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Taliban zurück an der Macht
Afghanistan: Lage für LGBTI verschlechtert sich dramatisch
Nach der Machtübernahme der Taliban droht queeren Menschen der Foltertod.

Weltweit war die Machtübernahme der Taliban die Top-Meldung in den Nachrichtensendungen (Bild: Screenshot ZDF)
- 16. August 2021, 09:09h 3 Min.
"Für Schwule gibt es nur zwei Strafen: Entweder Steinigung oder er muss hinter einer Mauer stehen, die auf ihn fällt. Die Mauer muss 2,5 Meter bis drei Meter hoch sein." So beschrieb Taliban-Richter Gul Rahim vergangenen Monat gegenüber einem "Bild"-Reporter die Strafe für Homosexualität. Zwar bleibt unklar, wie mächtig dieser Richter ist – dennoch wird es angesichts der Geschichte der Gotteskrieger wohl Konsens sein, dass sich die Lage für queere Menschen nach der Eroberung Kabuls und damit des ganzen Landes am Sonntag erheblich verschlechtern wird.
/ ronzheimerWas der Taliban-Richter über Schwule und Frauen zu sagen hat, sollte zu einem Aufschrei in Europa führen. Das ist es, was bereits in Teilen des Landes passiert – und hier vielen weiteren Menschen droht, wenn das ganze Land fällt. @BILD pic.twitter.com/F8046JYHmR
Paul Ronzheimer (@ronzheimer) July 12, 2021
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Dabei mussten LGBTI bereits zuvor in Afghanistan wegen Verfolgung im Untergrund leben. Auf Homosexualität standen von der Invasion durch die US-geführte Allianz bis zum Abzug der Truppen Haftstrafen, die Verfassung ließ zudem Scharia-Recht zu – demnach durften Homosexuelle zu Tode gefoltert werden. Afghanistan war und ist damit eines von acht Ländern weltweit, in denen gleichgeschlechtliche Liebe zur Hinrichtung führen kann (queer.de berichtete). Auch lesbische Frauen, die unter den Taliban wegen ihres Geschlechts vollständig entrechtet werden und ihr Gesicht nicht öffentlich zeigen dürfen, kann die Maximalstrafe treffen.
Laut einem Menschenrechtsbericht des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahr 2017 hätten queere Menschen berichtet, "dass sie Diskriminierung, Angriffen, Vergewaltigungen und Verhaftungen durch Sicherheitsbehörden und die Gesamtgesellschaft ausgesetzt" seien. Ferner hätten sie "keinen Zugang zu bestimmten Gesundheitsdiensten". LGBTI-Organisationen mussten im Untergrund arbeiten, weil sie von der Regierung nicht als Menschenrechtsvereine anerkannt wurden.
"Mein Partner und ich hätten keine Chance – und es gibt viele wie uns"
Bereits letztes Jahr berichtete die Londoner Zeitung "Daily Telegraph" über Navid, der sich über den bevorstehenden Abzug der Alliierten und die befürchtete Machtübernahme durch die Taliban Sorgen machte. "Die Gruppe verurteilt offen Homosexualität. Mein Partner und ich hätten keine Chance – und es gibt viele wie uns", erklärte er damals in einem Kabuler Café. Schon damals berichtete er, dass sich die Lage verschlechterte: "Es gab mal mehr Räume für die LGBTI-Community, aber dies klappt nur, wenn Politiker oder andere einflussreiche Menschen das unterstützen – natürlich immer inoffiziell, sie würden das öffentlich nie zugeben."
/ svenlehmann | Sven Lehmann, der queerpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, kritisiert den CDU-KanzlerkandidatenNoch vor wenigen Wochen wollte Armin #Laschet übrigens noch nach #Afghanistan abschieben.
Sven Lehmann MdB (@svenlehmann) August 15, 2021
Noch Fragen?
Auch Lesben hatten es im Vor-Taliban-Afghanistan nicht einfacher: "Es gibt viele lesbische Frauen und sie sprechen darüber nicht öffentlich", zitierte die BBC eine Afghanin im Jahr 2016. "In Afghanistan wird das Lesbischsein als unislamisch angesehen. Wenn Leute das herausfinden, wäre mein Tod die Folge. Meine Familie darf das niemals wissen."
Wie kompromisslos die Taliban mit Homosexualität umgehen, zeigte sich nach der Machtübernahme in den Neunzigerjahren: Damals ließen sie jegliche sexuelle Beziehungen außerhalb der heterosexuellen Ehe kompromisslos verfolgen. Im Nationalstadion ließen sie viele der "Täter*innen" vor tausenden Menschen hinrichten. Dabei sollen laut "Frankfurter Rundschau" viele Afghanen heimlich gleichgeschlechtlich aktiv sein – was aber daran liege, dass es wegen der Geschlechtertrennung schwierig sei, Kontakte zu Frauen zu knüpfen. (cw)















