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Geschlechtseintrag "divers"

Selbstbestimmung wird kommen

Seit Jahren leiden Nichtbinäre unter dem Hickhack bei der dritten Option des Geschlechtseintrags. queer.de-Redaktionsmitglied Jeja Klein heißt immer noch nicht "Jeja". Und berichtet hier davon.


Jeja Klein hätte gerne den Geschlechtseintrag "divers", kann es aber unter der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht.

Ein Münsteraner Richter hält das Personenstandsgesetz nach der Reform, die den Geschlechtseintrag "divers" eingeführt hat, für verfassungswidrig. Der Grund: Es halte an einer vom Bundesverfassungsgericht bereits 2017 zurückgewiesenen, überholten Vorstellung von Geschlecht fest. Karlsruhe hatte nämlich beschlossen, dass sich die Abweichung von den zwei Binärgeschlechtern "männlich" und "weiblich", und damit Geschlecht überhaupt, mit wissenschaftlichen Kriterien nicht "objektivieren", also beweisen lässt. Maßgeblich müsse immer die Selbstauskunft der Person sein, um die es gehe. Damit wäre es auch hinfällig, den Geschlechtseintrag "divers" nur für intersexuelle Menschen, nicht aber für nichtbinäre Menschen zur Verfügung zu stellen, die keine Intersexualität nachweisen können. Wie bei mir. Ich habe am Mittwoch auf queer.de darüber berichtet.

Ziemlich viel Leid, aber auch schöne Momente

Seit Jahren sind ich und viele Freund*innen von mir dem andauernden Hickhack bei der Gesetzgebung über "dritte Geschlechter" sowie anhängenden Krankenkassenrichtlinien ausgesetzt. Ich habe gesehen, wie Menschen sich nach langer Zeit getraut haben, eine psychotherapeutische Begleittherapie anzufangen, nur um irgendwann von heute auf morgen damit konfrontiert zu werden, dass eine plötzlich neu heraus gegebene Richtlinie vorsieht: keine Kostenübernahmen mehr, wenn transgeschlechtliche Menschen es wagen, nichtbinär zu sein statt Männer oder Frauen.

Andere verkündeten eines Tages stolz: "Ich hab es getan!". Sie hatten dann auf einmal "wirklich" so geheißen, wie ich sie seit Langem kannte. Mit Personalausweis und allem drum und dran. In meinen Kreisen gab man sich Tipps und Warnungen: Bei welchem Standesamt hat es jemand schon mal geschafft? Welche Ärztin erstellt den heißen Schrieb, der mit ärztlicher Autorität behauptet, dass man eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" hat bzw. ist? Und wo hat man keine Chance oder wird vielleicht noch dumm angemacht? Ich erinnere mich, wie viele Leute in dieser Zeit ganz schön gelitten haben.

Und doch gab es sie, die wenigen schönen Momente. Etwa den, als wir Anfang 2019 realisierten, dass man aufgrund des wissenschaftlich völlig unhaltbaren Begriffs der "Variante der Geschlechtsentwicklung" durch eine ungewollte Lücke im brandneuen Gesetz hindurch schlüpfen konnte. Dadurch ließen sich die lang ersehnten Änderungen bei eingetragenem Geschlecht und Namen recht einfach vornehmen lassen, und zwar egal in welche Richtung und für alle.

Mit einer Freundin und weiteren Nahestehenden fuhr ich in deren ostdeutschen Heimatort ("Hallo, wir sind die mit den komischen Geschlechtern") und zum dortigen Standesamt. Die Freundin, die sich zu dem Zeitpunkt bereits im aufwändigen und schmerzhaften Verfahren nach dem Transsexuellengesetz von 1981 befunden hatte, ging an diesem Tag allein durch die schweren Amtstüren. Sie brauchte nur noch einen möglicherweise minimal gemauschelten ärztlichen Befund ("Variante...") vorlegen und kam als amtlich anerkannte Frau wieder heraus. Hurra! Als Seehofer Wind von der Sache bekam, tobte der Horst in Berlin und drohte Ärzt*innen öffentlich rechtliche Konsequenzen an (queer.de berichtete). Wir spürten: Unser kleines Fenster geht zu.

