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Serientipp
Teenager, eine mysteriöse Entführung und jede Menge Queerness
Die Psychotrillerserie "Cruel Summer" des schwulen Showrunners Bert V. Royal überzeugt mit spannenden Twists, stimmigem Nineties-Flair und einem überzeugenden Ensemble. Jetzt bei Amazon Prime Video!

Beste Freund*innen bummeln in der Mall: Mallory (Harley Quinn Smith), Jeanette (Chiara Aurelia) und Vince (Allius Barnes) in "Cruel Summer" (Bild: Freeform)
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6. August 2021, 02:36h 3 Min.
Brauchen wir wirklich noch eine Serie über Teenager und ihr Highschool-Umfeld? Die Frage ist berechtigt, wenn man sich ansieht, was gerade bei den Streamingdiensten dieser Tage so geboten wird. Doch mit "Cruel Summer" (ab 6. August bei Amazon Prime Video) geht nun eine an den Start, die doch einige überzeugende Argumente ins Feld führt.
Entscheidend ist dabei vor allem die Tatsache, dass die Serie das übliche Setting – Spinde im Schulflur, Lunch in der Mensa und in der Freizeit Bummeln im Einkaufszentrum und abends illegale Partys – samt zugehörigem Personal mit einem anderen Fernseh-Dauerbrenner kombiniert, nämlich dem Genre "Verbrechen erschüttert Kleinstadt". Und obendrauf gibt es hier noch eine gute Portion Neunzigerjahre-Nostalgie.
Der Plot ist dabei recht schnell zusammengefasst: Etwa zum gleichen Zeitpunkt, als im texanischen Örtchen Skylin die beliebte Schülerin Kate (Olivia Holt) verschwindet, blüht die etwas jüngere und vor allem sehr viel nerdigere Jeanette (Chiara Aurelia) zusehends auf. Als die Vermisste ein Jahr später wieder auftaucht, beschuldigt sie Jeanette, gewusst zu haben, wo sie gefangen gehalten wurde, ohne Hilfe geholt zu haben. Oder ist sie nur eifersüchtig, weil Jeanette inzwischen mit ihrem früheren Freund liiert ist?
Am gleichen Tag in drei aufeinanderfolgenden Jahren

Poster zur Serie: "Cruel Summer" startet am 6. August 2021 bei Amazon Prime Video
Erzählt wird diese Geschichte auf drei Zeitebenen. 1993 trägt Jeanette noch Zahnspange, hängt mit ihren besten Freund*innen Mallory (Harley Quinn Smith, die bisexuelle Tochter von Regisseur Kevin Smith) und Vince (Allius Barnes) und blickt neidisch schmachtend auf das Leben von Kate, die derweil verschwindet. 1994 ist Jeanette zum hübschen Schwan erblüht und mit Jamie (Froy Gutierrez) liiert, als die Vermisste unerwartet und vor allem lebend gefunden wird. Und 1995, als beide Mädchen des Lebens eigentlich nicht mehr froh werden, steht ein Prozess an, weil Jeanette Kate und ihre Familie auf Schadensersatz wegen Rufmordes verklagt, nachdem letztere ihre Behauptungen auch öffentlich im Fernsehen vorgetragen hat.
Der Kunstgriff des schwulen Showrunners Bert V. Royal (von dem auch schon das Drehbuch zur tollen Highschool-Komödie "Einfach zu haben" stammte), dass der Großteil der zehn Folgen an jeweils einem gleichen Tag in allen drei Jahren spielt, erweist sich als unnötig bemüht. Davon abgesehen aber wartet die von Jessica Biel ("The Sinner") mitproduzierte Serie, die bereits für eine zweite Staffel verlängert wurde, mit etlichen spannenden Twists, stimmigem Nineties-Flair und einem überzeugenden Ensemble auf.
Dass "Cruel Summer" nebenbei auch noch auf erstaunlich interessante und zeitlose Weise vom Druck und den Zwängen erzählt, die Jugend und Pubertät sozial wie familiär mit sich bringen, ist besonders erfreulich. Und als i-Tüpfelchen bringt die Serie dann auch noch eine gute Portion Queerness mit. Teilweise durch die bloße Beobachtung der Tatsache, dass die Grenzen zwischen Anziehung, Freundschaft und erotischen Gefühlen in der Pubertät oft fließend und ohne fix definierten Horizont daherkommen. Aber dann auch durch dezidiert queere Figuren. Nur welche das sind, sei an dieser Stelle nicht verraten, denn das langsame Enthüllen von Wahrheiten ist bei "Cruel Summer" Programm.
