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Wahlkampf

Das Triell: Baerbock, Laschet und Scholz debattieren über das Gendern

Beim Gendern versucht Armin Laschet ("Ich sag das, was ich sagen will") seine grüne Gegnerin und seinen sozialdemokratischen Widersacher zu attackieren.


Die RTL-Talkrunde war historisch: Erstmals bewerben sich drei Personen um den Chefposten im Kanzleramt (Bild: RTL)

Knapp zwei Stunden diskutierten Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) am Sonntagabend beim Triell darüber, wer am besten das Kanzleramt übernehmen sollte. LGBTI-Rechte kamen bei der von RTL und ntv übertragenen Sendung nicht direkt zu Sprache. Fünf Minuten lang sprachen die Kandidat*innen jedoch recht oberflächlich über geschlechtergerechte Sprache und angebliche Sprechverbote. Dabei versuchte insbesondere Laschet, mit unterschwelligen Angriffen sowohl gegen Baerbock als auch gegen Scholz zu punkten.

Co-Moderator Peter Kloeppel fand um 21.37 Uhr einen eher kuriosen Einstieg ins Thema, als die Runde gerade über innere Sicherheit sprach – indem er auf Querdenker umschwenkte: "Viele Menschen schließen sich denen auch an, indem sie gar nicht unbedingt Querdenker sind, sondern sagen: 'Wir können hier im Land gar nicht mehr sagen, was wir eigentlich wollen. Andere sagen: 'Es gibt auch eine neue Sprachpolizei in Anführungszeichen'. Wir müssen jetzt alle gendern." An Scholz stellte der langjährige RTL-Anchorman die Frage: "Ist Gendern ein absolutes Muss in unserer Gesellschaft?"

Der Vizekanzler antwortete souverän: "Ich bin dafür, dass das jede und jeder für sich entscheiden. In meiner Antwort sehen Sie, dass ich vor Jahren für mich eine Entscheidung getroffen hab. Ich versuche, wenn ich rede, möglichst oft klar zu machen, dass die Welt nicht nur aus Männern besteht, sondern aus Frauen und Männern. Dass beide ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ausmachen." Er rede von "Altenpflegerinnen und Krankenpflegern, von Handwerkerinnen und Künstlern". Jeder solle "seinen eigenen Stil entwickeln".

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Co-Moderatorin Pinar Atalay fragte dann Baerbock: "Sie würden gerne das [Gendern] vorgeben, Frau Baerbock?" Die grüne Kanzlerkandidatin verneinte kurz und erklärte: "Wir sind ja nicht nur eine Demokratie und ein Rechtsstaat, sondern wir haben Freiheitsrechte. Jeder kann Witze machen, kann sprechen, wie er gerne möchte." Dabei benutzte Baerbock interessanterweise – wie mehrfach in der Debatte – das generische Maskulinum. "Nichtsdestotrotz reflektiert – glaub ich – jeder, der respektvoll mit seinem Gegenüber umgeht, was Sprache auch anrichten kann. Hätten Sie hier gesagt: 'Wir begrüßen die Kanzlerkandidaten', dann ist die Frage, ob man sich vorstellt, es kommt auch eine Frau mit rein", so die Grünenpolitikerin. Frauen sollte man nicht nur "mitmeinen", sondern auch mit ansprechen.

Baerbock: Es ist gut, wenn wir diskriminierende Sprache nicht mehr verwenden

Atalay sprach daraufhin das Image der Grünen als Verbotspartei an – und frage Baerbock, woran das liege: "Weil wir immer wieder sensibilisieren, was Sprache auch anrichten kann. Es gibt auch andere Worte in unserer Sprache, die massiv verletzend sind. Und es richtig und gut, dass wir die nicht mehr benutzen, weil das einen Teil der Gesellschaft ausgrenzt." Jeder könne "lachen und denken, wie er will, als Privatmensch", aber Politik habe eine Vorbildfunktion. So habe die Politik vorgegeben, dass Stellenausschreibungen geschlechtsneutral sein sollen. "Dann wird es ja wohl auch dem Gesetzgeber zumutbar sein, dass er seine Gesetze auch für Männer und Frauen entsprechend schreibt."


(Bild: RTL)

Kloeppel wollte dann von Laschet wissen, ob er sich in den letzten Jahren gefragt habe: "Kann ich das noch sagen?" Der Christdemokrat kam mit dieser Frage ein wenig ins Schwimmen und antwortete zunächst zögerlich, sagte dann bestimmt: "Ich sag das, was ich sagen will. Ich lass mich da nicht einschüchtern. Aber ich kenn Menschen, die sich das selbst fragen. Kann ich so noch reden? Und ich finde, die beiden haben richtig beschrieben, Männer und Frauen, das muss man sichtbar machen. Man muss auch für anderes Sensibilität haben." Dann ging er zum Angriff über – mit dem gewohnten Argument, dass "normale" Menschen mit geschlechtergerechter Sprache überfordert werden würden: "Aber wenn wir beginnen, eine Sprache zu erfinden, die ganz normale Leute nicht verstehen – und nicht mehr wissen: 'Darf ich das noch sagen?' Irgendwer hatte letztlich erzählt, er habe als Kind Winnetou sein wollen und dann gab's einen Aufschrei, dass er Indianer [gesagt hat]. Oder was auch immer."

