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Heimkino

Warum "Konversions­therapien" so grausam und gefährlich sind

Jetzt auf Netflix: Der eindringliche Dokumentarfilm "Pray Away" lässt ehemalige "Homoheiler" und ihre Opfer zu Wort kommen – und zeigt mit einem verblendeten "Transheiler" die Aktualität des Themas.


in "Pray Away" äußern sich Betroffene von "Konversionstherapoen", die ein solche Folter durchlaufen haben, über den Schaden, der ihnen selbst und unzähligen Menschen zugefügt wurde (Bild: Netflix)

Rund 700.000 Menschen allein in den USA haben sich, so heißt es ganz am Ende des neuen Dokumentarfilms "Pray Away" (zu sehen bei Netflix), irgendeiner Form von "Konversionstherapie" unterzogen – in vielen Fällen nicht freiwillig. Und unter LGBTI-Jugendlichen, die das über sich ergehen lassen mussten, liegt die Wahrscheinlichkeit von Selbstmordversuchen doppelt so hoch wie ohnehin schon.

An der Dringlichkeit des Themas dieses Films – also den Gefahren, die vom in der Regel religiös motivierten Versuch, die sexuelle Orientierung oder Gender-Identität eines Menschen zu "korrigieren" – besteht also kein Zweifel. Selbst wenn diese Praxis in einigen Ländern, in Deutschland zumindest bei Jugendlichen verboten ist.

Aktivist*innen gegen die eigene Community


Poster zum Film: "Pray Away" läuft seit 3. August 2021 auf Netflix

"Pray Away" ist nun den Opfern solcher Konversions­therapien gewidmet, wobei sich Regisseurin Kristine Stolakis auf Überlebende als Protagonist*­innen konzentriert. Ausführlich kommen Menschen zu Wort, die einst versuchten, ihrer Homosexualität abzuschwören oder ihre Begierden loszuwerden und dabei zu Aktivist*­innen gegen ihre eigene Community wurden, aktiven Unterstützer*­innen kirchlicher und reaktionären Organisationen wie Exodus oder Living Hope und Kämpfer*­innen gegen LGBTI-Rechte, teilweise in hohen Führungspositionen und mit großen medialen Plattformen.

John Paulk etwa wurde, wie er es selbst beschreibt, vorübergehend zum bekanntesten Ex-Gay der Welt, als er eine früher lesbisch lebende Frau heiratete, mit ihr zwei Kinder bekam und durch die Talkshows tingelte. "Ich redete mir ein, meine Homosexualität begründe sich auf meinem Verhalten, nicht auf meinen Gefühlen", erklärt er heute, wieder glücklich in einer schwulen Beziehung lebend, wie er sich die Sache damals selbst schöngeredet hat. Auch Julie Rogers, die sich im Alter von 16 bis 25 Jahren vom Lesbischsein erlösen wollte, ist inzwischen wieder bei sich selbst angekommen und in einer gleich­geschlechtlichen Beziehung, während Yvette Cantu Schneider, die jahrelang Lobby-Arbeit für das Family Research Council betrieb, das für heterosexuelle Familien plädiert, zwar nach wie vor glücklich mit einem Mann verheiratet und Mutter ist, aber auch zu ihrer Bisexualität steht.

Allen ist heute die Erkenntnis gemein, dass sie sich selbst und die Öffentlichkeit belogen haben, sowie die Erschütterung darüber, welchen Schmerz sie nicht zuletzt anderen queeren Menschen zugefügt haben. Nicht selten setzte bei vielen von ihnen das Umdenken oft erst dann ein, als sie damit konfrontiert wurden, wie groß das Leid vieler gewesen ist, die sich in ähnlichen Lebenssituationen wiedergefunden haben wie einst sie selbst. Mitunter eben auch mit tödlichem Ausgang.

Erinnerungen und umfangreiches Archiv-Material


Die 1976 in den USA gegründete christlich-rechte Organisation Exodus International glaubte, dass Lesben und Schwule durch "Konversionstherapien", Gebete und "durch die verändernde Kraft des Herrn Jesus Christus" von ihrer Homosexualität "geheilt" werden könnten (Bild: Netflix)

Es ist bemerkenswert und erschütternd, diesen sehr klugen und artikulierten Menschen dabei zuzuhören, wenn sie schildern, wie sie einst Zuflucht und Heil im Glauben, in einem trügerischen Gemeinschaftsgefühl und einer vermeintlichen "Normalität" zu finden glaubten und oft erst viele Jahre später wieder zu sich selbst fanden. Nicht alle von ihnen haben sich selbst die Zeit als "Ex-Gay" schon wieder verziehen.

Weil Stolakis sich – filmisch eher schlicht umgesetzt – ganz auf ihre Erzählungen sowie das Archivmaterial ihrer öffentlichen Auftritte verlässt, bleiben die Details der Manipulationen und Grausamkeiten, denen gerade junge Menschen in Konversionstherapien oft ausgesetzt sind (und von denen etwa vor ein paar Jahren der Spielfilm "Boy Erased – Der verlorene Sohn" erzählte), mitunter etwas vage oder kommen eher am Rande vor. Doch der Eindringlichkeit von "Pray Away" tut das keinen Abbruch.

