Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39785

Lyrik

Muslimisch, queer, sichtbar

In dem neuen Gedichtband "Araf – Un:::Sichtbar", herausgegeben von Tamer Düzyol, schreiben 15 queere muslimische Autor*innen sehr persönlich über Liebe, Begehren, Trauer und Lust.


Archivbild: Teilnehmerin beim Toronto Pride 2012 (Bild: QMP)

Dass zumindest radikale Formen des Islam für queere Menschen lebensgefährlich sind, wird uns angesichts der gerade omnipräsenten Berichterstattung über die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wieder unübersehbar vor Augen geführt. So stellte schon im Juli der Taliban-Richter Gul Rahim gegenüber klar: "Für Schwule gibt es nur zwei Strafen: Entweder Steinigung oder er muss hinter einer Mauer stehen, die auf ihn fällt. Die Mauer muss 2,5 Meter bis drei Meter hoch sein" (queer.de berichtete).

Doch nicht nur bei den mitunter etwas steinzeitlich anmutenden Taliban, sondern auch in hoch entwickelten muslimischen Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien steht auf Homosexualität die Todesstrafe, zu deren Vollzug es in diesen Ländern auch immer wieder kommt. Und selbst in deutlich gemäßigteren islamischen Kulturen sind LGBTI immer wieder von Ausgrenzung, Gewalt und Strafe bedroht. Islam und offen queeres Leben scheinen kaum zusammenzupassen. Gleichzeitig ist eine grundsätzliche Ablehnung oder gar Verdammung im Koran keinesfalls explizit ausgesprochen. Ganz im Gegenteil, wie der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr in einem Kommentar für den NDR 2019 feststellt:

Wie sieht es mit Liebe und Partnerschaft im Koran aus? In der Sure 30, ar-Rûm, Vers 21 heißt es, dass Gott für die Menschen Partner oder Gatten geschaffen hat, bei denen sie Ruhe, Liebe und Barmherzigkeit finden. Der Koranvers ist so formuliert, dass – bei genauer Betrachtung der Grammatik – alle Personen männlich oder weiblich sein können. Das hier verwendete arabische Wort für "Partner" kann also Männer oder Frauen bezeichnen, es muss nicht notwendigerweise "Ehegattinnen" bedeuten, wie die deutschen Koranübersetzer üblicherweise schreiben. LGBTIQ-Muslime dürfen hierin eine grundsätzliche Anerkennung ihrer Liebe und Partnerschaft erkennen.

Auch kann man historisch sehen, dass über viele Jahrhunderte in islamischen Kulturen gleichgeschlechtliches Verlangen und Verhalten faktisch Teil des akzeptierten gesellschaftlichen Lebens war, auch wenn es dort nicht in Form einer Identitätszuschreibung etikettiert wurde. Trotz dieser toleranten und der Liebe in unterschiedlichen Formen gegenüber aufgeschlossenen Lesarten und Traditionslinien des Islam haben es junge muslimische queere Menschen in zahllosen Fällen allerdings besonders schwer, zu ihrer Identität oder Orientierung stehen zu können – selbst in einem so liberalen Land wie Deutschland. Der Schatten der Ablehnung und des Nicht-dazu-Gehörens legt sich fast wie von selbst über ihre Selbstbehauptungsimpulse.

Lustvolle Sinnlichkeit und realitätsbezogene Klarheit


Der Lyrikband "Araf" ist in der edition assemblage erschienen

Daher, so kann man sagen, zeugt es auch heute, im Jahr 2021 immer noch von mutiger Konsequenz, wenn queere Angehörige des muslimischen Glaubens sich mit lyrischen und Prosa-Texten zu ihren Formen von Liebe, Begehren, Trauer und Lust sehr persönlich äußern. Und genau dies geschieht in dem jüngst in der edition assemblage erschienen und von Tamer Düzyol herausgegebenen Bändchen "Araf – Un:::Sichtbar", in dem 15 queere muslimische Autor*innen aus der Unsichtbarkeit deutlich heraustreten.

Das mit Illustrationen von Esma Glowingfalafel liebevoll gestaltete Büchlein enthält auf knapp 70 Seiten außer einem Prosatext des Herausgebers ausschließlich lyrische Texte. Lese ich diese Texte nicht mit den gestrengen Augen des Literaturkritikers, denen sie dann nur sehr bedingt standhalten würden, sondern als kreativen, autobiografisch orientierten sprachlichen Ausdruck und Anspruch des queeren Selbstseins der in dem Band versammelten Autor*innen, dann erlebe ich in diesen Texten ein hohes Maß an reflexiver Selbstbestimmtheit, lustvoller Sinnlichkeit und realitätsbezogener Klarheit. Vor allem aber eine unverstellt sichtbare Auseinandersetzung mit dem eigenen Anderssein:

Anders sein.
aber nicht ich sein?
Männlich.
aber nicht Mann sein?
Schwul.
aber nicht normal sein?
Migrant.
aber nicht Deutsch sein?
Muslim.
aber nicht für euch passend sein?

(Nedim Suljović: "Wer bin ich?")

Und auch eine klare Selbstbehauptung dieses Anderseins im Rahmen des Islam:

Ich bin, wie Allah mich machte.
Das heißt ich bin geboren und geworden, wie ich sollte.