Dabei handelte es sich um eine – sicherlich kalkulierte – Attacke auf die Baerbock-Partei. Hintergrund war, dass die grüne Delegierte Bettina Jarasch von Parteifreund*innen im März dafür kritisiert wurde, dass sie beim Berliner Landesparteitag angesprochen auf ihren Kindheitstraum erzählt hatte, sie habe "Indianerhäuptling" werden wollen. Der Begriff wird inzwischen – auch in den USA und Kanada – als problematisch angesehen, weil er von den europäischen Eindringlingen stammt. In Nordamerika wird daher von "Native Americans" oder "First Nations" gesprochen, auf Deutsch von "Ureinwohnern" und "Ureinwohnerinnen".

Laschet positionierte sich dann als Verteidiger der Sprachverunsicherten: "Ich finde, die Tassen im Schrank lassen, sensibel sein für Menschen, die es berührt. Aber wenn Menschen am Ende nicht mehr wissen, 'Darf ich das noch sagen oder darf ich das nicht sagen?', führt das nicht dazu, dass Vertrauen im Staat wächst."


(Bild: RTL)

Laschet: Es gibt Wichtigeres

Im Anschluss ging Laschet zum Angriff auf Scholz über: "Auch die Debatten – ich will das gar nicht vertiefen, die Ihre Partei um Wolfgang Thierse geführt hat, der dann irgendwann mal was falsch gesagt hatte. Das war ein verdienter Bundestagspräsident. Dass man sich überhaupt über Wochen mit solchen Fragen beschäftigt, finde ich, in der Zeit, in der wir sind, und in der wir ganz andere Bedrohungen haben als in Sternchen zu sprechen, was Menschen nicht verstehen. Das finde ich übertrieben."

Hintergrund dieser Ausführungen war ein Kommentar des SPD-Politikers Wolfgang Thierse in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom Februar, in der er sich über "Identitätspolitik" empörte und beklagte, dass zu viel über Minderheitenrechte gesprochen werde ("Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren"). Das führte damals zu einer – eher in den Feuilletons als auf großer Bühne beachteten – Debatte, in der auch LGBTI-Aktivist*innen Thierse kritisierten. Am Ende stellte sich die SPD-Parteispitze aber hinter ihren "verdienstvollen Genossen" (queer.de berichtete).


Wolfgang Thierse ist genervt, wenn Minderheiten Diskriminierung beklagen (Bild: Christliches Medienmagazin pro / flickr)

Nach dem Laschet-Angriff fragte Atalay die grüne Kandidatin: "Waren da Worte dabei, die Sie nicht gesagt hätten?" Danach kam der wohl einprägsamste Satz Baerbocks, die schlicht erklärte: "Ich sag auch Winnetou." Während Baerbocks weiterer Ausführungen frage Ataly "Auch Indianer?", woraufhin die Grünenpolitikerin nicht einging. Sie erklärte vielmehr, dass beispielsweise in Schulbüchern ausgrenzende und rassistische Stellen entfernt werden müssten. Laschet unterbrach darauf – wie oft während der Debatte – Baerbock und erklärte: "Ist doch klar, ist doch logisch".

Twitter / janboehm
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Bei der Debatte hatte Baerbock sicherlich einen eigenen Fauxpas vom Juli im Hinterkopf: Damals hatte sie – in ihrem ohnehin holprigen Wahlkampf – Kritik ertragen müssen, weil sie in einem Interview das N-Wort zitiert hatte. Sie entschuldigte sich noch vor Ausstrahlung des Gesprächs dafür.

Twitter / ABaerbock
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Kloeppel brachte anschließend noch einmal Scholz ins Thema hinein mit der Frage: "Darf man noch Ossi und Wessi sagen?" Der SPD-Kandidat antwortete: "Darf man. Klar. Aber ich finde, das macht jetzt wenig Sinn, weil ich mich schon verpflichtet fühle, dafür zu sorgen, dass wir die Deutsche Einheit weiter voranbringen. Da gibt's ja noch viel zu tun." Dann machte er einen Schwenker zu unterschiedlichen Löhnen und Renten in Ost und West und war wieder bei einem sozialdemokratischen Kernthema angekommen.


(Bild: RTL)

Ansonsten wurden in den 110 Minuten Debatte viele aktuelle Themen wie Corona, Klimawandel oder der Afghanistan-Einsatz angesprochen, manche Zukunftsthemen blieben aber gänzlich unerwähnt, etwa Digitalisierung. Niemand auf der Bühne hatte dabei einen Blackout oder sagte etwas, was sich in Werbespots der gegnerischen Parteien eindeutig verwerten ließe. Bei einer eine halbe Stunde nach der Sendung von RTL veröffentlichten Blitzumfrage schnitt der eher zurückhaltende Scholz am besten ab. Auf Twitter wurden jedoch – je nach Parteipräferenz – alle drei zum Sieger bzw. zur Siegerin erklärt.

