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Interview

"Auch in meinen hetero Rollen steckt zu 100% ein schwuler Mann"

Im Remake von "Candyman", der jetzt im Kino läuft, spielt Colman Domingo eine Schlüsselrolle. Wir sprachen mit dem 51-Jährigen über seinen persönlichen Bezug zum Horrorklassiker, strukturellen Rassismus und Umbrüche in Hollywood.


Colman Domingo als William Burke in "Candyman"

Sein Name dürfte nicht jedem etwas sagen, doch gesehen hat Colman Domingo vermutlich jeder schon einmal. Der 51-Jährige, der zunächst Journalismus studierte und dann nach San Francisco zog, um Schauspieler zu werden, ist nicht nur ein alter Theater-Hase (der auch selbst Stücke schreibt und inszeniert), sondern steht auch seit den Neunzigern in schöner Regelmäßigkeit für eine Nebenrolle nach der nächsten vor der Kamera.

Domingo war in Serien wie "Nash Bridges", "Law & Order" oder "The Big Gay Sketch Show" genauso zu sehen wie in Filmen von Spike Lee ("Buffalo Soldiers '44 – Das Wunder von Santa Anna"), Steven Spielberg ("Lincoln") oder Lee Daniels ("Der Butler"). Seit er zum Ensemble der erfolgreichen Serie "Fear the Walking Dead" gehört, steigt seine Bekanntheit mehr denn je. Zuletzt sorgte Domingo, der seit 2014 mit seinem Mann Raúl Domingo verheiratet ist, auch mit Auftritten in "Euphoria", "Beale Street" oder "Ma Rainey's Black Bottom" für Aufsehen.

Anlässlich seiner Schlüsselrolle in dem gelungenen Horrorfilm "Candyman" von Nia DaCosta, der am 26. August 2021 im Kino startet, konnten wir mit ihm via Zoom ein Interview führen.


Poster zum Film: "Candyman" startet am 26. August 2021 im Kino

Colman, der originale "Candyman"-Film ist von 1992 und gilt vielen als Horrorklassiker. Haben Sie zu dem einen persönlichen Bezug?

Kein bisschen. Also mein Bezug ist der, dass ich um den Film immer den größtmöglichen Bogen gemacht habe, weil mich schon der Gedanke daran gruselte. Der einzige "Candy Man", den ich kannte, war der Song von Sammy Davis Jr., und dieses wunderbare, liebliche Lied wollte ich mir nicht von einem Horrorfilm ruinieren lassen. Aber ich habe den Film dann natürlich noch geguckt, als ich nun die Rolle in diesem "Sequel im Geiste" bekam, wie wir es nennen. Da habe ich schon verstanden, warum der Film auch heute noch so hochgehalten wird – und warum es Sinn macht, die schon damals in der Geschichte vorhandenen Themen heute nochmal auf neue Weise unter die Lupe zu nehmen.

Tatsächlich geht's hier ja nicht nur um Gore und Grusel, sondern auch um wichtige gesellschaftliche Themen wie strukturellen Rassismus. Warum werden dieser Tage eigentlich gerade Horrorfilme so gerne dafür genutzt, sich damit auseinanderzusetzen?

Besonders gut macht das ja Jordan Peele, wie "Get Out" und "Wir" bewiesen haben. Er hat jetzt auch das Drehbuch zu "Candyman" geschrieben. Ich glaube, er hat einfach begriffen, dass das man das Publikum mit solchen Themen da abholen muss, wo es sich ohnehin gerne freiwillig hinbegibt. Und das ist nun einmal das Horrorkino. Er und nun auch unsere Regisseurin Nia DaCosta sind eben sehr smart und sensibel, wenn es darum geht, all die Erfahrungen, die Schwarze Menschen über Jahrhunderte hindurch durchlitten haben und bis heute quälen, zwar nicht in ihre Geschichten einzubeziehen, aber nicht einfach nur noch einmal aufzukochen. Hier geht es weder um ein schlichtes Blutbad noch um "trauma porn".

Ihre geheimnisvolle Rolle hat Peele eigens für Sie geschrieben, korrekt?

Das stimmt, was natürlich eine echte Ehre ist. Das erste Mal getroffen habe ich ihn am Tag nachdem er seinen Oscar gewann. Das war ein ergebnisoffenes Meeting zum Kennenlernen, und als ich am Abend vorher die Verleihung im Fernsehen sah, war ich mir sicher, dass er die ganze Nacht durchfeiert und unser Treffen absagt. Aber nichts da! Wir hatten dann auch sofort eine Wellenlänge und sprachen schon in diesen ersten 45 Minuten über profunde Dinge wie unsere jeweiligen Erfahrungen mit dem Schwarzsein, Männlichkeit, unsere Vorliebe für Horror- und Genre-Produktionen. Vielleicht keimte schon damals der Gedanke in ihm, etwas für mich zu schreiben. Jedenfalls bekam ich ein paar Monate später mit, dass er an einem neuen "Candyman"-Film arbeitet und es darin eine Schlüsselrolle für mich gibt.

Viele der Filme, die Sie in den letzten Jahren gedreht haben, wurden von Filmemacher*innen inszeniert, die Schwarz, weiblich oder queer sind, gerne auch mehreres davon. Versuchen Sie bewusst, weiße hetero cis Männer als Regisseure zu vermeiden?

So kann man das nicht unbedingt sagen. Ich habe in meiner Karriere ja auch schon mit Steven Spielberg oder Steven Soderbergh gedreht. Aber tatsächlich überlege ich mir sehr genau, mit wem ich zusammenarbeite. Das müssen Leute sein, denen die gleichen Themen wichtig sind wie mir und die das in ihren Werken auch klar zum Ausdruck bringen. Und das sind eben oft nicht die Filmemacher*innen, die eh immer schon an den Schalthebeln sitzen.

