Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39742

Fall "Chris"

Trans Kamerunerin soll nun doch Asyl erhalten

Chris floh, weil sie als trans Frau in Kamerun nicht leben konnte. Dort saß sie wegen einer Beziehung zu einem Mann im Gefängnis. Das BAMF wertete sie als "schwuler Mann" – und wollte sie abschieben. Jetzt darf sie doch bleiben.


Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Berlin hat angekündigt, den negativen Asylbescheid für Chris aufzuheben (Bild: Jeja Klein)

Eine Leipziger Asylbehörde registrierte eine transgeschlechtliche Kamerunerin als "homosexuellen Mann" und wollte die Frau wieder abschieben. Obwohl sie, wie sie angibt, in Kamerun aufgrund von Beziehungen zu Männern im Gefängnis saß, sahen die Entscheider*innen in ihrem Fall keinen Grund für ein Bleiberecht (queer.de berichtete).

Nun sagte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu, die Abschiebedrohung gegen die Frau zurückzunehmen und ihr Asyl zu gewähren. Vorausgegangen waren die Öffentlichmachung des Falls und politischer Druck auf das Amt, dessen Entscheidungen immer wieder für Empörung sorgen. Das teilte das Queer Refugees Network Leipzig mit.

Als trans Frau wegen Homo-Verbot verfolgt

Die Asylsuchende Chris war in einer ländlichen Region in Kamerun groß geworden. Als sie als Jugendliche erstmals ihre weibliche Identität ausgelebt hat, war sie an die Toleranzgrenzen ihrer Umgebung gestoßen. Mit Beginn einer Liebesbeziehung zu einem Mann und heftigen Gewalterfahrungen in ihrem Herkunftsdorf musste sie schließlich in die Großstadt Douala fliehen. Dort ging sie irgendwann erneut ins Netz der Polizei, die die queerfeindlichen Gesetze Kameruns umsetzt, und landete im Gefängnis. Nach der Inhaftierung folgte die Flucht – und ein Asylverfahren, in dem Chris unterstellt wurde, ihre Transgeschlechtlichkeit nur zu erfinden, um ihre Chancen auf Asyl zu erhöhen.

Den Angaben von Chris entgegnete das BAMF, diese seien "durch Vagheit, mangelnde Details und fehlende Lebensechtheit gekennzeichnet" gewesen. Und weil Chris aufgrund ihrer Liebesbeziehung in Douala nicht sofort festgenommen worden ist, sondern sich eine Weile vor Repression verstecken konnte, sei laut BAMF "festzustellen, dass der Antragsteller, eigenen Ausführungen zufolge, jahrelang seine Sexualität unbehelligt in Douala ausleben konnte, ohne relevanten Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein".

Entscheider*innen wussten mal wieder besser über Identität Bescheid

Dass Chris sich in einer ersten Anhörungsrunde nicht getraut hatte, über ihre weibliche Identität zu reden und sich stattdessen als der Mann ausgegeben hat, dessen Name in ihren Papieren vermerkt ist, legte das BAMF der Frau ebenfalls negativ aus. Die Korrektur dieser Angaben nach Beginn einer Psychotherapie für die Traumatisierte wertete die Asylbehörde als unglaubwürdig und kritisierte: "Spätestens seitdem sich der Antragsteller in psychologischer Behandlung zu seiner Homosexualität geäußert hat, hätte, wenn schon nicht selbst, so doch sein Rechtsbeistand, dies dem Bundesamt gegenüber bekannt machen müssen." Im Asylbescheid für Chris verwendet die Behörde auch nach Offenlegung ihrer Identität durchgehend das Maskulinum.

Dabei hatte sich Chris gar nicht zu einer irgendwie gearteten "Homosexualität" geäußert, sondern in der Therapie die Scham bearbeitet, die durch ihre Verfolgung als transgeschlechtliche Frau in Kamerun entstanden ist. Das Queer Refugees Network in Leipzig, bei dem Chris damals in Beratung war, verurteilte das queerfeindliche Agieren der Asylbehörde scharf. Es habe durch die Nichtwürdigung der Transgeschlechtlichkeit und ihrer Umdeutung zur männlichen Homosexuelität "eine faktische Nicht-Prüfung von relevanten Fluchtgründen seitens des BAMF" vorgelegen.

BAMF fällt immer wieder falsche Entscheidungen zu Ungunsten von Flüchtlingen

Das Netzwerk zur Unterstützung queerer Flüchtlinge war es auch, das auf den Umgang mit Chris aufmerksam gemacht hatte. Schließlich habe sich, wie das Netzwerk in einer Pressemitteilung schreibt, auch die scheidende Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke anlässlich der Situation von Chris an die Bundesregierung gewandt. Das BAMF, das in Deutschland alle Asylanträge mithilfe seiner Außenstellen aufnimmt und bearbeitet, stand in den vergangenen Monaten immer wieder in der Kritik, weil es in Fällen queerer Geflüchteter unter anderem Gerichtsentscheide nicht umsetzt und etwa von Flüchtlingen verlangt, ihre sexuelle Identität in ihrem Heimatland einfach geheimzuhalten.


