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Korrektur veröffentlicht

Inter-Studie zu sportlichen Leistungen war falsch

Eine Studie, die zu Auflagen für intergeschlechtliche Sportlerinnen führte, ist korrigiert worden. Vorteile für Leichtathletinnen mit hohem Testosteronlevel lassen sich nicht belegen.


Hätte Caster Semenya in Tokio auf 800 Meter Gold geholt? (Bild: Yann Caradec / flickr)

Die Studie, die im Jahr 2018 zu Einschränkungen für intergeschlechtliche Sportlerinnen führte, ist zurückgenommen worden. Die beiden World-Athletics-Autor*innen Stéphane Bermon und Pierre Yves Garnier hatten in der Arbeit von 2017 einen kausalen Zusammenhang zwischen bestimmten Testosteron-Konzentrationen im Blut von Sportlerinnen und ihren Leistungen beschrieben.

Im Jahr darauf führte der internationale Leichtathletik-Dachverband dann die neuen Regeln ein. Nun veröffentlichten die Wissenschaftler*innen im "British Journal of Sports Medicine" eine Korrektur. Zusammenfassung: Einen Beweis für die aufgestellte Behauptung gibt es nicht.

Sportlerinnen durften nicht antreten

Damit fällt die einzige Studiengrundlage weg, mit der die Beschränkungen für weibliche intergeschlechtliche Athletinnen begründet worden waren. Die hatte sich auf Grundlage der Studie von 2017 auf die Distanzen zwischen 400 Metern und einer Meile (etwa 1,6 Kilometer) bezogen, da hier, wie es in den World-Athletics-Regeln heißt, "die stärksten die Leistung steigernden Vorteile von angehobenen Levels zirkulierenden Testosterons erzielt werden". Das läge, so die Annahme, an einem damit verbundenen Anstieg der Muskelmasse und -stärke sowie an einem gesteigerten Transfer und einer größeren Aufnahme von Sauerstoff durch höhere Hämoglobinwerte im Blut.

Läuferinnen, die bei internationalen Wettkämpfen über Distanzen von 400 Metern bis zu einer Meile starten wollten, mussten auf Grundlage der nun korrigierten Studie ihren Testosteronwert im Laufe eines durchgehenden Zeitraums von sechs Monaten auf unter fünf Nanomol pro Liter senken. Wer darüber lag und dennoch antreten wollte, musste hormonelle Mittel ähnlich der Anti-Baby-Pille einnehmen.

Hätte Semenya auch in Tokio Gold geholt?

Prominenteste Betroffene der Regelungen ist Caster Semenya. Die südafrikanische Läuferin konnte bei den olympischen Spielen von Tokio ihren Titel im 800-Meter-Lauf aufgrund der Regelungen nicht verteidigen. Sie hatte sich geweigert, aufgrund der Einschränkungen Hormone einzunehmen und ihren Testosteronwert zu senken. Stattdessen war sie auf die übrig gebliebene Disziplin des Laufes über 5.000 Meter ausgewichen. Hier verpasste sie im Juni in Regensburg das Ticket nach Tokio deutlich (queer.de berichtete).

Im Jahr 2019 hatte Semenya beim internationalen Sportgerichtshof Einspruch gegen die Regelungen des Leichtathletikverbandes eingelegt. Das Gericht bestätigte jedoch die Beschränkungen (queer.de berichtete). Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat sie im vergangenen Jahr eine Klage gegen Diskriminierung, herabwürdigende Behandlung sowie Missachtung ihres Privatlebens eingereicht (queer.de berichtete).

Nach einer weiteren Niederlage vor einem Schweizer Bundesgericht, bei dem sie sich über die Entscheidung des ebenfalls im schweizerischen Lausanne sitzenden internationalen Sportgerichtshofs beschwert hatte, hatte Semenya angekündigt: "Ich werde weiter für Menschenrechte von Athletinnen kämpfen, für jene auf und jenseits der Bahn – bis wir alle so frei laufen können, wie wir geboren wurden."

Weitere Läuferinnen von "fairer Diskriminierung" betroffen

World-Athletics-Präsident Sebastian Coe hatte die Regeln zuletzt aufgrund ihrer vermeintlichen wissenschaftlichen Grundlagen verteidigt, als Christine Mboma bei den Olympischen Spielen in Tokio die Silbermedaille über 200 Meter gewonnen hatte. Im Juli waren bei ihr sowie ihrer ebenfalls namibischen Kollegin Beatrice Masilingi bei Blutuntersuchungen natürliche Testosteronwerte gefunden worden, die den Regelungen widersprechen. Darum wurden beide Läuferinnen von der 400-Meter-Distanz ausgeschlossen (queer.de berichtete) – vermutlich zu Unrecht, wie sich nun herausstellt.

Die Organisation hatte öffentlich eingestanden, dass ihre Richtlinien diskriminierend seien, aber argumentiert, dass sie dennoch fair und notwendig seien. Auch die Gerichte waren dieser Argumentation auf Grundlage der nun zurückgezogenen Studie gefolgt. Die Studienautor*innen regten in ihrem neuen Text dazu an, dass unabhängige Forscher*innen sich der Frage nach einem Zusammenhang von überdurchschnittlich hohen Testosteronwerten insbesondere bei intergeschlechtlichen Sportlerinnen und möglicherweise unfairen Vorteilen im Wettbewerb annehmen.



#1 Anonyma
  • 21.08.2021, 12:49h
  • Wie überaus praktisch, dass diese Korrektur erst NACH den olympischen Spielen in Tokio veröffentlicht wurde. So konnte man diese hanebüchenen Testosteron-Regeln noch ganz unbekümmert anwenden, um Sportlerinnen wie Caster Semenya, Christine Mboma und Beatrice Masilingi auszuschließen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

    Die "Wissenschaft", die Bermon und Garnier da betrieben haben und die damals in vielen Medien als "Beweis" dafür bezeichnet wurde, dass inter und trans Sportlerinnen "unfaire Vorteile" gegenüber cis Sportlerinnen hätten, stinkt so dermaßen übel nach Misogynie und Rassismus, dass einem nur noch schlecht werden kann. Aber unter dem Etikett der "sportlichen Fairness" lässt sich vor allem im europäischen Raum wohl leider so ziemlich jeder Unsinn verkaufen, solange er bloß das europäische Narrativ fragiler weißer Cis-Weiblichkeit bedient. Da stört es dann auch gar nicht weiter, wenn mal eben ganz klassisch Kausalität und Korrelation hübsch schwurbelig durcheinandergewürfelt wurden.
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#2 AntikeAnonym
  • 22.08.2021, 03:06h
  • Echt mies, das Recht dieser Sportlerinnen erst nach Olympia wiederherzustellen. Eine nötige finanzielle Entschädigung bringt sportlich leider nichts.
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#3 EulenspiegelAnonym
  • 23.08.2021, 14:41h
  • Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, den Sport hier diskriminierungsfrei zu machen:

    Eine einzige Klasse, in der alle antreten. Ansonsten wird das immer so weitergehen - wer ist männlich und wer nicht, wer gehört in welche Klasse, wer darf und wer nicht.
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