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TV-Tipp

Vom Smalltown-Boy zum gefragtesten Edel-Escort von Soho

Das rbb-Fernsehen zeigt Steve McLeans "Postcards from London" zum Abschluss der diesjährigen Filmreihe "rbb QUEER" am Donnerstag um 23.30 Uhr als deutsche Erstausstrahlung.


Edel-Sexarbeiter Jim (Harris Dickinson) leidet am Stendhal-Syndrom, das ihn beim Anblick wahrer Kunst in Ohnmacht fallen lässt (Bild: Saffron Hill)

Im Jahre 1994 feierte "Postcards from America", das Spielfilmdebüt des britischen Regisseurs und Drehbuchautors Steve McLean, seine Premiere in Toronto. Als Basis für sein biografisches Drama dienten McLean, der aus dem Musikvideo-Bereich kam und als Artdirector tätig war, die Aufzeichnungen des US-Multimedia-Künstlers und Schwulenaktivisten David Wojnarowicz, der 1992 im Alter von 37 Jahren an den Folgen von Aids gestorben war. "Postcards from America" stand ganz in der Tradition des New Queer Cinema: ein Film voller Wut, ambivalenten Figurenzeichnungen, mit einer extrem experimentierfreudigen Dramaturgie und radikal-ungewöhnlicher Ästhetik.

Beinahe ein Vierteljahrhundert später meldet sich McLean zurück und schickt uns abermals kinematografische Postkarten in Form einer schwulen Coming-of-Age-Story: "Postcards from London" lässt sowohl erzählerisch als auch in der formalen Umsetzung einige Parallelen zu seinem Erstling erkennen: von der Schilderung einer umwegreichen Selbstfindung bis zu dessen energischer, experimenteller Gestaltung. Und doch ist McLeans neue Arbeit überraschend anders: ein Film, der von einem herrlichen Meta-Humor erfüllt ist und sich in komisch-absurder Manier mit queerer Kulturhistorie befasst.

Überwog in "Postcards from America" noch der Zorn, so ist es im neuen Film das Spielerische, was allerdings nicht bedeutet, dass McLean seine Themen und sein Personal inzwischen weniger ernst nehmen würde. "Postcards from London" mag skurril-heiter daherkommen und uns mit Selbstbewusstsein und Ironie eine Fülle von Zitaten und Verweisen auf Dialog- und Bildebene anbieten; im Zentrum steht aber auch hier der schwierige Weg einer Identitätsfindung. Zudem blitzt in der genüsslich vorgetragenen Künstlichkeit immer wieder eine bemerkenswerte Wahrhaftigkeit auf – wie Stolpersteine aus Desillusionierungen, Unsicherheiten und Ängsten.

Ausgeraubt am ersten Abend in London


Poster zum Film: "Postcards from London" läuft am 5. August 2021 um 23.30 Uhr im rbb

Held der Geschichte ist der 18-jährige Jim: ein ausnehmend hübscher, naiver Smalltown-Boy aus Essex mit hochfliegenden Träumen, die ihn nach London, in "eine Welt voller Geheimnisse und Möglichkeiten", ziehen. Seine Eltern sind wenig angetan davon, dass sich ihr Sohn ohne Ausbildung in den urbanen Kosmos stürzen möchte, geben Jim aber letztlich ihren Segen: "Es wird schon gut gehen." Diese Szene am Küchentisch ist nicht nur wunderbar undramatisch, sie ist auch überaus originell, da radikal reduziert in Szene gesetzt: Die heimatlichen "vier Wände", denen der junge Mann rasch entfliehen will, sind tatsächlich nur vier Wände eines winzig kleinen, scheußlich tapezierten Raumes im dunklen Nirgendwo, in dem kaum mehr als ein Mini-Tisch und drei Stühle stehen. Mit Schwung fährt die Kamera durch die Tür hinein und wieder hinaus.

Und auch die große Stadt zeigen McLean und seine Kamerafrau Annika Summerson nicht im realistischen Stil: Die Dreharbeiten fanden komplett im Studio statt; das als queere Viertel bekannte Soho im Londoner West End ist hier eine artifizielle, dunkelbunte Kulisse aus Neonlichtern, in welcher jeder Hinterhof, jedes Nachtlokal und jedes (Hotel-)Zimmer einen schäbig-schönen Glanz bekommt. Erinnerungen an Rainer Werner Fassbinders Jean-Genet-Adaption "Querelle" (1982) werden wach, insbesondere in den Bar-Szenen, in denen unerhört attraktive Statist*innen in Matros*innen-Uniformen auftreten und die erotisch-melancholische Atmosphäre von Fassbinders Film perfekt auf die britische Metropole übertragen.

