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Heimkino

Die Sorglosigkeit der Jugend ist eine Fassade

Sex, Alkohol und Drogen – Jugendliche handeln rücksichtlos und unbedacht, heißt es oft. Der Film "Tagebuch eines Teenagers" über den bisexuellen Zabo versucht, diese Sorglosigkeit aufzudröseln und gegenseitige Fürsorge in den Vordergrund zu rücken.


Zabo berichtet in einem tagebuchartigen Blog über seine sexuellen Erfahrungen mit Jungs und Mädchen (Bild: Salzgeber)
  • Von Johannes Streb
    26. August 2021, 10:40h, noch kein Kommentar

Was bedeutet es, jugendlich zu sein? Der argentinische Regisseur Lucas Santa Ana legt mit seinem Coming-of-Age-Film "Tagebuch eines Teenagers" ein Plädoyer vor, die Ängste und Sorgen der Jugendlichen ernster zu nehmen.

Der Film begleitet den sensiblen 16-Jährigen Nicolás Martín Zamorano (verkörpert durch Renato Quattordio), auch Zabo genannt. Dieser beginnt einen tagebuchartigen Blog, in dem er dem Mysterium der Jugend auf den Grund gehen will.

Angst vor Einsamkeit und sozialer Isolation

Indem er die Zuschauer*innen direkt anspricht, durchbricht der Protagonist geschickt die Barriere zum Publikum, das nun in kumpelhafter Manier seinen Erzählungen lauscht – Erzählungen, die Zabo sonst niemandem anvertrauen kann: die Trauer über den Suizid seines besten Freundes Pol, die Entfremdung von der eigenen Familie, die Angst vor Einsamkeit und sozialer Isolation.

Auch seine Sexualität scheint ihn zunehmend zu verwirren. Dass in diesem 2000er-Setting ein Coming-out als starke Belastung gesehen wird, erschwert seinen bisexuellen Erweckungsprozess: So stoßen Zabo zunächst noch homosexuelle Annäherungsversuche ab – bald darauf sieht er aber in seinem Kumpel Ramiro die Möglichkeit, die eigenen unergründlichen Triebe zu befriedigen. Innerhalb der eigenen Clique hingegen möchte Zabo nicht den Eindruck erwecken, sich ebenfalls zu Jungs hingezogen zu fühlen – das schafft erste Distanz zu seinen Freund*innen.

"Yo, adolescente", wie der Film in der argentinischen Originalfassung heißt (übersetzt: "Ich, Jugendlicher"), begleitet Zabo in seiner Phase der Selbsterkundung und des Ausprobierens: bei illegalen Partys in einem geschlossenen Club, Alkohol- und Drogenrauschs mit seiner Freundesgruppe und mit den Männern und Frauen, mit denen er im Bett landet. Berauschte und ausgelassene Situationen darzustellen, ist eine der größten Stärken des Streifens.

Jugendliche Sorglosigkeit kann auch nur Fassade sein


Poster zum Film: "Tagebuch eines Teenagers" läuft ab 26. August 2021 als Video on Demand im Salzgeber Club und erscheint am Tag darauf auch auf DVD

Diese Sorglosigkeit und Unbekümmertheit der Jugendlichen als Fassade zu entschlüsseln – damit tut sich "Tagebuch eines Teenagers" hingegen etwas schwer. Denn: Hinter der Sunnyboy-Fassade des Protagonisten stecken ehrliche Ängste und Sorgen, die er nicht nach außen kommuniziert, aber ernstgenommen werden müssten. Wenn der Film diese emotionale Ebene thematisiert, fehlt es ihm an Nahbarkeit.

Diese Schwäche bei subtilen und zwischenmenschlichen Tönen liegt auch an der unzureichenden Ausarbeitung der Nebenfiguren, die bis zum Abspann austauschbar und farblos wirken. Zabos Freund*innen erhalten, über die Dynamik der Clique hinaus, erstaunlich wenig charakterliches Profil. Die Beziehung zu seiner Familie, die nichts von seinen Zweifeln mitzubekommen scheint, wird nicht dargestellt. Viele Begegnungen wirken – trotz wichtiger Gesprächsthemen – flüchtig und unbedeutend. Und diese Flüchtigkeit wird nicht nur dem Protagonisten, sondern auch der filmischen Dramaturgie zum Verhängnis.

Die Ängste hinter der Sunnyboy-Fassad

Durch die teils etwas sprunghaften Zeit- und Ortswechsel fehlt dem Erzählstrang eine gewisse Kontinuität. Das nimmt dem Film die Möglichkeit, sich genügend Zeit für die Darstellung innerer Prozesse zu nehmen. "Bist du uneins mit dem Leben, wirst du eins mit dem Tod" – das waren die Worte seines verstorbenen Freundes Pol, während die beiden mit einer Zigarette im Mundwinkel über ihre Wut auf das Leben sinnierten.

Der Umgang mit der eigenen Sterblichkeit, mit der Unzufriedenheit über das eigene Dasein, der Angst davor, unbedeutend zu sein, sind ganz zentrale Aspekte in "Tagebuch eines Teenagers" – und dennoch fehlt die Emotionalität, die diese Sorgen für Zuschauer*innen greifbar macht.

Wir müssen Verantwortung füreinander übernehmen

"Vortäuschen ist das schlimmste Verbrechen" – dieses Zitat von Nirvana-Sänger Kurt Cobain wird häufiger zitiert und markiert die Grundaussage des Plots: die Wichtigkeit, das Gegenüber fürsorglich zu behandeln, Verantwortung füreinander zu übernehmen – und wenn nötig, auch vorsichtig nachhaken.

Zweifelsohne eine wichtige Botschaft! Doch wirkt die Dosis des moralischen Zeigefingers, mit der das Ende auserzählt wird, etwas unverhältnismäßig. Letztlich kann der Film selbst die Handlungsvorschläge, die er vorgibt, nicht umsetzen. So verpuffen die letzten – und definitiv wichtigsten – Minuten des Streifens ohne große Schlagkraft und lassen das Publikum mit einigen offenen Handlungssträngen etwas ratlos zurück.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zum Film und Möglichkeit, ihn direkt anzuschauen
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Infos zum Film

Tagebuch eines Teenagers. Drama. Argentinien 2019. Regie: Lucas Santa Ana. Darsteller*innen: Renato Quattordio, Thomas Lepera, Jerónimo Giocondo Bosia, Malena Narvay, Walter Rodríguez Pez. Laufzeit: 97 Minuten. Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12: Ab 26. August 2021 im Salzgeber Club als Video on Demand sowie ab 27. August auf DVD
Galerie:
Tagebuch eines Teenagers
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