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Produktiv und wegweisend

Max Richters musikalische Solidarität mit Geflüchteten

Die Weltersteinspielung seiner halbstündiger Komposition "Exiles" krönt das neueste Album des britischen Komponisten für Deutsche Grammophon.


Der britische Komponist Max Richter wurde 1966 in Hameln geboren (Bild: Yulia Mahr)
  • 7. August 2021, 10:13h, noch kein Kommentar

Max Richter, produktiv und wegweisend in seinen Arbeiten, stellt die Weltersteinspielung seines 33-minütigen Werks "Exiles" vor. Auf dem Album sind außerdem neu interpretierte Werke, die einst zu hören waren in seinem von Virginia Woolf inspirierten Ballett, auf einer Platte, die David Bowie liebte, in Hollywood-Blockbustern, Golden Globe ausgezeichneten Dokumentarfilmen und auf Fendi-Laufstegen.

"Exiles" nahm seinen Anfang vor zehn Jahren, mit der Hoffnung, die der Arabische Frühling brachte. Erschüttert von der Not von Millionen, die bis heute fern der Heimat Zuflucht suchen, wurde die Arbeit des renommierten europäischen Komponisten und Aktivisten zu einer langen musikalischen Auseinandersetzung mit der Tragödie der "Migrantenkrise". Sein Mitgefühl übersetzte er in ein Stück für das Nederlands Dans Theater, die Ballettpartitur "Exiles", die aus einem Gespräch mit den Hauschoreografen des niederländischen Theaters, Sol León und Paul Lightfoot, entstand.

Klanglandschaft aus subtilen Texturen und Farben


Das neue Album "Exiles" von Max Richter ist am 6. August 2021 erschienen

"Das Komponieren ist für mich eine Möglichkeit, über die Dinge zu sprechen, die mich berühren", sagt Richter. "Als ich von Paul und Sol gebeten wurde, ein neues Ballett für sie zu schreiben, dachte ich sofort über das Thema nach; worum sollte es in einem Werk gehen, das 2017 in Europa entsteht? Mit Blick auf unsere heutige Gesellschaft entschied ich, eine Arbeit über ein universelles Thema zu machen, über das Unterwegssein … Viele von uns haben das Glück, dass wir selbst entscheiden können, wohin wir gehen. Bei einer wachsenden Zahl von Menschen ist das anders, sie können nicht wählen: Den Ort zu wechseln ist eine Notwendigkeit, damit überhaupt Zukunft entstehen kann."

Die Weltersteinspielung von Richters halbstündiger Komposition krönt sein neuestes Album für Deutsche Grammophon. Ende 2019 spielte Richter das Album in Tallinn mit dem Baltic Sea Philharmonic unter der Leitung von Kristjan Järvi ein. Das Orchester steht für eine Gemeinschaft, die Grenzen überwindet und Innovation fördert.

Richter erklärt: "Das Baltic Sea Philharmonic ist ein wirklich interessantes Orchester, es setzt sich zusammen aus jungen Spielern aus Ländern rund um die Ostsee, was natürlich ehemalige westeuropäische Länder und ehemalige osteuropäische Länder einschließt. Im Grunde ist es ein soziales Projekt, "friedensstiftend" in seiner Rolle, die Menschen können auf kreative Weise miteinander reden. Ich fand es schön, wenn gerade diese Musik von einem solchen Orchester gespielt wird."

Direktlink | Interview mit Max Richter über sein neues Album "Exiles"
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Drei der neu orchestrierten Stücke sind – wie "Exiles" auch – "aktivistische Musik", wie Richter sie nennt. "On the Nature of Daylight" entstand 2003. Seine vielleicht berühmteste Komposition erschien zuerst auf "The Blue Notebooks", einer musikalischen Verarbeitung des Ausbruchs des Irak-Kriegs. "On the Nature of Daylight" hat Künstler aller Disziplinen inspiriert. Es war zu hören in Filmen und Fernsehserien wie "Arrival", "Report der Magd" und "Shutter Island". Immer war für Richter der richtige Kontext entscheidend, um die Musikrechte zu vergeben.