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Cruel Summer. Psychothrillerserie. USA 2021. Autor: Bert V. Royal. Darsteller*innen: Olivia Holt, Chiara Aurelia, Michael Landes, Froy Gutierrez, Harley Quinn Smith, Allius Barnes, Blake Lee, Brooklyn Sudano, Sarah Drew. Zehn Folgen zwischen 42 und 45 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Seit 6. August 2021 bei Amazon Prime Video
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1. in den Hauptrollen schon in der Beschreibung zwei Frauen, die mit jeweils nem Typ zusammen sind und mehr wird über Identitäten und Sexualitäten nicht verraten.
Das beschreibt sich also klassisch hetero, und hetero-presenting Held*innen können mich mal, genauso wie die Leute, die sich eine "normale" Serie nicht ohne gut sichtbare Heterosexualität vorstellen können. Hetero-Rumgeficke wird's wahrscheinlich bei nem Teenie-Thema dann auch noch geben.
Wenn da was queer wird, wird es untergejubeltes Queer, das sich zumindest in der Beschreibung vor der gewöhnlichen Cis-Hete versteckt, um das "normale Publikum" nicht bloß meinetwegen abzuschrecken. Und wahrscheinlich wird es wieder mal so low-level queer, dass es eher auf dem Niveau von Queerbaiting läuft.
2. Niemals ohne Spoiler, keine Überraschungen, weil Überraschungen meistens negative Tropes bedeuten, gerade in einer Serie, in der Verbrechen passieren. Ich bin PTSD-Patient, ich hab Dutzende toxische Tropes im Umgang mit Queerness gesehen, Charakteren, mit denen ICH mich identifiziere, darf ich meistens beim Leiden, Gequältwerden, Gemobbtwerden oder auch mal sterben zusehen. Alternativ sind wir die Bösewichte, bei denen dann auch niemand drum traurig ist, wenn sie den Rest ihres Lebens im Knast misshandelt werden.
Das kann man sich mit Vorbereitungen antun. Traumatisierte Menschen hassen Überraschungen, und die Art Überraschungen hasse ich so richtig, aber sie sind Alltag. Ob das der schwule Poly-Prota ist, der zum Finale bekanntgibt, dass seine Rumvögelei ja bloß Eskapismus war und dann eine FRAU(!) heiratet, oder die Killerin, bei der sich später rausstellt, dass sie gemordet hat, weil sie trans ist und ihre GA-OP subotimal gelaufen ist, und sie deswegen jetzt Typen umbringt, die finden, dass sich das "komisch" anfühlt. Oder einfach nur der Standard "sexualisierte Gewalt an Person ohne Penis", weil das schließlich sein muss. Ich hab es alles übertrieben satt, vor allem, dass von mir erwartet wir, das dann obendrein noch zu feiern, weil "hey, wir haben hier einen missbrauchten und erschossenen Transmann als Repräsentation für dich, du könntest dich schon echt mal freuen, dass wir jemanden wie dich vorkommen lassen".
3. wenn die queere Partei in der Produktion ein schwuler Cis-Mann ist, kann ich das für mich sowieso vergessen. Ich bin schließlich eine von diesen "Frauen, die seine Szene zerstören". Außerdem wird's wahrscheinlich vor Sexismus strotzen, denn schwule Typen sind die Letzten, die sich freiwillig mit Feminismus und Konsens befassen.
4. wenn da was enthüllt wird, heißt das, die Leute leben closeted. Und ich hasse es, closeted Queerness zum einzignormalen Standard zu machen, und damit auch zum Vorbild. Damit ich mich mit fiktiven Charakteren abgebe, die weniger out & proud sind als ich selbst, müssten die mir schon überragend sympathisch sein, und das Umfeld auch. Und ein Umfeld, in dem zwei Frauen sich um einen Typen reißen, ist mir schon so vom sehr groben Draufgucken massivst unsympathisch.
5. die 90er waren scheiße.
Also, meinetwegen ohne Spoiler dazu, welche und was für negative Tropes mich erwarten, und wie viel von der "sich entfaltenden" Queerness de facto eher Queerbaiting ist, für das viele zu viele Leute im Gegensatz zu mir dann obendrein auch noch devote Dankbarkeit übrig haben. Aber wenn ich nicht sehr genau erfahre, wie viele Drecks-Kommentare ich erwarten darf, in wie vielen Details ich der queeren Person beim Leiden zu sehen darf, dann eben ohne mich.
Man macht doch eine 90er-Serie mit Queerness nicht zum Empowerment. In den 90ern war das vollkommen normal, allein schon fürs Schwulsein totgerpügelt zu werden. Von anderen queeren Identitäten brauchen wir da gar nicht erst anfangen.
Gute, alte Zeiten.