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Jetzt im Kino

Angst vor Abschiebung und ein Kuss vom Kumpel

In Piotr J. Lewandowskis neuem Film "König der Raben" geht es um eine marginalisierte Parallelgesellschaft von Einwander*innen aus dem Balkan, große Freundschaft, tiefe Traumata und Liebe über soziale Schranken.


Milieustudie mit queerem Nebenplot: Yanoosh ist totel verliebt in seinen Kumpel Darko, doch der hat nur Augen für Alina (Bild: Salzgeber)
  • Von Christian Lütjens
    19. August 2021, 13:01h, noch kein Kommentar

Knapp fünf Jahre ist es her, dass Piotr J. Lewandowski in "Jonathan" eine der denkwürdigsten schwulen Liebesszene des Jahres 2016 lieferte. Wir erinnern uns: Da tauchte am Krankenbett des sterbenden Vaters der Titelfigur auf einmal ein verflossener Lover auf, um noch einmal das zu tun, wovon zumindest der Kranke irgendwann in einer weit zurückliegenden Vergangenheit abgekommen war – weil er sich in die Lebenslüge eines vermeintlich heterosexuellen Bauerndaseins gefügt hatte, dem Jonathan seine Existenz verdankte. Mit freier Sexualität oder gar queerer Identität hatte der Liebesakt der zwei Herren im Krankenbett nichts zu tun, dafür war er zu morbide. Aber wie auch immer man zu der Szene stand, denkwürdig war sie allemal (s. Filmkritik von queer.de: "Heißer Jungbauer mit heimlich schwulem Daddy")!

Jetzt kommt der neue Lewandowski ins Kino, "König der Raben". Der Titel klingt märchenhaft, und das soll er sicher auch. Denn Märchen sind romantisch, und Lewandowski ist leidenschaftlicher Romantiker, daran lässt dieser Film, eine Art moderne "Romeo und Julia"-Variante, keinen Zweifel. Es geht um Liebe über soziale Schranken hinweg, um eine marginalisierte Parallelgesellschaft, um große Freundschaft und tiefe Traumata – und irgendwie immer auch um Leben und Tod, selbst wenn im Film keine zentrale Figur stirbt. Und einen "schwulen" Nebenplot gibt's auch.

Angst vor der Einwanderungsbehörde und dem Clan-Chef


Poster zum Film: "König der Raben" startet am 19. August 2021 im Kino

Darko hat es infolge der Balkankriege, bei denen sein Bruder und sein Vater ums Leben gekommen sind, aus Mazedonien nach Deutschland verschlagen. Jetzt lebt er gemeinsam mit seiner kriegstraumatisierten Mutter und anderen Einwandererfamilien in einem heruntergekommenen Haus am Stadtrand. Der Zusammenhalt unter den Bewohner*innen ist groß, doch über ihnen lastet die ständige Angst vor der Einwanderungsbehörde, denn viele von ihnen leben ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, auch Darko und seine Mutter. Zudem wird die Gemeinschaft von einem finsteren Clan-Chef drangsaliert, der jeden, der nicht nach seiner Pfeife tanzt, mit körperlichen Züchtigungen zur Räson bringt.

Doch Sonnyboy Darko lässt sich von den widrigen Umständen nicht die Lebenslust nehmen. Mit seinen Freunden Yanoosh und Manolo tanzt, tobt und taumelt er durch den Alltag, lebt von Moment zu Moment, bietet den Härten des Alltags lachend die Stirn. Als er am Rande einer Hochzeitsfeier mit dem Clan-Chef in Streit gerät und dessen Schergen ihn zur Strafe in einen See werfen, wird sein täglicher Kampf ums Überleben sprichwörtlich. Denn Darko kann nicht schwimmen! Doch er hat Glück: Eine schöne junge Frau ist auf dem nächtlichen See in einem Boot unterwegs und rettet ihn – der schicksalhafte Beginn einer zum Scheitern verurteilten Affäre.

Ambivalentes Idyll einer abgeschotteten Welt

Lewandowski hat ein halbes Jahr selbst bei einer Einwandererfamilie gelebt, um die täglichen Nöte der Migrant*innen vom Balkan im Film wirklichkeitsgetreu wiedergeben zu können. Die Elemente, die aus seinen Beobachtungen ins Drehbuch eingeflossen sind, sind die Stärken von "König der Raben". Das Abbilden der prekären Lebensumstände der Protagonist*innen, ihre Angst vor Abschiebung, die Trickserei bei Behörden und Krankenkassen und das ambivalente Idyll ihrer abgeschotteten Welt gelingt stellenweise gut.


Szenen wie aus einem Märchen: Darko züchtet Tauben, die er auf Hochzeiten fliegen lässt (Bild: Salzgeber)

Die Milieustudie ist aber nur das Hintergrundrauschen für die Lovestory zwischen Darko und Alina, die in ihrer Aussichtslosigkeit vielleicht etwas zu vorhersehbar ist. Ähnlich verhält es sich mit dem "schwulen" Schlüsselmoment: ein verzweifelter Kuss, den Yanoosh seinem Kumpel Darko abtrotzt, weil er ihn eben nicht nur als Freund und "Bruder" liebt, sondern auch als Mann. Diese Liebe wird in den vorangehenden anderthalb Stunden so deutlich in begehrlichen Blicken und situationsbedingten Stimmungsschwankungen angedeutet, dass es kein Spoiler ist, den Kuss hier auszuplaudern. Dass er nicht zum unwiderruflichen Zerwürfnis zwischen den Freunden führt, ist das Bessere an dem Nebenplot; dass das Drehbuch Yanoosh keinen Ausweg aus der Rolle des einseitig Liebenden zugesteht, wiederum bezeichnend für den nur bedingt queeren Fokus des Films.

Man könnte die narrativen Sackgassen in "König der Raben" natürlich auch als ungeschönte Metaphern für die Situation der Hauptfiguren interpretieren, denn realistisch betrachtet haben Darko und seine Freunde nun mal wenig Perspektiven. Wenn es so gemeint ist, ist es beispielhaft für die Unentschlossenheit des Films, der sich nie entscheiden zu können scheint, ob er nun Märchen oder schonungsloses Sozialdrama ist. Dazu würde auch einer der Sprüche passen, den er Darko in der Mitte des Films zu Alina sagen lässt: "Du erzählst mir nämlich sehr viel von dir… nicht."

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "König der Raben"
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Infos zum Film

König der Raben. Drama. Deutschland 2020. Regie: Piotr J. Lewandowski. Darsteller*innen: Malik Blumenthal, Antje Traue, Karim Günes, Mert Dincer, Danuta Stenka, Barbara Phlipp, Ralph Herforth. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 19. August 2021