"'On the Nature of Daylight' war ursprünglich ein Werk für fünf Streicher", sagt Richter, "jetzt sind es über 65. Es hat also eine andere Textur, eine andere Energie, einen neuen klanglichen Fingerabdruck. Die Orchesterfassung zieht ein anderes emotionales Register, sie spielt quasi auf einer größeren Leinwand. Bei einem Quintett hat man den Eindruck, als würde es leise nur zu einem sprechen, bei dem Orchester ist es ein viel weiträumiger Dialog."
"The Haunted Ocean" ist ein hypnotisches Werk aus der Filmmusik zu "Waltz with Bashir" (2008), einem animierten Dokumentarfilm über die Erfahrungen des Autors und Regisseurs Ari Folman als Soldat im Libanon-Krieg 1982. Und "Infra 5", ursprünglich ebenfalls für fünf Streicher, ist eine mantragleiche Meditation über die Londoner Terroranschläge im Juli 2005. "Sunlight" aus "Songs from Before" aus dem Jahr 2006 (einem Lieblingsalbum von David Bowie) bedeutet Richter viel, der sehnsuchtsvolle Charakter des Stücks erklingt nun in einer neuen Orchesterfassung.

"Exiles" beginnt mit dem bisher unveröffentlichten "Flowers of Herself" von Woolf Works. Anfang des Jahres untermalte es in Paris unter anderem den Auftritt von Kate Moss und Demi Moore auf der Haute Couture Week von Fendi. Inspiriert von dem Porträt eines geschäftigen Londons in Mrs. Dalloway dreht sich in der rhythmisch komplexen Komposition alles um das Thema der ständigen Bewegung, das Stück ist ein Spiegelbild zum Titelwerk, gemeinsam sind sie wie Licht und Schatten. "Exiles" selbst zeichnet sich durch ein repetitives melodisches Motiv aus: "Es ist eine sehr einfache Idee", sagt Richter, "aber ich wollte diesen Begriff des Exils, des Gehens, der Bewegung, sowohl im technischen als auch im metaphorischen Sinn in den Mittelpunkt der Musik stellen." Seine Partitur evoziert den Weg durch eine Klanglandschaft aus subtilen Texturen und Farben, die im Lauf ihrer Entfaltung an Intensität und Energie gewinnt, bevor sie in einer leisen Coda endet. Richter nennt die Coda ein "Nachbild". Und er will sie als Warnung verstanden wissen. Denn mit dem Erreichen eines Ziels ist der Flüchtende noch nicht angekommen. "'Exiles' schließt mit einer Frage", sagt Richter. "'Was wäre, wenn …?' Diese Frage ist noch lange nicht geklärt."

Kunst um der Kunst willen ist Richters Sache nicht. "Musik hat eine eigene Stimme in der Kultur", erklärt er. "Sie ist Teil des Gesprächs darüber, wie wir leben sollten. Das ist es, was Kreativität ausmacht. Wenn man etwas macht, versucht man, einer Frage nachzugehen oder einen Aspekt unserer Welt zu betrachten und zu kommentieren oder zum Nachdenken und zur Diskussion anzuregen. Wie Nina Simone sagte: Es ist die Pflicht jedes Künstlers, 'die Zeit zu reflektieren'."

Eben das hat der Komponist im Laufe seiner Karriere getan, indem er Botschaften sendet, die nachdenklich stimmen, in Musik von Tiefe und Schönheit. Und er war erfolgreich darin. Das jüngste Werk "Voices" (2020) etwa, inspiriert von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und verwirklicht mit Richters langjähriger künstlerischer Partnerin Yulia Mahr, wurde von einem Rezensenten nicht nur für "seinen samtenen Glanz, die post-Glass'schen kreisenden Phrasen und den himmlischen Gesang" gepriesen, sondern auch als "Forum für politisches Handeln, um Gefühle der Einheit, Toleranz und des Mitgefühls in die Welt zu bringen" (PopMatters).

Mahr ist die Künstlerin des Coverbildes von "Exiles", des Gemäldes "Maman, 1950" (Yulia Mahr, 2017). Ein Druck der Arbeit liegt der limitierten Clear-Vinyl-Edition des Albums bei. "Exiles" erscheint außerdem digital, auf CD und auf schwarzem 180g-Vinyl. (cw/pm)