Schließlich wollte auch ich meinen eigenen Namen auf dem Ausweis lesen


Für das "nd" schreibt Jeja Klein wöchentlich die Kolumne "Jeja nervt" über Politik, Kultur und politische Kultur. Oft geht es auch dort um queere Themen. (Bild: privat)

Monate später und nach einem Umzug war auch bei mir der innere Zeitpunkt heran gereift. Meine Hausärztin erklärte sich grundsätzlich bereit, mir das vom Gesetz geforderte Attest über das Vorliegen der "Variante der Geschlechtsentwicklung" auszuhändigen. Hierzu wollte sie aber einen Befund über meinen Genitalbereich haben. Ich riss mich zusammen, verklemmte mir, meine "Rechtsauffassung" zu klugscheißern, organisierte den Schrieb, kam zurück in die Praxis und traf, es war Urlaubssaison, auf die Praxiskollegin. Von Neuem erklärte ich kurz die Lage. Die Ärztin fing sogleich an, mich ungefragt damit voll zu quatschen, was sie sich so denkt.

"Transsexuelle", sagt sie, die sehe man ja ab und an in Fernsehshows, beim Tanzen oder beim Singen. Frauen, auch Männer. Ob das denn nichts für mich sei. Schließlich seien die auch mit ihrem Geschlecht zufrieden. "Nein", sage ich. "Hm. Das ist ja interessant", antwortet sie. "Das hat man ja auch nicht jeden Tag". Ich wage es, das zu sagen, was am Offensichtlichsten ist, nämlich, dass ich das jeden Tag habe. Sie wird wütend. Nein, sie meine sie als Ärztin! Sie fängt an, nach meinem Intimbereich zu fragen. Ich sage, dass das alles im Befund steht, dass ich keine Lust habe, als "interessant" bezeichnet zu werden oder Fragen zum Inhalt meiner Unterhose zu beantworten. Sieht sie ein. Jetzt soll ich aber stattdessen beantworten, ob ich mich denn "wirklich" als "divers" fühle. Ich gucke wie ein Auto.

Wieso ich damit denn nicht zur Gynäkologin oder Endokrinologin ginge, will sie wissen – und dann, dass ich die Tür aufmache, wegen Corona nämlich. Ich öffne die Sprechzimmertür. Jetzt will sie, dass ich durch die offene Tür nach draußen trete. Sie beredet sich mit ihrer Arzthelferin, dann werde ich wieder hinein gebeten. Sie findet nun, dass sie den gewünschten Schrieb nicht ausstellen dürfe, denn das würde Ärger geben. Als ich zur Antwort anhebe, fallen mir beide schreiend ins Wort. Ich muss mir weitere Kommentare zu meinem Körper anhören und darum bitten, dass man mich ausreden lässt, wenn man mit mir redet. Am Ende verlasse ich weinend die Praxis.

Ende 2020 werden Zahlen veröffentlicht, wonach sich in den ersten zwei Jahren bislang erst 300 Personen diesen verrückten neuen Geschlechtseintrag machen lassen haben. Ich bin nicht unter den 300. Und beschließe zu meinem Seelenwohl, das auch in nächster Zeit erst einmal nicht zu sein.

Das "Selbstbestimmungsgesetz" entfacht mein Feuer neu

Als ich hörte, dass die Opposition im Bundestag in diesem Frühsommer Anträge zur Einführung eines sogenannten Selbstbestimmungsgesetzes zur Abstimmung stellen wollte, war mein Feuer wieder entfacht. Viele Leute, merkte ich, hofften wirklich auf einen Abstimmungserfolg. Sie steigerten sich ein wenig in diese Naivität herein.

Sie glaubten, was ich ihnen nicht übel nehmen kann: Die Argumente sind einfach zu bestechend, endlich die gesetzlich eingeführte, völlig unnötige Entrechtung, Kontrolle und Demütigung transgeschlechtlicher Menschen abzuschaffen. Endlich damit Schluss zu machen, ein teures stehendes Heer aus Therapeut*innen, Sachbearbeiter*innen, Richter*innen, Gutachter*innen und Ärzt*innen auf Menschen los zu lassen, nur weil man Angst vor ihnen hat. Und ein bisschen fing ich auch an, das zu glauben. Wir wurden enttäuscht. Vertreter*innen der Union hielten Reden mit transfeindlichen Verschwörungsmythen und erlogenen Zahlen und stritten neuerdings an der Speerspitze des "Feminismus" mit. Und die SPD war, nunja, die SPD, das Gesetz somit schmetternd abgelehnt (queer.de berichtete).

