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Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Was macht eigentlich der Fachbeirat der Hirschfeld-Stiftung?

Öffentlich wird der Fachbeirat der Magnus-Hirschfeld-Stiftung kaum wahrgenommen, dabei übersetzt er wissenschaftliche Debatten in politische Impulse. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden Michael Schwartz.


Prof. Dr. Michael Schwartz ist seit 2013 Vorsitzender des Fachbeirats der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Bild: privat)

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Während ihr Vorstand Jörg Litwinschuh-Barthel in den Medien sehr präsent ist, arbeiten andere Organe der staatsnahen Einrichtung eher im Hintergrund.

Dazu gehört auch der ehrenamtliche Fachbeirat, der hauptsächlich aus Wissenschaftler*innen und Bildungsexpert*innen besteht. Wir haben uns mit dem Vorsitzenden Prof. Dr. Michael Schwartz vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) über die Arbeit dieses Gremiums unterhalten.

Michael Schwartz, wie setzt sich der Fachbeirat der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zusammen und welche Aufgaben hat er?

Die Hauptaufgabe des Fachbeirats besteht in der internen Beratung des Stiftungsvorstands. Er gibt durch seine Beratungstätigkeit aber auch indirekt Entscheidungshilfen für das Kuratorium, das ja die wesentlichen Beschlüsse für die Stiftung fasst. Der Fachbeirat ist, wie der Name schon sagt, ein aus unterschiedlichen Perspektiven heraus fachlich versierter Beirat. Er kann nur Ratschläge geben, wodurch er dabei hilft, Entscheidungen vorzubereiten oder zu kanalisieren. Verbindliche Entscheidungen kann er aber nicht selber treffen.

Dieses Gremium hat im Lauf der Jahre eine unterschiedliche Größe gehabt. Ursprünglich gab es 24 Mitglieder, aber durch Austritte ist es aus unterschiedlichen Gründen über die Jahre deutlich geschrumpft. Seit zwei Schüben an Neuberufungen durch das Kuratorium besteht der Beirat aktuell aus 20 Mitgliedern. Die Herkunft dieser Mitglieder ist bis zu einem gewissen Grade divers. Zum einen unterscheiden sich die disziplinären Hintergründe. Ich bin ja selbst Zeithistoriker, es gibt weitere Historiker*innen, es gibt Soziolog*innen oder Jurist*innen.

Es geht aber nicht nur um akademische Disziplinen, sondern zum Teil auch um die Vertretung bestimmter Institutionen, deren Platz im Gremium durch die Satzung auf Dauer gesichert ist. Das ist etwa bei meinem Institut, dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, der Fall, aber auch bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas oder beim Schwulen Museum. Alles Institutionen, bei denen bei Gründung der Stiftung vermutet worden ist, dass sie ihre fachliche Sicht ins Gremium sinnvoll einbringen können und sollen.

Darüber hinaus gibt es weitere Institutionen aus der LGBTIQ-Community, die hier – oder eben auch im Kuratorium – vertreten sind. Wir haben Vertreter*innen queerer Bildungsinstitutionen an Bord und Vertreter*innen von Trans- und Interorganisationen. Das ist auch das Ergebnis eines gesellschaftspolitischen Austarierungsprozesses und führt zu einem recht breiten und bunten Spektrum, das wir versuchen zu koordinieren. In den nun zehn Jahren der Zusammenarbeit hat das auch immer besser funktioniert.

Und die Aufgaben?

Eine Aufgabe, die sich vom Zeitaufwand gewissermaßen als Hauptaufgabe herauskristallisiert hat, ist die Erarbeitung von Förderempfehlungen für an die Stiftung gestellte Förderanträge. Das hebt unser Gremium vielleicht über die Fachbeiräte anderer Institutionen heraus, weil das unglaublich viel mehr Arbeit für die einzelnen Mitglieder bereitet. Wir sind als Beirat ja gehalten, dem Kuratorium Empfehlungen darüber vorzulegen, was gefördert werden soll, aber auch: In welcher Höhe soll es gefördert werden? An welche Bedingungen sollte die Förderung geknüpft sein? Das macht natürlich einiges an Arbeit.

Die Grundlage dazu bilden zwei schriftlich fixierte Gutachten aus einer Arbeitsgruppe des Beirats, der ein Antrag zugeordnet worden ist. Auf Basis dieses Vier-Augen-Prinzips entscheidet dann erst die Arbeitsgruppe per Mehrheit, dann auch der gesamte Fachbeirat auf einer Sitzung per Mehrheit, ob eine Förderempfehlung gegeben wird oder nicht. Das Kuratorium, an das unsere Vorschläge gehen, hat letztlich die Entscheidung, folgt aber in der Regel unseren Vorschlägen.

Gelegentlich gehen wir aber auch über die uns gesetzte Grenze interner Beratung ein wenig hinaus und machen öffentliche Stellungnahmen, zum Beispiel in dem Fall, als es vor einigen Jahren um ein Rehabilitierungsgesetz für strafverfolgte Homosexuelle ging. Wir haben dazu eine Erklärung verfasst und öffentlich vorgetragen. Das hat dann ja auch gut funktioniert, der damalige Justizminister hat das aufgegriffen und politisch nutzen können. In einem anderen Fall, da ging es um die Änderung des Personenstandsgesetzes mit Blick auf trans Personen, war die Begeisterung im politischen Raum allerdings weniger ausgeprägt.

Wie muss man sich ganz konkret die Arbeitsweise Ihres Gremiums vorstellen?

