https://queer.de/?39689
Ab Donnerstag im Kino
Aufopfern für den homophoben Arschlochvater
Johns alternder Vater ist verbittert und unausstehlich. Seine Homophobie drückt er dem schwulen Sohn andauernd ins Gesicht. Trotzdem kümmert der sich um ihn. Viggo Mortensens Regiedebüt "Falling" ist ein Vater-Sohn-Drama, das unter die Haut geht.

John (Viggo Mortensenre, r.) leidet seit seiner Kindheit unter seinem unausstehlichen Vater Willis (Lance Henriksen) – und nimmt ihn dennoch aufgrund dessen beginnender Demenz bei sich auf (Bild: Prokino)
- Von
10. August 2021, 00:55h 4 Min.
An die erste selbstgeschossene Ente erinnert sich ein Kind vielleicht ein Leben lang. Der kleine John will sie gar nicht hergeben, nimmt sie wie ein Quietscheentchen mit in die Badewanne, schläft neben ihr ein. Lass ihn, sagt sein Vater Willis zu seiner Frau, so als hätte er seinen ersten erfolgreichen Schuss selbst genau vor Augen und das Gefühl, das er auslöst, noch in der Brust.
Es gibt sie, die schönen, erinnerungswürdigen Momente in der Beziehung von John (Viggo Mortensen, vor allem bekannt als Aragorn in "Der Herr der Ringe" oder aus "Green Book") und seinem Vater Willis (Lance Henriksen). Und es gibt die Momente, die sich eingebrannt haben, weil sie so schmerzhaft waren. Wie seine Mutter Gwen (Hannah Gross) wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa liegt und nur noch schluchzen kann oder wie der Vater ihn als Teenager vom Pferd wirft, weil der sich die langen blonden Haare nicht schneiden lassen will, obwohl er damit aussieht wie ein "gottverdammtes Mädchen".
Willis war schon immer ein Arsch

Poster zum Film: "Falling" startet am 12. August 2021 bundesweit in den Kinos
Dennoch kümmert sich John um den Vater, will ihn von seiner verlassenen Farm zu sich nach Kalifornien holen. Dafür ist er bei John, seinem Ehemann Eric (Terry Chen) und der gemeinsamen Tochter Monica (Gabby Velis) zu Besuch, er soll sich ein Haus in der Nähe ansehen. Wer die Mutter von Monica ist, fragt er, anscheinend nicht zum ersten Mal. "Eric und ich sind ihre Mutter."
Willis ist nicht nur senil und kann sich an vieles nicht mehr erinnern. Dass es seine eigene Idee war, nach Kalifornien zu ziehen? Vergessen. Der Staat ist ein Ort für Schwule und Flaggenverbrenner. Was soll er da. Der alte Mann ist unausstehlich, verbittert, ein andauernd meckernder und in alle Richtungen auf Übelste beleidigender Kotzbrocken. Ein Schweinearsch, wie seine Enkelin ziemlich treffend bemerkt. Er wurde es nicht erst mit dem Alter. Je mehr Rückblenden in die Vergangenheit wir sehen, desto mehr wird klar: Willis war schon immer gereizt und unnachgiebig.
Der Film lässt seine Bilder sprechen
Die erste Regiearbeit von Viggo Mortensen, der sich auch noch den Soundtrack selbst komponiert hat, porträtiert diese außergewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung. Einerseits ganz chronologisch erzählt er von Willis' Besuch in Kalifornien, verwebt das filmisch virtuos mit Szenen aus der Vergangenheit. Sind es Erinnerungen des Vaters, des Sohnes, gemeinsame? Das ist nicht immer eindeutig, und es ist gut so.

Terry Chen (r.) spielt Johns Ehemann Eric (Bild: Prokino)
Wie er überhaupt vieles nicht direkt aussprechen lässt. John redet nie mit Eric über die Beziehung zum Vater, warum er sich die mal nur blöden, mal zutiefst beleidigenden Sprüche gefallen lässt, wie er all das erträgt, ob und weshalb er Willis verzeihen kann. Auch die genauen Umstände von Willis' zwei gescheiterten Ehen werden nur schemenhaft, aber ausreichend skizziert. Denn die Geschichte lässt sich vor allem in Willis' Gesicht ablesen.
Johns Geduld scheint grenzenlos
Lance Henriksen als Vater hat eine enorme Präsenz, sein gezeichnetes Gesicht nimmt oft die ganze Leinwand ein. Seine Blicke direkt in die Kamera wirken unvermittelt, wir können ihnen genauso wenig entkommen wie der Sohn. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung – von Henriksen genau wie von Mortensen. Mit welcher stoischen Ruhe der den Arschlochvater gewähren lässt, ganz unbeeindruckt, ist bemerkenswert. John ist beharrlich, scheint eine nicht enden wollende Geduld zu haben. Wie oft will er dem Vater noch erklären, dass Eric nicht sein Freund, sondern sein Mann ist? Welche Emotionen dahinterstecken, lässt sich nur erahnen.
"Falling" ist ein einzigartiges Drama über Familie, Vergeben, Aufopferung – und irgendwie auch über Liebe. Ein Film, der heraussticht, und der auf weitere Werke von Viggo Mortensen hoffen lässt.
|
Falling. Drama. Kanada, Großbritannien, Dänemark 2020. Regie: Viggo Mortensen. Darsteller*innen: Viggo Mortensen, Lance Henriksen, Laura Linney, Sverrir Gudnason, Grady McKenzie. Laufzeit: 112 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Prokino. Kinostart: 12. August 2021
Links zum Thema:
» Deutsche Homepage zum Film
Mehr zum Thema:
» Interview: Wie hätte Ihr Vater auf ein Coming-out reagiert, Viggo Mortensen? (07.08.2021)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
20:15h, Arte:
Im Schatten von Roubaix
Das lesbische Paar Claude und Marie Carpentier wird von einem jungen Kommissar verdächtigt, eine alte Frau ermordet zu haben.
Spielfilm, F 2019- 3 weitere TV-Tipps »













Aber jut, dat is dann wohl alles eine Frage der Perspektive.
Nicht, dass ich mir nicht darüber im Klaren wäre, dass das Ganze mindestens ein Drittel der Community gut abbildet.