In jener mythisch anmutenden Bar lernt Jim, nachdem er auf der Straße übernachten musste und dort prompt ausgeraubt wurde, das exzentrische Quartett David, Jesús, Marcello und Victor kennen. Die vier jungen Männer verdienen ihr Geld als sogenannte Raconteure: als Escorts für Männer aus gehobenen Kreisen, die ein Faible für Kunst haben und deshalb nach dem Sex Wert auf geistreiche Konversation über Malerei, Literatur und Cineastik legen, über Velázquez, Goya, Gauguin, Wilde oder Pasolini sprechen wollen – oder sich gar in Form von elaborierten Rollenspielen in vergangene Zeiten hineinimaginieren möchten. Alsbald hat sich Jim das nötige Wissen angeeignet, um zu einem der begehrtesten Raconteure zu avancieren. Und er wird zur Muse des älteren Malers Max.

Begegnungen mit Caravaggio

"Postcards from London" hat spürbares Vergnügen am Namedropping – und versteht es zugleich, genau damit Vergnügen zu bereiten. Biografische Versatzstücke zahlreicher queer-relevanter Künstler werden präsentiert. Jims Funktion als Muse etwa wird unmissverständlich mit Francis Bacons Liebhaber/Muse George Dyer und mit dem sagenhaft hölzern agierenden Andy-Warhol-Star Joe Dallesandro in Verbindung gebracht. Anderen Referenzen widmet sich "Postcards from London" noch entschiedener, vor allem dem italienischen Maler Caravaggio, der seinerzeit das Profane mit dem Sakralen kombinierte, indem er Obdachlosen und Prostituierten etwas Heiliges verlieh. Nicht zuletzt dank Derek Jarmans wuchtigem, vor Erotik fast zerberstendem Biopic "Caravaggio" (1986) gilt der Künstler als Schwulenikone.


Ausstattung und Kostüme sind zeitlos exquisit (Bild: Salzgeber)

McLean streut nicht nur diverse dialogische Exkurse und visuelle Zitate (der Obstkorb!) ein. Er lässt Caravaggio auch höchstselbst in Erscheinung treten – in Halluzinationen, die den sensiblen Jim immer dann ereilen, wenn er direkt mit großen Kunstwerken konfrontiert wird. Das sogenannte Stendhal-Syndrom ist eine rare psychosomatische Störung, die bei Jim dazu führt, dass er regelmäßig ohnmächtig wird und sich in Tableaux vivants hineinhalluziniert, in denen er zusammen mit wechselnden Personen seines Umfelds für Caravaggio Modell steht. Die Theatralik dieser Passagen greift klug die Inszenierungsmethode Jarmans und dessen Hinneigung zum Magisch-Traumhaften auf. In diesen Halluzinationen, aber auch in Jims Arbeitsverhältnissen, wird zugleich über Objektivierung nachgedacht: "Letztendlich sind wir doch nur Fleischstücke", resümiert Jim in einem Gespräch mit seinen vier Kollegen und Freunden. Für den Maler Max ist Jim lediglich "Material"; der cholerische Caravaggio wünscht sich, dass seine Modelle einfach mal "den Mund halten" würden; und auch der ehemalige Raconteur Paul will Jim für eigene Zwecke ausnutzen.

McLeans Werk zeigt sich jedoch angenehm optimistisch und bewegt sich in Richtung Empowerment: Jim muss sich nicht auf die passive Rolle festlegen lassen, er muss keine Projektionsfläche bleiben, sondern kann selbst etwas erschaffen. In seiner positiv-zuversichtlichen Haltung unterscheidet sich der Film auch von Gus Van Sants "My Own Private Idaho" (1991), einem zentralen Vertreter des New Queer Cinema, dessen Plot, Figurenzeichnung und Umsetzung in vieler Hinsicht als Vorbilder für "Postcards from London" erkennbar sind. Die Grimmigkeit von Van Sants Roadmovie-Drama, welches kein wirkliches Entkommen für den von River Phoenix verkörperten Protagonisten sieht, wird von Hoffnung abgelöst. Dabei ist es kein naiver Glaube, der am Ende von Jims Geschichte steht, sondern der Mut, zu handeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu setzen. Ironie und Zuversicht – das ist die selten gewagte Verquickung, die McLean hier auf beeindruckende Weise gelingt.

Zum Abschluss der diesjährigen Filmreihe "rbb QUEER" zeigt das rbb-Fernsehen "Postcards from London" am Donnerstag, den 5. August 2021 um 23.30 Uhr als deutsche Erstausstrahlung.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Infos zum Film

Postcards from London. Spielfilm. Großbritannien 2018. Regie: Steve McLean. Darsteller: Harris Dickinson, Jonah Hauer-King, Richard Durden, Alessandro Cimadamore, Leonardo Salerni, Leemore Marrett Jr, Ben Cura, Raphael Desprez, Leo Hatton, Shaun Aylward, Rhys Yates, Bernardo Santos. Laufzeit: 89 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Am 5. August 2021 um 23.30 Uhr im rbb-Fernsehen


#1 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 04.08.2021, 09:05h
  • Danke für die Erinnerung, den wollte ich schon länger mal sehen :)
    Sonderlich hübsch find ich den Typ allerdings nicht, sonst hätte ich den wahrscheinlich schon gesehen. Was haben sie bloß alle immer mit diesen übertrieben jungen Hüpfern.