Ich fuhr in eine neue Allgemeinärzt*innenpraxis in Neukölln, die sich als Gesundheitsdienstleisterin für die trans Community positioniert. Den Check auf eine ganze Palette sexuell übertragbarer Krankheiten gibt es hier obendrein – selbstbestimmt, grenzwahrend, unendlich respektvoll. Ich erklärte mein Vorhaben: Ich will es noch ein mal versuchen! Mit der bescheinigten "Variante der Geschlechtsentwicklung" wollte ich beim Standesamt meines Herkunftsorts vorstellig werden und sagen: "Hier! Ändert jetzt diese Einträge!"

Etwas trocken wurde mir entgegnet, dass das mutig sei. Natürlich könne ich es versuchen, sagte man mir, und man unterstütze mich auch gerne, bereitete mich aber schon mal auf die Enttäuschung vor. Und gab mir den Tipp mit auf den Weg, für das Heraustreten aus meinem angeblichen biologischen Geschlecht doch am besten gleich einen aktuellen ärztlichen Befund über meinen Körper anfertigen zu lassen. Nicht, dass der auch nur irgendetwas mit der zugrunde liegenden Gesetzeslage zu tun hätte. Doch schinde so etwas, der Erfahrung nach, bei Mitarbeiter*innen von Standesämtern Eindruck und erhöhe die geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie die Eintragungen dann tatsächlich vornähmen.

Das Fenster ist nicht zu. Aber der Spalt, durch den man noch schlüpfen kann, ist sehr eng. Diesmal habe ich gar nicht richtig beschlossen, es bleiben zu lassen. Ich konzentrierte mich auf andere Dinge. Schob die anstehenden Anrufe auf meiner To-Do-Liste mehrfach nach hinten. Und ließ es bleiben.

Am Mittwoch erfuhr ich, dass die Gesetzeslage, die mich so stark betrifft, dem Bundesverfassungsgericht erneut zur Vorlage vorgelegt werden wird. Ich freue mich. Und doch hat etwas in mir gelernt, nicht zu leicht Hoffnung in etwas zu setzen. Ich glaube, dass wir hoffen können. Aber es ist unklar, wie lange wir noch hoffen müssen und wie oft wir in dieser Zeit mit Enttäuschung umgehen werden. Bei der Ehe für alle ging alles ganz plötzlich, ganz schnell. Vielleicht wird es hier ja auch so? Wie bei den gleichen Rechten beim Heiraten dürfte den meisten Beobachter*innen klar sein: Selbstbestimmung über das eigene Geschlecht, wenigstens bei den amtlichen Einträgen, wird kommen.



#1 mind_the_gap
  • 31.07.2021, 07:19h
  • "nichtbinäre Menschen [...], die keine Intersexualität nachweisen können"

    ...fallen in dieser Gesellschaft zu - ich würde mal sagen - 99,9% durchs Raster. Warum man denn nicht wenigstens inter oder trans sein könne? Für Inter* gäbe es ja jetzt die Möglichkeit der "dritten Option", und für Trans* immerhin das TSG. Was man denn eigentlich wolle? Man möchte sich GAR keiner dieser Kategorien zuordnen? Das könne doch irgendwie nicht sein?

    Und doch ist es so: es GIBT Menschen, die weder nachweisbar intersexuell sind noch sich als trans wahrnehmen, die sich aber mit der binären Zuordnung zu "männlich" oder "weiblich" nicht identifizieren können - und darunter leiden. So wie beschrieben. Weil es für diese Menschen nach wie vor keine sichere Möglichkeit gibt, ihre ureigenste Geschlechtsidentität irgendwo dokumentieren zu lassen.

    Das verdrängt eine_n in die Unsichtbarkeit. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es schlicht nicht gewollt ist, dass es "solche Menschen jetzt auch noch gibt". Schon wieder eine neue, zusätzliche Selbstdefinition? Wo kämen wir denn da hin, wenn jede_r sich so definieren dürfte, wie er_sie das wollte?