Die hat sich über die Zeit hinweg entwickelt. Ursprünglich hatten wir wechselnde Sitzungsorte in Berlin, dann traf man sich einige Zeit in einem Berliner Hotel in Mitte. Zum Schluss haben wir als Stiftung einige Jahre lang in den aktuellen Geschäftsräumen der Bundesstiftung nahe am Berliner Gendarmenmarkt tagen können. Seit Corona sind auch wir auf das sagenhafte Instrument der Videokonferenz angewiesen. Seit Frühjahr letzten Jahres machen wir das leider nur noch so, was insbesondere für Neumitglieder, die erst im vorletzten Jahr dazu gestoßen sind, ein bisschen schade ist. Sie lernen Ihre Kolleg*innen so ja gar nicht real kennen. Das soziale Drumherum, wie bei allen Tagungen und Konferenzen, wo man sich in den Pausen kennenlernt und unterhält, fällt leider derzeit weg.

Und wie oft finden solche Sitzungen statt?

Eigentlich sind zwei Sitzungen pro Jahr angedacht. Das ist aber manchmal mehr geworden, etwa, wenn es mehr Anträge zu beraten gab oder wenn zusätzliche inhaltliche Fragen aufgetreten sind.


Die Bundesstiftung ist nach dem Sexualwissenschaftler und Mitbegründer der deutschen Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld benannt

Sie sagten, es habe im Lauf der Zeit auch Austritte aus dem Fachbeirat gegeben. Lag das an inhaltlichen Auseinandersetzungen, oder hatte das weniger spektakuläre Gründe?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Anfang 2015, da war ich noch relativ frisch gebackener Vorsitzender, hatten wir einen scharfen Konflikt, weil ein Mitglied des Fachbeirats, die Pädagogin Karla Etschenberg, eine Meinung über LGBTIQ in der Schulbildung vertreten hat, die von der Mehrheit nicht akzeptiert werden konnte. Das war eine sehr konservative Position, die da artikuliert worden und dazu noch in einem sehr rechten Medium an die Öffentlichkeit gebracht worden war (queer.de berichtete).

Eine Gruppe im Fachbeirat wollte den sofortigen Ausschluss der betreffenden Kollegin. Ich habe mich in Rücksicht auf unsere rechtlichen Regelungen, aber auch auf eine angemessene Diskussionskultur dagegen verwahrt und versucht, eine Diskussion zwischen den Beteiligten herbeizuführen. Das klappte aber am Ende nicht, da die Positionen zu verhärtet waren. Die angegriffene Kollegin verließ schließlich von sich aus den Fachbeirat (queer.de berichtete). Einige andere, die den Ausschluss gefordert hatten, haben das Gremium dann ebenfalls verlassen. Es war also ein massiver inhaltlicher Konflikt, mit dem wir damals zu tun hatten, wo wir versucht haben, ihn fair, inhaltlich aber mit klarer Position zu regeln. Spätere Austritte hatten andere, weniger spektakuläre Gründe: meist aus beruflicher Überlastung, zuweilen wegen Erkrankungen.

Gibt es noch andere Beispiele, wo Impulse aus der Forschung über den Fachbeirat noch mal mehr Gewicht bekommen haben?

Ebenfalls engagiert hat sich die Stiftung bei der Gesetzgebung hinsichtlich der sogenannten Konversionstherapien. Da konnte insbesondere ein Mitglied aus unseren Reihen, ein Mediziner, konkret fachlich beraten. Gelegentlich gibt es Einzelkooperationen, die über die normalen Sitzungen der Gremien hinausgehen. Ich selbst habe als Vertreter des Instituts für Zeitgeschichte gemeinsam mit dem Vorstand oder anderen Mitarbeiter*innen der Stiftung gemeinsame Forschungsprojekte initiiert und geleitet, zum Beispiel in Kooperation mit dem Land Rheinland-Pfalz betreffend die Verfolgung und Diskriminierung homosexueller Frauen und Männer und dann hinsichtlich der Praxis des Sorgerechtsentzugs, die gegen lesbische Mütter angewandt worden ist. Das letztere Projektergebnis wurde erst kürzlich abgeschlossen und öffentlich vorgestellt. Zu solchen Zwecken hat die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mit dem Institut für Zeitgeschichte einen formellen Kooperationsvertrag begründet.

Wir haben auch beratend mitgewirkt bei einem großen Forschungsprojekt in Baden-Württemberg. So hat die ja noch junge Bundesstiftung auf unterschiedliche Weise versucht, öffentlich wirksame Zeichen zu setzen. Unsere Sichtbarkeit war ja anfangs noch klein, konnte aber durch solche Forschungsprojekte oder Aktivitäten im öffentlichen Raum gezielt gesteigert werden. Da kann der Fachbeirat natürlich helfen.

Unser neuester Impuls aus dem Beirat heraus, für den sich insbesondere unser*e Vertreter*in der intersexuellen Menschen eingesetzt hat, ist die Anregung eines inhaltlichen Förderschwerpunkts, der sich mit den historischen Wandlungen der Kategorie Geschlecht im 20. und 21. Jahrhundert beschäftigt. Das haben wir an das Kuratorium herangetragen, verbunden mit der Anregung, hierfür bis zu 50 Prozent der jährlichen Fördersumme zur Verfügung zu stellen. Das läuft gerade an für die Jahre 2022/23. Wir entwickeln also auch Eigeninitiative und reagieren nicht nur auf Fragen, die das Kuratorium oder der Vorstand an uns stellen.

Offenlegung: Dieser Beitrag ist Teil einer zwölfteiligen Serie zum Stiftungsjubiläum. Konzeption und redaktionelle Umsetzung werden von der BMH gefördert. Die Beiträge werden unabhängig und eigenverantwortlich von queer.de erstellt.