(Siham Karimi: "und so bin ich")

Dass der Ernst solcher Reflexionen das Schmunzeln über Phänomene queerer Lebenswelt nicht ausschließt, zeigen die mehr oder weniger fiktiven Protokolle der "Dialoge" in einer queeren Datingapp:

Sonntag 27.09.20
Hi
wie geht's
12:33

gut dir
12.36

auch, danke. was suchst
12:40

mal sehen, du
12:42

sex
12:43

Ok
12:56

woher kommst du?
13:00

was
13:01

ich steh auf südländer.
sehr geil
13:03

was
13:06

was
13:08

piç
13:12

*dickpic*
13:13

wenn ich piç schreibe
will ich kein bild du hund
Empfangen 13:15

(ufuk doğan: "TAP – auszüge")

Sicher kann man sich auf einer queeren ebenso wie auf einer nicht-queeren Datingplattform, egal welchem Glauben man angehört oder nicht angehört, nicht selten mal unschön angemacht und dann ziemlich allein fühlen.

Auf der Widmungsseite des Buches heißt es demgegenüber: "Für DICH. DU bist nicht alleine!" Zwar lässt der Herausgeber die Lesenden mit den Texten des Bandes ein wenig allein, indem es dort keinen erläuternden Beitrag zum Spannungsfeld Islam – Queerness – Poesie gibt, was sicher mehr als hilfreich gewesen wäre. Wichtiger jedoch ist, dass "Araf" zum Ausdruck bringt, dass queere muslimische Menschen mit ihrer Queerness stark sichtbar werden können. Und dass sie definitiv nicht allein sind.

Infos zum Buch

Tamer Düzyol (Hrsg.): Araf – Un:::Sichtbar. Gedichte und mehr. Mit Beiträgen von Yasmin Darian, ufuk dogan, Tamer Düzyol, Awista Gardi, Zuher Jazmati, Siham Karimi, Ozan Zakariya Keskinkilic, Marco Yasin Linguri, Nzr, Kadir Özdemir, Burak Sengüler, Nedim Suljovic, Nidda Tariq, gözde, Selim Veli, Rahsan W. 80 Seiten, edition assemblage. Münster 2021. Taschenbuch: 12,80 € (ISBN: 978-3-96042-116-0)


#1 EulenspiegelAnonym
  • 23.08.2021, 18:03h
  • Ich habe mit muslimisch und queer so meine starken Probleme.

    Ich selbst habe katholische -Herkunft-. Aber ich bin aus dem Verein ausgetreten und identifiziere mich nicht mehr mit ihm - unter anderem wegen der Einstellung zu queeren Leuten. Die katholische Lehre und queer schließt sich einfach aus, auch wenn die zur Zeit etwas rumeiern.

    Bei Muslimen sehe ich das genauso - für seine Herkunft kann man nichts. Aber sich zu dem Verein bekennen und Queer sein geht einfach nicht. Kann man gleich sagen "Geh ich mal eine Runde in die Hölle" wenn man in die Community geht.

    Für wirklich gläubige Leute ist das zwischen den Welten zerrissen - wirklich nicht einfach. Man kriegt so seine Verdammnisse an den Kopf geworfen.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 RuntAnonym
  • 24.08.2021, 01:42h
  • Antwort auf #1 von Eulenspiegel
  • "Aber sich zu dem Verein bekennen und Queer sein geht einfach nicht. "

    Charakteristisch für die islamischen Communities ist, dass sie weitaus weniger zentral organisiert sind, als die christlichen Kirchen, insbesondere hierzulande. ußerdem gibt es im Islam viele Richtungen - die sunnitische, die schiitische, (beides von liberal bis moderat. bis extremistisch) und die Sufi-Interpretation des Islam, die vielleicht am meisten Raum für queeres Empfinden bietet. Muslimisch sein hat vor allem auch viel mit Familienhintergrund, Migrationsgeschichte, ethnischer Zusammengehörigkeit zu tun. Das lässt sich nicht so einfach ablegen und da kann es schon sinnvoll sein, an er Transformation des Religionsverständnisses (mit) zu arbeiten.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 SakanaAnonym
  • 24.08.2021, 10:18h
  • genauso wie es "kulturelle Katholik:innen" gibt, gibt es eben auch "kulturelle Muslim:innen", also Leute, die einem bestimmten kulturell-religiösen Zusammenhang groß geworden sind, ohne tatsächlich auch tiefgläubig zu sein und auch die Fähigkeit besitzen, "Fünfe gerade sein zu lassen".

    Die muslimische Literatur und auch der Qur*an sind sehr reich an homoerotischen Anspielungen und Versen (zB die Ghazele von Omar Khayyam und anderen), die sich über mehrere Jahrhunderte hinweg ziehen und die damaligen Lebensrealitäten abbilden. Ich finde es sehr schön, dass dieser Gedichtband daran anknüpfen kann und weitere Facetten der queeren muslimischen Literatur aufscheinen lässt in dieser trüben Zeit.

    Außerdem tut es den Autor:innen auch sicherlich seelisch gut, sich manches von der Seele in Gedichtform schreiben zu können....gerade die Gedichte (qasâid) und die Dichter:innen (shu*ara') genießen in der muslimischen Welt ein sehr hohes Ansehen.
  • Antworten » | Direktlink »