    Tja, wohin? Zur ECHTEN Selbstbestimmung. Und genau deshalb brauchen wir auch ein Selbstbestimmungsgesetz, das die Bezeichnung verdient. Eines, das das TSG, das sich mit als krankhaft eingestuften Abweichungen beschäftigt, ersetzt durch Bestimmungen, die bestärken, dass jede Person nur selbst wissen und bestimmen kann, welcher geschlechtlichen Identität sie sich zuordnet. Dazu braucht man auch gar keinen ausschweifenden Katalog von Regelungen, die erst jahrzehntelang ausklamüsert werden müssten - man muss einfach nur den Paradigmenwechsel herbeiführen, dass nicht der Staat über das Geschlecht einer Person entscheiden darf, sondern die Person selbst. Das wäre mit wenigen Sätzen darstellbar.

    Vorausgesetzt natürlich, diese Gesellschaft will es akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht sind wie die meisten. Die dennoch DA sind und ihre eigene Lebensberechtigung haben. Und die auch nicht nur geduldet werden, sondern selbstverständlich ebenfalls mit vollen Rechten auszustatten sind.

    Statt dessen führt die rechtsradikale Partei im Bundestag zur Zeit Wahlkampf mit einem Slogan, den ich hier gar nicht wiedergeben will, der aber das genaue Gegenteil fordert. Und auch Viele in der Community halten nichts für erstrebenswerter als "normal" zu sein.

    Mag ja sein, dass schließlich ein echtes Selbstbestimmungsgesetz kommen wird. Meiner Ansicht nach ist es jedoch noch ein sehr weiter Weg bis dahin. Womit wir uns definitiv nicht zufrieden geben sollten.
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#2 MephalaAnonym
#3 xxymeAnonym
  • 31.07.2021, 07:45h
  • Antwort auf #1 von mind_the_gap
  • durch meinen chromosomensatz hätte ich keine probleme mich als divers eintragen zu lassen, ich hatte es mir überlegt, umfassende informationen eingeholt, insgesamt hätte es nur nachteile gehabt, arbeitgeber, reisen, etc. die gesellschaft ist leider noch nicht soweit, das als normal anzusehen. kein wunder, dass es bisher erst 300 offizielle gibt.
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#4 michael hnkAnonym
  • 31.07.2021, 08:11h
  • "Karlsruhe hatte nämlich beschlossen, dass sich die Abweichung von den zwei Binärgeschlechtern "männlich" und "weiblich", und damit Geschlecht überhaupt, mit wissenschaftlichen Kriterien nicht "objektivieren", also beweisen lässt. Maßgeblich müsse immer die Selbstauskunft der Person sein, um die es gehe. Damit wäre es auch hinfällig, den Geschlechtseintrag "divers" nur für intersexuelle Menschen, nicht aber für nichtbinäre Menschen zur Verfügung zu stellen, die keine Intersexualität nachweisen können." (Zitat Autorin)

    Genau das Gegenteil trifft zu: "[Das allgemeine Persönlichkeitsrecht] schützt auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen." (Zitat BVG)

    Meinetwegen mag der Wunsch der Autorin eine politisch legitime Forderung sein, das BVG-Urteil aber derart fantasievoll umzudeuteln, ist echt schräg. Karlsruhe hat sich in der Urteilsbegründung mehr als eindeutig nur auf intergeschlechtliche Personen bezogen ("deren Geschlechtlichkeit sich nicht zuordnen lässt") und sich zu der "Selbstauskunft nichtbinärer Menschen" überhaupt nicht geäußert. Immer schön bei den Fakten bleiben.
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#5 mind_the_gap
  • 31.07.2021, 08:12h
  • Antwort auf #3 von xxyme
  • "die gesellschaft ist leider noch nicht soweit, das als normal anzusehen."

    Wenn wir darauf warten, wird das in diesem Jahrhundert nichts mehr. Außerdem: wenn nur das "Normale" akzeptiert wird, haben wir nichts gewonnen.

    "Was wirkliche Toleranz von Scheintoleranz unterscheidet, ist ihr Wissen um das noch Differente und das Akzeptieren des Anderen als Anderen" (Martin Dannecker)

    Das heißt: wir müssen erreichen, dass nicht nur das "Normale" akzeptiert wird, sondern eben auch das "Andere". Dazu können veränderte Einträge in Dokumenten m.E. durchaus beitragen.

