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Interview

"Die Aufklärung sollte spätestens in der Schule beginnen"

In der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wurde Moritz von zwei Schwulen-Hassern verprügelt. Wir sprachen mit Schauspieler Lennart Borchert, selbst hetero, über Homofeindlichkeit in Deutschland.


Lennart Borchert als schwules Gewaltopfer Moritz in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (Bild: TVNOW / Rolf Baumgartner)

Lennart, in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (GZSZ) spielst du die homosexuelle Rolle Moritz – wurdest du dafür privat schon einmal angefeindet?

Nein, aber viele Leute fragen mich, ob ich auch homosexuell bin und bei Instagram werde ich ab und zu mal angebaggert. Das empfinde ich jedoch als Kompliment.

Hast du selbst schon einmal homophobe Akte mitbekommen?

Nein, zum Glück nicht! Ich wurde aber einmal mit dem Thema Rassismus auf der Straße konfrontiert und verabscheue jegliche Art von Hass.

Wie bist du zum ersten Mal mit dem Thema Homosexualität in Kontakt gekommen?

Ich kann mich nicht daran erinnern und habe jetzt gerade sehr lange überlegt, denn für mich ist das schon immer selbstverständlich und kein Thema. Einer meiner besten Freunde ist auch schwul. Na und?!

Wird das Thema in unserer Gesellschaft ausreichend behandelt oder gibt es da noch Bedarf?

Es muss eindeutig noch sehr viel über dieses Thema gesprochen werden! Es gibt immer noch zu viele homophobe Übergriffe und die nehmen sogar zu. In letzter Zeit sehe ich auch immer mehr solcher Posts auf Instagram und ich bin wahnsinnig schockiert. Ich hätte niemals gedacht, dass es wirklich so häufig vorkommt, wie ich bei der Recherche zu meiner Story leider feststellen musste!


Der brutale Überfall auf Moritz wurde am Freitag ausgestrahlt (Bild: TVNOW)


Hast du auch ganz persönlich in irgendeiner Form schon Erfahrungen
mit Hass im Netz gemacht?


Ja, komische Kommentare oder Privatnachrichten bekommt eigentlich jeder mal. Aber ich nehme mir diese nicht so zum Herzen und das alles nicht persönlich. Ich habe auf der Plattform meinen Spaß, lasse mich entertainen – mehr aber auch nicht und schon gar nicht beleidigen!

Welche Tipps kannst du Betroffenen geben, damit umzugehen?

Das ist leichter gesagt als getan, glaube ich. Ich habe mich mit dem ganzen Thema intensiv auseinandergesetzt und mitbekommen, dass viele Opfer von Gewalttaten und oder sexueller Gewalt sich nicht trauen, das zur Anzeige zu bringen. Das aber wäre mit das Wichtigste! Und den Opfern empfehle ich, mit Angehörigen und Freunden zu sprechen, denen zu erzählen, was passiert ist.

Wie kann man besser aufklären?

Die Aufklärung sollte spätestens in der Schule beginnen und ich finde es gut, dass das Homophobie in den Medien thematisiert wird – wie jetzt mit meiner Rolle Moritz bei GZSZ.

Homofeindliche Gewalt bei GZSZ

Das passierte in Folge 7.311 am Freitag, 30.07.2021
Moritz fühlt sich von Tuner gedemütigt. Um sein angeschlagenes Ego aufzupolieren, datet er einen süßen Kerl und knutscht mit ihm vor dem Vereinsheim. Dabei geraten sie mit zwei Schwulenhassern aneinander, die Moritz souverän zum Teufel jagt. Leider rächt sich das später fürchterlich: Er wird von ihnen zusammengeschlagen und beleidigt.

So geht es in Folge 7.312 am Montag, 02.08.2021, um 19.40 Uhr bei RTL weiter
Tuner findet Moritz zusammengeschlagen auf der Straße. Doch Moritz will auf keinen Fall die Polizei einschalten und spielt den Vorfall runter. Betroffen vermutet Tuner, dass Moritz einfach nur vergessen will und ahnt nicht, wie sehr Moritz von den zwei Schwulenhassern gedemütigt und in seinem Selbstbewusstsein erschüttert wurde…

Folge 7.317 am Montag, 09.08.2021, um 19.40 Uhr bei RTL
Moritz tritt zum ersten Mal nach dem homophoben Angriff auf die Straße und verdrängt jegliche schlechte Erinnerung daran. Tatsächlich hat er eine ausgelassene Zeit bei einer lustigen Autowasch-Aktion auf dem Kiez. Doch als er später mit einem Mann allein im U-Bahnabteil sitzt, muss er an die Typen denken, die ihn zusammengeschlagen haben. Sobald der Zug hält, flieht Moritz panisch aus der U-Bahn...

