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Filmtipp

Eine queere Hausparty in Belgrad anno 1993

"Kelti" erzählt vor dem Hintergrund zweier Partys von den Träumen und Wünschen ihrer herrlich diversen Gäste im krisengeschüttelten Jugoslawien. Jetzt läuft der diesjährige Teddy-Kandidat beim XPOSED-Filmfest.


Polit-Debatten in der Küche und eine private Katastrophe: Ceca (Jelena Djokic) trifft auf der Party ihre Ex – mit einer wesentlich jüngeren neuen Freundin (Bild: Irena Canic)
  • Von Arabella Wintermayr
    12. August 2021, 10:58h, noch kein Kommentar

Eine Hausparty und einen Kindergeburtstag zur gleichen Zeit am gleichen Ort stattfinden zu lassen, klingt nach einer schlechten Idee. Der im Frühjahr in der Sektion "Panorama" der Berlinale gezeigte Film "Kelti" (engl. "Celts") führt mit großer Freude an bissigen Dialogen und den Missgeschicken, die den Gästen beider Feiern widerfahren, überaus charmant und unterhaltsam vor Augen, wie schlecht sie tatsächlich ist.

Regisseurin und Drehbuchautorin Milica Tomovic bringt in ihrem von pointierten Dialogen getragenem Kammerspiel eine überraschend diverse Gruppe an Erwachsenen zusammen. Anlass ist der Geburtstag der achtjährigen Minja (Katarina Dimic), der Tochter von Marijana (Dubravka Duda Kovjanic), der die Kamera mit besonderer Aufmerksamkeit folgt. Das Verhältnis zu ihrem namenlosen Ehemann (Stefan Trifunovic) ist von spürbar tiefer Zuneigung geprägt, doch der Umgang ist distanziert. Die Gründe dafür werden sich im Laufe der durchzechten Nacht offenbaren.

Es mangelt an allen Ecken und Enden


Poster zum Film: "Kelti" läuft am 13. und 15. August 2021 beim 15. XPOSED International Queer Film Festival in Berlin

Doch zunächst geht es um die Geburtstagsvorbereitungen: 1993 hat das damalige Jugoslawien mit den Folgen einer Hyperinflation zu kämpfen, was sich nicht nur im Zustand des zentralen Handlungsorts – einem maroden Haus in einem Vorort von Belgrad – widerspiegelt. Auch bei der Verpflegung muss die Familie kreativ werden: Die Sandwiches für die Kinder werden kurzerhand mit einer Extraportion Gurken und geriebenem Käse gestreckt; für den Geburtstagskuchen wird mit Walnüssen und Margarine statt Mandeln und Butter gearbeitet.

Marijana und ihr Ehemann geben sich jede Mühe, man arrangiert sich mit der Situation, anstatt zu resignieren. Auf das Motto "Teenage Mutant Ninja Turtles" wird dennoch nicht verzichtet, und da Geld für den gewünschten reinrassigen Cockerspaniel fehlt, wird eben der dreibeinige Nachbarshund ausgeliehen. Dass nicht nur Minjas Familie finanziell zu kämpfen hat, wird spätestens dann klar, wenn die Gäste eintreffen: Geschenke gibt es nur wenige, ein Elternpaar erklärt verlegen, dass ihre Tochter statt eines gekauften Präsents "unbedingt selbst etwas basteln wollte".

Drei Lesben, zwei Schwule und eine Single-Frau mit Kinderwunsch

Daraus ergibt sich bereits im ersten Drittel des etwas über 100-minütigen Films ein spannendes, weil lebendig anmutendes Zeitbild, das trotz der bebilderten Tristesse vor allem mit seinem feinen Humor besticht. Gerade aus Perspektive der Kinder auf das Alltagsgeschehen kann die 1986 im damaligen Jugoslawien geborene Tomovic aus erster Hand berichten, mit der Verschiebung des filmischen Fokus auf die parallel stattfindende Hausparty fühlt sie sich wiederum in ihre Eltern hinein.

Das Politische rückt hier natürlich weiter in den Fokus. Die Gäste – zu einem Großteil handelt es ich um die Verwandtschaft des Elternpaares, dazu kommen einige Freund*innen – diskutieren über den verhassten Präsidenten Slobodan Milosevic, die Zukunft des Landes, den Widerstreit von Kapitalismus und Sozialismus als die bessere Option. Unter gehörigem Alkohol- und anderem Drogeneinfluss entstehen daraus schnell höchst emotionale Debatten.

Erotisch aufgeladene Dynamik zwischen den Frauen

Genüsslich verwebt der Film sie mit dem Persönlichen und Zwischenmenschlichen. Wenn Ceca (Jelena Djokic) die Party betritt, wird sie davon überrumpelt, dass ihre im Joan-Jett-Gedächtnis-Look angetretene Ex (Nada Sargin) eine wesentlich jüngere neue Freundin (Jovana Gavrilovic) mitgebracht hat. Hinzukommt, dass die auch noch als Dramaturgin arbeitet, während Ceca mangels Alternativen in einem wenig erfüllenden Gelegenheitsjob festsitzt. Die mal subtileren, mal offeneren Reibereien und die erotisch aufgeladene Dynamik zwischen den Frauen gehören zu den Highlights des Films.


Nur an Alkohol herrscht kein Mangel (Bild: Irena Canic)

Der queere Handlungsstrang wechselt sich mit einem zweiten um Marijanas Bruder und dessen Partner sowie deren Freundin Anka (Milica Grujicic) ab, die von einem Kind träumt, aber auf einen Mann an ihrer Seite verzichten möchte. Im Laufe des Abends kommen weitere Gäste hinzu, andere gehen, die Schauplätze verlagern sich in mehrere Zimmer und den Garten, die beiden Partys prallen immer wieder aufeinander – obwohl es lange dauert, bis man eine genaue Übersicht über sie und ihre Verhältnisse erlangt hat, überzeugt "Kelti" vor allem durch seine charmanten Figuren.

Durch eine genaue Beobachtung gelingt es dem Film, die kollidierenden, im Wandel befindenden Identitäten mit der historischen Gemengelage in Bezug zu setzen, und ihre Werte, Ziele und Träume trotzdem für heutige Zuschauer*innen relevant und nachempfindbar zu machen.

Direktlink | Englischer Trailer zum Film
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Infos zum Film

Kelti. Kammerspiel. Serbien 2021. Regie: Milica Tomovic. Darsteller*innen: Dubravka Kovjanic, Stefan Trifunovic, Katarina Dimic, Anja Djordjevic, Olga Odanovic, Konstantin Ilin, Milica Grujicic, Slaven Doslo, Nikola Rakocevic, Nada Sargin, Jovana Gavrilovic, Jelena Djokic, Jovan Belobrkovic. Laufzeit: 106 Minuten. Sprache: serbische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Am 13.08.21 (21 Uhr Freiluftkino Rehberge) sowie am 15.08.21 (19 Uhr IL Kino) beim 15. XPOSED International Queer Film Festival in Berlin.