Demozug, der am Samstag vor das BAMF in Berlin zog. Weitere Bilder gibt es in der unten verlinkten Galerie (Bild: Jeja Klein)

"Ich danke meinem Verein, dem RosaLinde Leipzig e.V., meiner Anwältin und allen, die mich unterstützt haben und an mich geglaubt haben", sagte Chris nach der mündlichen Ankündigung eines neuen und positiven Asylbescheids vor Gericht. "Ich danke auch den deutschen Behörden, dass sie mir die Chance gegeben haben, mein Leben ungestört und fernab einer Vergangenheit voller Folter, Gefangenschaft und Diskriminierung leben zu können." Sie wolle leben "ohne mich zu verstecken". Schließlich sei ihre Identität natürlich: "Wir können das Natürliche nicht verbergen."

Patrick Dörr, Mitglied im Bundesvorstand des LSVD, sagte zur neuen Entscheidung, der Fall mache "einige der massiven Missstände deutlich, die wir immer wieder in BAMF-Bescheiden, aber auch in Gerichtsurteilen feststellen". Zu oft fehle es Entscheider*innen und Richter*innen "an grundlegenden Kenntnissen von LSBTI-Begriffen und queeren Lebenswelten". Queeren Geflüchteten werde ihre Identität vor dem Hintergrund stereotyper Vorstellungen abgesprochen oder ihnen würde die Aufnahme mit dem Argument verweigert, ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität könnten sie im Herkunftsland doch auch "geheim" leben. "In diesem konkreten Fall freuen wir uns, dass das BAMF nun bereit ist, den Bescheid zurückzunehmen und abzuhelfen. Wir fordern jedoch BAMF und Gerichte auf, sich grundsätzlich in ihrer Entscheidungspraxis endlich konsequent an geltende EU-Rechtsprechung zu halten und verfolgten LSBTI-Personen Schutz zu gewähren", so Dörr.

Anna Weißig vom RosaLinde Leipzig e.V. wies darauf hin, dass der Verein bereits mehrfach die Entscheidungspraxis des BAMF habe anprangern müssen. Asylgesuche queerer Geflüchteter müssten auf einer vollumfänglichen und sachgerechten Einzelfallprüfung unter Einbeziehung von fundiertem Wissen und einer adäquaten Würdigung der Lebensrealitäten queerer Asylsuchender stattfinden. Im Jahr 2018 hatte das QRN beispielsweise auf die Situation einer behinderten lesbischen Romni hingewiesen, die schließlich nach Albanien abgeschoben worden war (queer.de berichtete). Durch die Bemühungen des Queer Refugees Network habe das BAMF in Leipzig jedoch auch schon Fehler eingeräumt und erlassene Bescheide neu geprüft.

In Kamerun werden transgeschlechtliche Frauen häufig nach Paragrafen verfolgt, die sich auf männliche Homosexualität beziehen. Im Mai hatte etwa ein Gericht geurteilt, dass zwei Frauen fünf Jahre in Haft müssen. Sie waren in Februar wegen "versuchter Homosexualität" und "öffentlicher Unsittlichkeit" in einem Restaurant ebenfalls in Douala festgenommen worden (queer.de berichtete).

Aktivist*innen setzen sich dafür ein, dass #JamilaBleibt

Auch in den Fall der äthiopischen trans Frau, deren Geschichte unter dem Hashtag #JamilaBleibt in sozialen Netzwerken für Empörung gesorgt hatte, ist ebenfalls Bewegung gekommen. Das BAMF sagte eine neue Prüfung ihres Antrags zu. Diese wolle man "ergebnisoffen" führen, wie es aus Behördenkreisen hieß.

Twitter / ebonyplusirony | Unter dem Hashtag #JamilaBleibt forderten Unterstützer*innen wie hier die Autorin und Aktivistin Jasmina Kuhnke Asyl für die Äthiopierin aus Katar
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Am Samstag demonstrierten 50 Unterstützer*innen von Jamila in Berlin und zogen vor das BAMF in der Bundesallee. Auch in ihrem Fall hatte die Berichterstattung auf queer.de dazu beigetragen, dass das Amt die zynische Bewertung ihrer Fluchtgründe im negativen Asylbescheid überprüft.



#1 DramaQueen24Ehemaliges Profil
  • 16.08.2021, 22:09h
  • Ich denke, diese Behörde braucht DRINGEND mehr Schulungen und vor allem mehr Intelligenz!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 canadianSarahAnonym
#3 PeerAnonym
  • 17.08.2021, 09:34h
  • Warum geht sowas immer erst nach medialer Öffentlichkeit?

    Ich will gar nicht wissen, wie oft LGBTI abgeschoben werden, ohne dass wir was davon erfahren.
  • Antworten » | Direktlink »