    Und, ähm... deutsche Erstausstrahlung um 23:30 Uhr IN der Woche, ey... das wird ein müder Freitag dann, warum macht man sowas.
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#2 TorytroyAnonym
  • 04.08.2021, 09:52h
  • Antwort auf #1 von Still_Ith_
  • Junge Hüpfer sind young and knackig. Im Gegensatz zu old bitter Toads. Da will doch keiner dran lecken, der seinen Verstand noch beieinander hat und ihn auch behalten will. Eukalyptusbonbon? Die sind extra without Sugar!
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#3 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 04.08.2021, 11:26h
  • Antwort auf #2 von Torytroy
  • Das erzählst du gerade nem trans*-Typ, bei dem Leute instant anfangen, sich gegenseitig Geschichten aus dem Krieg zu erzählen, wenn er danebensteht, weil man sich nicht so richtig vorstellen kann, ich wär alter als 25.
    Und da muss die "gefühlte" Altersdiskriminierung dann halt sein, die mich auf den Hosenboden setzen soll, während die Leute teils maximal fünf Jahre älter sind als ich selbst, wenn nicht sogar jünger.

    Na, zum Angucken ist's ja vielleicht nett, für was Kurzfristiges oder so. Aber was für eine gemeinsame Basis hätte sowas wie ich mit jemandem ohne Lebenserfahrung.
    Ich geb aber zu, das ist jetzt wohl alles ein bisschen tiefgründig. Für den Film, für diese Diskussion, für cis-schwule Standards.
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#4 StaffelbergblickAnonym
#5 DramaQueen24Ehemaliges Profil
  • 04.08.2021, 11:45h
  • Antwort auf #2 von Torytroy
  • Sehen schwule Männer nur das Äußere? Was ist mit inneren Werten, was mit Charakter?
    Im Übrigen interessiert mich bei Filmen im Allgemeinen, und queer cinema im Besonderen, ob eine Story gut ist, die Charaktere treffend gezeichnet, und die Geschichte Wendepunkte hat.
    Und in dem Zusammenhang muss ich für mich leider feststellen, dass das bei vielen schwulen Filmen eher die Ausnahme, als die Regel ist.
    Schwule Filme, die mir gut gefallen haben, sind:

    Latter Days
    Das Kuckucksei
    Prayers for Bobby, und
    Die Harten und die Zarten

    Warum? Weil sie alle oben angeführten Punkte haben (Entwicklung des Protagonisten, sympathische Antagonisten, nachvollziehbare Wendepunkte, spannender Plot).
    Bin mal gespannt, wie der vorliegende Film bei mir ankommt.
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#6 SakanaAnonym
  • 04.08.2021, 11:56h
  • Antwort auf #3 von Still_Ith_
  • Ich hab den Film schon vor einiger Zeit gesehen...er ist ein optisches Meisterwerk (erinnert selbst an ein Gemälde bzw. Postkarte aufgrund seines Arrangements bzw Farbgebung), aber der Inhalt ist so semiinteressant aufgrund des Hauptcharakters. Harris Dickinson ist auf seine Weise ziemlich attraktiv, aber fungiert gleichzeitig auch wieder als Prototyp für den muskulös angehauchten Twink (oder Twunk?) auf einer Selbsterfahrungsreise im halbseidenen Milieu (wobei wir wieder in einer Pro-Contra-Diskussion re: Prostitution und Selbstbestimmung gelandet wären).

    Deshalb würde ich den Film eher mit einem Bild von Pierre et Gilles (
    www.queer.de/bild-des-tages.php?einzel=2151)
    vergleichen, die ebenfalls schöne junge Männer in einer Fabelwelt in Szene setzen. Aber schau ihn dir trotzdem an, vielleicht findest du einen anderen Zugang zu dem Film ;)
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#7 LotiAnonym
#8 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 04.08.2021, 16:35h
  • Antwort auf #6 von Sakana
  • Danke für den Eindruck, sowas in der Art dachte ich mir schon, von wegen Hauptsache schöne Optik.

    Und, naaa, "Zugang". Ich hab mindestens einen Charakter in meiner Hobbyschreiberei, dem es mit Sicherheit gefallen und der es sich anschauen würde, im Zweifelsfall verbuch ich es als "Recherche" ^^
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#9 Markus2Anonym
#10 daVinci6667