GZSZ läuft seit 1992 im RTL-Vorabendprogramm. Bereits mehrfach gab es homosexuelle Handlungsstränge: 2019 sorgte etwa ein gleichgeschlechtlicher Kuss von Stefan (Marcus Staiger) für Aufregung (queer.de berichtete). Im gleichen Jahr provozierte Tuner (Thomas Drechsel) einen homophoben Ausbruch des rechtsextremen Beikochs Lars (Timon Ballenberger), damit John (Felix von Jascheroff) diesen endlich legal feuern kann (queer.de berichtete). Moritz hatte sich im vergangenen Sommer in der Serie geoutet (queer.de berichtete). (cw/pm)



#1 PeerAnonym
  • 02.08.2021, 10:27h
  • ""Die Aufklärung sollte spätestens in der Schule beginnen""

    Das ist ja eigentlich auch jedem klar. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

    Aber in der Politik ist das leider noch nicht überall angekommen. Bzw. da versuchen manche weiterhin sich irgendwelchen Stammtischen anzubiedern, die Aufklärung für Missbrauch halten und die sich skurrilste Dinge zusammenspinnen, was da passiert.
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#2 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 02.08.2021, 10:33h
  • Cringe-Moment: Wenn du auf den ersten Blick erkennst, dass das geschminkt ist, weil du schon zu viele Bilder von zusammengeschlagenen, queeren Menschen gesehen hast, die wirklich eine gebrochene Nase hatten.
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#3 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 02.08.2021, 10:59h
  • "Das ist leichter gesagt als getan, glaube ich. Ich habe mich mit dem ganzen Thema intensiv auseinandergesetzt und mitbekommen, dass viele Opfer von Gewalttaten und oder sexueller Gewalt sich nicht trauen, das zur Anzeige zu bringen. Das aber wäre mit das Wichtigste!"

    Du, ähm.... es ist sicherlich lieb gemeint und so, und ich sag es auch ungern, aber führ bitte nochmal ein paar Gespräche mit Leuten, die versucht haben, wegen Übergriffen, Drohungen oder sexueller Gewalt Anzeigen zu erstatten, und was die sich bei der Polizei dann teilweise anhören müssen, und wie oft du am Ende einfach nur weggeschickt wirst, weil "und was sollen wir da jetzt machen?".

    Ich habe meinen Raubüberfall damals angezeigt, und die zwei Haupttäter hatten so viel auf dem Kerbholz, einer inklusive bewaffnetem Überfall, dass sie dann doch mal ein paar Monate in den Knast gewandert sind. Schadensersatz für meine paar Prellungen, das blaue Auge oder bloß Ersatz für die ganz nebenbei zerstörte Sehhilfe? Kannst du vergessen. Nachdem sie auf der Kripo zu dem Schluss gekommen waren, dass da wirklich was passiert ist und wer die Täter waren, war man sehr okay zu mir. Aber ohne Unterstützung von der Opferhilfe wär ich einfach nur verreckt in der Zeit, und der Umgang bei der Anzeige selbst war da alles andere als hilfreich.
    Um das klarzustellen, das ist jetzt alles die Variante, wenn du Glück hast und es extrem gut läuft, weil die Leute polizeibekannt und mit dem Richter bereits per du sind, und kurz vor der Tat an einer Überwachungskamera gut identifizierbar vorbeigelaufen.

    Ganz ehrlich, wenn ich gewusst hätte, in was für einem Ton mir bei meiner Anzeige/Erstaussage begegnet wurde, so unmittelbar danach, wo ich halbblind da gesessen habe, übermüdet und frisch verprügelt... bei einem möglichen nächsten Mal würde ich mir zweimal überlegen, ob ich die Polizei rufe. Auch wenn es gutgetan hat, zu wissen, dass die Typen dann mal ein paar Monate von der Straße waren und ich ihnen erstmal nicht wieder begegnen müsste. Aber nunja. Im Gegenzug haben die dann halt auch deine Adresse. Samt Deadname.