Viele der innovativsten Regisseur*innen, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte, waren Frauen. Die müssen in unserer Branche ja immer schon sehr viel mehr kämpfen, um ihre Geschichten erzählen zu dürfen. Aber wenn man sie dann lässt, sind sie entsprechend auch mit so viel mehr Engagement und Leidenschaft bei der Sache. Weil sie wissen, dass Sie ihre Chance nutzen müssen.


Colman Domingo als Victor Strand in "Fear the Walking Dead" (Bild: AMC)

Sie nannten 2020 kürzlich das Jahr des Aufwachens und der Abrechnung, was die USA und ihr Verhältnis zum Thema Rassismus angeht. Ist Hollywood auch so weit aufgewacht, dass man von einer echten Veränderung diesbezüglich sprechen kann?

Ich weiß nicht, ob wir wirklich schon von einem richtigen Umbruch ausgehen können, aber Schritte in die richtige Richtung gibt es auf jeden Fall. Natürlich werden viele in unserer Branche – wie insgesamt in Amerika – schnell von kollektiver Amnesie befallen und wollen jetzt einfach nur so weitermachen wie vor der Pandemie. Aber ich hoffe schon, dass es genug Leute wie mich gibt, die dafür einstehen und fordern, dass wir nicht bloß in alte Muster zurückfallen, sondern all die Erkenntnisse, die wir in den letzten Jahren über Rassismus, Diversität, Gleichberechtigung oder Inklusion gewonnen haben, auch mitnehmen und etwas daraus machen. Das zu versuchen, ist das mindeste, was wir alle tun können.

Auch was die Möglichkeiten und Chancen für queere Schauspieler*innen angeht, tut sich ja etwas. Wobei Sie interessanterweise nie das Problem hatten, als schwuler Schauspieler keine hetero Rollen zu bekommen, oder?

Das war auf jeden Fall nie etwas, worüber ich mir den Kopf zerbrochen habe. Ich hatte nie mein berufliches Coming-out, weil ich immer out gewesen bin. Bei mir drehte sich immer alles um meine Arbeit, meinen Fleiß und meine Arbeitsmoral, aber es half natürlich auch, dass ich immer in erster Linie ein Charakterdarsteller war, nicht ein Star. Dass ich ein "offen schwuler Schauspieler" war, interessierte kaum jemanden, am wenigsten mich. Und trotzdem steckt in jede einzelnen meiner Rollen, auch in den heterosexuellen Rollen, zu hundert Prozent der schwule Mann, der ich nun einmal bin.

In den letzten Jahren hat sich aber etwas verändert, oder? Plötzlich scheint die Aufmerksamkeit für Sie größer denn je zu sein.

Dass das früher nicht so sehr der Fall war, hat mich nie gestört. Als Charakterdarsteller spielt man gerne Nebenrollen, und man freut sich, wenn die Menschen die Figur wahrnehmen, nicht unbedingt den Menschen, der sie spielt. Aber natürlich hat es Konsequenzen, wenn man in Serien wie "Fear the Walking Dead" oder auch "Euphoria" mitspielt. Und ich freue mich, dass mir ein bisschen mehr Beachtung geschenkt wird – nicht zuletzt, weil sich daraus neue Chancen ergeben. Aber es freut mich vor allem, dass sich diese neue Aufmerksamkeit einzig und allein meiner Arbeit verdankt und der Tatsache, dass ich von "Selma" über "Beale Street" bis zu meinem jüngsten Film "Zola" die unterschiedlichsten Rollen spielen darf.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Candyman"
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Infos zum Film

Candyman. Horrorfilm. USA 2021. Regie: Nia DaCosta. Darsteller*innen: Yahya Abdul-Mateen II, Teyonah Parris, Nathan Stewart-Jarrett, Colman Domingo, Kyle Kaminsky, Vanessa Williams, Brian King, Miriam Moss, Rebecca Spence, Carl Clemons-Hopkins, Christiana Clark, Michael Hargrove, Rodney L. Jones III, Tony Todd. Laufzeit: 91 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Universal. Kinostart: 26. August 2021


#1 mind_the_gapEhemaliges Profil
  • 26.08.2021, 16:57h
  • Oh, was für ein interessanter, attraktiver Mann - von dem ich leider auch erst jetzt zum ersten Mal höre. Deshalb umso mehr herzlichen Dank für diesen Artikel!

    Den Film werde ich mir leider trotzdem nicht ansehen können. Das wahre Leben bietet schon so viel Horror, dass mein Bedarf an diesem Genre mehr als gedeckt ist.
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#2 LotiAnonym
  • 29.08.2021, 12:38h
  • Antwort auf #1 von mind_the_gap
  • Entweder man mag Horrorfilme oder nicht. Ist aber auch ok. Ich mag gute Horrorfilme. Aber ich lese vielmehr die guten Bücher von Clive Barker. Oder die Necroscope Reihe von Brian Lumley. Letzt genannter ist nicht einmal verfilmbar. Aber ich kann Dich gut verstehen. Das Grauen haben wir eh schon alltäglich vor unserer Haustür.
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#3 Markus2Anonym
  • 03.09.2021, 17:48h
  • Antwort auf #2 von Loti
  • Hi Loti, ich liebe auch Clive Barker und auch die Necroscope-Reihe! Und "Candyman" werde ich mir auf jeden Fall ansehen; hab den 1. Film schon im Kino gesehen (die beiden Fortsetzungen waren nicht so toll). Grüße
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