Drama "Glück" erzählt von der Liebe zwischen zwei Sexarbeiterinnen.


Die beiden Sexarbeiterinnen Sascha (Katharina Behrens, l.) und die deutlich jüngere Maria (Adam Hoya) lernen sich im Bordell kennen und lieben (Bild: Salzgeber)
  • Von Arabella Wintermayr
    25. Juli 2021, 12:51h, noch kein Kommentar

Der Alltag im Bordell "Queens" hat weder viel mit der Prostitution in den "Megapuffs" gemein, die Deutschland den spöttischen Beinamen "Laufhaus Europas" eingebracht haben, noch ist er ohne Weiteres mit dem Bild der selbstbewussten, woken Sexarbeiterin zu vereinbaren. Die Art, wie Frauen und Freier hier miteinander umgehen, ist – und das dürfte der Realität wahrscheinlich am nächsten kommen – irgendwo dazwischen zu verorten.

Sascha (Katharina Behrens) ist um die 40 Jahre alt und strahlt eine gewisse Routine in ihrem Beruf aus: Kurzer Smalltalk mit dem Kunden, schnelle Verrichtung ihrer Tätigkeit, nach einem kurzen Umweg ins Bad auf einen fixen Plausch in die Kaffeeküche, dann zurück an die Arbeit und zum nächster Freier.

Die Neue, die sich als Jessy (Adam Hoya) vorstellt, aber eigentlich Maria heißt, durchbricht ihren Tunnelblick sofort. Mit ihrem Auftreten, den vielen kleinen Tattoos, den Piercings, den Haaren unter den Achseln und an den Beinen, aber auch ihrem Alter, wahrscheinlich irgendwo in den Zwanzigern, sticht sie hervor. Sie kommt aus Italien, kommuniziert auf Englisch. Saschas Blicke fallen ihr auf und sie erwidert sie.

Authentischer Einblick in den Alltag von Sexarbeiter*innen


Poster zum Film: Nach Previews in der queerfilmnacht läuft "Glück" seit 22. Juli 2021 regulär im Kino

Henrika Kull erzählt ihre Annäherung als vorsichtiges Vorantasten. Manchmal unbeholfen, stets fragend und unschlüssig in dem, worauf sie eigentlich hinauswollen, lässt sie die beiden Frauen aufeinandertreffen. Schließlich steht das, was augenblicklich zwischen ihnen war – Anziehung, eine gewisse Chemie, sogar Bewunderung – im Kontrast zu den plumpen Tatsachen, die in ihrer (Arbeits-) Welt gefragt sind.

"Glück", der wie schon Henrika Kulls Abschlussfilm "Jibril" in diesem Jahr in der Sektion "Panorama" der Berlinale zu sehen war, gelingt es, diese Welt nuanciert zu zeigen. Man ist weit davon entfernt, Sexarbeit zu dämonisieren, allerdings reicht das Gezeigte bereits, um die Schattenseiten des Geschäfts zu verdeutlichen. Über mehrere Jahre hat Kull in verschiedenen Bordellen recherchiert, hat dort selbst Hausdamen assistiert oder hinter der Bar gearbeitet, um einen möglichst authentischen Einblick in den Alltag von Sexarbeiter*innen liefern zu können.

Mehrere Szenen, in denen die Frauen in der Schlange stehen, um sich einem neuen Kunden zu präsentieren, verdeutlichen die Übertragung der kapitalistischen Logik auf das Ureigenste, ganz unmittelbar auf den Körper. Und nicht ohne den bitterem Beigeschmack, dass dabei patriarchale Strukturen verfestigt werden. Wenn Chefin Petra am Telefon mitteilt, dass sie "heute die Lola, die Scarlett und die Sascha da" habe, klingt das vor allem nach Waren in einer Auslage.

Was das konkret mit den beiden Frauen macht, wird ersichtlich, wenn sie sich das erste Mal körperlich annähern: Maria bricht unvermittelt ab, schiebt hinterher, dass sie sich nicht wie ein Kunde fühlen wolle, Sascha nickt verständig. Auf ihre Frage, ob sie sie trotzdem küssen dürfe, antwortet sie: "Natürlich, nur bitte nicht nach Drehbuch."


"Glück" zeigt intime Zweisamkeit (Bild: Salzgeber)

Das Stigma der Sexarbeiterin

Und schließlich blickt "Glück" auch auf die Welt außerhalb des Bordells – und das Stigma, das dem Paar dort anhaftet. Denn nur wenig später nimmt Sascha Maria mit zur Dorfkirmes in Brandenburg, wo sie Zeit mit ihrem Sohn verbringen will. Als sie mit ihrem Ex-Mann und dem gemeinsamen Bekannten Mike (Jean-Luc Bubert) zusammensitzen, fragt dieser schnell nach Marias Tätigkeit. "I'm a performer", lautet deren eingeübte Replik, die Sascha sofort mit einem ruppig-abgeklärten "Sie ist Nutte, wie ich!" korrigiert.

Dass manche Männer den Beruf als Einladung verstehen und die Frauen, die ihn ausüben, als Freiwild betrachten, verdeutlicht eine kurz darauffolgende Szene. Was darin passiert, wird zu einem späteren Zeitpunkt weitergesponnen, der so entstandene Handlungsstrang dann aber doch wieder fallengelassen.

Dass "Glück" vom emotionalen Schlingerkurs zwischen Sascha und Maria, ihrem umeinander Tänzeln, vor allem in kurzen Eindrücken erzählt, wirkt an einigen Stellen inkonsequent. Die Figuren des Films bleiben bis zum Schluss verschwommen. Warum Maria ihr Geld in einem Schließfach in der Staatsbibliothek hortet und ihrem Vater in zahlreichen Sprachnachrichten vom erfundenen Urlaub auf Kreta und einer vermeintlichen Schwangerschaft berichtet, bleibt ebenso nur angedeutet, wie Saschas verhasste Vergangenheit in der Provinz.

Kulls Liebesdrama wirkt so vor allem wie eine Momentaufnahme – und die ist bekanntlich so flüchtig, wie das Glück selbst. So kann das Erzählte zwar mit schönen Augenblicken aufwarten, bleibt aber zu vage und sprunghaft, um am Ende greif- und nahbar zu sein.

Infos zum Film

Glück. Drama. Deutschland 2021. Regie: Henrika Kull. Darsteller*innen: Katharina Behrens, Adam Hoya, Nele Kayenberg, Jean-Luc Bubert, Petra Kauner. Laufzeit: 90 Minuten. Sprache: deutsch-englisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 22. Juli 2021