    Dennoch muss es selbstverständlich jeder Person selbst überlassen bleiben, das zu nutzen. Immerhin wollen wir ein echtes Selbstbestimmungsgesetz. Wir dürfen uns nur nicht von mangelnder bisheriger Akzeptanz einschüchtern lassen, denn sonst wird das Ganze noch ewig dauern oder nie klappen.
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#6 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 31.07.2021, 08:19h
  • Hey,
    danke für den Bericht und die Schilderung aus deiner Perspektive.

    Das mit dem "Fenster" habe ich auch etwa so empfunden. Der Unterschied ist: Die Sache mit dem "Abgewöhnen" von großen Hoffnungen begann bei mir eben, nunja, vor guten zehn Jahren. Und irgendwann kommt man einfach an den Punkt, an dem es so leicht nicht mehr ist, Leuten zu glauben.

    Als ich meine Outings als trans* hatte, zunächst mal für mich selbst und dann ziemlich zügig nach außen, hatte es die Streichungen im TSG noch nicht gegeben. Das bedeutet Zwangsscheidung - was mich nicht betroffen hätte - aber vor allem auch die Zwangs-OPs und -Sterilisation waren noch nicht abgeschafft.
    Und das Konzept von "nicht-binär" in der Weise gab es in meinem trans*-Umfeld eher so in ganz anfänglichen Bruchstücken. Wir hatten da im ftm-portal diese Skala von 1 bis 10 zwischen weiblich und männlich, und ich habe mir nie so viel mehr als eine 6 oder 7 in Richtung des m gegeben. Zu viel, um mit der äußeren Zuschreibung als weiblich okay zu sein. Für das Umfeld, wenn ich "ich selbst" gewesen bin, und zwar trotz erheblicher körperlicher Dysphorie, die ich schon seit der Pubertät hatte (primäre + sekundäre Geschlechtsmerkmale), war ich aber auch ziemlich oft nicht "männlich" genug.

    Was ich leider außerdem habe, ist Ahnung von Biologie und teilweise auch Medizin, und Erfahrung mit OPs an sich, und so gern ich das Zeug gern aus dem Körper hätte: Wenn ich mir die Folgen ansehe, die resultierende Abhängigkeit von externer Hormoneinnahme, wollte ich "die OP" nicht, schon gar nicht zur Bedingung von zwei Jahren Zwangstherapie. Was für mich in den ersten Jahren noch bedeutet hätte: Den "großen" Eintrag würde ich sowieso nie bekommen.
    Zu dem Zeitpunkt war das ja recht strikt getrennt: Die Vornamensänderung gab es bereits in etwa zu dem "Preis", zu dem man heute auch die Personenstandsänderung bekommt. Die gestrichenen Paragraphen waren eher die "Zusatzfeatures", die für die volle Anerkennung nötig gewesen wären, und bei denen wegen der OPs eingesehen wurde, dass es dahin eine ganze Weile dauert (selbst wenn man die Indikationen nach den zwei oder mehr Jahren Therapie bekommt, muss man dann erstmal noch die Anträge stellen, die Antworten auf die Anträge abwarten, eine passende Klinik finden, Termin bekommen, evtl. mit Wartezeit...). Die Vornamensänderung galt von daher eher so als die "vorläufige" Maßnahme, die bewusst "leichter" gestaltet war, um übergangsweise die Bedingungen zu vereinfachen. Es war aber in der Sache insgesamt klar, dass das schon genau so gedacht war: "Fertig" bist du als trans*-Person erst, wenn du keine Kinder mehr bekommen kannst und angemessenes Passing vorweisen kannst. Und da wir schließlich nicht wollten, dass die bösen trans* den Weg zur Homo-Ehe vereinfachen, war der Scheidungsparagraph nötig, um nicht de facto über den Umweg trans* versehentlich eine Ehe zu produzieren, die vollwertig als solche anerkannt war, aber zwischen zwei als solchen anerkannten Männern bzw. Frauen bestanden hätte. Was ja den Homos dann als Argument von Nicht-Gleichberechtigung hätte dienen können.