    "Und den Opfern empfehle ich, mit Angehörigen und Freunden zu sprechen, denen zu erzählen, was passiert ist."
    Das kannst du aber auch nur bis zu einem gewissen Grad machen. Die Leute haben ihre eigenen Sorgen. Und wer hat Bock auf die Gesellschaft von irgendwem, der traumatisiert da rumhängt und ständig psychisch Energie zieht.

    Das macht btw auch trans*-Selbsthilfegruppen zu einem Ort, an dem man sich nicht wirklich erholen kann. Wenn wir dann alle mal fertig damit sind, uns die jüngst erlebte Diskriminierung/Gewalt der letzten 3 Wochen von der Seele zu reden, ist der Abend rein zeitlich vorbei, und dann gehst du frisch retraumatisiert nach Hause, wo du dann allein an dem knabberst, was du da gerade wieder gehört hast, das dir noch blühen könnte. Natürlich versucht man auch, sich gegenseitig aufzubauen, mal einen Themenschwerpunkt zu setzen, sich gegenseitig Tipps zu geben. Aber Fakt ist, dass du mit niemandem, der das nicht selbst erlebt, wirklich darüber reden kannst, weil schon der Verletzungsgehalt von behördlichem Deadnaming von niemandem wirklich ernstgenommen und nachvollzogen wird, der*die nicht selbst trans* ist.

    Also... es ist sicher gut gemeint und in einer besseren Welt wären das gute Ratschläge. Aber ... in der realen Welt ist das alles nicht so wirklich das.
    Und das absolut Miese ist dann noch, wenn du Dinge erzählst, die dich belasten, und alles, was dann passiert, ist, dass die Leute dich irgendwann lieber nicht mehr dahaben wollen. Von der Scham darüber, ein "Opfer" (auch heute noch beliebtes Schimpfwort) zu sein und nicht stärker gewesen zu sein als "die", egal wie viel mehr die waren, nochmal gar nicht angefangen.
    Ich weiß, dass das eine Message ist, die man eigentlich nicht senden "sollte". Aber mal so aus Betroffenenperspektive... es gibt schon eine Menge gute Gründe, tendenziell eher die Klappe zu halten.
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#4 Dr AcheAnonym
  • 02.08.2021, 11:58h
  • Antwort auf #3 von Still_Ith_
  • "Schadensersatz für meine paar Prellungen, das blaue Auge oder bloß Ersatz für die ganz nebenbei zerstörte Sehhilfe?"

    Schadensersatzforderungen sind Zivilrecht, nicht Strafrecht. Da musst du dir einen Anwalt nehmen und das Einklagen. Die Polizei kann da nichts machen. Anzeigen wie Körperverletzungen hingegen müssen sie aufnehmen.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 02.08.2021, 12:12h
  • "Die Aufklärung sollte spätestens in der Schule beginnen ... " Jo ist sicherlich richtig ... aber es darf nicht vergessen werden, nach der Schule ist da eine Gemeinschaft, die nennt sich "Elternhaus". So manches aus der Schule wird im Elternhaus auch wieder zerstört, indem zu Hause dann Lehrer "runtergebuttert" werden.
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#6 ErgänzungAnonym
  • 02.08.2021, 12:17h
  • Antwort auf #3 von Still_Ith_
  • "Aber nunja. Im Gegenzug haben die dann halt auch deine Adresse. Samt Deadname."

    www.polizei-beratung.de/opferinformationen/opferrechte/recht
    -auf-schutz/#c18701


    Erpresser, Mobber, Stalker, Vergewaltiger und andere Gewalttäter setzen auf die Scham, Traumatisierung und Furcht ihrer Opfer sich Außenstehenden überhaupt zu offenbaren. Bullies sind feige, suchen sich scheinbar Schwächere als Gegner*innen aus und ziehen den Schwanz ein, sobald sie spüren, dass ihnen selbst ernsthaft Ärger oder schmerzhafte Gegenwehr drohen könnte.