Besonders bemerkenswert ist ohnehin, dass die Regisseurin zumindest mit einer Person sprechen konnte, die noch mitten in der Verblendung steckt. Der junge Mann namens Jeffrey McCall, der sich früher als trans Frau identifizierte, ist nach wie vor davon überzeugt, mit Gebeten Menschen von vermeintlichen Irrwegen abbringen zu können und hat selbst eine Gruppe gegründet, die trans Identitäten als Sünde propagiert. In seiner Aufrichtigkeit und Überzeugung macht er einen sprachlos. Aber man kann ihm nur wünschen, dass auch er irgendwann erkennt, welche tragischen Folgen sein Tun für andere haben kann.

Infos zum Film

Pray Away. Dokumentarfilm. USA 2020. Regie: Kristine Stolakis. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Seit 3. August 2021 auf Netflix
-w-

#1 Still_Ith_Ehemaliges Profil
  • 05.08.2021, 07:23h
  • Ich schätze, ich schau mir das lieber nicht an, sonst kann man mich vermutlich n paar Wochen in die Tonne kloppen.

    Man muss ja dazu sagen, dass es schon eine Menge zu gewinnen gibt, wenn man dem Queersein abschwört, je nachdem, wie das Umfeld so tickt.
    Bei mir waren's gute zwei Jahre mit dem Versuch, das Trans-Sein halt einfach zu lassen. Ob ich mir das verzeihe? Drücken wir es so aus, es scheint bis heute sämtliche Menschen zu legitimieren, die mir erzählen, dass das jetzt auch wieder bloß eine Phase gibt, die ja schonmal "vorbei" war.
    Den Punkt am Ende, an dem es für mich dann hieß "ich leb jetzt als _ich_ weiter oder gar nicht mehr" kann man ja dann geflissentlich mal unter den Tisch fallen lassen.

    Andererseits braucht man sich auch nichts vormachen: Als trans*-Person bekommst du eine mehr oder weniger straffe Konversionstherapie bis heute in genügend Zusammenhängen mit Psychotherapie. Die Religiösen sind in Sachen Folter und sonstiger Methodik vielleicht die schlimmsten, aber der Psychokram ist deswegen konkret in Deutschland so mies, weil er dir auch blühen kann, wenn du eigentlich HIlfe wegen Depressionen o.ä. blühst. Der Mensch, der mich damals überzeugen konnte, dass es sowas wie Trans*-Sein eigentlich gar nicht gibt, war aber auch aus der Esoterik-Ecke. Psychotherapeut*innen hab ich in der Hinsicht nie an mich herangelassen, die hasse und verachte ich einfach nur für diese in ihrem Fall bewusste Entscheidung, das Leid von Menschen noch schlimmer zu machen statt ihnen zu helfen. Und in der Klinik, in der sie's bei mir versucht haben, war ich auch nicht der Einzige, wie ich später erfahren habe.
    Naja.

    Ist für mich auch mit ein Grund, mir das mit der Begutachtung ganz bestimmt nicht anzutun. Das sind zwar nur so 2-4 Stunden staatlich verordnete Konversionstherapie, aber ich würde für nix garantieren, wenn ich da wieder rauskomme. Vor allem, weil dann ja wieder niemand da ist, den*die es bloß interessieren würde. Und das ist im Cistem eben so, wenn du eine Erkältung hast, findest du Leute, die dich bemitleiden. Wenn man dich als trans* psychisch halbtot prügelt, kannst du gucken, wie du klarkommst, das ist immer viel zu kompliziert, und man kann ja von Leuten jetzt nicht verlangen, dass sie selbst auf einmal anfangen, ans Trans-Sein zu glauben.

    Eh, ja, lieber nicht. Aber auf jeden Fall wichtig als Infoquelle für Leute, die da noch drinstecken oder für komplett Außenstehende, damit sie mal begreifen, was sie anrichten.
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#2 PerversAnonym
  • 05.08.2021, 14:32h
  • Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Menschen solche Gehirnwäsche zu seelenlosen Zombies gemacht hat, wie viele Leben da ruiniert wurden und wie viele Menschen das auch mit dem Leben bezahlt haben

    Alleine nur schon dafür muss man Religion verachten. Ohne all das andere, was die auf dem Kerbholz haben.
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#3 DramaQueen24Ehemaliges Profil
  • 06.08.2021, 09:29h
  • Hab vor Jahren für ein Drehbuch (das ich wegen der Eindrücke nie schreiben konnte) in so einer "christlichen" Einrichtung recherchiert. Man drohte uns mit der Hölle, wenn wir nicht heterosexuell würden. Mit dem Verlust von Freunde, Familie und Glauben, mit AIDS und Geschlechtskrankheiten und Tod.
    Selbst ich war eingeschüchtert! Und das heißt schon ne ganze Menge! Schade, dass man die Doku nicht im öffentlich-rechtlichem Fernsehen oder Privatsender sehen kann. Man muss dafür blechen.
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