    Es begann sich dann etwas zu tun, es gab die Urteile vom Verfassungsgericht. Erstmal das mit der Scheidung, samt Aufforderung an den Gesetzgeber, das TSG zu reformieren. Später dann den Wegfall des OP-Zwangs. Aber zu dem Zeitpunkt war bei mir persönlich, psychisch, schon relativ viel passiert, an negativen Erfahrungen, was die Akzeptanz betrifft, aber auch einfach physischer Gewalt. So eine "Begutachtung" mit all der Brutalität, von der wir ja damals bereits gut wussten, dass die uns erwarten könnte, gerade Leute, die sich nicht auf der 100% binär-stereotypen Schiene bewegen, hätte ich damals schlicht und ergreifend nicht überlebt. Dass ich "bestehen" würde, hielt ich damals nicht für wahrscheinlicher als heute.
    Rückhalt bekam ich von nirgendwo - aus der schwulen Szene hatten sie mich erfolgreich rausgemobbt, die binären trans* konnten nicht so richtig etwas mit mir anfangen, weswegen die Kontakte da fehlten, und damit auch der Zugang zu den Hints, wie man aktuell so "durchkommt"... und alles, was blieb, war im Grunde die Hoffnung, dass spätestens das zweite Urteil des Verfassungsgerichts jetzt endlich mal anstoßen könnte, dass es ein komplett neues Gesetz gibt.

    Das war für mich der Status vor zehn(!) Jahren. Und selbst damit bin ich immer noch eine "eher junge" Trans*-Generation.

    Dann gab es immer mal Versprechen seitens der Politik, dann war der queeren Szene die Homo-Ehe wichtiger, dann gab es zwei Expertisen, die der Legislative fachkundig darlegten, dass es schlichtweg niemanden als eine Person selbst gibt, die wirklich und tatsächlich beurteilen könne, ob sie trans* sei, und wie schädlich es ist, dass sowohl zu den Begutachtungen als auch in der zweijährigen prä-OP-Zwangstherapie massive Lügen erzählt werden müssen; wie unstatthaft es für eine "Therapie" ist, dass durch die benötigten Indikationen ein Abhängigkeitsverhältnis zu Therapeut*innen besteht, was wirkliche Unterstützung auf der dafür benötigten, ehrlichen Basis gar nicht möglich machen... dann hatten wir mit Frau Barley jemanden, die sich fachlich soweit informierte, dass man ihr zutraute, zumindest auf der gesetzlichen Ebene etwas zu bewirken. Die ihr geballtes Wissen dann allerdings nutzte, um uns nach Seehofers TSG-Reform-Vorschlag "nehmt das oder gar nichts" an den Kopf zu werfen. Eine schallende Ohrfeige, von der ich nicht glaube, dass ich ihr, ganz persönlich, das jemals verzeihen werde, denn im Gegensatz zu extrem vielen Leuten aus der Politik kann sie sich nicht dahinter verstecken, nichts über das Ganze "gewusst" zu haben.
    Verhalten hat sie sich trotzdem so, wie sie es dann tat.

    Und dann begann schließlich der Teil, den du beschrieben hast, mit einem Male ziemlich viel Hoffnung in das Gesetz zur Dritten Option. Da habe sogar ich mich dann mal wieder bemüht, mich zu vernetzen, und ich muss sagen, es hat gutgetan. Auch wenn es in der Folge mit meinem Cis-Freundeskreis massiv und stellenweise endgültig geknallt hat, weil ich ein Stück Selbstbewusstsein aus den Gesprächen mitgenommen hatte, bei denen ich mal nicht bereit war, mir Dinge gefallen zu lassen, bei denen ich die zehn Jahre vorher nur freundlich "gebeten" hatte, da doch bitte mal drüber nachzudenken und sich in meine Perspektive zu versetzen. Jetzt war ich also aggressiv und Täter und in deren Sicht auf die Welt bin ich ihnen eine gehörige Entschuldigung dafür schuldig, in welchem Ton ich es gewagt habe, eine Grenze zu setzen. Nunja.
    So im stetigen Kampf mit meinen Depressionen, meiner Suizidalität und sonstigen Stressfaktoren in meinem Leben habe ich das von dir beschriebene Zeitfenster verpasst, in dem ich vermutlich eine Chance auf zumindest eine unkomplizierte Vornamensänderung gehabt hätte. Und auf diesem Portal hier Artikel darüber zu sehen, wo sich genau wie viele Personen bei welchem Standesamt - inklusive Nennung des Stadtteils - über das neue Personenestandsgesetz haben registrieren lassen, hat dann ehrlich gesagt auch meine Paranoia gut getriggert. Über Homosexuelle würden sie solche Auflistungen, samt Zählung und Zuordnung zu Wohngegend, vermutlich besorgniserregend gefunden haben. Sollte man vor dieses neue Gesetz nutzen, sieht das offenbar sehr anders aus. Bei aller Bereitschaft zum Outing: Diese Art, wiedergespiegelt zu bekommen, dass man als divers registrierter Mensch auf einer rosa-hellblauen Liste stehen würde, bei der man mitnichten in einer Masse untergehen würde, wie das bei der sonstigen ca. 50:50-Aufteilung von Geschlechtseinträgen ist, fand ich dann mehr als ein bisschen... besorgniserrgend.

