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Queere Dramedy im ZDF

Auch Corinna Harfouch als Lesbe rettet keinen blutleeren Plot

Frauen in der Midlife-Crisis gibt es im deutschen TV eher selten zu sehen – erst recht mit lesbischer bester Freundin an der Seite. Der Fernsehfilm "Immer der Nase nach" will gesellschaftspolitisch alles richtig machen – und scheitert, weil er sich zu sehr bemüht.


Beim Auszug ihrer Tochter wird Schaufensterdekorateurin Tanja (Claudia Michelsen, r.) bewusst, dass das Leben an ihr vorbeigerannt ist. Nun will sie um jeden Preis aufholen – und überrennt dabei ihre beste Freundin Imke (Corinna Harfouch). Der Fernsehfilm "Immer der Nase nach" läuft am Donnerstag, den 26. August 2021 um 20.15 Uhr im ZDF sowie bereits jetzt in der ZDF-Mediathek (Bild: Volker Roloff / ZDF)

Tanja (Claudia Michelsen) ist Anfang 50 und ihr Leben ein Chaos: Während sich ein Großteil ihrer Altersgenossen in der relativen Sicherheit einer gefestigten Ehe und einem sicheren Job wiegt, gehen der Schaufensterdekorateurin die Aufträge aus, die Beziehung zu ihrem Mann Robert (Stephan Szász) ist gescheitert und die gemeinsame Tochter Lisa (Lena Klenke) zieht aus.

Drehbuchautorin und Regisseurin Kerstin Polte rückt in "Immer der Nase nach" eine zumindest für deutsche Fernsehfilme weiterhin untypische Protagonistin ins Zentrum. Wie eine großangelegte Studie der "MaLisa Stiftung" herausfand, sind Frauen im deutschen Fernsehen immer noch unterrepräsentiert. Allgemein gilt: Je älter die Frauen, desto seltener sind sie zu sehen. Ab einem Alter von 50 Jahren beispielsweise sind drei Mal so viele Männer im Fernsehen vertreten als Frauen.

Zur Abwechslung mal eine Frau in der Midlife-Crisis

Hinzukommt allerdings, dass mit Tanja das Augenmerk auf eine Frau gerichtet ist, die in einer wahren Sinnkrise steckt, die mit ihrem Leben hadert und dabei von einer Tollheit in die nächste schräge Situation stolpert: Sie geht auf die WG-Party ihrer Tochter, wo besonders hippe Mittzwanziger nicht nur mit blinkenden Haarreifen experimentieren, um ihre Hirnströmung anzuregen, sondern auch mit dem Microdosing psychedelischer Substanzen, um die eigene Kreativität zu fördern.

Und so eine ausgewachsene Midlife-Crisis ist ein Privileg, das gemeinhin männlichen Hauptrollen vorbehalten ist. Oder wie es Tanjas lesbische, beste Freundin Imke (Corinna Harfouch) formuliert: "Wenn du ein Mann wärst, würdest du dir jetzt ein neues Auto kaufen und deine Sekretärin vögeln."


Tanja rennt mit einer übergroßen Pappmaché-Nase durch die Stadt (Bild: Volker Roloff / ZDF)

Den wesentlich jüngeren Love-Interest bekommt sie dennoch an die Seite gestellt: Auf besagter Party wird sie von Nick (Helgi Schmid) angesprochen, dem sie am frühen Morgen im Bus, auf dem Rückweg von einem geplatzten Dekorationsjob in einer Apotheke, mit übergroßer Pappmaché-Nase im Gepäck, aufgefallen war.

Die Figuren sind viel zu überzeichnet

Skurrile Begegnungen wie diese sind typisch für den Film, der sich in seinem Ton irgendwo zwischen Drama und Komödie bewegt. Richtig zünden will sein Witz aber zu keinem Zeitpunkt – dafür sind die vorkommenden Figuren viel zu überzeichnet, ihr Verhalten zu weit von jeder Verankerung in der Realität entfernt.

Meist zielt der Humor auf die Abgehobenheit der jüngeren Generation ab, mit der Tanja so gar nichts mehr anzufangen weiß. In zahlreichen Szenen findet sie sich in prätentiösen Workshops wieder, in denen wild mit Anglizismen und Tech-Sprache um sich geworfen wird. Mit der Leiterin Alev (Banafshe Hourmazdi) verbindet sie bald eine lose Freundschaft, die der Film wohl als ein Statement für weibliche Solidarität verstanden wissen will.

ZDF-Teaser zu "Immer der Nase nach"
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Erfreuliche Ambitionen, aber kein stimmiges Ganzes

Woran "Immer das Nase nach" letztlich scheitert, ist ausgerechnet sein erkennbares Bemüht-Sein. Darum nämlich, eine gesellschaftspolitisch relevante Produktion zu sein: Mit Fokus auf eine selten beleuchtete Lebensrealität und Diversität in Bezug auf Geschlecht, Herkunft sowie – dank besagter Imke – auch auf sexuelle Orientierung. Selbst die begleitende Pressemappe betont, dass die (Geschlechter-)Grenzen irgendwann offen gewesen seien, dass Frauenrollen plötzlich zu Männerrollen wurden und umgekehrt. Fast automatisch habe man den Film dann auch "blind queer besetzt".

Erfreuliche Ambitionen, die mangels eines tatsächlich überzeugenden, beseelten Plots, durch den all diese Aspekte in ein stimmiges Ganzes übergehen würden, aber im Sande verlaufen. Denn ein blutleerer Fernsehfilm, der sich sensibel gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten zeigt, bleibt am Ende doch immer noch ein blutleerer Fernsehfilm.

Infos zum Film

Immer der Nase nach. Fernsehfilm. Deutschland 2021. Regie: Kerstin Polte. Darsteller*innen: Claudia Michelsen, Corinna Harfouch, Helgi Schmid, Lena Klenke, Stephan Szász, Thelma Buabeng, Banafshe Hourmazdi, Larissa Sirah Herden, Lena Eickenbusch, Meik van Severen, Jakob Schreier, Daniel Zillmann, Rafael Gareisen, Deniz Orta, Angela Winkler, Lásló I. Kish, Jana Hampel, Ulrike Bliefert. Laufzeit: 88 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Der Film läuft am Donnerstag, den 26. August 2021 um 20.15 Uhr im ZDF sowie bereits jetzt in der ZDF-Mediathek.


#1 Target GroupAnonym
  • 25.08.2021, 15:10h
  • Das diversitäts-sensible Konzept für Casting und Rollenentwicklung finde ich tatsächlich spannend und vorbildlich. Und ich hoffe sehr, dass es Schule macht.

    Allerdings: Für die Botschaft "diese hysterische Jugend muss mal jemand aus ihrer denglischen Internetwelt rausholen und zum Atmen in einen richtigen Wald schicken" fühle ich mich sogar mit 54 Jahren zu jung. Eine Story für Senior*innen wird auch mit Diversität nicht packender.
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