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Literatur

Der grausame Tod von Gisberta in Romanform

2006 erschütterte eine unvorstellbare Tat Portugal: Die obdachlose trans Frau Gisberta Salce Júnior wurde tagelang von Jugendlichen misshandelt, bis sie starb. Mit "Aber wir lieben dich" ist ihre Geschichte nun als Roman erschienen.


Gisberta Salce Júnior wurde im Februar 2006 von 14 männlichen Jugendlichen tagelang misshandelt und ermordet

Pão de Açúcar, auf Deutsch eigentlich Zuckerbrot, bezeichnet nicht nur Rio de Janeiros Wahrzeichen, den Zuckerhut. So heißt auch ein verlassenes Gebäude in der portugiesischen Hafenstadt Porto. Rafael, Samuel und Nélson haben es als eines ihrer neuesten Dreckslöcher auserkoren, wie sie ihre Zufluchtsorte nennen. Die Jungs, gerade einmal zwölf Jahre alt, hängen dort ab, statt im Unterricht zu sitzen. Samuel, ein talentierter Zeichner, findet hier Motive.

Die drei wohnen in einer katholischen Jugendhilfeeinrichtung für Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Dementsprechend wenig erfahren wir über die Familien der Jungs. Beschweren würden sie sich darüber nicht: "Das Ganze bescherte uns ja die bestmögliche Jugend, ohne Verpflichtungen, allein uns selbst überlassen oder ausgeliefert und mit einer Lebenskraft ausgestattet, die nur versteht, wer Ähnliches durchgemacht hat." Autos aufbrechen, kiffen, Fenster einwerfen – das nennt Rafael den "Anfang von allem, was später an Gutem noch kommen mochte".

"Ich bin schon so oft beleidigt worden"


Afonso Reis Cabrals Roman "Aber wir lieben dich" ist im Hanser Verlag erschienen

Das Pão de Açúcar hat Rafa entdeckt. Er will dort ein selbstgebautes Fahrrad verstecken. Und er macht eine weitere Entdeckung: Im Keller lebt jemand. Rafa erkennt die Person erst, als ein wenig Licht auf ihr Gesicht fällt. "Eine sehr abgemagerte Frau, so von Nahen roch sie entsetzlich." Rafa fängt sofort an, sie heftig zu beleidigen. Denn sie muss es sein, die ihm einen Zettel an den Sattel gebunden hatte. Glückwünsch, schön geworden. Sie solle ihre Finger von seinem Fahrrad lassen. Sie hört sich das stoisch an, die Worte prallen an ihr ab. "Junge, es macht mir nichts aus, ich bin schon so oft beleidigt worden", antwortet sie.

Doch nicht nur Beleidigungen hat Gisberta Salce Júnior in ihrem Leben gehört. "Wir lieben dich, Gisberta" rufen die Zuschauer und Freier ihr bei ihrer Marilyn-Monroe-Show zu. Doch das ist lange her, mit 20 kam die Brasilianerin nach Portugal. Jahre später haust sie in der Bauruine, HIV-positiv und an Tuberkulose erkrankt.

Echter Fall fiktional angereichert

Ihre Geschichte hat Portugal vor etwa 15 Jahren erschüttert. Gisberta, die sich als Gi vorstellt, wird von einer Gruppe Jugendlicher über mehrere Tage beleidigt, verletzt, misshandelt, bis sie schließlich stirbt. Einer der Jungen bricht sein Schweigen, es kommt zum Gerichtsprozess und zu Verurteilungen.

Der Portugiese Afonso Reis Cabral hat die Geschichte jetzt in Romanform aufgeschrieben. Rafael kam Jahre später auf ihn zu, übergab ihm Notizen, Zeitungsartikel, Akten. Der Autor fing an zu recherchieren, besuchte die Orte, sprach mit der Nachbarschaft. "Das alles vermengte ich mit Fiktion, wie man es eben so macht im Roman", erklärt er in den Vorbemerkungen.

Eine echte Geschichte zu fiktionalisieren, birgt eine Reihe an Gefahren. Trotz aller Genauigkeit ist "Aber wir lieben dich" kein dokumentarisches Werk, kann und will es gar nicht sein. In manchen Gedanken steckt mehr vom Autor als vom zwölfjährigen Rafael, etwa wenn er über die Gäste eines teuren Hotels in der Nähe sagt, dass sie "in Schlachthöfen der Seele wie Deloitte oder PwC arbeiten". Das führt nicht selten zu einer Diskrepanz zwischen der ausgeklügelten, metaphorischen Sprache und dem, was Rafael tut.