    Bei Bedrohung, Stalking oder Erpressung, sucht euch Menschen, denen ihr vertraut und teilt euch mit.
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#7 CornyAnonym
  • 02.08.2021, 12:23h
  • Ja, die Aufklärung sollte in der Schule beginnen - in meinem Heimatbundesland ist das auch gesetzlich geregelt. Allerdings hat man keinerlei Handhabe, wenn eine Schule sich nicht daran hält, und da sehe ich das wirkliche Problem.
    Bei uns damals wurde (obwohl seitens des Landes vorgesehen) nicht einmal mit einem Wort eine nicht-heterosexuelle Konstellation erwähnt, ganz zu schweigen von verschiedenen Geschlechtsidentitäten.
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#8 Still_Ith_Ehemaliges Profil
#9 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 02.08.2021, 12:42h
  • Antwort auf #6 von Ergänzung
  • Kommt mir doch alle mal nicht mit Feigheit... ganz ehrlich, wenn du eine Vierergruppe junger Typen hast, von denen mindestens zwei vermutlich seit der Schulzeit regelmäßig Leute verprügeln, und du bist nen guten Kopf kleiner als jeder Einzelne von denen, und die Haupttäter sind eineinhalb mal so breit wie du...

    ... glaubt hier irgendjemand, die WISSEN nicht einfach aus Erfahrung, dass sie rein physisch gut in der Lage sind, dich kleinzukriegen?

    Ja, klar, Opfernimbus, das hat mir der erste Psychologe, mit dem ich gesprochen habe, noch in der ersten Woche mit akuter, traumatischer Belastungsreaktion und teils Kopfschmerzen vor Angst, genauso erzählt wie meine Familie.
    "Deine Körperhaltung sagt denen ja schon, dass du ein Opfer bist.", "Musst mal mit gerade Rückem durch die Welt laufen, dann sehen die, dass sie das mit dir nicht machen können."

    Erzählt das bitte auch alles der Person in der Tankstelle, die der Haupttäter in der Woche vorher mit einer Waffe überfallen hatte.
    Ganz ehrlich, es kotzt mich an, wie hier schon wieder reagiert und Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird. Inzwischen hab ich das lange genug, um nicht mehr drüber zu heulen, sondern euch dafür einfach scheiße zu finden. Aber wenn ihr wissen wollt, wieso ich keiner Person raten würde, über erlebte Gewalt einfach so mal mit Leuten zu reden: Lest einfach mal nach, wie ihr selbst hier reagiert und guckt euch die Kommentare an.

    Wie ich mich vor Mitgefühl, Empathie und Solidarität so gar nicht retten kann, nicht wahr. Das ist in der Offline-Welt alles auch nicht anders oder besser als hier. Jetzt darf ich mich also dafür entschuldigen und rechtfertigen, was mir an Gewalt passiert ist. Alles wie immer. Es ist sowas von ätzend.
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#10 SakanaAnonym
  • 02.08.2021, 12:56h
  • Antwort auf #9 von Still_Ith_
  • Ich finde es absolut schrecklich und unverzeihlich, was dir damals passiert ist und kann sehr gut verstehen, dass du darunter psychisch sehr leidest. Ich hatte einen schwulen Studienkollegen, dem auch von einer Gruppe eine Glasflasche in die Zähne geworfen wurde, und er daraufhin eine kostenintensive Zahnrekonstruktion über sich ergehen lassen musste. Von den psychischen Folgen ganz zu schweigen...
    Dazu habe ich selbst einen Wohnungseinbruch in Abwesenheit mitgemacht und die Polizei konnte bis heute die Täter:innen nicht recherchieren. Sich unsicher in der damals eigenen Wohnung fühlen zu müssen, war auch sehr unangenehm und belastend. Die Polizei hat sich damals aber offen gezeigt und Beratungsangebote offeriert, um sich besser dagegen schützen zu können.

    Prinzipiell muss einfach mehr getan werden für den Schutz vulnerabler Gruppen in der Gesellschaft und es kann nicht sein, dass nur das Land Berlin eine spezialisierte Staatsantwaltschaft hat, die sich solcher Fälle fachkundig annimmt. Da muss wesentlich mehr passieren auf Länderebene.
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