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"Sein Name war Annabel"

Ein Inter-Roman, der den Namen nicht verdient

Wayne hat männliche und weibliche Anlagen, doch niemand soll davon wissen. Wayne wird zum Sohn erzogen – und fühlt sich damit zunehmend unwohl. Der Roman "Sein Name war Annabel" macht dabei jedoch Fehler, die unverzeihlich sind.


Ausschnitt aus dem Cover der amerikanischen Originalausgabe von Kathleen Winters Romandebüt "Annabel" (Bild: Grove Press)
  • Von Fabian Schäfer
    14. August 2021, 13:19h, 1 Kommentar

"Wir haben etwas zu besprechen" ist ein Satz, der nichts Gutes verheißt. So lässt sich erahnen, dass das Gespräch zwischen Thomasina und ihrer Freundin, der frischgebackenen Mutter Jacinta, ernst wird. Ihr Kind, Wayne, hat einen Hoden sowie Schamlippen und eine Vagina. Darüber müssen die beiden sprechen.

Einen Begriff wie Intergeschlechtlichkeit kannten die zwei Frauen 1968 in Croydon Harbour, einem kleinen Nest im unendlich weiten und kargen kanadischen Labrador, noch nicht. "Das", Waynes Besonderheit, soll ein Geheimnis bleiben. Ihren Mann Treadway log Jacinta nie an, außer jetzt. Zumindest so lange, wie sich das verheimlichen ließe. Die Mutter fühlt sich zwar nicht ganz wohl damit, doch Wayne soll als Junge aufwachsen. Im Krankenhaus will der Chirurg eine "glaubwürdige maskuline Anatomie" herstellen. Die Taufe des kleinen Kindes beschreibt sie als letzten Moment, an dem ihre Tochter existierte.

Kein Mensch hat sich jemals selbst befruchtet


"Sein Name war Annabel" ist als gebundenes Buch und E-Book im btb Verlag erschienen

Wayne muss Tabletten nehmen, doch die Eltern schieben das auf eine "namenlose Krankheit". Immer wieder treten Konflikte auf. Der Vater, ein Fallensteller, der die meiste Zeit des Jahres unterwegs ist, streitet mit seinem Kind, hält ihn für zu unmännlich. Wayne will lieber Synchronschwimmen im Fernsehen schauen, möchte selbst einen Badeanzug tragen.

"Sein Name war Annabel" der kanadischen Autorin Kathleen Winter ist immer noch einer der wenigen Romane, die sich mit Intergeschlechtlichkeit auseinandersetzen – zumal er bereits 2010 erschien und erst jetzt übersetzt wurde. Er wurde für verschiedene kanadische Buchpreise nominiert, gewann einen. Und trotz allen Lobes macht "Sein Name war Annabel" gravierende Fehler.

Im Verlauf des Romanes kommt heraus, dass der Grund hinter Waynes schlimmen Bauchschmerzen ein Embryo ist. Wayne soll sich also selbst befruchtet haben. Dabei gibt es keinen einzigen Fall, bei dem die sogenannte Autogamie beim Menschen jemals vorgekommen ist, betont die australische Organisation "Intersex Australia" in einer Besprechung des Werks.

Unwürdig gegenüber intergeschlechtlichen Menschen

Roman ist Fiktion, doch eine Geschichte mit Realitätsanspruch darf einfach keine medizinischen Fantasiefakten schaffen. Das ist nicht nur Betrug an den Leser*innen, das ist vor allem allen intergeschlechtlichen Menschen gegenüber unwürdig und gefährlich.

Authentische, positive Bilder fehlen ohnehin in Büchern und Filmen. Da braucht es keinen Roman, der auf Kosten einer vulnerablen Minderheit falsches Wissen verbreitet. Zumal es das überhaupt nicht gebraucht hätte: Wayne könnte auch ein authentisches intergeschlechtliches Kind sein. Da gäbe es genug zu erzählen.


Die Autorin Kathleen Winter lebt und arbeitet in Montreal (Bild: Roger Lemoyne)

Vielleicht können manche darüber hinwegsehen. Doch auch dann ist "Sein Name war Annabel" immer noch zu formelhaft und erwartbar. Wayne erfährt schließlich, was die Tabletten eigentlich in seinem Körper machen, und setzt sie ab. Nach einer Woche schwellen die Brüste an, Kollegen sprechen Wayne sofort darauf an, plötzlich anders auszusehen. Wayne öffnet sich einem Freund, der das aus Lust an der Sensation nicht für sich behalten kann – natürlich muss das für Wayne in einer schmerzhaften, traumatisierenden Erfahrung gipfeln.

Thomasina spricht wie im Lehrbuch

Auch die Charaktere sind zu stereotyp gezeichnet, die Rollen zu klar verteilt: Auf der einen Seite Thomasina, die Wayne Annabel nennt, wenn die zwei alleine sind, die Intergeschlechtlichkeit (im Roman wird häufig der meist abgelehnte Begriff Hermaphrodismus genutzt) als Abweichung, nicht als Störung versteht, die wie im Lehrbuch spricht.

Ganz anders der strenge Vater Treadway, der sich vor einem verweichlichten Sohn fürchtet, der sein tradiertes Männlichkeitsbild weitergeben will und nur ganz langsam versteht, dass das für Wayne wohl nicht das richtige ist. Irgendwo dazwischen die Mutter, die vielleicht das Richtige denkt, sich aber nicht traut, das ihrem Mann gegenüber zu vertreten.

Die Landschaftsbeschreibungen in "Sein Name war Annabel" sind gelungen, das kanadische Labrador scheint dafür prädestiniert zu sein. Doch nur dafür braucht den Roman niemand zu lesen.

Infos zum Buch

Kathleen Winter: Sein Name war Annabel (Originaltitel: Annabel). Aus dem Englischen von Elke Link. Roman. 448 Seiten. 13,5 x 21,5 cm. btb Verlag. München 2021. Hardcover mit Schutzumschlag: 22 € (ISBN 978-3-442-75772-5). E-Book: 17,99 € (ISBN 978-3-641-22369-4).


#1 Ith_Anonym
  • 14.08.2021, 14:49h
  • Ich schätze, die wirklich ehrliche Beschreibung wäre gewesen "und für diese Fehler gewann das Buch einen Preis".
    Danke, dass man sich hier mal nicht den Mainstream-Lobhudeleien anschließt. Betroffene dürfen sich auf anderen Portalen vermutlich schon genug die Finger wundtippen.
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