Die rohe Gewalt macht sprachlos


Afonso Reis Cabral erhielt 2019 für "Aber wir lieben dich" den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago

Dennoch ist der Roman ein beeindruckendes Werk. Es zeigt, wie sich zwei unterschiedliche Welten begegnen. Sie eint, dass sie sich am Rande der Gesellschaft befinden. Rafa ist fasziniert von seiner Begegnung mit Gi, er merkt bald, "dass was fehlte". Aber er ist durchaus ein wenig stolz, erzählt Nélson und Samuel von ihr. Die drei schließen einen Pakt: Sich um die Obdachlose zu kümmern. Sie bringen ihr Essen, kochen Reis, unterhalten sich mit ihr. Gi öffnet sich, erzählt aus der Vergangenheit. Sie wird zur Freundin, die drei Jungen übernehmen Verantwortung.

Doch die Stimmung kippt, als noch andere Jungs erfahren, wo Rafa und seine Freunde sich die Zeit vertreiben, wenn sie nicht in der Schule sind, und folgen ihnen. Die Beziehung zu Gi ist so intensiv wie gleichzeitig zerbrechlich. Es entwickeln sich Dynamiken, die alle Beteiligten überfordern.

"Aber wir lieben dich" ist ein sprachlos machender, schmerzhafter Roman. Nichts wird beschönigt, nicht Gisbertas "verbrauchter Körper, den das Leben zerstört hat", den Rafa als "kaum mehr als eine atmende menschliche Hülle" beschreibt, nicht die rohe Gewalt, die die Schwachen der noch Schwächeren antun. Doch, essenziell: Die Schilderungen sind kein Selbstzweck, kein True-Crime-Voyeurismus. Der Roman verurteilt nicht, sucht keine Schuldigen, stellt die Jungs aber auch nicht als bloße Opfer ihrer Umstände dar. Eine Lektüre, die wehtut, und die sich lohnt.

Infos zum Buch

Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich. Roman. Übersetzt von Michael Kegler. 304 Seiten. Hanser Verlag. München 2021. Gebunde Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-446-26920-0). E-Book: 17,99 €


#1 DramaQueen24Ehemaliges Profil
#2 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 31.07.2021, 10:35h
  • Hmja, keine Schuldigen suchen.

    Hauptsache niemandem die Schuld geben oder Schuldige suchen.
    Das wäre unzumutbar, nicht wahr, wenn eine Person, bloß weil sie am Ende tot ist, ein Opfer wäre, und es irgendwen gäbe, der sich deswegen jetzt schuldig fühlen sollte. So richtig unzumutbar.

    Für Täter.

    Und deshalb schreibt man solche Bücher über uns auch sehr viel lieber, wenn wir tot sind, und selbst nicht mehr in der Lage, dem uns untergejubelten Frieden zu widersprechen, bei dem sich glücklicherweise am Ende niemand schlecht fühlen braucht. Denn nur in einer solchen Welt können sich Täter*innen ruhig und sicher fühlen, wenn sie das nächste Mal wieder so handeln und Handlungen dieser Art zulassen oder aktiv unterstützen. Weil sie wissen: Sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Es sei denn, sie hätten ein schlechtes Gewissen. Aber besser tut es einfach schon, sich nicht schuldig zu fühlen. Frieden wollen wir doch schließlich alle. Auch bei und nach dem nächsten Mal.
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#3 UnfassbarAnonym
  • 31.07.2021, 10:40h
  • Unfassbar...

    Diese bestialischen Psychopathen, die das getan haben, sollten nie wieder auf die Menschheit losgelassen werden...
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#4 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 31.07.2021, 10:47h
  • >"verbrauchter Körper, den das Leben zerstört hat", den Rafa als "kaum mehr als eine atmende menschliche Hülle"<

    Na, also wenn das kein objektifizierender Voyeurismus sein soll, wie man ihn einem Cis-Schwulen oder überhaupt einem Mann an der Stelle wohl kaum zugemutet hätte, dann weiß ich's aber auch nicht.
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#5 antosProfil
  • 31.07.2021, 18:27hBonn
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • Ganz sicher ist das objektifizierend. Mit der Formulierung vom >verbrauchten Körper< macht der Autor uns zu Kompliz_innen, die wir allesamt die Güte bzw. den Frischegrad eines uns fremden Körpers beurteilen könnten. - Was soll das überhaupt bedeuten, ein verbrauchter Körper?
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