    Die Hoffnung darauf, dass es jemals irgendeinen Menschen geben könnte, der mich so akzeptiert, wie ich bin, habe ich im Laufe der Zeit sowieso verloren. Den Binären werde ich nie binär genug, den Nicht-Binären nie "frei genug" von Geschlecht sein. Feministinnen fühlen sich für mich nicht zuständig, schließlich hätte ich ja jetzt männliche Privilegien, TERFs bügeln mich runter als jemanden, der*die bloß die patriarchale Unterdrückung zu umgehen statt zu überwinden versucht, in der schwulen Szene würden sie mich höchstens zu den Bedingungen des "alten TSG" vielleicht irgendwann mal dulden, also komplett-operiert, ohne Mens, am besten mit Aufbau und Pumpe und Testo. Und ich glaube einfach an sehr, sehr, sehr viele Dinge nicht mehr.
    And that's what it is.

    Insofern... ich war emotional dabei, als die Paragraphen 2009 und 2011 gestrichen wurden. Irgendwie dann auch nochmal, als das Gesetz zur Dritten Option kam. Inzwischen muss schon mehr passieren als bloß eine Handvoll Allys in der Politik, die sich bemühen. Und die SPD KANN mich einfach nur mal, denn was diese Partei sich an Verrat mir gegenüber geleistet hat, da müsste selbst eine FDP sich noch Mühe geben, die ich wegen ihres Klassismus, Kapitalismus und Rassismus ansonsten schon ziemlich verachte.

    Ich bin über enttäuscht-traurig inzwischen extrem weit hinaus und alteriere zwischen enttäuscht-resigniert und enttäuscht-wütend. Irgendwann brennst du einfach aus, wenn sie dich über zehn Jahre wieder und wieder verarschen. Irgendwann müsste mal mehr passieren als nette Gesten und Worte, immer schön von oben herab, damit du nicht deinen Platz vergisst: Sehr weit unten.
    Irgendwann hat man von dem ganzen Theater dann auch einfach mal genug.
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#7 mind_the_gap
  • 31.07.2021, 08:36h
  • Antwort auf #4 von michael hnk
  • Was bringt Dich dazu, hier felsenfest festzustellen, dass es auf nichtbinäre Menschen nicht zuträfe, "sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen [zu] lassen"? Etwa die Einschätzung, dass das nur von außen und nur anhand nachweisbarer biologischer Kriterien erfolgen könne?

    Meiner Ansicht nach ist das keinesfalls "mehr als eindeutig nur auf intergeschlechtliche Personen bezogen". Es sei denn, man WILL das so sehen.

    Wenn Du "immer schön bei den Fakten bleiben" willst, dann wäre es z.B. schon mal ein Anfang, anzuerkennen, dass es nichtbinäre Menschen gibt, die nicht inter oder trans sind, und dass dazu keine Beurteilung hinsichtlich rein biologischer Kriterien tauglich ist.
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#8 TamiAnonym
#9 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 31.07.2021, 08:44h
  • Antwort auf #6 von Ith_
  • PS: Was mir im Nachhinein aufgefallen ist: Zeitlich-chronologisch ist das an einer Stelle nicht ganz richtig formuliert, es gab erst das Gesetz zur Dritten Option und _danach_ den Versuch zur TSG-Reform von Seehofer/Barley. Der meiner Auffassung nach auch bloß ein Versuch werden sollte, indirekt Teile des Gesetzes zur Dritten Option zu konkretisieren und die Formulierungen dort einzugrenzen und rechtlich abzusichern, bei denen aktuell mit gutem Grund infrage steht, ob die verfassungsrechtlich in Ordnung sind.
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#10 BillieAnonym