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Das Interesse des Wahlvolks an den drei Kandidierenden hält sich übrigens noch in Grenzen: Gerade einmal 5,05 Millionen Menschen schauten sich das Triell bei RTL an. Zeitgleich verbuchte der "Tatort" im Ersten 7,19 Millionen Zuschauer*innen. Immerhin lag die Sendung in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen auf Platz eins (allerdings verzichtete RTL während der Debatte auf Werbeunterbrechungen).

Bislang sind noch zwei weitere Trielle geplant: Am 12. September übertragen ARD und ZDF eine Fragerunde mit dem Moderationsduo Maybrit Illner und Oliver Köhr, am 19. September folgt eine weitere Debatte auf Sat.1, ProSieben und Kabel Eins mit den Moderatorinnen Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch. Zudem planen ARD und ZDF für den 23. September eine umfassendere "Schlussrunde der Spitzenkandidaten".

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#1 LeashProfil
  • 30.08.2021, 12:22hHamburg
  • Laschét wie er die ganze Zeit versucht hat die Grünen als Verbotspartei hinzustellen und sich anzubiedern bei Leuten die sich übers Gendern aufregen: Ein bißchen schleimig, ein bißchen zu billig und offensichtlich für meinen Geschmack, aber gut, er muss ja auch gucken wo er bleibt.

    Lustig aber auch das er den Leuten gleichzeitig attestiert irgendwie dumm zu sein weil - und ich glaube das hat er zwei Mal wiederholt - man müsse ja "eine Sprache verwenden die auch jeder versteht".
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#2 Gemeiner_HaiProfil
  • 30.08.2021, 12:59h
  • Laschet hat das eigentlich nahezu perfekt gemacht, wenn man sich die Situation der Union ansieht. Es gibt ja immer drei Wählergruppen: die Stammwählerschaft, die politischen Gegner und die Unentschlossenen. Auf seine Stammwählerschaft kann Laschet zählen, und das müsste bei der Union normalerweise auch reichen. Über diese hinaus ist er aber nicht attraktiv. Was also tun?

    Genau das, was Laschet getan hat: Er hat die Stammklientel mit seinem Gerede von Verlässlichkeit im Gegenwind bedient und gleichzeitig Panik vor alles verbietenden Grünen und bösen antimilitaristischen Linken geschürt. Bei der Stammwählerschaft sowie bei einigen Unentschlossenen kommt dabei dieselbe Botschaft an: Lieber keine Experimente! Und ich würde wetten, dass die Rechnung für Laschet aufgeht ...
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#3 KopfschüttelAnonym
  • 30.08.2021, 13:01h
  • Faszinierend. Ausgerechnet die Partei, die in 70 Jahren gesellschaftspolitische Entwicklungen blockiert hat und für Verbote in sehr privaten Dingen verantwortlich war/ist und sexuelle Selbstbestimmung als Gefahr ansah (gab es keine anderen Bedrohungen?), nimmt sich raus, eine andere Partei als Verbotspartei abzustempeln.
    In ihrer gesellschaftspolitischen Blockade kam sie nicht auf die Idee, dass es wichtigeres gäbe.
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#4 HexeAnonym
  • 30.08.2021, 13:08h
  • Ahh! Endlich verstehe ich was mit "normal" gemeint ist!
    Menschen die im Intellektuellem Sinne mit gerechter Sprache überfordert sind.
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#5 jochenProfil
  • 30.08.2021, 13:22hmünchen
  • Es wird uns (die Community) meines Erachtens Einiges an Akzeptanz in der Öffentlichkeit kosten, wenn wir nur noch als Verfechter von Schreib-und Sprechweisen wahrgenommen werden. Zumal das Gendern innerhalb der Community ja auch umstritten ist.
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#6 LaschperimentAnonym
#7 Gemeiner_HaiProfil
  • 30.08.2021, 14:12h
  • Antwort auf #6 von Laschperiment
  • Faktisch würde ich dem durchaus zustimmen - aber es geht eben nicht um Fakten, sondern um die Wahrnehmung. Für die Wählerschaft der Union steht Laschet trotz allem für die CDU, und die steht für Stabilität und Konstanz. Und für den noch unentschlossenen, aber eher konservativen Wähler steht die Frage so: Schwarze Konstanz mit Laschet oder "Sozialismus" und "skurrile Minderheiten" mit Scholz (bzw. durch Grüne und Linke)? Laschet hat gesagt, was die Parteibasis hören will, und dem Rest Angst gemacht. Das war aus seiner Sicht das Klügste, das er tun konnte ...
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#8 ZaubererinAnonym
  • 30.08.2021, 14:22h
  • Antwort auf #4 von Hexe
  • Ich denke, dass das in Deutschland wirklich so ist. Alles, was den eigenen kleinen Tellerrand und den Urlaub auf Ballermann überschreitet, ist schlichtweg zu kompliziert für Michel.
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#9 userer
#10 AnunickAnonym